Mr. 21 "" Marburg, Sonnabend, den 24. Januar.
1874«
Oierhessische AeitunM
Erscheint täglich süßer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (floch'sche Buchdruckerei) bezogen 221 Ggr durch die Postämter 27 8gr. texcl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.
Deutscher Reich.
•# Berlin, 22 Jan. Die Suspendirung des plttamonianen „UniverS“ hat in Frankreich eine starke Aufregung hervorgedracht, welcher die Presse in ver schiedener Richtung Ausdruck gibt. Vielfach gönnt man dem päpstlichen Blatt sein Schicksal, da eS sich durch seine Hetzerei und Frechheit gegen Alles, was nicht unter die päpstliche Herrschaft sich unbedingt beugen will, verhaßt gemacht har; andererseits lehnt sich der französische Nationalstolz gegen die beschämende Annahme auf, daß die Regierung bei dieser Maßregel sich von dem Einfluß Deutschlands habe leiten lassen, und selbst die Vernünftigen wünschten, die Regierung hätte früher au« eigener Initiative durch Unterdrückung der clericalen Friedensstörungen sich und dem Lande dir beschämenden Folgen der Nachsicht gegen die cleri cale Pödelhastigkeit erspart. Diesen Wünschen, welche stühcr schon in angesehenen Blättern, z. B. „Journal des DebatS“ und „Revue de dcux mondeS", laut ge worden waren, kann man ihre Berechtigung nickt absprechen; daß sie ungehört verhallten und erst von deutscher Seite dem Gebote internationaler Rücksicht durch stärkere Recepte Nachdruck gegeben werden mußte, hat die französische Regierung selbst zu verantworten llrbrr Mangel an Schonung und Geduld kann gegen Deutschland nicht geklagt werden; sie ist lange geübt worden, ehr man daS Maaß für voll hielt und sich entschloß einen wirksamen Dämpfer auszusetzen. Auch dem „Opikston nationale" ist der öffentliche Verkauf verboten worden. — Nulla dies sine lineal denkt die „Germania"; demgemäß glaubt sie heute einen beson deren Trumph auSzuspielen, indem sie der neuen an« geblich unächten Bulle zur Vergleichung eine alte de 13. November 1798 verfaßt« Bulle Pius VI. gegen überstellt, die in gleicher Veranlaffung, unter fast gleichen Umständen entstanden war und eben aus diesem Grunde viel Sehnlichkeit mit der neuen haben muß. DaS Resultat ist aber der an die ausführliche Vergleichung angewendeten Bemühmig nickt werth, denn dir Schlußfolgerung, die dadurch gerechtfertigt werden soll, ist auffallend verfehlt. Die alte Bulle, welche nach der ganz willkürlichen Behauptung deS päpstlichen EotdschreiberS der gefälschten Bulle als Modell gedient haben soll, kann ja mit demselben Recht auch zu der ächten neum Bulle als Muster verwendet worden sein. Die« liegt ganz nahe und ist um so wahrscheinlicher, al« eben gleicher Zweck, gleiche Verhältniffe und mancherlei andere Gründe diese Voraussetzung begrün den. Den Beweis, daß das Muster von anno 1798 absolut nur für eine unächte und nicht ebensogut, ja «um »...... MSB
A«S dem Leben.
Original-Rovelle von Rudolph Mükbeuer.
(Fortsrtzung.)
Als Walden sie verlassen, trat Frau von Hußlar i Fenster und schaute ihm nach; sie sah ihn über Hof schreiten, in den Schlitten steigen und davon rtn, ohne daß er zuvor auch nut einen einzigen ck nach ihre« Fenster zurückgeworse«.
Da sie Walden aufrichtig liebte, so ist «S kein Wunder, daß «»ter dem Einflüsse dieser Liebe, Hoff' tumgen, Wünsch«, fast mädchenhafte Träume, die sie wenig Wochen früher selbst belächelt haben würde, in ihrem Herze» sich geregt. ES gab Momente, wo die an Glanz und LnxUS gewöhnt« Frau sich allen Ernstes eindildete, daß sie an WaldenS Seite selbst in einer Hütte glücklich zu sein vermöge. Ohne Zweifel wat die» eine Selbsttäuschung, allein daß sie sich einer solchen Täuschung hingeben, an sie ßlauben konnte, da» zeugte wenigstens von der Stärke ja«» Gefühles, welche» «ine solche Illusion in ihr zu erwecken vermochte.
