Mr 70
Nlarkurg, Sonntag, dm 22. März.
1874.
Oberhessische Zeitung.
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Palitische W-chnr-Uebrrficht.
Die Woche schließt mit dem Vorabenb zum Ge burtSfeste unseres Kaisers, das morgen zum achtund fiebenzigsten Male wiederkehrt. Um so festere Gestalt das durch unseren Kaiser Wilhelm wieder erstandene deutsche Reich gewinnt, um so inniger nahen sich Ihm, dem Kaiserlichen Helden und Schirmherrn des Reiches, die Herzen seines Volkes, so daß der 22. März in allen Gauen des Vaterlandes, in allen Schichten der Bevölkerung als ein Lag der Freude und des Dankes gefeiert wird, an dem aus Millionen Herzen die Fürbitte zum Herr» aller Herren ertönt, noch lange möge er seine Gnade über unseren Kaiser walten lasten 1 Heber daS Befinden des Kaisers gehen fortwährend die erfreu lichsten Nachrichten ein, das gichtische Leiden deS Reichs- kanzlerS dagegen, wenn auch an Heftigkeit abgenom men, hält ihn noch allen Staatsgeschästen fern. Der Reichstag hat stchsmit dem Reichs-Preßgesetz beschäftigt und wird die zweite Lesung heute beendigen. Die Commission zur Vorberathung des Reichs - Militärgesetzes hat den §. 1, die Normirung der Präsenzstärke betreffend, sowie ein Amendement des Abgeordneten Betbusy-Huc, welches dieselbe auf 384,000 Mann sestsctzte, abgelehnt. Der Kriegsminister erklärte mit dem Wegfall diese« Paragraphen das Gesetz für die Bundesregierungen unannehmbar. Hoffentlich gelingt eS bei den Berathungen im Plenum, die Regierungsvorlage, wenn auch amendirt, zur Annahme zu bringen. Die Vorlage des BundesratheS wegen Ausgabe des künftigen einheitlichen Reichspapiergeldes ist dem Reichstage bereits zugegangen. Das Gesetz über die Civilstandsbuchführung und die bürgerliche Eheschließung ist am 17. März publicirt worden.
Der Kaiser von Österreich weilt noch in Pest, wo er am 11. dem greifen Deal einen Besuch abstattete; Andrasty geht ab und zu: die ungarische CabinetS- krisis dauert fort, da das projectirte Coalations- Minffterium auf Schwierigkeiten stieß, die sich bisher als unüberwindlich zeigten. Cisleithanien ist seit dem 12 März mitten in den Kampf zwischen Papst und Kaiser, Kirche und Staat hineingetrieben worden. An diesem Tage traten die österreichischen Bischöfe zu einer Conserenz zusammen, zu der sie nach der Eröffnung der Versammlung den apostolischen Segen erflehten und nach sechs Stunden denselben mit dem
Telegraphen erhielten; am 13. brachten sodann die Organe Rauscher'S die päpstliche Encyklica vom 7. März an alle Cardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe Oesterreichs gegen die konfessionellen Vorlagen. Die Taktik der Curie besteht betritt, den Kaiser in dieser Angelegenheit von seiner Regierung und vom Reichs- rath zu trennen.
In den Cantonen der Schweiz nimmt die Agitation für und gegen die Bundesrevision ihren Fort gang, doch bisher ohne Heftigkeit und so, daß an einer überwiegenden Mehrheit für die Annahme der Revision mehr als je gezweifelt wird. Die Signe b'Jtalie ist endlich am Montag wirklich verkauft worden, und zwar an ein waadtländischeS Consortium.
Die italienische Kammer hat am Schluffe der allgemeinen Discusston über die militärische Vorlage Ricotti's eine die Verwaltung des Kriegsministers billigende Tagesordnung fast mit Einstimmigkeit angenommen und sodann den ersten Artikel der Vorlage genehmigt, der eine Ausgabe von 79,900,000 Lire für Zwecke der Landesvertheidigung festsetzt. Die Be- rathung der wichtigen Finanzvorlage Minhetti'S wird leider erst nach Ostern begonnen werden.
Der 16. März, die Großjährigkeits-Erklärung des kaiserlichen Prinzen, die Pilgerfahrt nach dem Hoflager in Chiselhurst, die Prätendentenrede und ihre Verbreitung durch L'Ordre in Paris, die Verlegenheit des Cabinets Broglie, das Grollen der Organe von Broglie und Decazes und das Schweigen Mae Mahon's, das waren für Frankreich die kleinen Ereignisse der Woche, welche durch die Unsicherheit des Landes übet den nächsten Tag und die nächsten Jahre eine höhere Bedeutung, wenn vorläufig auch nur als Zeichen der mißlichen Situation, erhalten.
