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Sr. 84.

«J'gÄffi sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip­zig, Köln rc.; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a- M. rc.

Marburg) Sonnabend, den 11. April.

1871

(Öbrrljrflifdjr Jrilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn-und Feicttagen. Preis für das Quattal durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 Sgr sexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2| Sgr. berechnet.

1. April an den Reichskanzler richtete:Am heutigen Tage gedenke ich Ihrer, lieber Fürst, mit dem besonderen Wohlwollen, welches ich stets für Sie im Herzen hege. Möge Ihnen der Frühling glückvolle Gesundheit wiederbringen. Hierin gipfeln die innigen Glück und Segens Wünsche, welche ich Ihnen zur Feier dieses Tages sende. Ludwig. Hrn. Reichskanzler Fürsten Bismarck in Berlin." Der Kaiser beehrte heute Mittag den Reichskanzler mit einem längeren Besuch.

Au- Thüringen, 5. April. Durch die gestern in Gera auSgegcbene Nummer der Gesetzsammlung für das Fürstenthum Reuß j L. werden die nachfolgend ange­führten Gesetze publicirt: 1) Gesetz über die Penstonirung der Geistlichen, nach wel­chem das Gesetz vom 27. Oktober 1872 dahin abgeändert wird, daß jeder Geistliche, welcher in ein durch Emeritirung erledigtes geistliches Amt mit einem jährlichen Ein kommen von 550 Thlrn. oder darüber ein­tritt, drei Jahre lang den dritten Theil deS durch die Versetzung erlangten Mehreinkom- menS, beziehungsweise, wenn er zuvor ein geistliches Amt nicht bekleidet hatte, den dritten Theil des über 500 Thlr. hinaus gehenden Stelleneinkommens an den Eme ritirungSfond abzugeben hat. 2) Gesetz, die Zuständigkeit zu Anforderung der für Ueber- trctungen erwirkten Geldstrafen und den Bezug der angeforderten Strafgelder betref­fend. 3) Gesetz, die Rechtsverhältnisse der städtischen Leihanstalt zu Gera, bezüglich der ihr bestellten Pfänder betreffens. Aus Meiningen verlautet, daß Herzog Georg bei Gelegenheit seines Geburtstages eine nicht geringe Zahl von Ordensverleihungen und einige Ehrmdiplome bewilligt hat. Es ist bekannt, heißt es in derMagd. Ztg.", welche Stimmung oder Verstimmung nach der Wiederverheirathung des Herzogs Platz gegriffen. Jetzt bemühen sich die Meininger, das alte Vcrhältniß wieder herzustellen ; ein solennes Festmahl hat zu des Herzogs Ge burtStage die hervorragenden Beamten und Bürger vereinigt, und dem Toaste auf den Herzog folgte auch ein solcher auf seine Gemahlin. Herzog' Georg ist, wie eS in dem Schreiben an jenes Blatt heißt, ein

auf der Höhe seiner Zeit stehender Fürst, unter besten Regierung die Meininger sich sehr wohl befinden.

München, 8. April. In der gestrigen Magistrats-Sitzung gab Bürgermeister Dr. Erhard bekannt, daß ihm der Finanzminister in einer Unterredung die Mittheilung ge­macht habe, es werde die neue Münzwährung voraussichtlich nicht am 1. Januar 1875, sondern erst am 1. Januar 1876 in An­wendung kommen. Der im Gefängnisse an der Badestraße dahier in Haft befind lichen Adele Spitzeder, welche, nachdem München vom Justizministerium alScholcra freier Ort" erklärt ist, zur Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe nach Wasterburg verbracht werden sollte, ist ,'diser Tage ein allerh. Dekret zugestellt worden, wonach der König gestattet, daß sie bis zum 30. Juni l. I. an ihrem bisherigen Haftorte verbleiben darf. Nach Umfluß dieser Frist haben die Aerzte Dr. Martin und Dr. Martins Bericht zu erstatten, ob der Gesundheitszustand der Spitzeder ihre Verbringung in das Zucht­haus zu Wasterburg gestattet.

