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Ur 79.

JHatÖurg, Donnerstag, den 2. April.

1874L

anieigen nimmt entgegen: die @ti>ebthon d. iölatte«, sowie die Annonceu-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Aassel und Hannover; Th. Dietrick in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip, zig, Köln re.; Rudolf Mojse in Berlin, Frankfurt a. M. re.

Oberhtjsislhe Jätung.

Anzeigen nimmt entgegen; die Expedition d. Blattes, sowie die Annoneen-Bureaur von G- L. Daube & Go. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurta. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

©rfieint tüalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch diePostSmter 27 Sgr. (exel. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland exel. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2J Sgr. berechnet.

Deutsches «eich.

Bertt», 31. März. DieNationalzei tung" macht von den Verhandlungen Mel düng, welche unter dem Vorsitze des Präsi­denten des Reichseisenbahn Amtes über die Reform der Eisenbahn-Frachttarife eröffnet sind und bemerkt dabei, daß die Eile, mit welcher diese leider seit vielen Monaten stag- nirende Angelegenheit jetzt betrieben werde, sich aus der Besorgniß erkläre, daß dieselbe mit Beiseitlassung des Reichseisenbahn-Amtes von den Einzelstaaten selbstständig erledigt werden könnte. Diese Bemerkung ist in allen Beziehungen eine unzutreffende. Die Stellung des Reichseisenbahn-Amtes zu dieser wichtigen Frage, in welcher der Reichskanzlers und zwar in jedem Stadium derselben nach jeder zeitiger eingehender Prüfung persönlich die speziellste Instruction ertheilt hat, ist eine ebenso durchsichtige als konsequente. Der Reichskanzler trug mit vollem Recht Bedenken, in Folge ungünstiger Ergebniffe nur eines Jahres (1872) bei einer allgemeinen Tarif Erhöhung mitzuwirken, glaubte vielmehr über­einstimmend mit der Erklärung des Staats­minister- Dr. Achenbach im Herrenhause, daß man die Ergebnisse auch des Jahres 1873 erst abwarten muffe. In dem Augenblicke, wo ein erheblicher Theil dieser Ergebnisse (Anfang- März) zur Kenntniß gelangte, wurde die Einleitung zu den erforderlichen Reformerörterungen getroffen und nach Prü­fung der in Braunschweig am 12. März seitens der Delegirten zahlreicher Eisenbahnen formulirten Vorschläge und Aufstellung der zur Uebersicht erforderlichen sehr umfang­reichen Tarifberechnungen schon am 25. d. die erste Conferenz abgehalten. Kann hiernach weder von einem viele Monate währenden Stagniren der Verhandlungen, noch nunmehr von deren auffallender Beeilung die Rede sein, so ist die der Wichtigkeit und Dring­lichkeit der Sache entsprechende rasche För» derung der Tarif-Reform am allerwenig sten auf die Besorgniß zurückzuführen, daß die dem Reiche zustehende Controle der Eisen­bahn-Tarife von den Einzelstaaten ignorirt werden könnte. Es beruht diese Vermuthung anscheinend auf der irrigen Beurtheilung der in Würtemberg (und Baiern) nach dem Vorgänge Badens projectirtm Güter-Tarif- Refonn. Wird bei derselben wesentlich be­zweckt, die Tarifsätze für Rohproducte im Sinne der Verfassung zu regeln, so dürften die durch Steigerung ihrer Ausgabe stärker

Mit gtkr»chr»e» Flügel».

Novelle von Adelheid von Auer. (Fortsetzung.)

Der zweite Sohn, des Vater» Nachfolger im Amt, war vor zwei Jahren erst durch ein in der ganzen Gegend grasstrendcs Nervenfieber, daS zahllose Opfer gefordert, dahingerafft worden und ruhte auf dem kleinen Friedhöfe im Walde.

