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Jllatßurg, Sonntag, den 22. Februar.
1874.
i Oberhessische Zeit»»g.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j @gr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sar. —
Ti , Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
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Politische Woche«-Ueberficht.
Mit Beginn der Woche ist der Reichstag in die Berachung des Reichsmilitärgesetzes eingelreten und ist dasselbe von den Rednern der Reichsregierung (General v. «ameke und Graf Mvltke) in einer Weife empfohlen und von den Rednern der reichsfreundlichen Fraktionen (Richter, Lasker, Graf Bethfy und Gneist) in einer Weife ausgenommen worden, daß die Hoffnungen auf da« Gelingen einer demnächstigen Verständigung in der zu 28 Mitgliedern bestimmten Com- intfsion dadurch im Reichstage und im Lande nur haben verstärkt werden können. Das Wort Moltke's: WaS wir in sechs Monaten gewonnen, das werden wir noch fünfzig Jahr mit den Waffen zu vertheidigen bereit sein müssen, — sand sofort eine eigenihümliche Illustration. Eben in derselben Sitzung am Montag waren die fünfzehn Abgeordneten aus Elsaß-Lvthringen zum ersten Male erschienen. Ueber ihr Auftreten ist bereits zur Genüge berichtet. Der auS der Mitte des Reichstags (Schulze und Genossen) wiederum ewgebrachte Diälen-Antrag durchlief seine drei Lesungen diesmal mit sehr verstärkter Majorität (229 gegen 79). DaS Abgeordnetenhaus des preußischen Landtags hat bekanntlich feine Sitzungen ausgesetzt; daS Herrenhaus hat nun inzwischen auch seinerseits das Budget für 1874 durch feine Zustimmung fertig ge- stellt und nun auch die fett vorgestern verhandelte HvilstandS-Boriage unter Annahme des Princips bis §. 52 gefördert.
Oesterreich stehl wieder an jenem Wendepunkte, deren Ueberschreitung je nachdem die beiden Majoritäten diesseits und jenseits der Leitha umsichtig oder einseitig vorgehen, dem Fortschritte förderlich ist oder zu neuen Verwicklungen und Zersetzungen führen muß. Da« hervorragendste Ereigniß in den auswärtigen Beziehungen ist die Reise he« Kaisers Franz Josef nach Petersburg, die von den Liberalen als Friedenszeichen begrüßt, von den Ultamontaneu und ihren Verbündeten im feudalen Adel aber mit unverhohlenem Miß behagen empfunden und ihnen ein neuer Antrieb wird, gegen Andraffy, den angeblichen Urheber dieser Wen
düng, zu schüren und seinen Freunden auf die Finger zu sehen. Die Liberalen deS Abgeordnetenhauses in WicN wiegen sich in Sicherheit und hoffen nicht bloß die confessionellen Vorlagen einzuheimsen, sondern dieselben auch möglitbst zu erweitern und die obligato rische Civilche hinzufügeü zu können. Und die Ultramontanen, voran der geriebene Cardinal Rauscher, bestärken sie in dieser Zuversicht, indem sie sich über Erwarten ruhig verhalten. In Ungarn, wo die Ultramoniamn seil Monäten auf ein Cabinei Sennhey hinarbeiten, scheint die Dcakpartei ihrer bisherigen Abneigung gegen ein CoalitionsMinisterium entsagen zu wollen, indem sie den ersten Schritt zu einer Vereinbarung in diesem Sinne mit der Tiszu Partei that.
Die Lerner CantonSregierung hat zur Organist, rung der katholischen Gemeinden im Jura einen be- tonderen Commissar dorthin abgesandt. Am Montag (16. Febr.) erfolgte der Austausch der RatificativnS- Urkunden zum StaatSvertrage über den Anschluß der Gotthardbahn an die oberitalienischen Eisenbahnen.
Tie i t a l i e n i sch e Deputirtcnkammer hat am Schluß voriger Woche eine von der Linken und dem Centrum beantragte Tagesordnung atig'enommen, nach der die Specialdiskussion deS Gesetzentwurfs bezüglich des Umlaufs von Papiergeld begonnen werden soll. Da mit ist daS alte und vielgehaßte Privilegium der Nationalbank gebrochen. Dieser vom Ministerium gegen die von Sella geführte Rechte erfochtene Sieg ist ein parlamentarisches Ereigniß von nicht geringer Tragweite in so fern als jetzt endlich die Umrisse einer regierungSsteundlichen Majorität zu Tage getreten sind, die ton durchaus freisinnigen und volkSchüm- licheN Prmcipim geleitet wird.
