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Marburg, Mittwoch, den 18. März.

1874.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint tägl Postämter

Für in

ich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22$ Sgr., durch die 27 Sar. lercl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für di- gespaltene Zeile 1 Sgr. — der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

sein wird. Die allseitige eifrige DiScutirung dieser wichtigsten TageSfrage bringt neben manchen Wieder­holungen doch auch neue zur Präcisirung der Kern punkte wohlgeeignete Gesichtspunkte. Die „Weserztg." j. B. macht die scharfsinnige Bemerkung, daß mit dem ZugestLndniß einer Minimalpräsenzstärke von 360,000 Mann die Bedenken wegen Beeinträchtigung des Bud getrechts durch die Forderung der Vorlage principiell schon aufgegeben sind. Denn wenn die Gegner des §. 1 der Vorlage im Princip eine feste Ziffer der Präsenzstärke mit dem Budgetrecht vereinbar gesunden haben, so ist damit überhaupt ihre Position aufge geben die der parlamentarische Doktrinarismus in der Commission zuerst vercheidigt hatte. Das Princip des Budgetrechts hat mit der zweiten Frage wie hoch die feste Ziffer der Präsenzstärke sein darf und sein soll gar nichts zu schaffen, sondern die Beantwortung dieser Zifferfrage wird lediglich vom politischen, mili tärischcn und volkswirthschaftlichen Standpunkt aus gegeben, sie ist eine ZweckmäßigkeitS- und Jnteressen- srage, zu deren Lösung die Plenarversammlung unter Mitwirkung einer zahlreicheren Vertretung der ver­schiedenen competenlen Factoren besser befähigt sein wird als die Commission. Das Vertrauen, daß der Plenarversammlung die Lösung der Aufgabe besser ge­lingen werde als der Commission, welche über die negativen Beschlüsse nicht hinauszukommen vermochte, ist über­haupt in demselben Verhältniß gewachsen wie daS allge­meine Interesse, namentlich durch die Erörterungen der an­gesehensten liberalen Blätter sich der aufmerksameren Untersuchung gewidmet hat und man constatirt nicht ohne eine gewisse Befriedigung, daß die Beschlüsse der Commission durch ihre negative Richtung ihren Ein­fluß auf die Entscheidung des Reichstags selbst abgc- jchwächt haben. — Der Reichskanzler hat dem Bundes- rath einen Gesetzentwurf in Form eines Nachtrags zum RcichshaushaltSetat pro 1874 vorgelegt, in welchem die Einnahmen und Ausgaben mit 1,534,865 Thlr. balancircn. Die Ausgaben setzen sich zusammen aus 5500 Thlr. laufenden, zu Besoldungen für den ReichS- rechnungShof und an 1,529,365 Thlr. einmaliger

Ausgaben, davon sind 65,000 Thlr. bestimmt zum Ankauf eines Grundstücks zum Dienstgebäude für daS statistische Amt, 90,000 Thlr. Kosten der Expedition zu Beobachtung des Vorübergangs der Venus vor der Sonne, 150,000 Thlr. zum Ankauf einte Grund­stücks für die K. Gesandschaft in Wien; zu Ver­mehrung der Telegraphenstationen und Telegraphen- Verbindungen 1 Million; 224,356 Thlr. zu extra­ordinären Competenzen für die Befatzungstruppen in Elsaß-Lothringen. Die Einnahme von 1,534,865 Thlr. ist aus dem Einnahme-Gewinn für Ausprägung der Reichsmüuzen entnommen. — Die Publikation des Civilehe-Gesetzes wird heute oder morgen geschehen. — Der Bundesrath wird heute in einer Plenarsitzung über die Gesetzvorlage betreffend die Jntcrnirung und Ausweisung bestrafter Kirchendiener verhandeln. — Das durch den Tod der Königin Wittwe Elisabeth erledigte Protektorat der Rothen-Stiftung, hat die Kaiserin Auguste übernommen. Den Vorsitz im Curatorium hat der Präsident der Seehandlung Bitter. Die Stiftung ist zu Gunsten verstorbener Beamten des Staats, der Communalverwaltung oder der Armee.

— Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" und die „Kreuzzeitung" sind von kompetenter Seile autorisirt, die Gerüchte über eine von dem Prinzen Friedrich Karl projectirte größere Reise zu dementiren. — Das Civil- ehe-Gesetz ist in der heutigen Nummer der „Gesetz- Sammlung" publicirt.

Magdeburg, 16. März. In der heutigen Ersatzwahl für den Landtag wurde an Stelle deS verstorbenen Abg. Zuckschwerdt Prof. v. Sydel aus Bonn einstimmig gewählt.

