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Sr. 19. ,.;r*tS nZU Marburg, Donnerstag, den 22. Januar. ' ’** "’4 •*» "”1874.

OberhesslscheZeltunM

Erscheint tS glich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22j 6er., durch die Postämter 27 €gr. (erd. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer», für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Deutsches Strich.

•# Berlin, 20. Jan. Die „National. Ztg. meldet, daß die Eröffnung des Reichstags schon für die erste Woche des Februar, etwa in den Tagen vom 5. bi- 9., in Aussicht genommen sei und bald nach Eröffnung des Reichstags die Vertagung des Landtags erfolgen werde. Sicherem Vernehmen nach dürfte diese Angabe allerdings den Intentionen der Regie­rung entsprechen, welche sich jedenfalls auch mit den Präsidien der parlamentarischen Körperschaften darüber in's Einvernehmen gesetzt hak. Den betreffenden Dis­positionen liegt als leitender Gedanke die Berechnung zu Grunde, daß dem Landtag vor der Vertagung, also bis etwa Mitte künftigen Monats die Erledigung der Civilehe-Vorlage und des Staatshaushalts-Etats gelingen werde. Diese Annahme ist allerdings nur bei angestrengter Bemühung, jede unnöthige Verzöge­rung zu vermeiden, ausführbar, und Hal die Ueber- rinstlmmung aller Parteien zur Lösung dieser Aufgabe zur Voraussetzung. Dem Reichstag würde zur Be wältigung seiner Arbeite« die Zeit bis Ostern, also ungefähr 2 Monate gegeben sein, damit alsdann in der Zeit von Ostern bis Pfingsten wieder der preußische Landtag vor Eintritt des hohen Sommers seine Ar beiten durchführen könne. Rach diesem Plan würde auch die Zusammenberufung des Herrenhauses früher nöthig sein, als das Präsidium bis jetzt beabsichtigt hatte Definitive Entscheidung darüber liegt noch nicht vor. — Der Reichskanzler hat dem Bundesrath eine Zusammenstellung über die Thätigkeit des ReichSober- handelsgerichtS im Geschäftsjahr 1872/73 überreicht.

— Die Betheiligung an den Wahlen und ihr Er- ge-niß betreffend, wird Folgendes von Interesse sein: In der Reichshauptstadt haben von circa 130,000 stimmberechtigten Wählern (nach vorliegenden Ziffern 128,993) 43,432 ihr Wahlrecht ausgeübt, 85,000 dagegen an der Urne gefehlt. Von diesen 43,432 Stimmen sind 26,918 der Fortschrittspartei, 9014 der Socialdemokratie (Hasenclever), 2255 dem Feld­marschall Moltke, 2189 Hrn. Johann Jacoby und 1082 dem geistlichen Rath Müller zugefallen. Von einigen größeren Staaten gestalten sich die Verhält- niffe wie folgt: In Sachsen sind etwa 250,000 Stirn men abgegeben, von denen 110,000 auf die liberale

Partei, 50,000 auf die konservative, 90,000 auf die Socialdemokraten. In Wünemberg haben die natio­nalen Parteien 140,000, die Clericalen 40,000 und die Socialdemokraten 44,000 Stimmen erhalten. Im Großherzogthum Hessen sind 93,918 Stimmen für die Fortschrittspartei, 27,527 für Ultramontane, 6849 für die Socialdemokraten abgegeben. In Schleswig- Holstein haben von rund 200,000 Wählern etwa zwei Drittel, nämlich circa 135,400 ihr Wahlrecht ausge­übt. Von den ca. 135,400 abgegebenen Stimmen haben erhalten: die dänische Partei 18,850, die ver­einigten deutschen und liberalen Parteien 57,900, die Landespartei 13,850 und die socialdemokrotische Partei 44,800. In den Städten und Flecken haben erhalten: die dänische Partei 3450 (platte Land also 15,400), die vereinigten Parteien 19,700 (platte Land 38,201), die Landespartei 4350 (platte Land 9500) und die socialdemokratische Partei 19,800 (platte Land 25,000). ES haben somit gestimmt ca. 14 Procent der Wähler für die dänische, 43 Procent für die vereinigten, 10 Procent für die particularistische und 33 Procent für die socialdemokratische Partei, und das Verhältniß der städtischen Wähler zu den ländlichen ist: bei der dä­nischen Partei ungefähr 2:9, bei den vereinigten Deutschen 1:2, bei den particularistische» 1:2 und bei den socialdemokratischen 4:5. Hieraus geht her­vor, daß die dänische Partei ihren größten Anhang auf dem platten Lande hat, während umgekehrt die socialdemokratische am stärksten in den Städten ver treten ist; ferner die particularistische Partei nur noch einen äußerst geringen Anhang in Schleswig Holstein hat; sie ist fast lediglich nur noch im 4. Kreise (Eider- stedt), 5 (Dithmarschen) und 7. (Kiel-Rendsburg), wo auf ihre Candidaten resp. 1779, 5647 und 3166, zusammen also circa 10,600 Stimmen fielen. In sämmtlichen übrigen 6 schleswig-holsteinischen Wahl­kreisen hat die Partei somit zusammen nur etwa 3000 Stimmen erhalten. Was die socialdemokratische Partei anbetrifft, so beschränkt sich deren Anhang fast aus­schließlich auf Holstein und speciell auf die Städte Altona, Kiel, Rendsburg, Neumünster, Jtzehohe, Ot tensen und Wandsbeck, sowie auf das östliche Holstein (Landschaft Wagrien), wo die schleswig holsteinische Ritterschaft ihren Hauptsttz hat. Im ganzen Herzog-