In Paris hat diesmal der Fasching sich durch seine gänzliche Abwesenheit bemerklich gemacht: man ist unzufrieden und gedrückt in politischen, wie in materiellen Dingen, und die Anhänger deS Septenniums bereiten große Festlichkeiten mit Monstre-Einladungen vor, um den Geist der Pariser zu heben. Aber nichts werden solche Palliative helfen, so lange Versailles Sitz deS Parlamentes und der Spitzen der Regierung
bleibt. Je länger der Verfassungs-Ausschuß „platonischen Projekten" huldigt und die Zeit verdirbt, desto lebhafter wird dieses Hin- und Herreden über die Dcfinirung des Septenniums. Mac Mahon'S Versuch, in diese Debatte cinzugreifen und Vertrauen auf die Beschützung des Provisoriums zu erwecken, hat in Folge der Haltung der Regierungsorgane nicht den erwünschten nachhaltigen Eindruck gemacht. Die Bo- napartisten haben unter Rouher's kundiger Leitung begonnen, sich dieses Schwanken zu Nutze zu machen. Die National - Versammlung, welche mit den neuen Steuer-Vorlagen sich sehr abgearbeitet hatte, gönnte sich einige Tage Fastnachtsruhe, während die officiöse Prcffe stch nach wie vor eifrig bemühte, die Freundschaft der Italiener als eine natürliche Frucht der beiderseitigen Entwickelung in Anspruch zu nehmen, bis jetzt jedoch ohne greifbaren Erfolg.
Spanien jst durch einen Vorschlag, der von einem bloßen Nachrichtenblatte in die Oeffentlichkeit geworfen wurde, in große Aufregung versetzt worden. Ein Plebiscit solle über die Zukunft des Landes entscheiden; und zwar sollten der Nation zwei Fragen vorgelegt werden, erstens ob sie eine (zu dem Behuse vorher noch in den amtlichen Zeitungen zu veröffentlichende) republikanische Staatsverfaffung anuehme, zweitens, ob sie, im bejahenden Falle, Serrano als Präsidenten der Republik bestätige. Der Plan ist unter lebhaftester Betheiligung der gejammten Preffe besprochen worden. Das Ergebniß deS MeinungS- kampfeS scheint jedoch ein negatives zu fein.
Die politische Krisis in England ist zu Ende. Mit einer Majorität von mehr als 50 Stimmen zu Gunsten der conservativen Seite deS neuen Parlament- Hat daS Land seine Entscheidung gefällt; Gladstone'« Entlassungsgesuch ist. am Dienstag von der Königin gnädigst angenommen und DiSraeli mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt worden. Da« vornehme Londoner Stadtviertel Belgravia ist am 13. d. durch eine gewaltige Feuersbrunst in Schrecken gesetzt worden; das sogenannte Pantechnicon, ein großartiger Aufbewahrungsort für Möbel, Kutschen, LuxuS-
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Feine Welt.
Novelle von Max Ring.
(Fortsetzung.)
Nur wenige Augenblicke waren dem Trunkenen »och gegönnt. Ein längeres Verweilen hätte auffallen können. Die Zeit drängte, und Julie, die vietbewun- bette Schönheit, zu bereu Füßen die ausgezeichnetsten Männer schmachteten, hatte ihr Jawort dem einfachen Birkeneck gegeben, der höchstens gegen jene mit einem bedeutenden Vermögen in die Schranken treten konnte.
Fast berauscht von seinem Glück blieb Oskar allein zurück. Er hatte Alles vergessen, das morgende Duell, feine Anordnung, selbst die liebliche Adele, welche ihn vergebens in dem Salon gesucht. Endlich sand die Schwester den Seligen in seiner träumerischen Zurück gezogenheit. Das Geheimniß preßte ihm das Herz ab, doch er durfte nicht das Schweigen brechen, welches die Gräfin vorläufig von ihm gefordert hatte.
An AdelenS Seite erschien er im strahlenden Salon. Seine Augen suchten Julie, welche von einem Schwarm bewundernder Männer umgeben war. Kein Blick, keine Miene verrieth ihre innere Bewegung. Sie scherzte und lachte, als wäre eben nichts vorgefallen, als hätten ihre blühenden Lippen nicht erst im Augen blicke daS Gelübde ewiger Liebe und Treue ausgesprochen.
Jetzt näherte sich ihr der Fürst und forderte sie zum Tanz aus. Der Ball, mit dem daS Fest schloß, sollte beginnen.
