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Marburg, Sonntag, den 15. März.

1874.

Je seltener aber der Fürst sich in den Kreisen der Gräfin erblicken ließ, desto öfter erschien Baron von Karsten daselbst. Bald war dieser der intimste Freund ceö Chevaliers geworden.

Zwischen den beiden Männern fand eine innige Wahlverwandtschaft statt, welche sich aus der Gleich heil ihrer Neigungen und Charaktere leicht erklären ließ. Der Haß, den der Baron gegen Oskar von Birkcneck empiand, trug nicht wenig dazu bei, die« Bündniß täglich fester zu knüpfen. Der Chevalier war offen gegen denselben ausgetreten und hatte als Stellvertreter des eigentlichen Erben seine Ansprüche vor Gericht geltend gemacht. Oskar stand auf dem Punkte, sein großes Vermögen plötzlich einzubüß<n.

Schon am frühen Morgen begab sich Herr von Karsten nach dem Hotel, um seinem Freunde einen Besuch abzustatten. «

Er sand denselben in Gesellschaft deS Herrn Frank und eines Rechtsanwalts, welcher die Führung feines Prozesses übernommen halte. Herr von Karsten wollte sich entfernen, um die stallfindende Beralhung nicht zu stören.

— Wo denken Sie hin? — bat der Chevalier. — Vor Ihnen habe ich keine Geheimniffe. Ich er juche Sie, an unserer Konferenz Theil zu nehmen und mich mit Ihrem Rathe zu Unterstützen. —

— Mein lieber Chevalier, — entgegnete der Ba­ron, ich stehe ganz zu Ihren Diensten, wenn Sie

mich mit dem Gegenstände Ihrer Verhandlungen be­kannt machen wollen. —

— Meine Gegenpartei hat mir durch ihren An­walt Vergleichungsvorschläge antragen lasten. —

— Besser, ein magerer Vergleich, als ein fetter Prozeß! — schaltete Herr Frank dazwischen ein. — Herr von Birkeneck hat ein anständiges Gebot ge- lhan. —

— Und was meinen Sie? — fragte der Cheva lier den Baron, — indem er ihm eine Cigarre anbot.

— Nein, ich rauche jetzt nicht! — entgegnete dieser. — Ich verderbe mir sonst den Appetil. Den Vergleich würde ich unter keiner Bedingung an­nehmen —

— Ganz meine Ansicht! — triumphirte der Rechts­anwall, welchem die Aussicht auf einen langen und kostspieligen Prozeß lächelte.

— Sie müssen Ihre Ansprüche durchaus bis auf den letzten Punkt verlheivigen, —,fuhr der Baron ruhig fort. — Die Erbschaft kann und darf Ihnen nicht entgehen. Die Lumperei, welche man Ihnen biet-t, verlohnt stch kaum der Mühe davon zu sprechen. En avant! mein Freund, und nicht nachgelassen. —

Dieser Rath deS Barons war entscheidend. Der Chevalier erklärte seinem Rechtsanwalt, in keinen Ver­gleich cingehcn zu wolle». Dieser entfernte sich ver­gnügt und sprach zum Abschied noch seine feste Ueber- zeugung auS, daß der Prozeß nicht verloren gehen würde.

Oderhessische Zeit»«g.

'firfibtint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckcrei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 6gr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Politische Wochen-Urberficht.

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dem ihm ausführlicher Bericht erstattet worden, sich geneigt, hervorragende Persönlichkeiten aus allen Aactionen zu empfangen und dann erst feine Ent- Äeidung zu ertheilen.

In der Schweiz beginnen die Agitationen für die nahen Abstimmungen über die Bundes-Revision

Fei« Welt.

Novelle von Max Ring. (Fortsetzung.)

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bei eister.

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D f Unser Kaiser, der wegen einer Erkältung einige [35gj jagt da» Zimmer hüten mußte, widmet sich wieder «gen Regierungsgeschäften und macht auch seine täg lichen Spazierfahrten wieder. Dagegen leidet Fürst Sitmarck seit etwa 8 Tagen an einem verstärkten ^«malgischen und gichtischen Anfalle, was um so mehr schmerzliche Theilnahme, zumal in parlamentarischen j Imsen, erregt, als für mehrere dem Reichstage ob- . < wnte schwierige Verständigungs-Arbeiten der per *14 ßn iche Rath bi« Fürsten äußerst erwünscht wäre.

fe gift dies sowohl hinsichtlich des PreßgesetzeS, wie wch viel mehr hinsichtlich der Militärgesetz-Vorlage. Der Reichstag hat sich mit dem Jmpfgesetz und der 3««L tzemokratischerseitS gewünschten Freilassung Bebels und Liebknechts beschäftigt; zu letzterer hat sich derselbe in- IAA dessen ablehnend verhalten. Am vorigen Montag hat 1“ btt Justizausschuß des BundeSrathS den preußischen ittf Sksetzentwurf wegen Jnternirung und Ausweisung renitenter Kirchendiener, zumal Bischöfe, vorberalhen

