Mr. IS.
Marburg, Mittwoch, dm 21. Januar. 74,
Oberhefslsche Zeltuug U
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Deutsches Keich.
B-rli«, 19. Jan. Der Kaiser hat daS gestrige OrdcnSfest nicht abgchalten, sondern sich durch den Kronprinzen vertreten lasten. Es darf daraus aber nicht gefolgert werden, daß der Kaiser nicht im Stande sei, sich den StaatSgesch ästen zu widmen. Diese wer den vielmehr in gewohnter Weise wahrgenommen. Das Befinden des Kaiser« ist fortdauernd ein zufriedenstellendes. Wie vorauszusehen war, fehlte hier- durch dem diesmaligen Ordensfeste der gewohnte Nimbus. Erst bei der Verkündung der Ritter erschien der Kronprinz, dessen Abreise nach St. Petersburg unmittelbar bevorstand, verließ aber in Folge besten nach kurzer Zeit dir festlichen Räume. I. M. die Kaiserin hielt darauf die Cour der Ritter ab und empfing nach dem feierlichen Vorbeizuge aller Anwesenden in der Capelle die eingelabenen Damen dcS LouisenordenS und des Verdienstkreuzes. Der Schluß der Feier, bei welcher auch Fürst Bismarck nicht anwesend war, beschränkte sich — der noch geltenden Traueretiquette gemäß — auf die Vorstellung der Ritter des Schwarzen Adlerordens, der Generalfeldmarschälle und der Tiinifter. — Die Konferenzen der Ministerialkommistare zur Ausarbeitung und schließlichen Redaktion der Jagdordnung sind beendet. Dieselbe dürfte im StaatS-Ministerium kaum weseittliche Abänderungen erfahren. Die bestehenden Vorschriften des JagdrechtS werden in dem Entwürfe kodifizirt und auf die ganze Monarchie ausgedehnt. Er gibt die jagdbaren Thiere an und setzt einen von den Interessenten gewählten Jagdvorstand ein. In be stimmten Fällen soll, abweichend von den bisherigen Vorschriften, Vergütigung für Wildschaden geleistet werden. Entschädigungen über Streitigkeiten bei Ausführung jagdpolizeilicher Bestimmungen sollen den KrciSausschüsten überwiesen werden. — Einer im Oktober v. I. getroffenen Anordnung zufolge müssen zum einjährig freiwilligen Militairdienste berechtigte Mediziner ihrer Militairpflicht mindestens während sechs
Monate mit der Waffe genügen. Nach einer am 5. d. M. ergangenen Verfügung des Chefs der Admiralität sind die einjährig freiwilligen Mediziner, welche in der Marine dienen wollen, um sich mit der Natur desjenigen Dienste- genau bekannt zu machen, innerhalb dessen sie als Aerzte event. später zu wirken haben, bei der Matrosendivision, wie auch beim Seebataillon einzustellen. Nach der militairischen Au» bildung mit der Waffe haben die bezüglichen Marine theile dafür zu sorgen, daß diese Freiwilligen auf eine kurze Zeit, wenn eS angeht, auf dem UcbungSgeschwadcr eingeschifft werden.
— 19. Jan. Unmittelbar nach dem in Gegenwart der Kaiserin und des Kronprinzen abgehaltenen Ordensund Krönungsfest begab sich der Kronprinz nach dem Ostbahnhofe, wo er von der Kronprinzessin und dem Herzog von Coburg zur Abreise nach Petersburg erwartet wurde, die alsbald mittelst Extrazugs über Königsberg erfolgte.