Straßburg, 9. April. Eine mit zahl reichen Unterschriften versehene Adreste hiesiger aus Deutschland eingewanderter Einwohner aller Berussklasten ist heute an den Präsi­denten des Reichstags abgegangen. Dieselbe stellt das Ersuchen an die reichstreuen Ab­geordneten, einmülhig zur Regierung zu stehen und die militärischen Kräfte Deutsch. landS in fester Einigkeit zusammenzuhalten Der Wortlaut der Adreste ist folgender:Zahl­reiche Altdeutsche aller Berussklasten fühlen sich zu der Erklärung gedrungen, daß die Gefahr, die Forderungen der Reichsregierung bezüglich der Präsenzstärke des Reichsheeres möchten nicht die Zustimmung der Majorität deS Reichstags erhalten, die Gemüther der Deutschen in Elsaß-Lothringen mit pein lichster Sorge erfüllt. Auf dem Vorposten des Reiches unter feindlichen Elementen, koustatiren wir die Befriedigung dieser feind­lichen Elemente über die bisher der Re- gierung bereiteten Schwierigkeiten, über die drohende Wiederkehr früherer deutscher Un­einigkeit und Schwäche, über den deutschen Ideologen, n elcher die Stärke des Vater-

Deutsches «eich.

Berlin, 9. April. Tie Mitglieder des Reichstags sind wegen der gestern Abend und heute früh stattgehabten FractionSfltzungen, in welchen der §. 1 des RcichSmilitärgesetzeS bezw. die Stellung der Fraktionen zu dem­selben Gegenstand der Berathung bilden wird, schon gestern saft vollzählig wieder hier ein» getroffen In der Fraktion der Centrums Partei wird, wie dieD. R.-C." hört, auch zugleich ein Antrag auf Vertagung der De batte über das ReichSmilitärgcsetz zur Erör terung gelangen. Im Lüreau deS Reichs tage« sind bereits 814 Petitionen eingegangen; der überwiegend größte Theil derselben, und zwar 698, find der PetitionS-Commission zugeschneben, welche diese große Zahl schwer lieh zu erledigen im Stande sein wird. 45 Petitionen beziehen sich aus die Novelle zur Gewerbeordnung, 37 auf den Entwurf deS Preßgcsetzes, 21 auf das erhöhte Pensions- Gesetz, nur 12 auf den Entwurf eines ReichS- mililärgefetzeS und 1 auf die Strandung« ordnung. Gegen 240 von den 698 der PetitionS-Commission überwiesenen Petitionen beantragen wesentliche Abänderungen der Ge­werbeordnung vom 21. Juni 1869. Abge ordneter Jacobi wird dem Plenum über diesen Theil der Petitionen Bericht erstatten. Der Beschluß der Commission geht dahin: Der Reichstag wolle beschließen, die obengedachten Petitionen, soweit sie das gewerbliche HülfS- kastenwesen betreffen, dem Hrn Reichskanzler mit der wiederholentlichen dringenden Auf forderung zu überweisen,den zuletzt mittelst Reichstags - Beschlusses vom 5. Mai 1873 in Erinnerung gebrachten Gesetzentwurf über das gewerbliche Hülsskastenwesen bestimmt in der nächsten Sitzung vorzulegen"; im Uebrigen aber die Anträge der vorgedachten Petitionen durch die Beschlüsse bezüglich des Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung einiger Bestimmungen der Gewerbeordnung, für erledigt zu erklären. Die zweite Le sung des Militärgesetze« im Plenum wird nach derB. F. C." am Montag beginnen.

9. April. DieNordd. Allg. Ztg." ist in der Lage, den Wortlaut de« tele­graphischen Glückwunsches zu veröffentlichen, welchen der König Ludwig von Bayern am

Mit gehrscheue« Flügel«.

Novelle von Adelheid von Auer.

«Fortsetzung.)

Sie waren während dieser ReminiSeenzrn an den See gekommen, den blauen See, von dem ihr Vater gesungen. Hierher war sie immer am liebsten gegangen, aber sie hatte eS selten gedurft: denn er lag so weit, so einsam im Walde. Ihm mußte sie vor allem Lebewohl sagen.

Da lag er nun zu ihren Füßen, in durch­sichtiger wundervoller Klarheit! Schilf kränzte fein User, und die alten Erlen schauten träu­merisch hinein. Die Morgensonne ftreute von Oben Licht und Glanz über ihn aus, die Luft ttngs umher war so klar, so rein, strömte solch' wundervolle Frische aus, als «üste man mit jedem Alhemzuge ewiges Leben, ewige Jugend schöpfen.

