Einzelbild herunterladen
 

Marburg, Donnerstag, den 26. März.

Ur. 73 Marburg, Donnerstag, den 26, Marz. . ; 187

Oberhessische Leitung.

' ,,.kick anker ben SBerttagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal durch die Expedition («och'sch- Buchdruckerei) bezogen 2Ä18gt.( durch die

^^Tinftxmter 27 Lar (erd. Bestellgebühr und ind. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertlonsgebühr str bte gespaltene Zeile 1 Sgr. — bet ® fJe’bidonäU Ketabe Auskunft unb Annahme von Adreffen werden 2j Sgr. berechnet. - Sämmtlrche Annoncen-BüreansnehmenJnserate an.

Deutsches Strich.

Berlin, 24. März. Der Ausschuß des Bundes- ratbS sür Handel und Verkehr hat sich unter dem 16 d. M. über den Bericht der ReichScommissionen für Forschungen zur Bekämpfung der Cholera ge­äußert. Die Commission hatte ihrer Aufgabe zunächst durch Ausarbeitung eines UntersuchungSplanS genügt, rmd denselben mit einigen entsprechenden Anträgen vorgelegt. Dir nach dem Untersuchungsplane seitens der Bundesregierungen veranlaßten Erhebungen haben indessen dargrthan, daß dieser an sich vortrefflich aus- gearbeitete Plan zunächst nur für hervorragend tüchtige, pflichteifrige und für die Wiffenschaft begeisterte Sani tätsbeamte und Aerzte berechnet und passend sei, wäh­rend für die Mehrzahl der Aerzte seine Form nicht kurz, bestimmt und faßbar genug erscheine. Die Mit Wirkung der letztgcdachten Kategorie von Aerztrn könne aber nicht entbehrt werden, wenn das ForschungSma terial in der nöthigen Vollständigkeit beschafft werden solle. ES ist deshalb ein in Bayern schon 1854 ent­worfene« Schema in Betracht gezogen worden, welches dem Untersuchungsplan der ReichS-Choleracommisston anzupaffen wäre. Schließlich beantragt der Ausschuß:

Bei der diesjährigen Wiederkehr Meines Geburtstages sind Mir, wie in früheren Jah­ren, von Städten und Landgemeinden, Ver­einen und Korporationen, Festgenoffenschasten und einzelnen Personen innerhalb wie außer­halb des Deutschen Reichs wiederum zahlreiche Glückwünsche in den mannigfachsten Formen und zum Theil in ftemden Sprachen über­mittelt worden. Je freudiger Mrch dieses Zuströmen liebenswürdiger, vom Herzen zum Herzen dringender Beweise froher Theilnahme überrascht Ihat und je mehr Ich Mich in dem frohen Hinblick auf so viele Liebe und Ver­ehrung gehoben fühle, desto lebhafter ist es Mein Wunsch, Allen, die Meiner in solch sympathischer Weise gedacht haben, Meinen warm empfundenen Dank zu erkennen zu geben. In diesem Wunsche veranlaffe Ich Sie, dies zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.

Berlin, den 24. März 1874.

Wilhelm.

An den Reichskanzler. - __________________________

Der BundeSrath wolle beschließen: 1) es seien die Bundesregierungen um baldige Aeußerung an das Rcichskanzleramt zu ersuchen, ob und welche Vor- chriften in ihren Gebieten über die Anzeigepflicht der Aerzte und Privatpersonen bei dem Auftreten von Epidemien und insbesondere der Cholera bestehen, und eventuell, ob solche Vorschriften nöthigenfalls im Wege der SanitätSgesetzgebung mit der erforderlichen Beschleu nigung ins Leben gerufen werden können. 2) Die Bun dcsregierungen sowie die kaiserliche Admiralität werden ersucht, bei dem Austreten einer Cholera-Epidemie, oweit sich ihnen Gelegenheit bietet, Erhebungen nach dem von der Spezialcommisston für Forschungen zur Bekämpfung der Cholera aufgestellten, im Jahre 1873 bereits mitgetheilten Untersuchungsplane veranlassen und deren Ergebnisse behu?S Mittheilung an die Commission zur Kenntniß des Reichskanzleramtes bringen zu wollen. — Dem Bericht ist ein von dem königlich bayerischen Obermedicinalrath Pettenkofer ausgearbeiteter Entwurf „einer Anleitung zum Gebrauche des Untersuchungs plans der ReichS-Choleracommisston für die bayerischen Aerzte" beigefügt. — Der Ausschuß für Zoll- und Steuerwesen hat betreffs der Erhebung der Ueber- gangSabgabe von Bier nach dem Hohlmaße anstatt dem Gewichte unter Beifügung eines Entwurfs von Vorschriften, betr. diese Erhebung, beantragt: 1) daß vom 1, Juli 1874 an die bei der Einfuhr von Bier in daS Gebiet der Staaten der Brausteuergemeinschaft zu erlegende UebergangSabgabe nicht mehr nach dem Gewichte, sondern nach dem Hohlmaße zu erheben sei, 2) daß der Uebergangsabgabesatz für ein Hektoliter Bier jeder Art auf zwei Mark festgesetzt werde.

