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Marburg, Sonnabend, den 7. März

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Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 221 Tgr., durch di« Postämter 27 S«r. lcxcl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr. berechnet. Sämmtliche Annoncen-Bürcaus nehmen Inserate an.

Le, 495 "tag Uhr,

Feine Welt.

Novelle von Max Ring.

(Fortsetzung.)

Auf dem glänzend jervirten Tisch stand bereits die Btockturtel-Suppe, und der Wirth forderte seine Gäste auf, sogleich Platz zu nehmen. Neben dem Fürsten saß der Chevalier, der heut besonders durch fröhliche Laune, ausgelassene Heiterkeit und interessantt Anek­doten, die er aus seinem Leben vertrug, die Gesell­schaft unterhielt und erheiterte. Der Fürst hörte an- scheinend mit Aufmerksamkeit zu, obgleich er zerstreut «ar und seinem Nebenbuhler willig das Feld überließ, aus welchem er sonst durch Witz und Geist zu glänzen pflegte. Die Erwähnung seines Abenteuers aus Hel goland hatte ihn verstimmt, doch vergebens strengte er sich an, die Quell« zu entdecken, aus welcher der Chevalier seine Nachricht geschöpft haben mochte. Er konnte daS Factum nicht läugnen, daß er unter dem Namen eines Grafen Weisberg daS schönste Mädchen der Insel kennen gelernt und in einem Anfall von «heblet Raserei und übermüthigem Leichtsinn wirklich mit größter Heimlichkeit sich unter einem fremden Namen ihr angetraut halte. Ein halbe« Jahr genoß « dort die Süßigkeit bet Flitterwochen, aber mit dem Dampfboote, welche» die ersten Badegäste brachte, war er entflohen, um jeder unangenehmen Entdeckung zu entgehen. Niemand konnte um sein Geheimniß wisien, da die nächsten Angehörigen seiner Braut, so wie diese selbst ihn nur als Grafen Weisberg kannten. Der Chevalier mußte mit dem Teufel selbst im Bunde stehen, um die Wahrheit erfahren zu haben, so gut halte der Fürst seine Maßregeln getroffen.

Während der Fürst solchen trüben Gedanken nach- Nng, war die Gesellschaft um so laut« und fröhlicher zeword.n. Der Wein, welcher reichlich genosien wurde, trug daS seinige dazu bei, um die aufgeregte Stimmung Kl vermehren Man sprach wirr unter einander von

N4. itn.

Deutsches «eich.

Berlin, 5. März. Der elsaß - lothringer Antrag ist gegenwärtig daS allgemeine Thema deij politischen Discussion, jedoch weniger wegen seine« Inhaltes, als wegen bet besonderen Umstände, die der Verhandlung und dem Resultat Bedeutung gegeben haben. Nach der Abfertigung, welche der Antrag Lettisch und Genossen gefunden hat, und nach der Näß'fchen Erklärung kann es nicht befremden, dah die aufgeregte Stimmung sich nicht ohne Weitereck beruhigen konnte, sondern wiederholt sich Luft zu macker suchte. Bei ruhiger Uebetlegung und klarem Unheil hätten sich die reich Ständischen Vertreter im Vorau« selbst sagen muffen, wie gerade durch den Antrag Teutfch die ablehnende Beantwortung der zweiten Motion die vollste Begründung erhalten hatte. Die Leidem schäft aber untersucht nicht, ob Recht und Vernunftz auf ihrer Seite sind, ob ihr Handeln auch Erfolg .und Nutzen haben wird? sie will nur blind Bestie digung und drängt nach Ausdruck. Welcher Einfluß in den Reichslanden zur überwiegenden oder Allein Herrschaft gekommen ist, nachdem bei den Wahlen noch die Strömungen geiheilt erschienen waren, das zeigt, sich deutlich in den Reden der Antragsteller. Diese waten specisisch katholisch gefärbt, der ultramontane Standpunkt bictirte allein die Motivirung; der Neu- KatholiciSmus hat die Führung und die Herrschaft in. den Reichslanden bereits fest occupirt, wie sich auch! die Nationalfranzosen dagegen sträuben mögen, ihr^ Einfluß wird mehr und mehr gegen die vortreffliche Organisation deS PapftlhumS zurücktreten. Auch auf unsere inneren oder älteren Parteiverhältnisse Hal : der Verlaus deS elsaß - lothringer Antrages ein ganz neues Licht geworfen; zur allgemeinen Ueberrafchung haben Zweidrittel der anweseudm Mitglieder der Fort­schrittspartei, 25 an der Zahl, dem Votum der ver­bissensten Reichsfeinde gegen daS klarste und eminen teste Interesse Deutschlands sich angeschlosien, «ährend nur 12 Fortschrittsmänner auf Seiten der Reichs fteunbe stimmten. Für Ausländer wird dies Der halten der Fünfundzwanziger absolut unverständlich^ jein, man müßte denn die utopischen Illusionen und Hallueinationen derVossischen Ztg." adoptiren, welche