thum Schleswig sind auf die socialdemokratischen Can­didaten nur etwa 5000 Stimmen gefallen, in Holstein dagegen ca. 40,000, also achtmal so viel.

— Vor einiger Zeit wurde berichtet, daß die sämmtlichen Staatsbahn-Verwaltungen auf Grund eines Beschluffes des Staats Ministeriums Weisung erhalten hätten, bei Besetzung der etatsmäßigen Stellen stet» ein streng alternirendeS Verfahren zwischen den vor­handenen Militär- und Civil-Anwärtern zu beobachten. Hiergegen sind nun die Diätarien (Militär Anwärter) der meisten Eisenbahnen beim Könige vorstellig ge­worden und haben zu beweisen gesucht, sdaß sie durch das neuerdings vorgeschriebene BestallungS-Verfahreu in ihren aus dem Civil Versorgungs-Schein abzu­leitenden Rechten schwer geschädigt würden. In Folge dessen soll, wie wir soeben hören, der König verfügt haben, daß die Angelegenheit einer nochmaligen Prüfung unterzogen werden. Thatsache ist eS wenigsten«, dich vorgestern sämmtliche Direktionen die Handelsministerelle Ordre erhielten, bis auf Weiteres die Besetzung der offenen Stellen einzustellen.

Eydtkuhuen, 19. Jan., Mittags li/t Uhr. Der Kronprinz des deu schen Reiches und von Preußen und die Frau Kronprinzessin sind mittels Extrazuges eben hier eingetroffen. Die Bürgerschaft war zahlreich am Bahnhofe versammelt, empfing die höchsten Herr­schaften mit lebhaften Hochrufen und mit den Klängen der Nationalhymne und brachte der Frau Kronprinzessin einen Blumenstrauß dar. Der Extrazug fuhr nach nur cinviertelstündigem Aufenthalte nach Petersburg weiter.

Pose», 19. Jan. Der Erzbischof protestirt beim Oberpräsidenten, daß er der Aufforderung, die Propstei Dobryzyca anderweitig zu besetzen, nicht nachkommen kann, da er als katholischer Bischof verpflichtet sei, so zu handeln, wie er gethan, und versichert, daß weder Drohungen noch Strafe ihn zur Abweichung von seinen bischöflichen Pflichten zwingen können, daß er auch nie die Hand bieten werde, daß der Staat, dem auf Erden nur ein bestimmter Kreis vorgeschrieben sei, sich in rein geistliche und kirchliche Angelegenheiten hineinmische.

Liegnitz. Der wegen Unterschlagung vemrtheilte ehemalige Oberbürgermeister Boeck ist betreffs der noch

A»S dem Lede«.

Original-Novelle von Rudolph Mül den er.

(Fortsetzung.)

Bei seinem nächsten Besuche hoffte Walden eine Erklärung mit Frau von Hohenfeld herbeizuführen; zufällig traf er jedoch den Baron im Zimmer seiner Frau, und da in dessen Gegenwart eine solche Er­klärung doch nicht gut möglich war, so mußte Walden dieselbe auf eine günstigere Gelegenheit verschieben.

'Allein diese Gelegenheit wollte sich sobald nicht findm. Der kleine Louis war in seiner Genesung so weit vorgeschritten, daß er der ärztlichen Behandlung nicht ferner bedurfte, und eS lag nicht in Waldens Gewohnheit, seine Krankenbesuche länger fortzusetzcn, als die Nothwendigkeit unbedingt erforderte.

So vergingen Wochen, ohne daß Walden das Hohenfeld'fche Haus betrat. Zwar hätte er, um sich bei Frau von Hohenfeld zu rechtfertigen, ihr nur einfach den früher mitgetheilten Brief ihrer Schwester zusenden dürfen; allein Walden verwarf absichtlich diesen so einfachen Weg. Er wollte dem Weibe seiner Liebe persönlich gegenüber treten, um selbst den Eindruck beobachten zu linnen, dm seine Mtttheilung hervor- bringen würde.