Ach sieh doch!" rief Helene plötzlich und bog sich weit vor über das Schilf am Ufer, »steh doch den armen kleinen Vogel I" Sie hob das Thjerchen auf, das sich, wenn auch E sterbenden Kräften, gegen die weiche Hand sträubte und besten Herzchen so heftig schlug, all wollte e« die kleine Brust zer­sprengen. Es war eine wilde Taube und rmer der lichtweißen Flügel hing schlaff herab, als Helene sie aufhob und Eduard gab.

Das arme Thierchen," sagte er mitleidig Es hat den Flügel gebrochen, wie hat es nur das so ungeschickt angefangen? Mag's «un sterben, was soll ein Vogel mit gebrochenen Fkügekni"

War'« doch, al« habe die Taube nur auf dies letzte llrtheil gewartet. Weiß Gott, wie lange sie schon mit Schmerz und Angst ringend im Schilf gelegen jetzt riß der schwache Lebensfaden, die sanften Augen brachen, das Herz, das noch eben so un­ruhig geschlagen, stand still. Eduard legte das Thierchen sanft auf den Boden und deckte das Schilf darüber.

Der kleine Vorfall hatte heute den so ungewöhnlichen Ernst der Stimmung He­lenens noch erhöht.

Eduard," fragte sie plötzlich,kannst Du mir wohl sagen, waS das Glück ist?" I Eduard zeigte auf den See zu ihren Füßen.

Sieh doch," sagte er,solche Klarheit, solche Reinheit, solchm Frieden in eines Menschen Brust, und das unvergänglich strahlende Licht des Himmels über seinem Haupt, das ist Glück!" Helme schüttelte leicht dm Kopf.

So denke ich mtt's nicht," sagte sie, nicht so ruhig, nicht so still. Wie ich's nennen, wie ich's beschreiben soll, weiß ich nicht. ES schwebt über mir wie ein Stern, eS wirft leuchtende Sttahlen über die Welt und ein jeder Strahl' weckt Blüthen. Aber all' die Strahlen und all' die Blüthen gelten nichts, nur der ganze Stern ist eS und, ehe man ihn errungen hat, ist Alles nur Schein de« Glückes und, könnte er untergehen, wäre das ganze Leben ein Schatten, ein Nichts. Wie Du es sLil- derst, wäris schön, sanft dabei zu mtschlum-

mern: aber das Glück ist wahres Leben und nichts als Leben!"

Ach," sagte Eduard, und lächelte über ihre jugendliche Ueberschwänglichkeit,dieser vollendete himmlische Friede mag wohl auch eist gefunden werden, wenn wir die Augen schließen zum letzten Entschlummern. Auf der Welt denkt sich Jeder das Glück anders. Für den Einen ist'S Liebe, für den Andern Ruhm und Ehre, für den Dritten Reich- thum und Wollust!"

Und für Dich?" fragte sie naiv.

Für mich?" rief er mit plötzlich ausbrechendem Gefühl und feine Augen glänzten so feurig, daß sie erschrocken vor der Gluth die ihren senktefür mich ist'S Dein Herz! Ach Helene," fuhr er fast bittend fort,laß mir dies fröhliche kind liche, unschuldige Herz, verschenk' eS nicht in der bunten hohlen Welt, nach der Du Dich sehnst; bring's unverfälscht zurück, gib es mir, *unb ich will Dir den Stern vom Himmel holen, von dem Du ttäumst, und Strahl auf Strahl soll Dein Leben schmücken, so wahr Gott mir hilft und meine Liebe und Treue Dir etwas werth ist."

Helene zog ängstlich ihre Hand au« der seinen; das unerwartete Wort hatte sie auf'S Tiefste erschreckt. Sie zitterte, ihn zu ver­letzen, und doch sie wußte es er hatte nicht zu gebieten über den Stern, der ihre Träume erleuchtet. Sic schwankte einen Augenblick zwischen Furcht und Rührung, dann machte ihre muthwillrge Natur sich

landes unbewußt seinen Feinden preisgibt. Wir fordern die reichstreuen Abgeordneten auf, einmülhig zur Regierung zu stehen und Angesichts der Rüstungen Frankreichs unsere militärische Kraft in fester Einigkeit zu­sammenzuhalten."