- unc beschlosten, denselben, jedoch mit einigen Milde. 4 rangen, dem Plenum des BundeSrathS zur Annahme QM*i zu empfehlen. Aus Baiern verlautet, daß die in Be treff der Anerkennung de« Bischofs Reinkens die staatS rechtliche Vorfrage prüfende Commission sich am Mo» t«g gemäß dem Gutachten ihres Referenten v. Pözl fir die vorläufige Nichtzulässigkeit ausgesprochen hat, Vvbei sie stch auf die Fortsetzung deS baierischen Con lordats stützte. In Mecklenburg ist der Versastungs irndtag vorläufig entlissen, nachdem die Ritterschaft trotz der Mahnungen der Regierungen vom 4. März ras ihrem daS Princip der Vorlage ablehnenden Lyiri-tztandesvotum bestehen geblieben, und ist in dem ieuen Bescheid der Regierungen nur ein späteres Zu tückkommen auf die VerfastungSresorm Vorbehalten.

Oesterreich befindet sich in doppelter Aufregung: in Wien in Folge der Debatten des Abgeordnetenhauses Üer die confesstonellen Gesetze, in Pesth über die CabinetSkrisiS. Die große Angelegenheit über die Regelung der äußeren RechtSverhältniste der katho­lischen Kirche kam am Donnerstag v. Woche zur Ver­handlung und die Geister platzten heftig aufeinander. Der Kaiser ist am 7. März nach Pesth abgereist, »6 er am folgenden Morgen den ungarischen Mi aister-Präsidenten empfing, der daS Entlassungsgesuch de« Cabinets überreichte. Franz Joseph erklärte, nach-

lebhafter zu werden. In Genf haben die födera­listischen Gegner, namentlich JameS Fazy, ein Central cvmile niedergesetzt. Im Tessin hat der Große Rath deS CautonS heute vor acht Tagen (6. März) mit 61 Stimmen gegen 44 sein StandeSvotum für die Revision beschlossen. Die Versteigerung der Signe o'Jtalie, die vom BundeSrath auf den 4. März an- beraumt war, ist neuer Anstände wegen wieder bis auf Weiteres verschoben worden.

Gerade einen Tag später, als der neue französische Gesandte, MarquiS de Noailles, in R o m eintraf, hat die Volksvertretung die allgemeine Discussion über die militärischen Vorlagen Ricolti's mit einer der Regier rung günstigen Tagesordnung geschlossen. Damit ist im Princip festgestellt, daß Italien seine financiellen Kräfte auf das äußerste anspannt, um seine Selbst­ständigkeit gegen jeden auswärtigen Feind zu verthei- digen, wenn auch gegen einzelne Bestimmungen deS Entwurfs stch viele Bedenken regen.

Frankreichs Woche war eine verhältnißmäßige ruhige. Die Interpellation Christophle wegen eines Artikels des Figaro, der Staatstreichsphantasieen hatte laut werden lassen, lief zur Zufriedenheit des Cabinets ab. Seitdem versucht sich Broglie in neuen Projek­ten, die beiden Zentren zu verschmelzen und sich so eine Majorität zu bilden, welche das Septennium zu Kraft und Ansehen bringen soll, doch bis jetzt stehen die FusstonSbestreben noch auf sehr schwachen Füßen, während daS Ansehen von ThierS und die Aussicht aus bessere Tage im Zunehmen begriffen ist. Erz royalistische Blätter brachten eine Art Manifest, worin angekündigt wurde, daß man Heinrich V. wolle oder die Auflösung der National-Versammlung betreibe. In letzterem Punkte begegnet die äußerste Rechte der äußer­sten Linken. In der National Versammlung kündigte am 10. März der Justiz Minister die Vorlage eines neuen Preßgesetzes an, die jedoch erst nach den Oster­ferien erfolgen soll, welche vom 30. März bis 19. April dauern werden. DaS zu erwartende neue Wahl gesetz soll drei Millionen Wähler von den Wahllisten streichen, doch wird diese Frage wie die über den Senat noch schwere Kämpfe herbeiführen.

