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Mr» SO

Marburg, Freitag, den 3. April.

1874

Anreigen nimmt entgegen: »fc eäeMtion d. Blattes, sowie die Ännoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrick in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip­zig, Cöln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

OlmheMe Jtiluiig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt«. M.; Jnvalidendank, A. Rcte- mcyer in Berlin; Carl Schltß- ler in Hannover; C-Schlotte in Bremen-

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Fürst Bismarck und der Reichstag.

Fürst Bismarck vollendet am 1. April sein neun und fünfzigstes Jahr. Wenn jüngst unserS Kaisers Geburtstag mit freudiger Genugthuung über die Wiedergenesung und neue Kräftigung des allvcrehrten Monarchen begangen wurde, so richten sich an dem Ge burtStage des deutschen Kanzler« die Blicke der Patrioten mir Sorge auf das Kranken bett, an welches der große Staatsmann seit Wochen gefesielt ist.

Da« schmerzhafte Leiden, welche« den einst so kräftigen Mann von Zeit zu Zeit überrascht und darniederwirst, trat bekannt­lich zuerst nach der aufreibenden Thätigkeit während de« Feldzug« von 1866 hervor, und wie er sich das Leiden im Dienste des Vaterlandes zugezogen hat, so ist er durch die fortgesetzte Hingebung für die «roßen nationalen Aufgaben, denen er seine ganze Kraft gewidmet hat, von Jahr zu Jahr ver­hindert gewesen, eine durchgreifende Heilung de« Uebel« zu versuchen. Dasielbe ist viel mehr durch die gewaltigen Anstrengungen, von denen er sich fortgesetzt unterzogen hat, noch gesteigert worden.

Je denkbarer das deutsche Volk die un vergleichlichen Verdienste de« Kanzler« um die gesammte glorreiche Entwickelung der letzten 10 Jahre ehrt, desto inniger muß in den weitesten nationalen Kreisen die Theil nähme an den schweren Leiden sein, welche eben eine Folge seine« mächtigen patriotischen Mühen« unb Ringens sind.

Die Theilnahme an dem Krankenlager de« Fürsten Bismarck beruht aber nicht minder auf dem allseitig lebendigen Bewußt­sein von der fortdauernd entscheidenden Be- dmtung der persönlichen Wirksamkeit des- selben sür die höchsten Aufgaben de« Reiches. Wie die ursprüngliche Gestaltung unv die allmälige Fortentwickelung der Verfasiung de« Norddeutschen Bunde« und de« deutschen Reiche« fast ausschließlich au« dem schöpfe­rischen Genie de« Kanzler« hervorgingen, so ist sein Geist und Streben fort und fort leitend für da« gesammte nationale Leben geblieben. Wie entschieden und wie freudig da« deutsche Volk in allen patriotischen Kreisen dir« anerkennt, davon haben die letzten Wahlen laute« Zeugniß gegeben. Statt aller eigentlichen Parteiprogramme galt fast überall da« Bekenntniß zu der von dem

Mit «ebrechrnen Flügeln.

Novell« von Adelheid von Auer. (Fortsetzung.)

Werden? kann denn da« Einer vom Ladern berechnen! Sind nicht so viel ver­borgene Kräfte und Schwächen im Menschen, die man kaum selber ahnt und die plötzlich ihre Stimmen erheben und mitsprechen und Mitwirken bei der Entwickelung des Cha­rakter«?

Doch lasten wir die Zukunft. Jetzt, wo der gütige Leser Helenen'S Bekanntschaft machen soll, ist sie 16 Jahr alt. Dort fitzt sie om offenen Fenster, die Herbstsonne wirft einen langen goldenen Strahl hinein «ad glänzt auf ihrem schwarzen Haar; sie hat den Kopf in die Hand gestützt und die Äugen, die da in den grünen Wald hinein schauen, lachen weder, noch sind sie ge­dankenvoll. Man steht eS ihnen an, daß Helene trotz ihrem abgewendeten Gestcht mit aBen Gedanken in der Stube ist.