Mittlerweile kam der NeujahrStag heran. An diesem Tage empfing Waldey seilen» de» Barons, nebst einem höflichen Schreiben, ein fast mehr als glänzmde» Honorar.

Walden ließ es unentschieden, ob die Höhe de» HonorarS durch Hohenfeld» natürliche Freigebigkeit, oder durch dm Wunsch, vor dem ehemaligen Ver lobtm seiner Frau zu gläuzm, oder durch die dank bete Anerkennung feine» bei der Behandlung des kleinen LouiS bewiesenen unermüdlichen Eifers bestimmt worden sei: — wie dem auch sein mochte, so fühlte rr sich durch diese» Geld gedemüthigt. Wie konnte

er, ohne zu erröthen, Bezahlung annehmen für einen Dienst, wenigstens mittelbar der Frau erwiesen, die er so heiß geliebt? DaS Gold des BaronS brannte und glühte in seiner Hand; aber welches Mittel gab eS, dasselbe zurückzuweisen?

Am anderen Morgen, den zweiten Januar, sah Walden Hohenfeld unter seinen Fenstern vorüberfahren und etwas später beffen Geschirr vor einem Gasthause der Vorstadt halten.

„Ist Herr von Hohenfeld hier?" fragte Walden den Kutscher, den er kannte.

„Der Herr Baron ist nach der Residenz gereist; ich habe ihn eben nach dem Bahnhofe gefahren."

Da kam Walden der Gedanke, Hohenfelds Ab Wesenheit zu der von ihm längst ersehnten Unterredung mit beffen Frau zu benutzen, und diesem Gedanken ließ er, rasch entschlossen auch die Ausführung folgen

Frau von Hohenfeld empfing ihn, als er vorfuhr und sich bei ihr melden liefe, nicht wie früher, in ihrem eleganten freundlichen Boudoir, daS während der Krankheit des kleinen LouiS diesem zugleich als Krankenzimmer gedient, sondern im großen, alterthürn- lichen, aber zugleich auch mit der ganzen Pracht des Reichlhums meublirten Empfangzimmer des Hauses.

Walden fühlte sich durch diesen Umstand peinlich berührt.

Wollte Frau von Hohenfeld — denn die Frauen thun bekanntlich nichts ohne Berechnung und selbst anscheinende Geringfügigkeiten haben bei ihnen Be deutung — ihm vielleicht durch die Förmlichkeit ihre« Empfanges — sie war in großer Toilette, vom Kopf bis zu den Füßen in schwerste dunkelfarbige Seide gehüllt — im Voraus die Schranke fühlbar machen, welche die Verhältniffe zwischen ihm und ihr aufge- lhürmt?

„Sie haben mich zu sprechen gewünscht, Herr KreisphysikuS?" kam sie ihm mit kalter Höflichkeit entgegen.

„Gestatten Sie mir, gnädige Frau", antwortete er, Ihnen und den Ihrigen zu dem begonnenen neuen Jahre meinen herzlichsten Glückwunsch darzubringen."

Der Ton in dieser Ankede- klang förmlicher, als Walden eS wünschte; allein die Kälte des Empfanges bedingte die Gemessenheit der Erwiderung.

Frau von Hohenfeld liefe sich in einen Sessel fallen und deutete mit der Hand auf einen mit Sammt überzogenen Fauteuil, auf diese Weise Walde» auf- fordernd ein Gleiches zu thun.

„Herr KreiSphysicuS", antwortete sie endlich, „ich danke Ihne» für Ihren Glückwunsch. Sie erweisen mir durch denselben eine Aufmerksamkeit, die ich um so höher zu schätzen weife, da ich durch Nichts zur Erwartung derselben berechtigt war."

Walden bife sich auf die Lippen, hielt sich aber noch nicht für geschlagen.

„Sie sagen, gnädige Frau," erwiderte er, „daß Nichts Sie zu der Erwartung einer Äufmerlfemteit meinerseits berechtige? Und doch, gnädige Frau, gab es eine Zeit, in welcher ich Ihnen näher stand, und in der Erinnerung an diese Zeit möchte ich Sie bitten, mir wenigstens die Rechte der Freundschaft nicht zu entziehen, nachdem eS die Berhältnisie einmal gefügt, dafe ich Ihnen nicht mehr fein darf, als eben ein Freund, auf dessen Ergebenheit Sie allezeit rechnen können."

„Frendschaftl" antwortete Frau von Hohenfeld mit einer fast höhnischen Bitterkeit. „Sie wagen e», von Freundschaft zu sprechen?"

„Gnädige Frau", erroieberte Walden, „ich begreife, dafe Sie sich durch Ihre Unkenutnife der Vergangen­heit für berechtigt halten muffen, gering von mir zu