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jfr. 35. JRaüÜucg, Dienstag, den 10. Februar. 187/4«

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'Lj Sgr., durch die Postämter 37 Sgr. i excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 33 Sgr. - ,Jnsertiousgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 2j Sgr. berechnet. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Deutsches Keich.

Berlin, 7. Febr. Wie derWes.-Ztg." tele- Lrophirt wird, würde der Kronprinz voraussichtlich fkin-n Aufenthalt in Petersburg bis zur Ankunft des jtLiferS von Oesterreich ausdehnen. DaS Rund- schreiben des Fürsten BiSmarck, besten Existenz außer Sweisel steht, ist in der ersten Hälfte des Januar, also etwa vor 3 Wochen, an die deutschen Vertreter bei dm europäischen Cabinetten erlassen worden. Man bat es hier offenbar mit dem officicllen Acten- Me zu thun, welches in französischen und englischen Plättern als an die französische beziehentlich dio bei gische Regierung gerichtete Note bezeichnet wurde. Der Buntesrath ist heute zu einer Plenarsitzung zu- sawmengetreten. Zu den Gegenständen der Berathnng g-hört auch da» Preßgeietz. Dem AuSgange der Präsidentenwahl im Reichstage sieht man begreiflicher Weise mit größter Spannung entgegen. Die SIbgg. v. Benda und Weigel haben sich persönlich zu dem Präsidenten Dr. Eimson nach Frankfurt a. O. begeben, um denselben zu bestimmen, seine entschieden ausge sprochcne Verzichtleistung aus die Präsidentenwahl zu lülkzunehmen und sich der Wahl nicht zu entziehen, da man ja seinen Urlaub bis zur Wiederkehr seiner Kräftigung verlängern und seine Funktionen inzwischen durch den ersten Vicepräsidenten versehen lasten könnte. Bei einer definitiven Ablehnung wird jedenfalls Forcken- ieck gewählt werden. DieNordd. Allg. Ztg." »acht darauf aufmerksam, daß dieAssemblee nationale" in einer Correspondenz aus Konstantinopel von dem ausschließlichen Recht Frankreichs aus da» Protektorat über die römisch-katholischen Bewohner der Türkei wie von einer feststehenden Thatsache redet. Von solchem Lchutzrecht sei nichts bekannt. DieNorddeutsche" hofft, dieAssemblee" sei schlecht unterrichtet, wo licht, dann sei von dem VersahrD deS französischen öolschasterS immer noch kein Schluß auf das Ver­halten der französischen Regierung statthaft.

Die heutige Versammlung im großen Saale de- Rathhauses war sehr zahlreich besucht. Alle Frac- Mnen de» Reichstages und des Landtages (ausge­nommen die Centrumsparteien) waren vertreten, dar enter Graf Moltke, Fürst Hohenlohe-Langenburg, Fürst Pleß, Graf Usedom, fast alle Professoren der Icademie und der Universität, alle Stände und Be rusSkreise durch die hervorragendsten Persönlichkeiten «pkäsmtirt. Der Vorsitzende, Professor Gneist, warf « einer Rede eine« Rückblick auf die Geschichte des don dem großen protestantischen Geiste der Wahrheit, dm Geiste der bürgerlichen Freiheit und der Denk

freiheit geleiteten Englands, der England hoch erhoben und demselben doch die Einfachheit der Sitten und die Gottesfurcht bewahrt und auch die schweren Kämpfe Deutschlands speciell Preußens für die Gewffsensfreiheit seit dem westphälischen Frieden bis heute geführt habe. Tiefer Sinn für Gewissensfreiheit und Gedankenfreiheit sei der deutschen und der englischen Nation gemeinsam deßhalb die Erwiederung deS RufesGott segne den Kaiser Wilhelm", durch den ZurufGott segne Alt- England, den sichersten Bundesgenosten in dem Kampf für bürgerliche Freiheit und Religionsfreiheit." Ober consistorialrath Dörner hebt hervor, er nehme nicht das Wort in Parteilichkeit und Polemik einer Con­fessio» gegen die andere, er wolle nur als protestan tischer Geistlicher bezeugen, daß der Staat der Herr sein müsse in seinem Hause. Er weist auf die Gren­zen dieses Rechtes mit dem Worte deS großen Kur fürsten hindie Gewissen sind Gottes Redner." Er weist sodann nach, daß der jetzige Kampf die Religion und die Gewissen gar nicht berühre, die jetzigen preußischen Kirchengesetze hätten viel ausgedehnter schon längst in Württemberg gegolten. Was die Curie wolle, sei mit dem Geiste der Freiheit unver träglich. Ein Bekenntniß, das die Luft der Freiheit nicht vertrage, wüste sich vor sich selber schämen. Redner hebt schließlich den Unterschied zwischen katho­lischer Christenheit und UliramontoniswuS hervor. Der ReickStagsabgeordnete Völk (Augsburg) empfiehlt als Katholik und Süddeutscher die Resolution und leitet die Berechtigung dazu daraus her, daß 9000 katholische Männer ihn trotz seiner Anschauungen zum Reichstags Abgeordneten gewählt hätten, und daß seit einem Jahrhundert schon in Bayern weit ausgedehnter und schärfer bezüglich deS katholischen CleruS zu Recht bestehe, was jetzt in andern deutschen Ländern zum Gesetz erhoben werden solle. Redner weist nach, daß der jetzige Kampf lediglich eine Folge der Herrschsucht der Kurie und eines politischen Systems innerhalb der katholischen Kirche sei und stellt dem von Gneist hervorgehobenen englischen und protestantischen Geist den germanischen Geist entgegen, dessen Tochter die Reformation gewesen sei, die England und Deutsch­land an die Spitze der um die Freiheit ringenden Völker gestellt habe. Nachstehende Resolution gelangte hierauf mit allen gegen eine Stimme zur Annahme: Mitglieder deS deutschen Reichstages und beider Häuser des preußischen Landtages, Vertreter der hauptstädtischen Verwaltung und Bürgerschaft und Männer der Wis­senschaft, Kunst und aller Berufsklaffen, versammelt im Rathhause zu Berlin, sagen der Versammlung in