Er war nicht verheirathet gewesen und der Sohn des ältesten Bruders, den er, nachdem auch deffen Mutter gestorben, wie sein Kind erzogen hatte, wurde nach ihm Förster. Dieser war ein junger Mann von kaum sechsundzwanzig Jahren, aber seine vielfach bewiesene Tüchtigkeit im Fach, so wieder Umstand, daß dieses Forstamt in drr Familie beinahe schon erblich geworden war bewirkten, daß er allen andern Bewerbern vorgezvgen wurde. Er hatte ganz die seiner tfamilie angeborene Liebe zu seinem Beruf und das einsame Leben im Walde, das nur feilen durch Verkehr mit der Außenwelt unterbrochen wurde, sagte seinem ernsten Charakter und stillen Wesen sehr zu. Er hatte ein warme«, tiefes Gemüth und einen gebildeten Geist, wenn auch die Beobachtung der Natur, da« Leben in ihr und ein ge- »tljet praktischer Sinn, der aus Allem Nutzen schöpft, mehr dazu beigetragen hatten

betroffenen norddeutschen Bahnen durch Ge- neralistrung der in Würtemberg projectirten sehr mäßigen Tarifsätze schwerlich befriedigt sein. Ohne die Sachkenntniß zu verkennen, mit welcher die vorliegende Frage seit Mo naten in derNationalzeitung" behandelt ist, möchte doch ihr Eifer für Tarif-Erhöhung der Mäßigung bedürfen, und jedenfalls mag sie vertrauen, daß die neue Reichs-Institution den Vorwurf der Verzögerung wichtiger Fragen nicht auf sich laden, sich aber gleich­mäßig vor übereilten und unvollständig rno- tivirlen Vorschlägen bewahren wird.

Bei Erlaß der Maß- und Gewichts- Ordnung für das deutsche Reich trug man Bedenken, die Decimalthcilung des Liter­durchzuführen, entschloß sich vielmehr, die bestehende Gewohnheit namentlich deS Schank- bedürfniffes durch Beibehaltung der Halb- theilung deS Liters zu schonen. So haben wir 1, 1/2, 1/4, V», Vie, V32 Liter. Diese Abweichung von dem Decimalsystem wird jetzt um so empfindlicher, als wir nunmehr auch in unserem Münzwesen zu der neuen Decimalthcilung der Mark gelangt sind und Maßquoten und Wünzquote sich nicht mehr decken. Die Wissenschaft drängt lebhaft aus die Beseitigung dieser, wie anderer Irratio­nalitäten unserer Maß- und Gewichtsord­nung. Unsere Aichordnung kennt zwar neben der Halbtheilung des LiterS auch dessen Decimaltheilung, doch die hierfür bestehende unbequeme Form hat bisher lediglich in chemischen Fabriken und Laboratorim Ein­gang gefunden. Auch auS dem practischen Leben ist ein Antrag auf teilte Zehntheilung des Liters an den Reichstag gelangt. Die Petitions - Commisston war dem Anträge geneigt, hielt indcffen nicht für angezeigt, darüber dem Plenum besonderen Bericht zu erstatten, weil der Commiffar des Rcichs- kanzler-Amles erklärte, daß das letztere an­erkenne, daß eine Revision der Maß und Gewichts-Ordnung in dem Sinne deS reinen DecimalsystemS binnen einiger Zeit noth- wendig sein dürfte und dann auch die Deci­maltheilung des Liters in ernste Erwägung kommen werde. Dringend wird die Frage übrigens durch die Absicht, in naher Zeit die deutsche Maß- und Gewichts - Ordnung in Elsaß - Lothringen einzuführen, wo man füglich die dort herrschende reine Decimal­theilung doch nicht durch die Halbtheilung gefährden kann.

BreSla«, 30. März. Der Ortsaus­

schuß für die zu der Pfingstwoche hier statt­findende Lehrerversammlung ist in seinen einzelnen Kommissionen aus's Eifrigste be müht, den Gästen eine unserer Stadt würdige Aufnahme zu bereiten. Recht bedeutend wird namentlich die Aüsstellung von Lehr- und Lernmittel werden, für welche die Räume im Ständehause bewilligt worden find. Große Schwierigkeiten hat insbesondere die Woh­nungskommission zu überwinden, welche für einige Tausend Gäste Quartiere besorgen soll. Auf Veranstaltung der Kommission sand eine zahlreich besuchte Versammlung von Bürgern statt, um zu berathen, was für Schritte man noch in dieser Angelegen beit thun könne, nachdem ein durch den Ortsausschuß in den Zeitungen veröffent­lichter Aufruf bis jetzt nur geringen Erfolg gehabt. Unter den Anwesenden zeigte sich ein lebhaftes Interesse für die Lehrerver- fammlung überhaupt und .viel guter Wille, für die Unterbringung der Gäste womöglich in Freiquartieren mit thätig zu fein. Es wurde darauf hingewiesen, daß bei dem all­gemeinen deutschen Turnfest in Leipzig 20,000 Turner in Bürgerfamilien unterge­bracht worden seien, und daß man diesen überraschenden Erfolg lediglich der zweck mäßigen Agitation zu danken gehabt. Da« Hauptkomite ließ sich die Bildung einer großen Zahl von kleineren Kornite's gelegen sein, deren Mitglieder von Haus zu Hans gingen und die Bewohner um Ausnahme von Gästen ersuchten. In ähnlicher Weise soll nun auch hier verfahren werden. Die Lehrer selbst sind natürlich mit gutem Bei­spiele vorangegangen. AuS der Lehrerwelt allein sind bereits für 334 Gäste Quartiere angemeldet. So dürfen wir also wohl hoffen, daß auch diese Schwierigkeit glücklich Über­wunden werden wird.

