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JRarÖUtg, Sonnabend, den 21. Februar.

187L.

güt m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme %jn Adressen werben^ HrLech^ SämWe°L^ K's^^r. -?

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Febr. Die gestrige Sitzung des Reichstags war nicht ohne dramatisches Interesse. Der zur Verhandlung stehende Antrag der Abgeordneten von Elsaß und Lothringen betraf immerhin einen Ge­genstand, für welchen selbst die Gegner eine würde­volle und achtunggebietende Vertretung wünschen mußten. Daß der Akt, welcher in der Tendenz der Antragsteller die Bestimmung hatte, ein historisch-denkwürdiger Mo ment und für künftige französische Politiker ein Rechts- litcl zu sein, so sehr der Würde entbehrte und fast zur Posse auSartele, lag znm Wesentlichen iii der schlechten Regie des Stückes, in der durchaus schlechten Rollen- vertheilung. Im Urbrigen bot das Haus im Augen­blick des Beginns der Verhandlung ein stattliches Bild. So vollzählig wie fast noch nie waren die Herren Ab geordneten am Platze, die Tribünen in einer bisher kaum dagrwesenen Weise überfüllt; Fürst Bismarck und eine stattliche Vertretung der deutschen Regierungen sowie des Reichskanzler-Amtes am Tische des Bundes ratheS. In nächster Nähe des Kanzlers stand der Kriegsministers General von Kameke in der bei der Eroberung des Elsaß so hoch zu Ehren gekommenen Jngenieuruniform, Feld Marschall Moltke halte nicht weit davon seinen Platz als Abgeordneter inne. Hinter dem Fürsten dicht bei einander die Militär-Bevollmäch­tigten von Baiern und Württemberg, neben ihnen zwei preußische Generale ein schönes Gesammtbild jener einheitlichen Stärke Deutschlands im Rathe und im Felde, jener Stärke, welche die großen Erfolge er­rungen, die der unruhig gcstikulirende Redner dort auf der Tribüne in Frage stellen wollte, j-ner Stärke, an welcher jeder, selbst jeder bewaffnete Protest wirkungs­los zerschellen muß. Herr Teutsch wollte rühren, und verstand nur wiederholt das minutenlange Gelächter des HauseS herauszusordern, in welche« auch der ge samwte BundeSralh herzlich einstimmte. Die Exempli­fikation auf Napoleon III. mit dem Zugeständniß, daß derselbe allerdings nur den Schein gewahrt habe, prägte dem ganzen Protest ein unauslöschliches Gepräge auf. Herr Bischof Raeß hatte, hart vor dem Platz dcS Reichskanzlers, dem ersten Redner zugehört. In würdevoller Haltung zur Tribüne. Sein Auftreten war geeignet, ihm manche Sympathie zu erwerben. Die vielleicht nicht ohne schmerzliches inneres Ringen abgegebene Erklärung, welche ebenso von Einsicht wie von Würde zeugt, und deren Wortlaut folgender war: Um einer mißliebigen Deutung vorzubeugen, die uns, »mich und meine Glaubensgenossen berühren könnte, finde ich mich im Gewissen gedrungen, eine einfache

Erklärung abzugeben: Die Elsäffer-Lothringer meiner Konfession sind keineswegs gemeint, den Vertrag von "Frankfurt, der zwischen zwei großen Mächten abge. schloffen ist, in Frage zu stellen. Das wollte ich von vornherein erklären" weckte wiederholte und laute Beifallsrufe. Daß die Herren aus Elsaß Lothringen, sei es Absicht, sei eS Zufall Hr. Teutsch soll ge rufen haben: Jetzt wollen wir nicht! bei der Ab­stimmung über ihren eigenen Antrag sitzen blieben entsprach dem Inhalt und der Bedeutung desselben,' Herr Ewald, Herr Sonnemann, die Polen und die prinzipiellen Gegner einer jeden Antastung fremden Gutes auf völkerrechtlichem Gebiet: Die Social demokraten votirten für den von den Antragstellern aufgegcbenen Antrag.

In Sachen der Schüler-VerbindungWalhalla" ist eine Verfügung des Cultusministers ergangen welche der ferneren Theilnahmc an dieser Verbindung etn Ziel setzt. Das Verbot bezieht sich darauf, daß die Theilnahmc nur unter Voraussetzung einer Uebcr- wachung durch die Directoren und Lehrer der retp. Schul-Anstalten Statt finde. Eine solche aber sei nur in unzureichender Weise geübt worden und könne jetzt, nachdem die Verbindung sich über ganz Deutsch­land verbreitet habe, thaisächlich nicht mehr eintreten; es muffe also die frühere Gestattung der Beiheiligung zuruckgezogen werden. In verschiedenen französischen Blättern, auch im Journal de Gensvc, findet sich die Nachricht, daß Fürst Bismarck seiner Zeit bei der englischen Regierung den Antrag gestellt habe, das katholische Meeting in Gt. James-Hall zu hinter trclb.n. Diese Behauptung ist natürlich aus der Luft gegriffen.