Sie hatte auch volle Veranlastung dazu, denn da drinnen wurde Familienrath ge­halten und ein Beschluß über ihre nächste Zukunft gefaßt, dem sie zwar jetzt schweigend zuhörte, doch mit der festen Absicht, ihn, wie er auch auSfallen möge, zu ihren Gunsten zu lenken. Bedarf e« oft nur einer geringen Veranlastung, um in ein so stilles von der Welt zurückgezogenes Leben, wie es hier in drm kleinen Häuschen geführt wurde, Auf

Reichskanzler geleiteten Politik als das Er­kennungszeichen national gestnnterCandidaten; da« Vertrauen zu jener Politik und die offene Hingabe an die geistige Führung des Kanzlers bildete die Grundstimmung in den betreffenden Kreisen und die Voraussetzung der großen Mehrzahl der Wahlen.

Je mehr hiernach der Reichskanzler hoffen durste, auch in dem jetzigen Reichstage eine bereitwillige und kräftige Stütze für die Durchführung der klar vorliegenden Aufgaben der Reichspolitik zu findm, desto empfind­licher muß e« ihn berühren, daß während seiner augenblicklichen nothgrdrungenen Un thätigkeit parlamentarische Verwicklungen ein­treten, welche die obersten Ziele seines poli tischen Strebens zu durchkreuzen drohen, baß die nationale Mehrheit des Reichstages Angesichts der wichtigsten Fragen für die Gegenwart und Zukunft des Reichs einem bedenklichen Schwanken verfällt, und daß, gegenüber der festen Einigung und sicheren Leitung aller reichsfeindlichen Kräfte die na­tionalen Parteien einer klar bewußten und thatkräftigrn Führung zu entbehren scheinen.

Wenn der Kanzler auf seinem Schmerzens lager von den Gefahrm hört, welchen die weitere gedeihliche Entwickelung der Reichs­politik durch den drohenden Zerfall der Mehrheit ausgesetzt ist, und wenn er in solchem Augenblicke die Krankheit und Schwäche, die ihn hindert, das Gewicht seiner Ucberzeugung und seines schwer errungenen Ansehens in die Wagschaale zu werfen, zehnfach schmerz lich empfindet, wer wollte es nicht natur lich finden, daß er jede sich ihm darbietende Gelegenheit benutzt, um sich in bewegten Worten mahnend und warnend an diejenigen zu wenden, bei denen er eine Uebereinstim mung mit den Zielen seiner Politik und eine volle Bereitwilligkeit zur Unterstützung derselben voraussetzt oder nach den Um ständen, unter welchen sie gewählt worden sind, vorauszusetzen berechtigt wäre.

Fürst Bismarck hat durch die offenkundigen Stimmungen bei den letzten Wahlen ein volles Anrecht erhalten, fich auf die Zu­stimmung der großen Mehrheit des deutschen Volkes zu berufen, und bei der Verant­wortung. welche die deutsche Reichsverfassung ihm allein für den Gang der Politik zuweist, steht es ihm wohl an, die Mitglieder der Rcichsvertretung an jenen deutlich kungege-

benen Volkswillen Angesichts der jetzigen wichtigen Entscheidungen zu erinnern.

Niemand vermag überdies so wie er die unmittelbare Bedeutung und Wirkung dieser Entscheidungen in Bezug auf die allgemeine politische Lage zu beurteilen, und auch aus diesem Grunde mußte er wünschen, die schweren politischen Sorgen, welche feinen rastlos thäligen Geist inmitten feiner schmerz haften Krankheit erfüllen, allen denen im Reichstage und im deutschen Volke ans Herz zu legen, welche mit ihm das weitere kräftige Gedeihen des Reiches erstreben

Die Mahnungen, welche der Fürst auf seinem Krankenbette ausgesprochen hat, gelten zunächst, wie die neulichen Worte Sr. Maj. des Kaisers, der bevorstehenden Entscheidung über die Militärfrage, und st« werden gewiß dazu beitragen, in dieser Beziehung die un erläßliche Verständigung zu sichern; aber sie berühren zugleich die Gesammthaltung der liberalen Parteien gegenüber den großen Aufgaben der Reichspolitik und damit die Aussichten und Hoffnungen in Bezug auf die ganze nationale Entwickelung.

