Ur 69.
JRatßurg, Sonnabend, den 21. März.
18721.
Oterhessische Zeitung.
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Die französische Armee im Frühjahr 1874.
Ein Vortrag, welcher vor Kurzem in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin über diesen Gegenstand von einem Generalstabs-Offizier (Hauptmann von Gizycki) gehalten worden- ist, wird von dem „Militär Wochenblatt" dem wesentlichen Inhalte nach mitge theilt. Folgendes wird daraus von allgemeinem Interesse sein.
Der Vortragende kennzeichnete zunächst jenen Zu stand seltener Erschöpfung und Zerültung, in welchem der Versailler Frieden daS französische Heer vorfand, und erklärte dann gleich von vornherein, daß die ungeheuren Schwierigkeiten jener Lage in den drei Jahren der Retablirung zum großen Theil überwunden worden seien, und zwar insofern, als Frankreich jetzt über weit größere Streitkräfte verfüge, als bei Ausbruch des letzten Krieges. Diese erstaunliche Leistung erklärt sich durch den festen Willen der Franzosen, ihre politische Stellung wieder zu gewinnen, durch den Reichthum des Landes — und durch die Einmüthig feit der Parteien, welche da, wo eS die Größe Frankreichs gilt, allen Hader hinter sich lassen.
Gleich nach Befiegung der Commune hatte Herr ThierS das Werk der Retablirung der Armee mit fester Hand angegriffen. Die Hunderttaufende von Nationalgarden, welche im März 1871 im Lande umherliefen, warm im Deceinber desselben Jahres fämmtlich entwaffnet und in die Heimath zurückgekchrt; alle irregulärm Formationen hatten aufgehört. Nun ging man an die eigentliche Reorganisation.
Man hat erkannt, daß die Stärke der Armee für die politischen Ansprüche Frankreichs nicht genüge, daß eS fester Corps- und DivifivnSverbände bedürfe", die nicht erst bei der Mobilmachung zu schaffen seien, daß die Einziehung der Reservm und der Bezug der Kriegsmaterialien im Fall der Mobilmachung einer anderweitigen Regelung bedürfe, daß Artillerie und Festungs- »esen nicht auf der Höhe der Zeit ständen, und daß das Offizierkorps, namentlich in den höheren Chargen, nicht ausreichend durchgebildet sei.
Zunächst galt eS also, der Armee große Menschrn- maffrn zur Verfügung zu stellen, und dies geschah
durch das RekrutirungSgesetz vom 27. Juli 1872. Die 9jährige Dienstzeit deS Niel'schm Gesetzes von 1868 wurde in eine 20jährige verwandelt, von der 5 Jahre in der activen Armee, 4 in deren Reserve, 5 in der Territorialarmee und 6 in der Reserve der Territorialarmee zu leisten find.
Der wichtigste Passus des WehrgesetzeS ist derjenige, der seinen Bestimmungen rückwirkmde Kraft verleiht, so daß Hunderttausende von Mannschaften, welche längst aus dem Militärdienst definitiv entlaffen oder durch Stellvertretung oder LoSkauf ftei geworden waren, plötzlich wieder dienstpflichtig geworden find! Es ist daS eine Maßregel von außerordentlicher Härte — aber auch von außerordentlicher Größe, gegen die kaum eine einzige Stimme in der Nationalversammlung daS Wort ergriff!
In formaler Beziehung wurde die Armee durch das Organisationsgesetz vom 24. Juli 1873 reformirt. DicS theilt Frankreich in 18 Regionen, in deren jeder ein Armeecorps garnisonirt. Für Algier ist überdies ein besonderes Corps bestimmt.--
Die Gesammtstärke der Armee beträgt zur Zeit 496 Feldbataillone, 294 (resp. 308) FeldeScadronS, 323 Feldbatterien.
Der mittlere Präsenzstand des Heeres pro 1874 beträgt 471,000 Köpfe mit 99,000 Pferden.
Das Ordinanum des Budgets ist von 99 Mil« lionen Thlr. auf 124 gestiegm; daS Extraordinarium für 1874 beträgt mehr als 40 Millionen Thlr.
Die franzöfiche Armee ist noch in der Umformung begriffen, daS alte System ist noch vielfach mit dem neuen gemischt, und eine schnelle Mobilmachung wäre unter diesen Umständm wohl noch schwieriger als im Jahre 1870; Personal und Material sind aber schon jetzt in bedeutendem Maße vorhanden.
Da Frankreich im Jahre 1870 in erster und zweiter Linie in Summa nur 336,000 Mann aufstellen konnte, so ist eS heut zu Tage in einer unvergleichlich günstigeren Lage.