Saint James-Hall und Exeter Hall tief empfundenen Dank für die am 27. Jan. gefaßten Beschlüsse. Dieser warme Ausdruck der Sympathien England« für den deutschen Kaiser und die deutsche Nation in ihrem Wi­derstande gegen die Politik der ultramontanen Partei ist ein Unterpfand, daß dic beiden Nationen auch in Zukunft treu zusammensteheu werden in dem mann­haften Kampfe für die bürgerliche und religiöse Frei­heit." Tie Resolution soll durch die deutsche Botschaft den Absendern der englischen Sympathie-Resolution zuge­stellt werden. Zur Unterzeichnung wird von der Ver­sammlung eine Anzahl Personen ouserwählr, darunter Graf Moltke, Dr. Simson, Fürst Hohenlohe, Graf Wrangel und Dr. Völk. Die Versammlung wurde mit einem Hoch auf den Kaiser 83/4 Uhr geschloffen.

Pose», 7. Febr. Die Erzdiöcese verwaltet ein vom Erzbischof vor seiner Verhaftung eingesetzter Ver- waltungSrath von Domherren; man glaubt nicht, daß die Staatsregierung dieser Form der Verwaltung der Erzdiöcese ihre Zustimmung ertheilen wird.

Ostrowo, 5. Febr Dem Erzbischof Ledo- chowöki ist außer der Sclbstbeköstigung das Lichtbrennen und die Lektüre von Zeitungen gestattet und empfängt er den Besuch be« Gefängniß-Seelsorgers. Uebrigen« ist derselbe den Bestimmungen der Gefängniß-Jn- struktion vom 27 Oktober 1839 unterworfen. Erzbischof Ledochowski steht mit der Diöeese in keiner Verbindung. Derselbe hat cs abgelehnt, die im In- spectionszimmer gestatteten Besuche zu empfangen, da­gegen für seinen Hauskaplan die Erlanbniß, ihn täglich besuchen zu dürfen, erbeten sowie di, Genehmigung der Einrichtung einer besonderen Betkapelle nachge­sucht. DaS KreiSgericht hat das Posener Appellgericht befragt.

Esse», 5. Febr. Ein scheußlicher VaudaliSmuS ist in der Nacht auf gestern auf dem alten Kirchhofe begangen worden, indem dort 17 Denkmäler umge- stürzt und zertrümmert worden sind. Irgend welcher religiöse Fanatismus scheint hierbei kein Motiv ab­gegeben zu haben, da es Denkmäler Verstorbener beider christlicher Cvnfejstonen sind. Am Sonntag Abend wurde auf den gegen 1/28 Uhr von Dortmund in der Richtung nach Effen abfahrenden Personenzug, als derselbe eben den Bahnhof verlassen, ein Schuß abgefeuert. Derselbe zertrümmerte ei« Fenster von einem Coupe zweiter Classe, in welchem sich glück licherweise nur zwei Personen befanden, und schlug die Kugel in da« Polster ein, ohne die Passagiere zu verletzen.

Hamburg. 6. Febr. Ein Beamter der hiesige»

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Eine Criminalgeschichte.