Eckernförde, 28. März. Der bevor, stehende 25jährige Gedenktag der rühmlichen Schlacht bei Eckernförde am 5. April 1849 hat verschiedene Einwohner unserer Stadt zu einem Gönnte zusammentreten lassen, welches die Vorbereitungen zu einer ent­sprechenden Feier des Tages trifft.

Köln, 31. März, lieber die bereits telegraphisch gemeldete Verhaftung deS Erz­bischofs Melchers schreibt dieKöln. Ztg": Dem Herrn Polizei-Präsidenten ging gestern die Weisung zu, den Herrn Erzbischof Paulus Melchers zu verhaften. Er begab sich daher heute Morgen 7 Uhr in die Wohnung des

Erzbischofs und machte ihm von dem Befehle Mittheilung. Der Erzbischof antwortete, daß er nur der Gewalt weichen werde, und wurde denn auchmit Anwendung der Ge­walt" in den bereit gehaltenen Wagen ge­führt. Im Erzbischöflichen Palais verab­schiedeten sich viele Geistliche von dem Herrn Erzbischof, und eine Volksmenge begleitete den nach dem Arresthause am Klingelpütz abfahrenden Wagen bis zu dem Thore deS Gefängnisses.

Braunschweig, 29. März. Am Freitag Morgen präcise 7 Uhr ist hier unter dem Beile deS Nachrichters der Kopf des Doppel­mörders Kragc gefallen. Bis zum letzten Augenblicke hat er feine Unschuld betheuert, nachdem er, wie man hört, sein früheres Geständniß wieder zurückgenommen. Krage hat in letzter Nacht mehrere Stundeit ruhig geschlafen; am Nachmittag zuvor war et von seinen Verwandten besucht worden. Kurz vor 7 Uhr wurde er, mit einem Leinenanzuge bekleidet, vor daS Schaffst geführt und vom Staatsanwalt dem Nachrichter Übergeben. Nachdem der Delinquent gebetet, stand er auf und ließ sich, ohne daß eine Muskel in seinem Gesichte gezuckt hätte, an den Richt­bock feffeln. Noch einige Sekunden und der Todesstreich mit sicherer Hand von dem Berliner Scharfrichter Reindel geführt, war gefallen. Still gingen die Zeugen von der Richtstätte. In der Nähe derselben harrte eine große Menschenmenge, welche auf den Kasten mit der Leiche wartete. Letztere aber blieb noch einige Stunden liegen und wurde erst später fortgeschafft. Die Neugierigen, größtentheilS dem Arbeiterstande angehörig, zerstreuten sich nach und nach. Viele hatten den Meister Reindel einmal sehen wollen, welcher am Donnerstag Nachmittag mit seinen Gehilfen eine Fahrt durch die Stadt gemacht hatte.

Weimar, 29. März. Folgendes sind die Hauptpunkte des Volksschulgesetzes, wie aus den Verhandlungen des Landtage« hervorgegangen ist: Das Zeichnen ist alö obligatorischer Lehrgegenstand aufgenommen, die allgemeinen Ortsschulen sind genehmigt, ConfessionSschulen bestehen fortan nur noch al» Privatunterrichtsanstalten; für den Re­ligionsunterricht steht der kirchlichen Behörde eine Mitwirkung unter der entscheidenden Oberaufsicht des Staates zu. Das Privat- Patronat wird aufgehoben, daS Schulpatronat überhaupt nur den Gemeinden größerer Stacie

ihn zu bilden, als wissenschaftliche Be­strebungen. Seinen alten Großeltern war er Stab und Stütze und ihre Blicke ver­weilten mit eben solcher Genugthuung und innerer Befriedigung auf ihm, wie mit freudiger Hoffnung auf dem jungen, lachen­den Antlitz Helenens, der einzigen Tochter de« jüngsten Sohnes, die vielleicht um so mehr mit ihren Herzen verwachsen war, als ihr Vater so viel gethan hatte, diese Herzen zu betrüben und zu verletzen