Pferden und Hunden, vom Spiel und Weiter, bis man endlich bei dem schönen Geschlechte anlangte und bei diesem Kapitel länger verweilte. Hätten die Ohren unsrer zarten Damen nur einen Augenblick das Ge spräch belauschen können, sie hätten gewiß ihre Er­fahrungen über die Diskretion der Männerwelt we­sentlich bereichert. Zum Glück war kein Horcher in der Nähe, und die Herren legten jeden Zwang ab > und unterhielten sich in einem Tone von Den weib;

lichen Schönheiten der Residenz, der sich nicht immer i in den strengsten Grenzen deS Anstandes bewegte. Tie , vornehmsten Frauen wurden mit nicht mehr Schonung i behandelt, als galante Operntänzerinnen und bekannte

Lorciten. Der Chevalier war unerschöpflich in pikanten : Anekdoten und Abenteuern, die er bereitwillig zum Besten gab.

Ein Teufelskerl! schrie der Rittmeister von : Hainbrand mit einem leisen Anfluge von Neid. Sie sollten Memoiren schreiben, lieb« Chevalier. Auf Ehre! die würde ich lesen, obgleich ich sonst kein Buch in die Hand nehme.

{ £)! lehnte der Chevalier bescheiden ab, ich überlasse dies Geschäft einem Würdigeren und stehe gern hier dem Fürsten nach, dem übrigens noch eine große Fülle von Erfahrung zu Gebote steht. Auch ist derselbe als Schriftsteller hinlänglich bekannt. Ich beuge mich vor dem großen Talent Seiner Durch­laucht.

Die Augen der Anwesenden wandten sich,nach dem Fürsten, der die boshafte Herausforderung seines Geg ncrs ruhig ertragen mußte, da derselbe sich im Besitze jene« gefährlichen Geheimnisses befand.

Auf das Wohl des neuen, vermehrten und verbesserten Casanova, rief der Atlachä, indem et fein Glas erhob und mit dem Fürsten anstieß.

Er lebe! schrie der übermüihige Kreis.

Schade, daß der Baron von Karsten nicht

allen Ernstes mit Pathos beclamirt, alle reichsländischen MceontentS und Protestler würden sich sofort in gute treue deutsche Patrioten verwandeln, sobald die Regie rung auf ihre Herrschaft verzichtete und sich auf Gnade und Ungnade allen Wünschen der Bevölkerung Elsaß-Lothringens fügen wollte!! Solchen Blödsinn schreibt eins der gelesensten Blätter Berlins, oder sollten derVofstschen" auch reichsfeindliche Abonnen­ten und Inserenten als Lohn vor Augen schweben und das Unheil umnebelt haben? Im Gegensatz zur Tante Voß fchreibt ein hiesiges fortschrittliches Blatt das reichsfeindliche Votum der Fünfundzwanzigerdem schablonenmäßig steifnackigen Oppositiouskitzel" zu, welcher Thatsachen negire u. f. w. DieNational- Zeiinng" umwickelt ihre sonst treffende Kritik mit Dem klassischen Refrain:Auch Brutus ist ein ehrenwerther Mann!" Auch die Fünfundzwanziger sind ehren werthe Männer aber ihre Abstimmung mit den Protest- männern gegen daS eigene Vaterland könnte wohl Zweifel aufkomrneti lassen! Cnltusminister Falk wird heute Abend von Hannover zurückerwartet Die Vorgänge in Münster machen bedauerliches Auf­sehen, und vielfach wird den Polizeimaßregeln Mangel an Energie zur Last gelegt. Zu sicherer Beurteilung fehlt es noch an Material; man wird die amtlichen Berichte abwarten müssen. Die Polizei ist in den Händen der Stadt. Weber den Antrag deS Reichs­tages, den Parlamentsbau betreffend, hat der Bundes rath bis jetzt weder Beschluß gefaßt, noch in irgend anderer Weise der Entscheidung vorgegriffen, wie daS Gerücht wissen wollte.

DerReichsanzeiger" meldet: Der Erkältung« zustand, woran der Kaiser leidet, nimmt einen regel­mäßigen Verlauf, wird indessen die Wiederaufnahme der Spazierfahrten in den nächsten Tagen noch nicht gestatten.