— Der Justizminister hat sich jetzt an sämmtliche Beamten der Staatsanwaltschaft mittels allgemeiner Verfügung vom 11. d. M. gewandt, damit sie auf die Ausmessung der Strafen einwirken. Er beruft sich zunächst auf eine am 8. Januar v. I. an die Ober- staatSanwaltschaften erlassene Verfügung, worin er diese darauf hingewiesen, wie wenig eS mit den Absichten des Reichsstrafgesetzbuches im Einklang stehe, wenn bei den Anträgen auf Strafabmessuug davon ausgegangen werde, daß, der Regel nach, der Min restbetrag der gesetzlichen Strafen zu Grunde zu legen und über denselben nur da hinauSzugehen sei, wo bestimmte Straferhöhungsgründe vorlägen. „Denn" fährt der Minister fort, „indem das Gesetzbuch für die Festsetzung der Strafe im einzelnen Falle regelmäßig einen weiten Raum zwischen dem Höchstbetrag und dem Mindestbetrag der Strafe zulasse, habe es den erkennenden Richter in den Stand setzen wollen, bei Ausmessung der Strafe innerhalb dieses Rahmens der Jn-
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dividualität des einzelnen Falles nach freiem Ermessen gerecht zu werden", und es komme des- halb darauf an, daß da» der ermittelten Sachlage im einzelnen Falle entspechende Strafmaß au» der lebendigen Anschauung, welche die mündliche Verhandlung gewährt habe, geschöpft, nicht aber in einer schematistrenden BerechnuugSweise gesucht uud gefunden werde. Neuere Erfahrungen veranlassen nun den Justizminister, an jene ältere Verfügung auch neue Bemerkungen anzuknüpfen. „In demselben Maße, fährt er fort, in welchem daS deutsche Reichsstrafgesetzbuch den erkennenden Strafrichter mit der Befugniß ausgestattet hat, bei strafbaren Handlungen, welche aus Noth, in der Uebereilung oder in gerechtfertigter Erregung begangen worden find, ein, dem Einzelfalle entsprechendes gelindes Strafmaß eintreten zu lassen, in demselben Maße ist er mit der Befugniß ausgerüstet, da, wo er die strafbare Handlung als eine solche erkennt, die aus sittlicher Roheit oder aus Verworfenheit der Gesinnung hervorgegangen, den liebel» thäter mit der vollen Strenge des Gesetzes zu treffen und das höchste Strafmaß gegen ihn in Anwendung zu bringen". Der Justizminister kann nun zwar nicht gemeint sein, eS für die Aufgabe der Staatsanwaltschaft zu erklären, daß sie überall, wo sie in einem einzelnen Falle daS von dem Richter erkannte Srafmaß für zu gelinde gegriffen machtet, dieserhalb zu einem Rechtsmittel greise; wohl aber wird die Staatsanwaltschaft nur eine zur Sicherung der bürgerlichen Gesellschaft noth- wendige Pflicht üben, wenn sie überall da zur Einlegung von Rechtsmitteln vorgeht, wo sich ihr die Wahrnehmung aufdrängt, daß sich die Gewohnheit einer, dem Ernste de« Gesetze« nicht entsprechenden und darum für die öffentliche Sicherheit gefährlich werdenden Milde in der StrasauSmestung zu bilden beginne." Nach de« Minister« Ansicht steht e« nun zu erwarten, daß, wenn die StaaiSanwalte von der ihnen zustehenden Befugniß zur Einlegung von Rechtsmitteln in dem hier entwickelten Sinne einen gleich
AuS dem Lede«.
Original-Novelle von Rudolph Müldener.
(Fortsetzung.)
Frau von Hohenfeld und ihre Schwester saßen am Fenster, erstere mit der Durchsicht eines Wirth- schaflsconto's, letztere mit einer Tapisterie-Arbeit beschäftigt, der kleine Louis, der jetzt fast vollständig wieder hergestellt, saß zu den Füßeu seiner Mutier und blätterte in einem mit Stahlstichen gezierten Album.
In dem durch Doppelfenster, zwischen welchm eine Anzahl Topfgewächse blühten, gegen jeden Luftzug geschützten Zimmer, herrschte eine warme, angenehme Temperatur, draußen aber wirbelte der Nordwind dichte Schneeflocken durch die Luft.
Zwischen Frau von Hohenfeld und ihrer Schwester herrschte unverkennbar eine gewisse Familienähnlichkeit, nur hatte Frau von Hohenfeld kastanienbraunes Haar und eben solche Augen, auch waren ihre Züge, eitt- iprechend der natürlichen Weichheit ihres Charakters, minder scharf geschnitten, al« die ihrer energischen und thalkräftigen Schwester.
Wir haben bereits früher in Bezug aus Frau von Hußlar erwähnt, daß die Jahre säst spurlos an ihr vorüber gegangen; bei Frau von Hohenselb war dies kaum minder der Fall, nur an Stelle mädchenhafter Schüchternheit die ganz bewußte Würde der Gattin und Mutter getreten.
„Ein sürwterlicheS Wetter!" bemerkte Frau von Hußlar, einen Augenblick von ihrer Arbeit auf- ikhend. „Keinen Hund möchte man auf die Straße hinaus jagen". *
»Nun", antwortete Frau von Hohellfeld, einen flüchtigen Blick durch das Fenster wersenv,,, vielleicht hat auch dies Wetter sein Gutes: werden wir doch bei ’Melben, aller Wahrscheinlichkeit nach, von lästigen Suchern befreit bleiben".
»Einer wird doch kommen, obgleich ich denselben zu den Lästigen gezählt haben will; warf Frau von Hußlar hin.
.Wer?" .. . w.