An ihm hatten sie vielen Kummer erlebt, von seiner kränklichen Kindheit an, bis zu seiner leichtfertigen Jugend, seinem frühen Tvdel

Er hatte einst zu schönen Hoffnungen be rcchtigt, et war der Liebling der ganzen Familie gewesen; und selbst als man auf­hören mußte, für seine Jrrthümer und Vergehungen milde Namen zu erfinden, selbst da wich die Liebe nicht, aber sie hüllte sich in Trauer. Sein unsteter Sinn, sein Wider­wille vor jeder ernsten Beschäftigung, feine in Uebermuth ausartende Lebenslust, sein Hang zu fortwährendem Wechsel, sortwähren- den Zerstreuungen, verbunden mit frühzeitiger Verwöhnung, die ihm nie einen Wunsch ver­sagt, hatten seinen Ruin herbei geführt.

Er starb sehr jung, an Geist und Körper gebrochen, und hinterließ der Sorge seiner

Eltern eine atme junge Frau, die, leicht­sinnig wie er, wider den Willen seiner und ihrer Eltern die thörichte Ehe eingegangen war. Von den eigenen Eltern deshalb ver stoßen, öffnete sich ihr eine Zuflucht, ein Vateraus; hier lernte sie die einzige Hoff­nung, die sie noch an'S Leben feffelte und die sie bei dem Tode des Mannes mit Ver­zweiflung erfüllt, als einen Segen, als eine Gnade vom Himmel betrachten, bereit würdig zu fein ihr einziges Ziel und Streben von nun an fein sollte. So strahlte ein Lächeln durch die Schmerzensthränen, mit denen Helene den ersten Lebensgruß empfing, und der Glaube an die reinste Freude feierte einen Sieg über den Zweifel einer teef ge­kränkten, tief gebeugten Seele. Leider hielt die körperliche Genesung nicht mit der geistigen gleichen Schritt. Die Gesundheit der armen jungen Frau war durch frühzeitiges Leiden zu sehr erschüttert und bald fand auch sic Ruhe und völligen Frieden auf dem kleinen Friedhof, den der Großvater ihres Mannes tief im Walde angelegt hatte zur einstigen Ruhestätte für sich und die ©einigen, da er meinte, nur hier im grünen WaldeSschatten, wo sie gelebt und gewirkt, könne der letzte Schlummer ihnen Frieden und Seligkeit bringen

Au« einer traurigen Verbindung entsprossen,

in Gram und Thränen geboren war also Helene: dennoch, seltsam genug, charaktrrisirtc iein so guter Geist, ein so zuversichtliche« Gemüth ihr ganzes Wesen. Die guten alten Leute verzogen sie, wie sie ihren Vater ver­zogen, bei dem e« so traurige Früchte ge­tragen hatte: aber es war kaum möglich, sie nicht zu verziehen. Selbst der Oheim, der doch seinen Pflegesohn so streng Über­wacht, steuerte dem kaum, und Eduard, der zwölf Jahre älter als Helene, auch fast eine Respektsperson für sie war, folgte dem all- gemeinen Beispiel. Es hatte Jeder seine Freude an dem Mädchen. Sie wuchs auf wie eine schöne Waldblume, sie wurde nicht in fremde« Erdreich verpflanzt, rf wurde nicht an ihr gekünstelt und geputzt. Ihren Unterricht hatte sie theils beim Oheim em­pfangen, so lange dieser lebte, theils bei dem Geistlichen des nahen Dorfs, aber der Gang dahin, durch Wald und Feld war ihr meist lieber als das Semen selbst. DaS leichte Blut ihres Vaters floß, in ihren Adern, und eine solche Lebensfreudigkeit blitzte in ihren schwarzen Augen, lachte auf den sanft geschwellten Lippen, klang hell in den Liedern, die sie mit den Vögeln um die Wette uno mit einer Stimme sang, welche der Lerch? am jubelnden Ton, der Nachtigall an Schmelz nichts nachgab, daß nur sauertöpfische Ge-