— In der Woche vom 1. bis 7. März 1874 sind geprägt worden an Silbermünzen: 879,894 Mark 1-Markstücke; 265,254 Mark 20 Pf. 20-Pfevnigstücke; an Nickelmünzen: 74,172 Mark 50 Pf. 10-Pfennig stücke; an Kupfermünzen: 18,916 Mark 92 Pf. 2- Pfeunigstücke; 5259 Mark 82 Pf. 1 - Pfennigstücke. Es sind bisher im ganzen geprägt: an Goldmünzen: 819,309,060 Mark 20-Markstücke, 201,784,890 Mark 10-Markstücke — 1,021,093,950 Mark; an Silber­münzen: 8,044 979 Mark 1-Markstücke, 3,328,996 Mark 40 Pf. 20-Psennigstücke = 11373,975 Mark 40 Pfennig; an Nickelmünzen: 1,038,202 Mark 70 Pf. 10 - Pfennigstücke; an Kupfermünzen: 171,221 16 Pf. 2-Pfennigstücke, 35,601 Mark 63 Pf. i Pfennigstücke = 206,822 Mark 79 Pf.

Trier, 22. März. Ueber die Wohnung und Ver­pflegung des Bischofs in hiesiger Strafanstalt berichtet die „Tr. Ztg.": „Der hochwürdigste Herr Bischof

»ewohnt zwei geräumige Zimmer, die mit dem nöthig­en Ameublement, Tischen, Stühlen, Schreibpult, Canap«, gutem Bett rc. versehen sind. Der Garten des Herrn Inspektors dient ihm auch zum beliebigen Spaziergang. Das Essen bezieht der hochwürdigste Herr Bischof aus seiner Küche in der Stadt. Die b. Messe liest derselbe in der Kirche der Anstalt. Ein lusseher ist zu seiner ausschließlichen Bedienung be- timmt. Auch ist ihm gestattet, Zeitungen zu lesen und nach vorhergegangener Anmeldung Besuche anzu- nehmen. Auf diese Weise hat man also die traurige jage des Herrn Bischofs so erträglich zu machen ze­ucht wie eS die Umstände erlauben."

Frankfurt, 23. März. Wie man dem „Fr. I." chreibt, ist die Uebersiedelung mehrerer Centralbüreaux >cr Frankfurt-Bebraer Bahn von Cassel, resp. Fulda, )ierher abermals, und zwar auf den 16. April verschoben worden. — Der Bau des zweiten GeleiseS auf der Strecke Offenbach-Hanau der Frankfurt-Bebraer Bahn hat bereits begonnen. Zwischen Wächtersbach und Salmünster, sowie zwischen Hünfeld und Burghaun wird daS zweite Geleise am 1. April, zwischen Geln­hausen und Wächtersbach, sowie zwischen Burghaun und Neukirchen dagegen am 1. Mai d. I. dem Be­triebe übergeben, so daß dann von 143,6« Kilometern der ehemaligen Bebra-Hanauer Bahn 96,os zwei­geleisig sind.

Detmold, 23. März. Das „F. L. Reg. u. Anz. Blatt" enthält folgende Bekanntmachung des fürstl. CabinetS-Ministeriums: Da die Mehrzahl der aus dem zweiten und btitten Stande zu Landtagsabgeordnete»» Gewählten diese Wahl zwar angenommen, bei ihrer auf heute erfolgter» Berufung jedoch die Ableistung deS nach 27 der Verfassung vom 6. Juli 1836 vor der Eröffnung deS Landtages zu schwörenden Eides verweigert und hierdurch die Konstituirung eines be­schlußfähigen Landtages zur Zeit unmöglich gemacht hat, so wird hiermit auf Höchsten Befehl die Eröffnung deS auf heute einberusenen außerordentlichen Landtages auf unbestimmte Zeit vertagt.

Darmstadt, 24. März. Die öffentlichen Cassen sind durch Weisung des Ministeriums angehalten worden, nunmehr auch die SechS-Kreuzer-Stücke an die Ober- Einnehmereien, bezw. die Haupt-StaatSkaffe abzuliefern, sobald ein Betrag von 70 ft. vorhanden ist.

München, 23. März. Man nimmt hier ohne Unmuth die Entscheidung der Fünfer-Commission, daß die Zulassung eine« altkatholischen Bischofs in Bayern unmöglich sei, hin. Denn so, wie die Tinge lagen, hatte die Commission nur eine Rechtsfrage zu prüfen

Der preußische Staat und dir feciale Frage.

(Fortsetzung.)