Köln, 15. März. Nachdem der Verkauf der dem Erz Bischof gepfändeten Gegenstände vollzogen, wurde wieder eine ganze Reihe von Uriheilen rechts­kräftig, so daß demselben etwa seit drei Wochen Zahluugs - Befehle im Gesammt Betrage vo» 2400 Thatern zugestellt worden sind. Ueberhaupt dürsten die über den Erzbischof verhängten Geldbußen zur Zeit schon die erhebliche Summe von etwa 6000

Mit dem 1. April

beginnt ein neues Quartal-Abonnement auf die

Obnhksslscht Zeitung.

Dieselbe wird, wie seither, rasch und übersicht­lich alle politischen Nachrichten mittheilen. Die be­stimmte Annahme, daß vom Juli ab der Zeitungs­stempel in Wegfall kommt, veranlaßt den Verleger, schon vom 1. April an die

Ober hessische Zeitung in erheblich vergrößerte« Formal oh«e ieden Preisaufschlag erscheinen zu lassen Hier­durch wird eS namentlich ermöglicht, auch die Markt- und Handelsberichte ausführlicher mittheilen zu können, die sich auf zuverlässige, tägliche Preis- notizen über Getreide,Del - und Hulsenfruchte, Kartoffeln, Spiritus, Butter, Viehrc. aus­dehnen werden. In ihren Börsenberichten, aus der Feder eines langjährigen Fachmannes, wird die „Ober­hessische Leitung" im Stande sein, über die Fluktuationen des Geldmarktes ein getreues Bild zu liefern. —

Im unterhaltenden Theile des Blattes beginnt mit dem neuen Ouartal die Original- Erzählung: Wtt gebrochenen Ikügekn von Louise v. Auer.

estelluugen zum seitherigen Preise werden von allen Postexpeditionen angenommen, auf dem Lande auch von den Landbriefboten.

Deutsches Keich.

•« Berlin, 16. März. Das Befinden 'des Kaisers wird als vollkommen befriedigend gemeldet, auch Fürst Bismarck ist auf dem Wege der Besserung, so daß ernstlichere Cvmplicationen nicht zu befürchten find; obwohl natürlich die Wiederkehr eines stärkeren Anfalles nicht ausgeschloffen ist, sind doch die AuS- fichten auf ReconvaleScenz näher gerückt und man darf an der Hoffnung festhalten, daß die Gegenwart und Betheiligung des Reichskanzlers bei den Vcrhand langen deS Reichstags über daS Militärgesetz möglich

Feine Welt.

Novelle von Max Ring.

(Fortsetzung.)

_ Statt der prächtigen Räume, welche wir noch heute bewohnen, kann unS morgen schon ein ärmliches Quartier aufnehmen. Wir werden unsere Dienerschaft entlassen müssen. Unsere Freunde werden uns vielleicht anfänglich bemitleiden, später vermeiden. —

— In GotteS Namen, wir werden uns um so mehr lieben und die Treulosen vergeffen. —

— Den Bällen und Festen, auf denen Du so gern verweiltest, werden wir entsagen müffen.

— Auch damit werde ich zufrieden fein. Ich liebe nicht die rauschenden Vergnügungen. —

— Aber auch daS Nöthige müffen wir uns dann oft versagen. — _

__ Zch will Alles tragen, was Du mir auferlegst. Oskar I Du kennst mich nicht. Mein Sinn ist nicht auf daS Glänzende gerichtet. Ich kann die Welt mit Freuden aufgeben, in welcher wir bis jetzt gelebt. Ach! die glücklichste Zeit meines Lebens waren ja die letzten vier Wochen, welche wir in stiller Abgeschieden, heit, fern von der Gesellschaft, im Försterhause zu­gebracht Dort lernte ich ein Glück kennen, daS ich stets bisher vermißt. Solch ein Plätzchen wäre mir das Liebste auf der Welt. Dort möchte ,ch mit Dir ewig leben und keinen anderen Wunsch haben. Hier komme ich mir immer fremd und gezwungen vor, draußen im Walde schien mir Alles so bekannt, die Blumen, die Bäume, die treuen Hunde und daS zahme Reh. Ich wollte off die Herrlichkeit der Residenz, all' die Feste und Bälle hingeben, wenn ich für immer dort im Walde leben könnte. —

Oskar hörte mit melancholischem Lächeln ihrer Schilderung zu. Doch plötzlich hielt Adele inne, als zufällig fein Blick dem ihrigen begegnete. Eine holde Purpurröthe überflutete ihr reizendes Angesicht. Sie fürchtete voll jungfräulicher Schüchternheit, daS Gc- heimniß ihre« HerzenS preisgegeben zu haben, daS sie

zu einer solch beredten Lobpreiserin deS WaldlebenS gemacht hatte.