Die Ziffer von gedienten Soldaten für die active Armee wächst fortwährend bis zum 1. Juli 1877. Im Frühjahr 1877 sind 800,000 disponibel zur Einstellung in die activen CadreS.
Was die geistigen Elemente der französischen Armee betrifft, so hat die Energie ThierS' und die heilsame Thätigkeit der Revistons - Commission das OfficiercorpS von seinen schlechtesten Elementen gereinigt. Die Disciplinargewalt wird strenger gehandhabt als bisher; eS wird mehr gearbeitet und dadurch auch das Polittfiren in der Armee in den Hintergrund gedrängt. DaS Heer hat bester zu gehorchen gelernt und beginnt homogener zu werden, als es in der letzten Zeit des Kaiserreichs der Fall war. Die geistige Thätigkeit Innerhalb der OfficiercorpS ist gesteigert und auch die Ausbildung der Mannschaft gehichen worden.
Alle diese außerordentlichen Erfolge verdankt Frankreich dem festen Willen, die tiefe Scharte des letzten Krieges auszuwetzen, und der diesem Willen entspringenden allgemeinen Opferwilligkeit für die Armee, welche in den Voten der Nationalversammlung ihren immer wiederholten Ausdruck findet. Wo ein solche Gesinnung herrscht, läßt sich auch in kurzer Zeit und nach schweren Einbußen Großes leisten; wo sie fehlt, vermögen auch die Früchte höchster Erfolge eine Armee nicht davor zu bewahren, daß sie nach und nach geschädigt werde. (Prov.-C.)
Deutsches Reich.
Berlin, 19. März. Die Finanzlage des Deutschen Reiches ist unter den Reichen dieser Erde eine fo glückliche, daß es keine Schulden hat; ja es ist im Besitze bedeutender Kapital- und Produktivanlagen. Was dem Reiche an Passivermögcn abgeht, haben die deutschen Staaten, und wenn ihre Gesammtschulden auch bei Weitem kleiner find als die aller Groß- und der meisten Kleinstaaten (in einer vergleichenden Tabelle des gothaischen Kalenders von diesem Jahre steht Frankreich an der ersten, Deutschland an der 27., Preußen an der 30., Japan an der 36. und für die Tabelle letzten Stelle), so machen einzelne Staaten in Deutschland doch andern stark verschuldeten außer Deutschland gefährliche Concurrenz. Die Nettoschulden der Staaten find überhaupt schwer zu ermitteln, weil ihnen daS Activermögen in den Rechnungen nicht
Feine Welt.
Novelle von Max Ring.
■ ' (Fortsetzung.)
I XIX.
Die Flucht des Chevaliers, welche schon am nächsten Tage bekannt wurde, erregte kein geringes Aufsehen. Die Polizei hatte längst Verdacht gegen den kühnen Abenteurer geschöpft, doch bisher keinen Grund ge funden, gegen denselben officiell einzuschreiten. Jetzt aber sah sich dieselbe veranlaßt, seine zurückgelastenen Effecten mit Beschlag zu belegen. Dieser Umstand brachte eine nie geahnte Bestürzung in der feinen Welt hervor. DaS Gerücht, welches natürlich wie gewöhnlich übertrieb, erzählte von Schränken und Fächern mit Liebesbriefen und Locken angefüllt. Der Cheva litt sollte ein Tagebuch geführt und ein genaues Vcr zeichniß all seiner Eroberungen zurückgelasten haben.
DaS Herz so mancher vornehmen Dame schlug vor Angst, und manche Tugend fürchtete, daß der laug bewahrte Heiligenschein von ihrem Haupte schwin den würde. Die Polizei zeigte jedoch bei dieser Gelegenheit ihre bekannte Delikatesse und Galanterie gegen daS schöne Geschlecht. DaS Tagebuch, wenn ein solches überhaupt vorhanden war, kam nicht zum Vorschein und kein bedeutender Name wurde kompromittirt.
Gräfin Julie war die einzige Dame auS den höheren Ständen, welche als ein Opfer deS frechen Betrügers fiel. Ihre Mitfchwestern, die sich natürlich ttht von aller Schuld fühlten, vermieden auffallend die Unglückliche und tadelten, nachdem sie nichts mehr M befurchten hatten, daS Benehmen Juliens, welche bie gerechte Strafe für ihre Koketterie erlitt. Unter diesen Verhältnissen fand eS die Oberhofmeisterin ge« tttthen, eine längere Reise mit ihrer Tochter anzutreten. Sin Bad sollte ihre angegriffene Gesundheit und ihren Shtf zu gleicher Zeit Herstellen. Vornehme Gönner, Stiche die Gräfin noch tnfmer hatte, verwandten sich
für sie beim Hofe, der ihr die nöthigen Summen zu einer solchen Reise gnädigst bewilligte.