Zur Vorberathung des Gesetzes über den Impfzwang ist im Reichstage eine frei Commission zufammengetretkn, au« Mitgliedern aller Parteien be­stehend, welche daS Gesetz im Sinne einer größeren Sicherung des Impfzwanges amenbitt hat. Unter dem Namen des Abg v. Winter sind die Amende ments dem Reichstage für seine nächste Sitzung unter«

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breitet worden. Neu vorgeschlagen werden folgende Bestimmungen: Der Bundesrath hat dafür zu sorgen, daß eine angemessene Anzahl von Impf-Instituten zur Beschaffung und Erzeugung von Schutzpocken Lymphe von den Bundesregierungen eingerichtet werde. Die Impf-Institute geben die Schutzpocken-Lymphe an die öffentlichen Jmpfärzte unentgeltlich ab und jhaben Über Herkunft und Abgabe derselben Listen zu führen. Die öffentlichen Jmpfärzte sind verpflichtet, auf Ver­langen Schutzpocken-Lymphe soweit ihr entbehrlicher Vorrath reicht, an andere Aerzte unentgeltlich abzu­geben. Die Oberaufsicht über da« Impfwesen steht dem Reiche zu. Außerdem wird beantragt:Der Reichstag wolle beschließen, den Reichskanzler zu er- suchen, im Verfolg des Beschluffes des deutschen Reichstage« vom 27. November 1871 und mit Rück­sicht auf die durch da« Jmpfgesetz begründete Noth- wendigkeit, die Oberaufsicht über daS Impfwesen wirk­sam und einheitlich zu handhaben, die Errichtung eine« Reichs-GesundheiisamteS thunlichst zu beschleunigen."

AuS dem eben erschienenen Verzeichniß der Abgeodneten des Reichstages ergibt sich, daß der vierte Theil der Herren Gutsbesitzer sind, und zwar sind von diesen 26 im Besitz eines gewöhnlichen Gute«, 74 aber im Besitz eines Rittergutes. Ferner zählen wir unter den Abgeordneten 43 richterliche Beamte, von denen 21 auf die höheren Gerichte kommen; 37 Rechtsanwälten und Advokaten stehen nur 3 Staat« - anwälte gegenüber. Die größte Ziffer liefert sodann der Handelsstand, nämlich 32, worunter 8 Direktoren von Banken re , und der Priesterstand, nämlich 22, mit 2 Bischöfen an der Spitze. Die Armee ist ver- tcrten durch ein Feldmarschall, 3 Generale z. D. und ä la Suite, 2 Oberste und 1 Rittmeister, die Marine durch einen Corveitenkapitän Wir zählen weiter, 4 Prinzen, 7 Minister, 11 königliche Kammerherrn, Kämmerer und Reichsräihe, 4 Regierungs-Präsidenten, 17 höhere Verwaltungsbeamte, 5 Landschaft« Direktoren und Landesälieste, 7 Landrähe, 2 Regierungs-Assessoren, 17 Professoren, 9 Bürgermeister, 12 Senatoren und Sladträthe, 14 Schriftsteller, darunter 5 Redakteure 3 Buchhändler, 3 Doktoren der Medicin, 2 Philosophen- 2 Lehrer, 1 Archivar, 1 Inspektor, 1 Zivil-Ingenieur-

===== ' - - , zugegen ist, bemerkte einer der anwesenden Gäste. Er könnte einen erheblichen Beitrag zu diesem Kapitel liefern. WaS Teufel, focht Birkeneck an mit ihm anzubinden?

Man kennt die Ursache nicht, sagte der Rittmeister. Durchlaucht müssen sie uns erzählen.

Ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen, erwiderte der Fürst in ernstem Tone.

Ah! das ist etwa« Anderes!

Und dieselbe Versammlung, welche, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, den Ruf der anständigsten Frauen befleckt und zerriffen hatte, begnügte sich mit der Antwort des Fürsten und ehrte fein Stillschweigen.

Bei dem Allen thut es mir doch leid, daß wir die Gesellschaft des Barons entbehren müssen, sagte der Freund des Herrn von Karsten.

Er hält sich verborgen, so lange Birkeneck in Gefahr schwebt, erwiderte der Fürst.

Ist der Oskar schwer verwundet?

Der Arzt zweifelt an seinem Anflommen. Wenn Birkeneck stirbt, rief der Rittmeister dazwischen, dann mache ich mich an die Schwester. Kapitaler Backstsch, erbt da« ganze ungeheure Ver­mögen.

Wer weiß, lächelte ber Chevalier doppel­sinnig, ob Sie Ihr Ziel erreichen würden?

Zum Teufel, Chevalier! Sie haben doch die Kleine nicht auch schon auf ihrer List« stehn? Sollte die Unschuld ebenfalls schon kaput gegangen sein?

Der Chevalier begnügte sich, mit einem zwei­deutigen Achselzucken zu antworten, welche« der Ritt­meister nach seinem Gefallen auslegen konnte. Die Löwen der Gesellschaft pflegen nicht nur mit Worten, sondern auch mit derartigen Mienen und Geberden den Ruf eines unschuldigen Wesens zu verleumden.

(Fortsetzung folgt )

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