, 18. Febr. Die Landtadsversammlung

beschloß, een Comi-ebericht über das Verfaffnngswerk nebst den gefaßten Beschlüffen den Rcgierungscommis saren zu übergeben. Der Antrag, die Weiterberathung der Grundzügc auSznsetzen, wurde bei erfolgter Ab­stimmung abgelehnt.

Meiningen, 17. Febr. Der Oberst-Lieutenant v. Engel ist vom Kriegsgerichte wegen Wechselfäl­schung zu vier Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Derselbe wird der Civilbehörde überwiesen.

Gießen, 16. Febr. Der Jahresbericht unserer Handelskammer pro 1872 gewährt einen überraschenden Ueberblick über den in stetigem Aufblühen befindlichen Handel und Verkehr hiesiger Stadt. Indessen sollte

^doch nach dem Wunsche der Handelskammer auch die > sehr gcwerbreiche nähere Umgebung der Stadt in die ompbtMj des Instituts mit hereingezogen werden

I Die Bemerkungen des Berichtes über Münz-Gesetze i und Relchsgcwerbc-Ordnung, Eiseiibahnen, Bergwerke, Expropriation und Localsachen enthalten auch heute noch Beherzigungswerthes. Unter den Industriezweigen steht die Tabaks-Fabrikation voran. Dieselbe werde 18-)2 von 15 Firmen betrieben, welche 21644 87 Ctr. Rohtabak (gegen 18234,25 Ctr. in 1871) verzollten Verarbeitet wurden 39,194 Ctr. Rohtabak Die Pro­duction betrug 13,170 Ctr. Tabak und 157,214,000 Agarren. Auch die Textil - Industrie, ebenso das Manufaclur-Geschäft entwickelten rege Umsätze. Ferner besitzt Gießen sechs Gcoßdrauer; die Liqueur , Essig- und Essigsprit-Fabrikation ist von Belang. Auch der Producten und Holzhandel nahmen regen Aufschwung. Vor Allem sind aber die bedeutenden Viehmärkte zu er-

<3kl 1872 waren 12,093 Schweine, und 16,172 L-luck Rindvieh aufgetrieben. Auch die Ver- kehrsanstalten beweisen durch ansehnliche Ziffern den blühenden Verkehr des Platzes.

Müncheu, 17. Febr. Der König leivet seit einer Hieeheekunfl von Hohenschwangau an einer Furunkel mit roihlaufartiger Entzündung. In ber neuesten Auflage desLeitfaden für den Unter­richt des Infanteristen und Jägers der königlich bairischen Armee" ist am Schluffe des XVII. Abschnittes, facher von dem Verhalten der Mannschaften deö Bcnrlanbtenstandcs handelt, folgendesWort an die Männer des Bcurlaubtenstandes" gerichtet:Gegen­wärtig streiten sich zwei Parteien um die Gunst der Massen. Die rolhe Internationale (Kommunisten, Docialdemokraten re.) predigt den Umsturz der be- tehenden Ordnung und Krieg gegen die Herschaft des Capstals, ordnet Streiks der Handwerker an und erklärt den Arbeitcrstand für unterdrückt, während er nie freier war als jetzt. Die schwarze Internationale (Ultramontane, Patrioten) dagegen will das deutsche Reich umstürzen und an seine Stelle die römische Priesterherrschaft setzen; dazu sollen die Franzosen helfen! Die Schwarzen erkkären die Kirche in Gefahr, welcher doch nur durch ihr eigenes haß- und rach- üchliges Gebühren Gefahr droht und würden am liebsten einen Religioiiökrieg entzünden. Beider Ziele ind gleich staalsverbrecherisch. Hüte darum Jeder ich vor seinen Lockungen und bleibe treu seinem Fahneneide". Das Präsidium des baierischen Krieger- Bundes hat die baieri,chen Krieger-Vereine zum dies­jährigen Delegirten-Tag auf den 29 Juni nach dem Markte Schwaben bei München berufen. Durch Beschluß der niederbaierischen Kreisregierung wurde in Pfarrkirchen den Allkatholiken die dortige Spital-

Frinr Welt.

Novell- von Max Ring.