Niemand aber war mehr über die Katastrophe deS Chevaliers entsetzt, als der Wucherer Frank, welcher demselben einen bedeutenden Vorschuß geleistet hatte. Sein Schmerz über das verlorene Geld und seine Wuth wegen deS verrathenen Vertrauens kannte keine Grenzen. In der letzten Zeit hatte ihn Herr von Karsten neuerdings veranlaßt, dem Betrüger größere Summen als je vorzustrecke«. Seit Jahren stand er mit dem Baron in Geschäftsverbindung. Der alte Epikuräer brauchte für all' die Genüsse, denen er nachfolgte, viel Geld. Stets dem Ruine nahe, fand er immer wieder mit bewunderungswürdiger Geschick lichkeit neue Wege und Mittel, seinen zerütteten Ver- häliniffen abzuhelfen. Er war ein höchst erfinderischer Kopf und reich an den abenteuerlichsten Projecten und Speculationen, für die er immer einen Theilnehmer zu finden wußte.
Wer hätte auch der UeberlegungSkraft de» liebenswürdigen Kavaliers widerstehen können? Jeder bürgerliche Geschäftsmann mußte sich geehrt fühlen, wenn ihm Herr von Karsten einen Vorschlag thai. Gewöhnlich gab er den Plan zu einem neuen, kühnen Unternehmen her und verlangte nur eine Lumperei von einigen Tausend Thalern von seinem Cotppagnon. Für diesen elenden Preis versprach er jeden Theil nehmet in kurzer Zeit zu einem Millionär zu machen. Bald wollte er einen chemischen Dünger, bald eine verbesserte Gasbeleuchtung, oder eine großartige Zei- tuug in's Leben tu en. Er steckte voll Prvjecte, und da» Merkwürdigste dabei war, daß er stets noch gläubige Seelen fand, welche auf diese phantastischen Nebelbilder mitunter bedeutende Summen wagten. Seit einigen Jahren stand er an der Spitze der verschiedenartigsten Aktiengesellschaften und Unternehmungen, welche gewöhnlich im ersten Jahre ihres Bestehen»
eine ansehnliche Dividende auszahlten und im nächstfolgenden ihre Zahlungen einstellten. Da der letztere fatale Umstand zu oft eingetreten war, so hatte der Baron allerdings nach und nach das Vertrauen der Geschäftswelt eingebüßt. Doch wie ein alter Fuchs, der er war, hatte er stets mehrere Löcher, durch welche er entschlüpfte. Er wandte fich von ben mißglückten Speculationen wieder der Literatur zu und schrieb einige interessante Bücher über die höhere Kochkunst, Politik rc. Seine Werke erregten in der feinen Welt ein ungewöhnliches Aufsehen, und so gelang e« ihm damals, von der Regierung das Privilegium zu einer konservativen Zeitung zu erhalten. Natürlich überließ er die Redaktion derselben einem untergeordneten Schriftsteller, während er die ziemlich bedeutenden Einkünfte des Unternehmens in der behaglichen Ruhe eines wahren Gastrosvphen verzehrte. Bald jedoch fand er die Würde eines Kavaliers mit der Stellung eine« Zeitungsschreibers überhaupt unvereinbar und verkaufte das vielgelesene Blatt an Herrn Frank gegen eine ansehnliche Jahresrente, welche ihn in den Stand setzte, fein angenehmes Leben in besagter Weise fortzusetzen und ihn aller weiteren Sorgen überhob. AuS Dankbarkeit dagegen hatte er sein Leben zu der Höhe von dreißig, tausend Thaler versichert, welche Summe nach seinem Tode keinem andern als Herrn Frank selbst zufallen sollte. Vermittelst dieser Verbindung mit dem Wucherer eröffnete fich der Baron eine unversiegbare Geldquelle. So oft er in Verlegenheit war, wandte er sich an Frank. Zögerte dieser mit seiner Hülfe, so drohte der Baron, sich durch einen Pistolenschuß das Leben zu nehmen und somit ihm die zugesicherten dreißig tausend Thaler zu rauben, da bekanntlich bei staltge- funbenem Selbstmorde die Police der Lebensversicherung null und nichtig wird.
(Fortsetzung folgt.)