Sie schwebte an Oskar vorüber, ihr Blick begegnete jetzt im Gnverständnifse dem feinigen. Während bet Fürst sie in feinen Armen hielt, glaubte Birkeneck die Gewißheit feines Glückes in ihren Augen zu lesen. Beide Männer schmeichelten sich mit dem ausschließlichen Besitze diese« Herzen», da« aller Welt ein Siäthsel blieb.
In der Pause näherte sich Oskar der der Gräfin und forderte den nächsten Tanz, den sie ihm lächelnd iusagte.
— Sie tanzen heut bester als je — flüsterte sie während der Polka.
— Wundern Sie stch? — fragteer.
— Still! man kann uns belauschen. —
In der That tanzte Oskar heute mit ungewohnter Leidenschaft. Sonst kein Freund dieser Bewegung , überließ er sich wieder nach langer Zeit derselben mit einer Art von Genugihuung. Julie riß ihn mit sich fört und im seligen Taumel schwebte er an ihrer Seite durch den strahlenden Salon.
Plötzlich stand der Fürst in seiner Nähe wie ein drohendes Gespenst. Er klopfte Oskar leise auf die Schulter und flüsterte ihm in’« Ohr:
— Vergessen Sie nicht morgen Ihr Duell. Wenn Sie sich dermaßen echauffiren, werden Sie nicht sicher zielen. Ihre Hand wird zittern. —
Oskar schrack zusammen. Ein leises Frösteln überschlich ihn unwillkürlich. Er hatte aus verzeihlichen Gründen ganz und gar das Duell vergesten. Jetzt fiel es ihm zur rechten Zeit noch ein. Er fühlte, daß er noch einige Sunden der Ruhe bedurfte und war entschlossen, die Gesellschaft unbemerkt zu verlassen. Gern hätte er von Julien Abschied genommen. Seine Blicke suchten Sie vergebens. Sie war verschwunden.
Er mußte sich entfernen, ohne sie wiederzusehen.
Auf dem Heimwege sagte die besorgte Schwester: — Oskar, Du kommst mir so verändert vor. Bist Du unwohl? —
— Das ich nicht wüßte, — beschwichtigte er die Zärtliche. — Mir fehlt wirklich nichts. —
Als aber Adele sich auf ihr Zimmer begeben wollte, drückte er sie inniger al« je an seine Brust. Er küßte sie immer von Neuem und schaute ihr noch lange nach als sie schon längst verschwunden war. Eine Th'räne zitterte in seinem Auge. Wem sie galt, wußte er selber nicht, ob der holden Schwester oder der strahlenden Julie.
Vielleicht sollte er Beide niemals Wiedersehen.
VII.
Oskar erwachte noch zur rechten Zeit. Um keinen Verdacht zu erregen, kleidete er sich selber an. Er war soeben mit diesem Geschäfte fertig geworden, als sein Sekundant eintrat, um ihn zu dem verhängniß- vollen Gange abzuholen. Still und geräuschlos verließen Beide das HauS. Draußen wartete in einiger Entfernung die Equipage, welche sie sogleich bestiegen. Das Duell sollte in der Nähe eines Wäldchens statt- finden, welches ungefähr zwei Meilen von der Residenz entfernt lag.
Er besaß einen hinlänglichen Muth und fürchtete nicht den Tod, dennoch war seine Stimmung noch ernster als gewöhnlich. Ihm fehlte der leichte Sinn des Fürsten, der schon ost in kühnem Uebermuth der drohenden Gefahr getrotzt; ebensowenig empfand er die kalte Todesverachtung des Barons, welcher wenig oder gar nichts zu verlieren hatte. Er hing trotz seiner ernsten, fast melancholischen Gemüthsstimmung an dem Leben. Sein Vermögen sicherte ihm eine angenehme Existenz. Dazu kam die Liebe zu seiner Schwester und die Leidenschaft für Gräfin Julie, die erst gestern eine unverhoffte Erwiderung gefunden hatte. Gründe genug, um das Stillschweigen zu erklären, mit dem er an der Seite seines bewährten Freundes und Sekundanten saß.
Dieser suchte seinen traurigen Gefährten zu zerstreuen und gab ihm passende VerhaltungSregeln, wie und auf welche Weise er die Gefahr vermeiden und dagegen seinen Gegner zu Boden strecken könne.
— Der Baron hat natürlich als Beleidigter den ersten Schuß, — bemerkte in gleichgiltigein Ton der Sekundant, welcher schon manchem Duelle beigewohnt zu haben schien und deshalb gegen derartige Scenen abgestumpft war. — Du bietest ihm so wenige Fläche als möglich, indem Du während des Zielens eine kleine Seitenbewegung machst. —
(Fortsetzung folgt )