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Wir könnten hiermit schließen, da das crimi« ilus- "Epische Interesse de« Falle« erschöpft ist; aber die kerei Dorische Treue macht e« uns zur Pflicht, noch ein Nachstück folgen zu lasten, durch welches die erzählte Begebenheit ihren vollständigen Abschluß sand. Emilie Seien wurde gleich nach dem Verhöre auf Veran- oltung be« Assessor« mit großer Schonung von dem verbrechen ihres Verlobten in Kenntniß gesetzt. Wir ollen es nicht versuchen, bett furchtbaren Eindruck i" schildern, welchen diese Mittheilung auf das schöne unschuldige Mädchen machte. Nach dem ersten Umbruch der trostlosesten Verzweiflung wurde sie '"Higer, und verlangte, den Verbrecher noch einmal 8 sehen. Alle Versuche, dieser Absicht entgegen zu

5 «rtrti, blieben erfolglos; Strehlen gestattete daher - Zusammenkunft in dem Gefängnisse. Dahin be- | - Wi sich Emilie in Begleitung ihres Vaters am frühen

* Morgen des nächsten Tages. Der Gcfangenwärter Zsorie ganz unbefangen die Thür der Zelle, und bat T^ilie einzutreten. Aber ein entsetzlicher Anblick er "Ortete sie. Brand hatte sich unmittelbar vorher mit wtem Taschentuch an einem, zum Aufhängen von r,i- EeidungSstücken in der Wand befestigten Haken er- *n8l- DaS nach der Thür sich gewendete Gesicht schwarzblau gefärbt, und bi« zur Entstellung auf» Mneben, die Augen weit geöffnet und au« ihren -" Zohlen vorgetreten, die Zunge hing aus dem mit

Schaum bedeckten Munde, die letzten TodeSzuckungen liefen noch über die verdrehten Glieder. Kaum halte Emilie einen Blick auf die Leiche geworfen, als sie mit einem herzzerreißenden Schrei leblos zu Boden sank. Erst am späten Abend gelang eS den sorg­fältigen Bemühungen des ArzteS, sie in das Leben zurückzubringen; aber wilde Fieberphantasien traten an die Stelle des scheinbaren Todes, und erst am Morgen schien sie die Besinnung wieder zu gewinnen. Sie fragte nach Brand, man mußte sie nach dem Grabe an der Mauer de« Friedhofs führen, wo der Leichnam des Selbstmörders inmiltelst beerdigt worden war. Sie warf nur einen einzigen starren Blick auf den Grabhügel, und ließ sich dann wort und willen los zurückführen. Sie blieb den ganzen Tag über in diesem Zustande starrer Theilnamlosigkeit, und Todes­blässe bedeckte ihr Gesicht. In der tiefen Dämmerung aber trat eine flüchtige Röche auf ihre Wangen, sie wurde unruhig, und da man sie auf den Wink des Arztes gewähren ließ, schlich sie vorsichtig und mit dem augenscheinlichen Bestreben, von Niemanden ge sehen zu werden, aus dem Hause, ging eilenden «Schrittes auf den Friedhof, beugte sich über das Grab des Verbrechers hin, und tief mit gedämpfter Stimme: Eduard! sie wollen dich zum Richiplatz führen! Eduard!--komm!--komm!--komm!"

Die ängstliche Hast, mit welcher diese Worte ausge rufen wurden, steigerte sich zuletzt fast bis zur Ver zweiflung. Dann erhob sie sich rasch, faßte in die Luft, al« ob sie die Hand eines Andern ergriffe, und

lies bann mit ber Schnelligkeit der Todesangst über die Gräber nach dem Eingang de« Friedhof« und von da in das Hau» ihres Vaters, dem sie fast leblos in die Arme sank

Diese traurige Scene wiederholte sich an jedem Abend; während sie den ganzen Tag über ruhig vor sich hinstarrie, niemals ein Wort sprach, nie einen Wunsch zu erkennen gab, aber sich Allem willenlo« fügte, wa« man von ihr verlangen mochte. Ihre Kräfte schwanden sehr rasch; man machte daher einen Versuch, sie von dem Gang auf den Friedhof zurück­zuhalten ; dies hatte jedoch einen Zustand so namen- loser Angst zur Folge, daß mack ihr auch ferner ihren Willen ließ. Der Arzt, welchen man in dieser Rich­tung um sein Gutachten fragte, erklärte: ihr Todes- kämpf würde kürzet, aber weit schmerzhafter fein, wenn man ihrem Willen entgegentrete.

»Also haben Sie keine Hoffnung?" erwieberte ber alte Rosen.

»Keine. Wie weit bie Kräfte ber Natur gehen, eine physische Krankheit zu öbermtnben, kann kein Arzt bestimmen; das tiefste Seelenleiben aber führt stets zum Tode ober zum Wahnsinn, wenn seine Ursache nicht gehoben werden kann."

Wer hätte es nach dieser Erklärung unternehmen mögen, dem Willen -brr Unglücklichen entgegen zu treten? Die Eltern gewiß am wenigsten, baten bie Leiden ihres Kindes am Leben nagten.

Mehrere Wochen waren vergangen; Emilien« Kräfte halten so sehr abgeuommen, daß sie da« Bett am