OSkar war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um die Verlegenheit der Schwester zu be merken. Ihr begeistertes Lob des Landlebens hatte einen Wiederhall in seinem Herzen gesunden.

— Tu hast Recht, — sagte er, — es war eine schöne Zeit. Wollte Gott, daß wir so viel von un serem Vermögen retten, um ein kleines Gütchen zu erstehen Ich würde mit Freuden mein Leben in solcher Einsamkeit beschließen und fern von der Welt und ihren Genüffen leben. —

— Aber nicht ohne mich. —

— Gewiß nicht, wir bleiben vereint. —

— Auf ewig I — lächelte Adele und schmiegte sich von Neuem fest an den Bruder, der ihr jetzt noch theuerer war, alS je.

XVIII.

Seit Adelms Abreise auS dem Försterhause war auch mit ihrem dorr gelaßenen Freunde eine wesent liche Veränderung vorgegangen. Während sich daS holde Mädchen nach der Einsamkeit des WaldeS zurück sehnte^ hatte ihn umgekehrt die Lust erfaßt, so bald als möglich die Residenz zu sehen, welche er bisher mit einer gewiffen Scheu vermieden. Anfangs schwankte er, dieser Neigung nachzugeben. Er mochte genügende Gründe haben, die Verborgenheit zu suchen, aber mit jedem Tage wuchs sein Beg.hren. Eine innere Unruhe und Hast trieb ihn durch Busch und Wald. Meist ging er denselben Weg, den er so oft mit dem Ge schwisterpaare gewandelt. Ueberall sah er daS süße Bild, daS ihn mit unwiderstehlicher Macht nachzog.

Ein Umstand trug hauptsächlich dazu bei, diese Unruhe in ihm noch zu vermehren. Bei jenem Spaziergange mit Oekar hatte auch er den Chevalier gesehen und erkannt. Auf seinen abenteuerlichen Wanderungen durch die Welt war er mit jenem Manne zusammengekommen, den er freilich unter ganz

andern Berhältniffen kennen gelernt hatte. Ein natür­licher Verdacht stieg mit einem Male in feiner Seele aus. Damals hatte er mit jugendlichem Vertrauen sich dem Chevalier angeschloffeu und einen Theil seiner Lebensgeschichte dem Fremden unvorsichtig preisgegeben. In Paris, wo er mit dem Chevalier einige Zeit in demselben Hotel gewohnt, hatte er ihm einen tiefen Blick in seine Verhältnisse gestattet. Eines Tages war der Chevalier aus ihrer gemeinschaftlich, n Woh­nung verschwunden, aber auch zugleich vermiß e unser Freund mehrere wichtige Papiere, die ihm angehö.ten. Alle deshalb angestellten Nachforschungen erwiesen sich als nutzlos. Im Strudel des LebenS hatte er seinen Verlust und den muthmaßlichen Veraulaffer d-sielben sogar vergessen. Das plötzliche.Zusammentreffen im Walde hatte alle diese Umstände von Neuem in sein Gedächtniß zurückgerufen. Eine Ahnung überkam ihn von der Wichtigkeit dieser unvermutheten Erscheinung und er beschloß, die Spuren deS Chevaliers zu ver­folgen.

Dieser Gedanken hatte seinem Schwanken ein Ende gemacht. Er wollte unter jeder Bedingung die verlorenen, oder ihm geraubten Papiere wieder zurück erhalten, obgleich seine gegenwärtige Lage ihn noch zwang, mit einer gewissen Vorsicht zu ver­fahren.

Vor allen Dingen mußte er sich von der Identi­tät deS Chevaliers mit seinem früheren Gefährten über­zeugen , der damals in Paris unter einem andern Namen aufgetreten war.

Zu diesem Zwecke begab sich unser Freund nach der Residenz, wo er in einem Gasthoie dritten Ranges abstieg. Er vermied es vorläufig, Oskar und seine Schwester aufzusuchen. Seine Anwesenheit sollte aller Welt ein Geheimniß bleiben. Kaum war er sich selbst klar, auf welche Weise er zu seinem Ziele gelangen konnte. Er hatte den Chevalier nur flüchtig im Vor- sprengen erblickt und kannte seinen wahren Namen jetzt so wenig, als früher in Paris. Eugen, so hieß