Mögen die Worte des Kanzlers alsbald volle Beherzigung finden und hierdurch neue. Schwierigkeiten und Verwickelungen der Reichspolitik vermieden werden. Möge dem Fürsten selbst aber bald die volle Kraft und Frische wiedergegeben fein, damit er den Einfluß feiner staatsmännischen Einsicht und Erfahrung inmitten des deutschen Volks und seiner Vertreter wieder vollauf zur Geltung bringen könne. (Prov. Corresp.)

Deutsche» «eich.

Berlin, 1. April. Einer der bedeutend sten Schriftsteller der liberalen Partei, Profesior Heinrich v. Treitschke, hat in dem neuesten Hefte derPreußischen Jahr bücher" einen größeren Aufsatz überda« Reichs Militärgesetz" veröffentlicht. An die Spitze seiner Erörterungen stellt derselbe den Hinweis, wie in der Politik Alle« darauf ankomme, daß das Nothwendige geschehe, daß die Lebensbedürfnisse M Staates de friedigt werden; daß die« aber geschehen muffe, dafür sorge unerbittlich der Gang der Geschichte. Me Frage: Wa« ist die Absicht deS neuen Gesetz-Entwürfe« ? be antwortet der Verfasser: Er will im Wesent ließen nichts Neue« schaffen, sondern ledig­

lich die in zahlreichen Jnstruetionen und Verordnungen zerstreute preußische Militär- gesetzgebung, das Ergebniß der Erfahrungen eines halben Jahrhunderts, sichten und kodifiziren. Eine Schmälerung des parla­mentarischen Budgetrechts kann in dem Ge­setzentwurf nur bann gefunden werden, trenn man sich unter Budgetrecht die schrankenlose Verfügung des Reichstags über alle ReichS- ausgaben denken will. Gewiß aber nicht, wenn man erwägt, daß ein Budgetrecht in diesem rohen Sinne noch nie und nirgends bestanden hat. Denn die Macht des Reiches darf nicht als ein Spielball dienen, um die Kraftfülle parlamentarischer Mehrheiten daran zu erproben; alle parlamentarischen Rechte haben nur den Zweck, die Sicherheit und Freiheit der Nation zu schützen - WaS die Krone verlangt, liegt noch sehr weit ab von der wirklichen dreijährigen Dienstzeit, bei einer Präsenz von 385,000 Mann dient der Infanterist im Durchschnitt 2 Jahre 5 Monat 13 Tage. Wird die Forderung deS Kriegsminister« nur um 5000 Mann herabgesetzt, so verringert man die Kriegs formation der Infanterie um 21,000 Mai n; geht man aus eine Friedenspräsenz von 370,000 Mann herab, so ergibt sich im Kriege ein Ausfall von 59,000 Mann; will man gar mit 360,000 Mann sich begnügen, so wird die Feldarmee um 92 862 Mann geschwächt. Wer hat den Muth zu behaupten, daß eS auf 93,000 Mann nicht ankomme, während ringsumher alleNachbarn gewaltig rüsten? Wo die Sicher­heit des Vaterlandes auf dem Spiele steht, ist Vorsicht verzeihlicher al« Leichtsinn, und keine Verschwendung erscheint so sträflich wie der Aufwand für ein Heer, das im entschei­denden Augenblicke nicht genügt. Zur Mah­nung für die liberale Partei sagt Herr von Treitschke schließlich:Noch niemals hat Deutschland einen so einfachen Wahlkampf gesehen, wie im venvichenen Jahre, und noch nie ist aus den Wahlen eine so verwickelte Gruppirung der Parteien hervorgegangen. Der Schlachtruf an der Wahlurne lautete kurzab: hie Rom! und: hie Deutschland! Ueberafl wo die Klerikalen nicht die Oberhand behaupteten, wurde Jedermann, der in dem großen Kampfe der Zeit aufSeiten derKirche ge­standen, unbarmherzig hinauSgefiat. Sv ist denn die altkonservaiive Partei bi« auf we-