Uebrigen» wußte Frau von Hußlar, daß Walden ihre Liebe nicht theile. Die» hatte ihr schon seine Antwort auf ihren Bries gesagt. Wie hätte er ihr fonft auch zumuthen können, wa» ihr stolzes Herz al» sin« Demüthigung empfinden mußte, fordern, daß sie Ir Bekenntniß ihrer Schwester wiederhole? Hätte er R geliebt, wie sie ihn liebte, wa» hätte er dann nach
Achtung Anderer gefragt? Würde sie für ihn
sogar mit viel größerer Wahrscheinlichkeit bei der Gewohnheit zum Festhalten an der Tradition auch für die neue ächte Bulle als Grundlage aus dem Archiv hervorgesuchl worden sein soll. diesen Beweis der Hauptsache bleibt der päpstliche Soldschreiber der Welt leider schuldig. Schade um die viele verlorene Drucker schwärze! Der Mohr wird davon doch nicht weiß; er behält die ihm und seiner Sache anhängende dunkele Couleur erst recht!
— 22. Jan. Die „Nordd. Allg. Ztg.“ schreibt officiöS: Die DiScusflon über das Buch Lamarmora's in dem Abgeordnetenhause habe zur Prüfung jenes Buches Anlaß gegeben. Dabei sei constatirt, daß die von Lamarmora mitgetheilten Depeschen Govone's von Anfang bi» zu Ende gefälscht oder gar völlig rrfunden seien. In Folge besten sei an die italienische Regierung die Anfrage gerichtet, ob die fraglichen Depeschen sich in deren Besitz befinden und ob sie an der Hand der Originale daS Maaß der Fälschungen in dem Lamarmora'scken Buche constatiren wolle.
— DaS Reichskanzler-Amt hat jetzt den umfastenden Bericht des ordentlichen Profestor» der medici Nischen Fakultät der Berliner Universität, Dr. A. Hirsch, welcher auch Mitglied der Cholera - Commission des Deutschen Reiches war, über „daS Auftreten und den Verlauf der Cholera in den preußischen Provinzen Posen und Preußen während der Monate Mai bis September 1873“ veröffentlichen lasten. Die „Voss. Ztg.“ berichtet hierüber folgendermaßen: Dem gelchr ten Forscher war am 13. August v. I. der Auftrag geworden, sich nach genannten beiden Provinzen zu begeben, um nähere Ermittelungen über Auftreten und Verlauf der Cholera daselbst anzustellen und sich über vie Resultate der dort gegen die Seuche getroffenen prophylaktischen Maßregeln an Ort und Stelle zu unierrichten. Der erste Abschnitt enthält die allg« meine Geschichte der Epidemie, deren Ausbruch, wie Hirsch sagt, kein unerwartete» Ereigniß war. Die in ven letzten Jahren gemachten Erfahrungen hätten ge- lehet, daß von Polen nach Preußen, die Krankheit auf dem Wasterwege fast regelmäßig durch Weichsel kähne, Holz- und Getreide-Frachten eingeschleppt worden sei. Dann wendet er sich zum Ausbruche der Krankheit, geht den Bezirk Bromberg durch, dann Danzig und Marienwerder, und kommt hierauf zur Verbreitungsweise der Chokers, wobei er sagt: Wenn über die lediglich auf dem Wege der Uebertragung des Krankheitsgiftcs vermittelte Verbreitung der Cholera noch irgend ein Zweifel besteht, so muß derselbe bei einer aufmerksamen Beobachtung des Ganges, welchen
nicht die Welt gewesen sein, gleich wie er eS für sie war?
Da indesten Walden ihre Liebe nicht ahnte, so blieb ihr wenigstens noch die Hoffnung, daß Liebe vielleicht Gegenliebe erwecken möchte, falls Walden je die Ahnung ihrer Empfindungen für ihn aufgeben sollte, und in dieser Hoffnung überließ sie sich rui sichtSloS dem mächtigen Gefühle, welches sie beherrschte.
Diese Hoffnung war nun zerstört.
„Thörin, die ich war,“ rief sie schmerzlich aus, „nicht zu begreifen, daß er Mathilde zu sehr geliebt hat, als daß er je vergesten könnte, daß ich eS war, die ihn von ihr getrennt!“
Ihr blieb nur ein Trost: das Bewußtsein, daß Niemand ihre Liebe ahne, daß dieselbe da- Geheimniß ihres eigenen Herzen» fei.,;,/ . .. ' / ..
Zum erstenmale seit langer Zeit floh Walden in der Nacht der Schlummer; die Unterredung mit Frau von Hohenfeld beschäftigte seinen Geist und hielt ihn wach.