„Walden!"
Wenn Frau von Hußlar sich in Walden'» Gegenwart mit einer fast mädchenhaften Schüchternheit sich in sich selbst zurückzog und dadurch ihre Schwester zwang, die Unterhaltung fast allein zu führen, so sprach sie doch in seiner Abwesenheit um soöster von ihm.
„Nun," versetzte Fra« von Hohenfeld, ihre Auf merksamkeit bereits wieder ihrem Contobuche zuwendend, „verdenken könnte man es dem Doctor nicht, wenn er bei diesem Wetter nicht käme."
„Walden's Eifer," erwiederte Frau von Hußlar, „ist in Bezug auf seine Kranken unermüdlich, und wenn eS sich um Erfüllung einer Pflicht handelt, dann, glaube ich, läßt er sich durch nichts zurückhalten, am wenigsten durch Wind und Wetter."
„Walden," bemerkte Frau von Hohenfeld, „scheint an Dir jetzt eine warme Vertheidigerin gefunden zu haben; früher warst Du nicht in gleichem Maße von ihm enthustaSmirt."
Frau von Hußlar beugte sich, statt der Antwort, tiefer auf ihre Slickerei, und zwischen beiden Frauen1 trat ein momentanes Schweigen ein, da« jedoch schnell durch das Geklingel eines in den Hof einfahrenden Schlittens unterbrochen wurde.
Lupus in fabulal hätte Frau von Hußlar aus rufen können, wenn sie zufällig in ihrem Leben Latei nisch getrieben: e« war Walden's Equipage, die eben am Perron hielt.
Walden hatte die Damen am Fenster bemerkt und grüßte, indem er die Stufen der Freitreppe empor stieg.
Frau von Hohenfeld ging ihm entgegen und öffnete ihm die Thür des Vorzimmers.
„Ein fürchterliches Wetter, gnädige Fvaul" sagte er, den Schnee von seinem Hute klopfend und seinen Pelz einem Diener zuwersend.
»Auch hätte ich kaum geglaubt," erwiederte Frau von Hohenfeld, „daß Sie sich bei einem solchen Unwetter zur Fahrt hierher hätten entschließen können."
„Ich habe noch einige Kranke hier in der Nähe, die meines Beistandes dringender bedurften, als ihr
kleiner Louis, mit dem es, glücklicher Weise, von Tag zu Tag bester geht. Ueberhaupt, gnädige Frau, darf ein Arzt Wind und Wetter nicht scheuen, und zuletzt," setzte Walden achselzuckend hinzu, „gewöhnt man sich an Alles, warum nicht auch an Sturm und Regen?"
„Sie mögen sich vielleicht daran gewöhnen," erwiederte Frau von Hohenfeld; „allein Ihre Frau^ glaube ich, wird wohl manchmal besorgt und unruhig sein, wenn dieselbe Sie bei solchem Wetter noch spät Abends draußen auf der Landstraße weiß."
Walden schaute Frau von Hohenfeld verwundert an.
„Meine Frau?" fragte er. „Ich bin nicht ver- heirathet, gnädige Frau!"
„Aber Sie waren eÄ?"
„Nie!"
„Aber, mein Gott!" erwiederte Frau von Hohenfeld nicht ohne Anflug einer leichten Verlegenheit, während gleichzeitig eine momentane Röthe ihr Gesicht überflog, „man hat mir doch gesagt-, daß Sie ver- heirathet seien?"
„Man hat Sie getäuscht, gnädige Frau, wer Ihnen dies auch gesagt haben mag," erwiederte Walden und blickte darauf Frau von Hußlar an, so daß diese bis an das Weiße ihrer Augen erröthete.
Frau von Hohenfeld schaute Walden halb fragend, halb zweifelnd an, und Frau von Hußlar warf ihm, von ihrer Schwester unbemerkt, einen fast flehenden Blick zu, dessen Bedeutung Walden nur zu gut begriff.
. Der Eintritt Hohenfeld's in Reisepetz und Reisemütze machte der stummen und für alle Betheiligte gleich peinlichen Scene ein Ende.
„Ah! willkommen, Doctor!" redete er Walden an. „Sie kommen, sich nach Ihrem Patienten zu erkundigen? Nun, es geht bester, so viel ich weiß!"
„Aber, mein Gott, Ludwig," unterbrach ihn seine Frau, die unterdessen, einigermaßen verwundert, feinen Anzug gemustert, „willst Du verreisen? Du bist ja vom Kopf bis zu den Füßen in Pelz gehüllt."
„Ich bin von Herrn von Meinhövel zu einer Jagdparthie geladen — der Schlitten wird gleich vor»