regung und Unruhe zu bringen, um wie viel mehr war die« jetzt der Fall, wo es sich darum handelte, diesen kleinen Familien­kreis seiner lieblichsten Zierde zu berauben, die Blume fortzugeben, die Duft und Glanz über diese engen Räume hauchte, den Geist zu verbannen, der in lachendem Frohsinn und jugendlichem Uebermuth in dies ernste abgeschlossene Dasein hineinblitzte wie Stern­schnuppen am nächtlichen Himmel. Da, aus dem Tische lag der Brief, der die Unruhe gebracht, und die Schriftzüge sahen schon so fest und bestimmt aus, als wollten sie'« immer Vorhersagen, daß die Schreiberin nicht gewohnt sei, sich widersprechen zu lasten. Es war ein wunderliches Gemisch von hoch­trabendem Pathos und einfacher Güte in dem Brief, viel Selbstbewußtsein, viel Weis­heit, sehr viel Logik, aber.Alles so künstlich, so wenig lebenswarm, daß man nicht wußte, sollte man sich darüber ärgern, dazu lachen, oder da« ganze Gebäude mühsam zusammen­gesuchter Weisheit umwerscn wie em Kar­tenhaus. Aber das war hier alles Neben­sache, nur der Hauptinhalt beschäftigte die Gemüther, der Wunsch und Vorschlag Tante Florinen'S, die alten Leute möchten ihr die Nichte, das Kind ihrer einzigen geliebten Schwester, für einige Zeit anvertrauen, nicht nur, damit ihr jugendlicher Sinn sich erfreue an den Genüssen des Lebens in der großen Stadt, sondern auch damit einer

doch nur beschränkten Erziehung nachgeholfen werde, wozu, wie deutlich zwischen dm Zeilen stand, schon allein der Umgang mit einer so hochgebildeten Person, wie sie selbst sei, we­sentlich beitragen würde.

E« war schon viel für und wider die Sache gesprochen worden. Tante Flo«« war eine streng moralische Person, die in allgemeiner Achtung stand; ihrer Aussicht durfte man ein junge« Mädchen getrost an- vertraucn. Helmens aufgeweckter Gekst konnte sich dort mit mancher Müthe schmücken, die in der Waldeinsamkeit nicht wuchs; tollte man sie der Gelegenheit dazu berauben? Ihrem frischen jugendlichen Sinn, der die Freude bisher aus so be scheidenem Quell geschöpft, hatte schon lange eine solche Abwechslung wie ein unerreich­bares Ziel vorgeschwebt; sollte man e« ihr jetzt, wo sie es erreichen konnte, entrücken? Und doch, wie öde würde das Haus sein ohne sie, wie still und düster der Wald! ES war ein harter Kampf in den Herze» der Großeltern.

Ein Blatt, einmal vom Baum geweht, kehrt nie wieder zum alten Stamm zurück," sagte der Großvater endlich.

Aber der Wind, der'« von bannen weht," wandte Eduard ein,kommt nicht von selbst und der, welcher ihn schickt, weiß wohl, warum'S geschieht."

ES ist schon manch' reine« Herz in der

Welt verdorben worden unb zu Grunde gegangen," seufzte die alte Frau und dachte an eine ferne Vergangenheit. Eduard dachte, dann sei der verborgene Grund be« Herzen« doch schon sehr schwach gewesen, ober die Gedanken der Großmutter errathend, sprach er e« nicht an«, sondern sagte nur:

Ein ungeprüfte« Herz mag gar leicht unter ober über seinen Werth geschätzt wer­den. Laßt sie doch gehen," fügte er bann hinzu,Ihr seht ja, dem jungen Bogel stnb die Schwingen gewachsen und er sehnt sich ein wenig, sie in freier Luft zu regen. Hat er sich erst »«geschaut in der Welt, kommt er wohl um so lieber zum Rest in den grünen Walb zurück. Wir ftnb so keine rechte Gesellschaft für da« junge Mädchen, Ihr beiden alten Lmtchen unb ich rauher Jägersmann "

Helene wat aufgestanben, al« Eduard so sprach. Sie stand jetzt vor ihm mit halb­geöffneten Lippen unb erglühten Wangen; sie sagte nicht«, aber ihr Gesicht strahlte ihn an, unb er mußte seine Augen senken, damit ihm sein uneigennütziger Ausspruch nicht noch schwerer gemacht wurde. (Forts, f.)

Amerikanische Justiz.

Der Zustand, des Gerichtswesen« in der großen Union des Norden« hat sich in traurigster Weise verschlimmert. Wie schwer eS unlängst in New-Aork gewesen ist, einen