Walden erkannte jetzt, daß Frau von Hohenfeld ihn noch immer liebe. Wäre er ihr gleichgültig gewesen, so würde sie ihm zwar mit kalter, aber zugleich auch mit unbefangener Höflichkeit entgegen getreten fein, jetzt lieferte ihm die Bitterkeit und die leidenschaftliche Erregung, welche so schnell die Kälte und die Förmlichkeit ihre» ersten Empfange» durchbrochen, den Beweis, daß selbst der Glaube an feine Unwürdigkeit
die diesjährige Epidemie in den Weichsel-Gegenden und den denselben benachbarten Distrikten genommen hat, schwinden, wo die Forschung nicht nut ein sehr reiches, sondern auch durchaus durchsichtige» Be- obachlungSmaterial vor sich hat und die geradeaus die kleinen KrankheiiSkreise hin gerichtete Untersuchung die sichersten und unzweideutigsten Resultate giebt“. Der erste Unterabschnitt bespricht die Verbreitung durch den menschlichen Verkehr, worin es als „eine allerorts koiistatirte Thatsache bezeichnet“ werden kann, „daß die Einschleppung der Krankheit nach den Provinzen Posen und Preußen durch die von Galizien eingetroffenen Flößer erfolgt und die Seuche läng» deS Weges fortgeschritten ist, den diese genommen haben". Der zweite Unterabschnitt bespricht die Ber- breilung durch Leichen, Wäsche, Kleidungsstück« und Stroh, der dritte die Verbreituilg durch Trinkwaffer, der vierte die Bodeneinflüsse, der fünfte den „Einfluß der socialen Misöre“, wobei angeführt wird, daß die Cholera aufs innigste an das social« Elend gebundm ist und alle hygienischen und gesundheitSpolizeitichen Maßregeln, welche gegen die Verbreitung der Cholera getroffen werden, gerade diesen Gesichtspunkt ganz besonders in« Auge zu fassen haben. Der zweite Hauptabschnitt beschäftigt sich mit dem prophylaktischen Verfahren gegen die Cholera, und der Verfaffer kommt zu dem Ergebniß, daß, wenn eS selbst der vollkommensten Sorge auch nicht überall gelingen wird, große VolkSkrankheiten zu verhüten, er doch überzeugt ist, daß di« bestehenden Schäden und Mängel in der öffentlichen Gesundheitspflege zur Verbreitung der- lelben und namentlich der Cholera sehr wesentlich beigetragen haben und eS keineswegs aufcer der Möglichkeit liegt, mit der Beseistgung dieser eine wesentlich« Beschränkung der Seuche zu erzielen.
— Der CultuSminister empfing am Montag eine Deputation von städtischen Lehrern der preußischen Monarchie, welch« ihm die von der am 3. und 4. Juni v I. zu Hannover abgehaltenen Delegirtenver- sammlung abgefaßte und von 5063 städtischen VolkS- schullehrern unterzeichnete Petition überreichte. In derselben haben die Lehrer ihren Wünschen sowohl in Beziehung auf Gehalts-, und Pensionöverhältniffe, al» auch in Betreff ihrer Vertretung in den Schulcom- mijftonen resp. Schulvorständen für das in Aussicht gestellte Unlerrichlsgesetz Ausdruck gegeben. Der Mi. nister nahm die mündliche Motivirung entgegen und zeigte in seiner Antwort, daß e» ihm mit der Hebung der Volksschule voller Ernst sei.
_— lieber bie Stellung des Reichskanzlers Fürsten nicht im Stande gewesen, sein Bild gänzlich au» ihrem Herzen zu verdrängen.
Wir wifjen aus den Geständnissen ihrer Schwester, daß Frau von Hohenfeld vor ihrer Verheirathung ihrem Mann« offen ihre Neigung für Walden bekannt, und daß Hohenfeld die Hand der Geliebten selbst unter diesen Umständen noch begehrenSwerth fand. Hohen- feld, der Mathilde aufrichtig liebte, gab sich dabei der Hoffnung hin, leicht das Bild eines Mannes, deffen Unwürdigkeit sie selbst anerkqnnt, auS ihrem Herzen verdrängen und ihre Liebe gewinnen zu können, während sie, in die von ihren Eltern so sehnlich gewünschte Verbindung willigend, der Ueberzengung lebte, daß treue Pflichterfüllung ihrerseits auch ohne Liebe genügen würde, daS Glück ihres ©alten zu begründen. Jlllein st« macht« schnell gteug die Erftchrung, daß, wi« Walden e» gegen ihre Schwester ausgesprochen, eine solche Hoffnung auf Täuschung beruhe. Hohenfeld fühlte gar bald, daß das Benehmen feiner Frau gegen ihn nicht durch Lübe, sondern nur durch da» Pflichtgefühl bestimmt werd«, und diese Ueberzengung erkältete allmählich seine eigene Zuneigung.
Ein Mann kann eine unausgesprochene oder un- erwieberte Liebe Jahre lang durch daS Leben tragen, wenn ihn dabei wenigsten» die Hoffnung aufrecht er« halt, daß er der Geliebten etwas sein oder werden würde, wenn diese den ganzen Inhalt seiner Zuneigung erkennen, ober ihm gestattet fein würde, für sie zu leben. Aber, ohne zu erkalten, an der Seite einer grau zu leben, diese Frau die seinige zu nennen und