Noch immer sind die Blicke der Spanier un­verwandt nach dem Norden gerichtet, wo jetzt aus wenigen Quadratmeilen zwei Armeeen von inSgesammt 60,000 Mann einander gegenüberstehen. Die feind lichen Zusammenstöße haben sich seit der Niederlage der Repubikaner bei San Pedro am Berge Abanto auf unerhebliche Vorpoftenscharmützel beschränkt; denn die Carlisten ziehen eine vertheidigende Haltung vor und Serrano, der an Stelle des abberufenen MorioneS den Oberbefehl übernommen hat will mit einer großen

Action kluger Weise warten, bis er eine den Er­folg sichernde Streitmacht von 30,000 Mann bei­sammen hat.

Der Aschantikrieg ist zu Ende, Kumassi verbrannt und die britischen Truppen haben sich am 22. Febr. zur Heimkehr nach England eingeschifft. Auch einen FriedenSverlrag hat General Wolseley dem Könige Koffi Kalkalli noch obgenölhigt; in demselben verspricht der Besiegte 50,000 Unzen Goldes zu zahlen, allen Ansprüchen auf Adanst, Asiin, Akim, Denker« und Wassaw zu entsagen, seine Truppen von der Küste zurückzuziehen und in seinen Staaten die Men­schenopfer zu verbieten. — Am 7. März landete der Herzog von Edinburg mit seiner russischen Groß­fürstin in GrafeSend und eilte sodann zu der könig­lichen Mutter nach Windsor, wo die Ankunft deS Paares am Montag durch ein großes Festmahl ge­feiert wurde. Am Donnerstag fand der feierliche Einzug der Neuvermählten in London statt, wo große Vorbereitungen einer prunkreichen Begrüßung das fürstliche Paar erwarteten.

Die zweite Kammer der niederländischen Ge­neralstaaten hat das von der Regierung vorgeschlagene Landesvertheidigungs»System mit großer Majorität angenommen. ES wird ein concentrisches System von Befestigungen und VertheidigungSlinien hergestellt wer­de»; es sind für die Arbeite» acht Jahre und etwa 32 Millionen Gulden in Aussicht genommen.

Das dänische Folkething hat am 7. d. die Be- rathung deS Staatsbudgets in zweiter Lesung begonnen, bis jetzt aber noch keine erheblichen Beanstandungen vorgebracht.

Der schwedische Reichstag hat wieder einmal (zuletzt geschah eS 1863) das „Weißbuch", wie dort die Sammlung der diplomatischen Aktenstücke genannt wird, vorgelegt bekommen; es enthält die mit der dänischen Regierung gewechselte Correspondenz über die Sundlootsenfrage. Der schwedische Justiz-Minister v. Adlercreutz hat seine Entlassung begehrt.

Der neue russische General - Gouverneur von Warschau, von Kotzebue, hat am 1. März sein Amt angetreten. Der Redacteur der „Moskauer Zeitung", Katkow, soll, damit der Titel seiner Gemahlin, der letzten ihres Stammes, einer Fürstin Schulikow, nicht auösterbe, in den Fürstenstand erhoben werden.

Der Sultan hat seine Genehmigung dazu, daß Graf Arnim, bisher deutscher Botschafter in Paris, fortan das deutsche Reich bei ihm vertrete, „mit großem Vergnügen" ertheilt, ein Ausdruck, der sonst in der gemessenen Diplomatensprache nicht Üblich ist. Auch der russische Botschafter General Jgnatiew erfreut sich solcher Artigkeiten Seitens des Großherrn. Kaum

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Auch den Fürsten hatte diese Nachricht verstimmt, »ran er auch nicht so tief davon erschüttert wurde, »ie der arme Birkeueck. Der Grundzug seines Wesens dar entschieden die größte Eitelkeit, aber er besaß neben dieser Schwäche viele eben so liebenswürdige als edle Eigenschaften. Er hatte die feste Ueberzeugung ge- Wonnen, daß der Chevalier ein gewöhnlicher Abenteurer sei, leider konnte er diese seine Meinung nicht geltend Nachen, da jener sich int Besitze eines Geheimnisses befand, deffen Veröffentlichung für den Fürsten von den traurigsten Folgen begleitet sein mußte.

AuS diesem Grunde schwieg er und verschloß seinen Andacht in der eigenen Brust. Es kostete ihm nur tin Wort, um den Aventurier und falschen Spieler i» entlarven, doch er durfte dasselbe nickt aussprechen, tyne sich selber preiszugeben. Wie gern hätte er die Träfin gewarnt und sie von jener gefährlichen Ver Bindung zurückgehalten. Er mußte sie seinem eigenen Tortheile gegen seine bessere Ueberzeugung aufoptern. seitdem der Chevalier öffentlich als Verlobter Juliens Mtrat, zog sich der Fürst von den Cirkeln der Ober- Nmeifferin zurück. Die Welt schrieb dieS Ereigniß lediglich seiner Eifersucht und dem Schmerz zu, den $ über den Verlust der Gräfin durchaus empfinden sollte.