In Spanien ist die versprochene Schlacht von Bilbao noch nicht geschlagen worden. Serrano soll, obwohl angeblich über 34,000 Mann und 30 Kanonen verfügend, zu der Erkenntniß gekommen sein, daß es nicht räthlich wäre, von Somvrostro aus die starke carlistische Stellung anzugreifen, weshalb er sich über Balmaseda der bedrohten Stadt zu nähern suche. Möglicherweise ist jedoch diese Vermuthung nur aus einer Verwechselung hervorgegangen, indem der Brigadier Loma, von Miranda herummarschirend, von Süden her dem Feinde in den Rücken fallen
will. Während die amtliche Zeitung mit großer Ge- nugthuung einen von Callejo bei Minginilla in der Provinz Cuenca über die Carlisten unter Palacios, Santes unb Cucala errungenen Sieg mittheilt, schicken die Anhänger des Prätendenten die Nachricht in die Welt, daß Saballs, welcher die Stadt Olot in der Provinz Gerona umzingelt hielt, eine zum Entsatz anrückende republikanische Colonne bei Castellfullit nicht nur geschlagen, sondern in ihrer ganzen Stärke von 2500 Mann milsammt ihrem Anführer, dem General Nouvilas, gefangen genommen und dabei 130 Pferde und vier Kanonen erbeutet habe. Andere Nachrichten hatten Saballs schon mehrere Tage vorher bei Don Carlos in Guipuzcoa eintreffen lassen. Geflunkert ist jedenfalls; wie stark, das wird sich noch Herausstellen müssen. Zum Generalkapitän von Cuba ist an Jovellar's Stelle der General Jos« Concha ernannt worden.
Die portugiesischen Cortes haben die Auf- rechihaltmig der dem Prinzen August zuerkannten Dotation beschlossen. Nur acht Stimmen waren gegen den Antrag. Das Ergebniß wird als eine Kundgebung sowohl gegen die republikanischen Tendenzen als auch insbesondere für die gegenwärtige Dynastie angesehen.
Nachdem die Festtage verflossen sind, welche England der Ankunst des neuvermählten prinzlichen Paares und dem Einzüge der königlichen Familie in London gewidmet, tritt nun die politische Arbeit wieder in ihre Rechte. Das Parlament hat sich nun von Neuem versammelt und zuvörderst die Thronrede angehört. — Von der Goldküste treffen fortwährend amtliche und nichtamtliche Berichte in großer Menge ein, durch welche u. A. auch die bisherigen Mittheilungen über den Inhalt des mit dem besiegten Könige von Aschanti abgeschlossenen Vertrages — der Friede von Fvm- manah wird er osficiell heißen — ihre Bestätigung finden. Ter Hof von Chiselhurst ist mit dem Ausfälle der politischen Wallfahrt zum 16. März, dem Geburt- und Großjährigkeitstage des kaiserlichen Prinzen, sehr zufrieden, und dasselbe Gefühl legen die Bo- napartisten an den Tag, welche von dem Benehmen und der Ansprache „Napoleon's IV." entzückt sind.
DaS dänische Folkething hat das Staatsbudget nun auch zur dritten Lesung vorgenommen. Der Ban
Feilte Welt.
Novell« von Max Ring.
(Fortsetzung.)
Der Wucherer hatte alle Ursache, für das Leben de« BaronS zu zittern und mit zärtlicher Sorgfalt seine Gesundheit zu bewachen.
Das Duell mit Oskar, das ihm nicht verschwiegen bleiben konnte, hatte ihn mit Entsetzen erfüllt und er sparte keine Vorwürfe, trotzdem sein anderes „Ich" glücklich aus diesem Kampf hervorgegangen war. Herr von Karsten wußte jedoch seinen Freund mit gewohnter Ueberredungskunst zu versöhnen und gelobte, unter keinen Umständen mehr sein Leben, oder vielmehr die dreißig tausend Thaler einer ähnlichen Gefahr auszusetzen. , ~
Leider waren durch die Zeiteretgmffe neue Ver hLllnisse herbeigeführt wordm, welche den Bund dieser schönen Seelen zu zerreißen drohten. Durch die in zwischen eingetretenen politischen Umwälzungen hatten die Zeitungsprivilegien aufgehört. Die Zahl der öffentlichen Blätter mehrte sich mit jedem Tage, und dieselben wuchsen schnell wie Pilze über Nacht. Unter diesen Umständen nahm Herr Frank Anstand, dem Baron die festgesetzte JahreSrente länger auSzuzahlcn. Diesen Entschluß, welcher schon lauge in der Seele deS Wucherers schlummerte, hatten die Flucht des Chevaliers unb die dadurch erlittenen Verluste vollends zur Reife gebracht.