(Fortsetzung.)

VI.

Der übertriebene Enthusiasmus, welchen das aus­gezeichnete Spiel des Virtuosen hervorgerufen, hatte einer geistigen Erschlaffung Platz gemacht. ES war eine jener bedenklichen Pausen eingetreten, die der Gesellschaft ihre eigene Leere und Nüchternheit zu­weilen in Erinnerung bringt. Gute Wirthe dürfen einen solchen Augenblick nicht übersehen, wo das Ge- spcnst der Langeweile seinen dunklen Schatten wirft. Deshalb allein hatte die Gräfin Julie sich nicht ge­weigert, durch ein Lied die abgespannte Stimmung wieder zu beleben. Es war allerdings gewagt, mit ihrem Talente neben einem solch' außerordentlichen avszutreten, aber sie besaß in der That eine Herr liche Altstimme und rechnete auf die Nachsicht ihres Publikums.

Der Virtuose begleitete sie auf dem Flügel und fi« stimmte eines jener tiefgefühlten Lieder des un- firrblichen Schubert an. Sir hatte dietrocknen Blumen" des großen Meisters gewählt.

Julie besaß eine ungewöhnliche musikalische Bil­dung und einen dramatischen Vortrag, der vorzüglich für derartige Lieder nothwendig ist. Dazu kam eine ®nerliche Erregtheit, die allerdings geschickt genug fvar, vor der Gesellschaft zu verbergen, welche aber W in ihrer Stimme durchzikterte.

Die Töne erhielten eben dadurch eine eigenthüm- lich schwermuthvolle Stimmung, welche zu dem Siebt paßte. Ihr Gesang war heute besonders seelcnvoll und ergreifend. Die Gefühle und Empfindungen welche sie bisher gewaltsam unterdrückt halte, brachen mrt hinreißender Macht hervor, und selbst bewegt, erschütterte sie die Andern. Ihr Schmerz hatte einen Laut gefunden, und in süßen Tönen hauchte sie ihre Leiden aus. ' *

Die Gesellschaft empfand den ganzen Zauber Niemniid aber fühlte tiefer als Oskar den melan­cholischen Reiz, der in ihrem Vortrag lag. Er saß mit geschloffenen Augen und lauschte dm magischen Klangen, welche wie unzerreißbare Bande sich um seine Seele schlangen. Dieses Gcmülh zu verstehen, solch ein Herz sein eigen zu nennen, dünkie ihm das höchste Glück. Adele, welche das Spiel der Sir luoscn ergriffen hatte, war von Juliens Gesang weit mehr ergriffen. Ohne daß sie cs wußtc, standen Thranen in ihren schönen Augen. Zwischen den sich zärtlich liebenden Geichwistern herrschte »eine innige Dympalhie.

Die Herzogin näherte sich der Sängerin, nachdem das Lied beendet war, und sagte ihr einige schmeichel­hafte Worte, welche diese in feiner Weise von sich ab­lehnte. ' '

Außer von der Schröder habe ich nie ein Schubcnsches Lied in solcher Vollkommenheit gehört, bemerkte die hohe Frau. Sic fingen mit dem

Herzen. So kann nur ein Weib singen, daö wirklich liebt.

Julie erröthete und schaute auf den Fürsten, der zur Seite stand. Dieser starrte den Boden an und zeigte eine bedenkliche Verlegenheit, die er trotz seiner weltmännischen Gewandtheit in diesem Augenblick nicht zu bemeistern verstand.

Es war wiederum eine vcrhänguißvolle Pause ein- getreten, welche durch das stürmische Verlangen des Publikums beendet wurde, das ein zweites Lied von Julie dringend forderte.

Die Gräfin trat um ihre Verlegenheit zu ver­bergen, wo möglich noch aufgeregter an das Instrument, ®° ber Virtuose von Neuem seinen Platz eingenommen halte, um sie zu begleiten. Diesmal hatte sie das Liedrastlose Liebe" von Göthe gewählt, welches eben­falls von Schubert komponirt war. Der Gesang trug einen ganz verschiedenen Charakter von dem vorigen. Wie lodernde Funken sprühten die feurigen Töne der wundervollen Dithyrambe und entzündeten die Herzen der Hörer. Wilder Jubel und kühnes Jauchzen, alle Schmerzen und alle Wonnen ber Liebe brachen mit unwiederstehlicher Gewalt aus Juliens Brust hervor.

Alles vergebens, Krone des Lebens Glück ohne Ruh' Liebe bist tu

So lautete der Schluß des Liedes, das wie schäumender Most alle Bande sprengte und die Seele der Zuhörer berauschte.