AuS Elsaß-Lothringen, 5. April. In Berlin weilt gegenwärtig, wie demFr. Journ." geschrieben wird, eine Deputation der Universität Straßburg, um über die Lage des künftigen Universitätsgebäudes und der mit derselben verbundenen wiffenschist- lichen Anstalten mit den Behörden, denen die letzte Entscheidung in dieser Angelegen­heit zusteht, zu berathen. Auch der Univer- sitäts-Curator Vice-Präsident Ledderhose und der Bürgermeisterei-Verwalter Back sind in der gleichen Veranlassung nach Berlin ge­reist. Es ist wahrscheinlich, daß bei dieser Gelegenheit für die Universität nebst Zube­hör definitiv ein Grundstück nördlich der Stadt, außerhalb des jetzigen Hauptwalles, dessen Hinausschiebung um eine beträchtliche Strecke beschlossen ist, bestimmt werde. Die neue Universität würde dann in unmittel­barer Nähe des Contades, der einzigen parkartigen Anlage unmittelbar vor den Thoren Straßburgs, zu liegen kommen. Am 1. d. M. ist für Elsaß Lothringen das neue Berggesetz vom 16. Dezember 1873 in Kraft getreten. Damit hat das preußische Oberbergamt in Bonn aufgehört, als Ober- Bcrgaml für Elsaß-Lothringen zu fungiren und die elsässisch-lothringischen Bergbehörden sind nunmehr: die Bergmeister, der Ober- Präsident (als Ober-Bergbehörde) und der Reichskanzler. DieElsäss. Corr." ver­öffentlichte dieser Tage eine statistische Ueber- sicht über die Buchdruckereien und Buchhand­lungen Elsaß-Lothringens vor dem Kriege 1870 71 und im gegenwärtigen Jahre. Nach derselben zeigen die Buchdruckereien im Unter-Elsaß eine Vermehrung von 12 auf 15, im Oder-Elsaß von 13 auf 17, in Lothringen eine Verminderung von 14 auf 13; die Buchhandlungen im Unter-Elsaß eine Vermehrung von 52 auf 62, im Ober- Elsaß von 40 auf 51, dagegen in Lothrin­gen eine Verminderung von 45 auf 32. In Metz ist die Zahl der Buchdruckereien

wieder geltend, sie wollte sich und ihm durch einen Scherz aus der Verlegenheit helfen.

Ist das auch recht, Herr Hofmeister," sagte sie lächelnd,da hast Du erst selbst dem Vogel zur Freiheit verholsen und willst ihm nun doch den Faden um den Fuß bin­den, daß er nicht über den grünen Wald hinaus stiegen soll? Jst's auch ein seidener Faden, es bleibt immer eine Fessel."

Eduard's Stirn überflog eine glühende Röthe, er wandte sich hastig ab.

Verzeih'," sagte sie leise,ich kenne ja selbst mein Herz noch nicht, laß es mich erst kennen lernen."

Vergiß, was ich gesagt," erwiderte er ruhig,der Augmblick riß mich hin, e« war Unrecht. Mag sich eines Jeden Schicksal erfüllen, Dein'« und mein's, wie Gott will."

Sie traten schweigend den Rückweg an. E« war vorbei mit den Erinnerungen an die Vergangenheit! Sie hatten an die Pfor. tcn der Zukunft geklopft und diese waren ihnen vcrschloffen geblieben. Helene träumte fort von dem goldenen Stern hoch über ihrem Haupte, Eduard dachte an ein altes Lied, da« sie geftem erst gesungen und das ihm gar nicht aus dem Sinn gewollt:

Ein jeder Stern hort an dem Himmelszelt, Die Weifen sag'ns all, ist eine Welt!

Was kümmerl'smich beint holden Sternenlicht Dachl' ich an jene ferne Welten nicht-

Doch daß es Welten find, ich h a d's erkannt. Seit einen Stern ich nicht mehr wiederfand: Seit mir fein Licht nicht mehr den Pfad erhellt, Versank in tiefe Nacht mir eine Welt.

WaS sollten sie nun einander noch sagen!