Herr Frank erklärte schriftlich dem Baro«, daß er ferner kein Geld mehr von ihm zu erwarten habe. Vergebens blieben alle Protestationen und Einwendungen von Seiten des BaronS. Der Wucherer beharrte fest auf feinem Entschluß. Herr von Karsten wurde durch dies Benehmen seines alten Freundes in keine geringe Verlegenheit versetzt. Auch er wünschte
auS leicht erklärlichen Gründen die Residenz baldigst zu verlasien. Seine intime Verbindung mit dem falschen Chevalier hatte ihn nicht allein kompromittirt, sondern, was viel schlimmer war, lächerlich gemacht. Niemand aber war weniger dazu geschaffen, den Fluch deS Lächerlichen zu ertragen, als der Baron. Er schrieb Brief auf Brief an den Wucherer, doch dieser ließ sich nicht bewegen, er war unerschütterlich. Herr von Karsten drohte von Neuem mit seinem Tode. Frank schüttelte ungläubig den Kopf, denn auch dieses Mittel war verbraucht. Er traute dem Baron nicht den Muth zu einer solchen That zu. Dieser hatte noch einmal den letzten Versuch gemacht und erwartete eine Antwort auf sein dringendes Schreiben, daS ungefähr folgendermaßen lautete:
Ihr unerklärliche« Benehmen zwingt mich zum Acußersten. Erhalte ich in einer Stunde nicht da« Geld, so können Sie überzeugt sein, daß ich nicht länger zögern werde, meinen so oft gehegten Entschluß auszuführen. Mögen Sie die Folgen tragen.
Als der Wucherer das Billet gelesen, lächelte er nur, wie er schon so oft gethan.
— Der Baron weiß zu gut, daß er keinen Schuß Pulver werth ist. Er wird doch nicht so wahnsinnig sein und sich das Leben nehmen! — .
Mit diesen Worten beruhigte sich Herr Frank vollständig.
Diesmal schien eS jedoch dem Baron vollständig Ernst zu fein. Er hatte sich an sein Schreibbüreau gesetzt, um noch einige nothwendige Verfügungen zu treffen. Vor ihm lag ein geladenes Pistol. Von Zeit zu Zeit blickte er nach der Thür, als erwarte er, daß der Wucherer durch dieselbe eintreten und ihm das verlangte Geld bringen würde. Frank jedoch erschien nicht. Eine Viertelstunde nach der bestimmten
Zeit war bereits vergangen und noch immer keine befriedigende Antwort eingetroffen.
Der Baron hatte seine letzten Anordnungen getroffen und war von seinem Sitze aufgestanden. Mit unruhigen Schritten durchmaß er das Zimmer. Er konnte nicht unterlassen, einen Blick auf die vor ihm stehende Uhr zu werfen. Der Zeiger bewegte sich mit gewohnter» Ruhe, einförmig klang der Pendelschlag und dennoch schienen beide sich mit beflügelter Geschwindigkeit zu bewegen.
Der Baron zog noch einmal die That, welche er vorhatte, in Erwägung. Er war mit seinem Witze zu Ende, alle seine Hüfsmittel dünkten ihm erschöpft. Sein Körper war vollständig entnervt unb ruinirt. Ein ganzes Sicchthnm, vor dem ihm ekelte, stand ihm bevor. Sein Arzt hatte ihn so schonend als möglich darauf vorbereitet. Noch bester als der Doktor kannte er selbst den heimlichen Feind, der an seinem Leben zehrte. Das Dasein hatte keinen Werth mehr für ihn und dennoch zagte er noch immer vor der dunklen Pforte, an welche anzuklopfen er im Begriffe war. Zuweilen überlief ihn ein kalter Schauer, wenn er nach der Uhr, die sich rastlos fortbewegte, oder nach der blanken Waffe schaute, welche ihm mit gespenstischer Mündung die Schrecken der Vernichtung predigte. Die zähe Energie, welche ihm eigen war, wehrte sich aufbäumend gegen den Tod. Noch hoffte er.
Aber die Stunden ranne», keine Macht hält die flüchtige Zeit.
Jetzt schlug es halb.
Ein leises Zittern flog durch seine Glieder unb triebet umrauschten ihn die TobeSgebanken mit ihren schwarzen Schwingen.
«Fortsetzung folgt.)