Die christlich-germanische Welt hatte Anfangs we Niger harte sociale Kämpfe zu bestehen, als das alte Rom. Da« Christenthum war wirklich eine Religion bet Armen, der Bedrückten und Elenden und diese milderte die socialen Gegensätze in den ersten Jahr­hunderte« unserer christlichen Zeitrechnung ganz be deutend allein sie hatte auch mit den jungen germa Nischen Stämmen zu kämpfen, sowie mit den schwarzen Jnventarstücken der alten Unkultur — ungleiche Be sitzvertheilung und persönliche Unsreiheit. Im 14., 15 und 16. Jahrhundert spielte sich fast in allen Staaten ein mächtiger Klassenkampf ab, der eins »st mit der großen Bauernbewegung und mit welchem die Hussitenkriege und der Kampf mit den Wiedertäufern in Verbindung steht. Deutschland litt entsetzlich unter dieser Spaltung, allein die schlimmste Klassenherrschaft sollte eS erst nach der Beendigung des dreißigjährigen Kriege« erleben. Al« die Fürsten sich unter die Macht der Junker beugen mußten, wurde das Eiend der Armen geradezu himmelschreiend und daß sich so we nige der Getretenen empörten, ist wohl nur der Roh heit und dem Stumpfsinn der großen Massen zuzu- schreibeu. Was Frankreich durch die große Revolution de« Jahres 1789 erreichte, erhielt Deutschland, wenn »uch langsamer, durch die socialen Reformen in Preußen. Die Social Politik be« HaufeS Hohenzollern rettete für Deutschland daS Bestehen des gejammten kleinen Grundbesitzes und damit wahrscheinlich auch unsere

sociale Zukunft. De: große Kurfürst und Friedrich der Große vorzugsweise verwandten Millionen zur Hebung des Wohlstandes der unteren Klassen. Der kleine Grundbesitzer wurde durch Vorschüffe und öfent- liche Arbeiten unterstützt; der Handel gefördert; kurz der Wahlspruch dieser weisen Regenten: suum cuique wurde in jeder Weise zur Wahrheit gemacht. Das Vertrauen deS Volkes, dessen sich daS preußische Kö­nigshaus heute zu erfreuen hat, dankt es weniger seiner- deutschen Politik, als der altem so segensreich wir­kenden Socialpolitik. Freilich ließen sich viele Miß' stände nicht ohne eine gewiffe Härte der Gesetzgebung beseitigen und es wurden damals manche Maßregeln für heilsam erkannt, die wir heute als barbarisch ver­dammen würden. Die gute alte Socialpolitik Preußens schließt mit den Stein'schen Reformen ob, welche die Erbunterthänigkeit aushob unb die Theilbarkeit der Lehnsgüter durchsetzte.

Die neueren socialen Theorien sind gewiß in ihrem Ursprung berechtigt, allein zu weitgehend in ihren doktrinären Konsequenzen. Parlamentarismus und Selbstverwaltung bilden die hohen und begehrens- werthen Ziele jedes Volkes, haben aber nach kurzer Blüthe in der Regel zur Klassenherrschaft geführt. Mit dem allgemeinen Wahlrecht haben die politischen Führer nur die Rennbahn der freien Konkurrenz er­weitert, aber nichts gethan, damit das Rennen unter gleichen Bedingungm stattfinde. Die Socialpolitiker von heute gleichen einem kurzsichtigen Stallmeister, welcher eine breite Rennbahn schafft unb nun meint,

die lahmen schwachen und kranken Gäule müßten mit den feurigsten Rennern gleichzeitig dasselbe Ziel er­reichen. Die wirthfchaftliche Konkurrenz findet auch heule noch unter ungleichen Bedingungen statt, darum kommen die Beffergestellten rascher vorwärts. Der­selbe Arbeiter, den man als Gleichberechtigten in die politische Arena hineinrief, verkümmer aus dem socialen Boden. Da« sociale Klaffenbewußtsein mußte im Volke aufieben, sobald eine einzige Stimme nachdrück­lich daran erinnerte, daß die wirthschaftlichen Inte­ressen der Arbeitnehmer andere seien als die der Arbeitgeber. Zwischen dem Werth der Leistungen Einzelner und dem Resultat derselben besteht eine allzu schreiende Disharmonie und so erwachte all- mälig eine tiefe Mißstimmung, nicht allein unter den Arbeitern, sondern auch bei beu Bürgern deS Mittel­standes. Der frivole Gründungsschwindel verschärfte den Klassenhaß, umsomehr da der kalte Cyuismus eines der bedeutendsten Finanzmänner es offen ausplauderte, man erwerbe heutzutage keine Millionen mehr, ohne daß man mit dem Aerrnel ein wenig an's Zuchthaus streife. Klagen über Klagen werben laut und bie Berechtigung berfelben wird uns klar, wenn wir bedenken, daß Tausend und Abertausende leiden und darben. Die jetzige Socialbewegung in Deusch- land ist nicht mehr als ein Jugendfieber, aber sie ist nicht schlimmer als manche andere und die welche be­haupten, die unzufriedenen Arbeiter verdienten die Ruthe, sind ebenso verdammenSwerth, als die extrem­sten Agitatoren. (Schluß folgte