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Marburg, Dienstag, den 19. Januar.

Ur. 17.

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1874.

OberhessischerZettnugM

.»alick aufter den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 ®gr., durch die ' Ämter 27 Sar ttrcl Best-llgebühr und incl. Stempelsteuer), für d°S Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertiousgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. - -

* gür jn bet Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr. berechnet. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Deutscher Reich.

Berli», 17. Jan. Das Reichsmilitärgesetz und da« Reichspreßgesetz gehen ihrer Beendigung im Schooße dös Bundesrathes entgegen. Die betreffenden Aus­schüsse werden wahrscheinlich im Anfänge der nächsten Woche ihre Arbeit vollenden. Hinsichtlich M erst­genannten Gesetze- scheinen keine besonderen Schwierig­keiten vorzuliegen und außer den von dem Präsidium beantragten und schon in die OeffeMlichkeit gedrungenen Abänderungen der früheren Vorlage verlautet von anderweitigen Abänderungsvorschlägen nichts. Hin­sichtlich des Preßgesetzes steht die letzte Lesung im Ans­chüsse noch auS. ES ist aber zu erwarten, daß die« selbe sich leicht erledigen läßt, da schon in der ersten alle wichtigen Punkte auf das Eingehendste erwogen worden sind. Bon den beiden Gesetzvorlagen zur Ergänzung der Maigesetze liegt, wie wir demD. $8." entnehmen, auch diejenige, welche die Verwaltung un­besetzter DiSeesen betrifft, jetzt im Cabinet und eS ist anzunchmen, daß die Vorlagen schon in der nächsten Woche der Kammer werden zugehen können. Bei Herstellung technischer Objekte für die Armee und Marine ist bisher ein erheblicher Mangel en den nöthigen Technikern und Mechanikern hervorgetreten. Der Chef de» großen Generalstabs hat deshalb, wie hiesige Blätter berichten, bei der Regierung in An­regung gebracht, der Ausbildung jüngerer Kräfte auf diesen Gebieten eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. ES ist in Folge dessen eine Commission unter Professor Helmholtz Dr. Neumeyer und mehreren Militärs zu­sammengetreten, welche über die geeigneten Mittel zur Abhülfe diese« Mangels berathen und der Regierung bezügliche Vorschläge machen soll. Trotz wieder­holten Ausrufs und wiederholt publicirter Bekannt­machungen, in welchen die Hauptverwaltung der Staats­schulden die Besitzer von Kaffenanweisungen von 1835 und von Darlehnskaffenjcheinen von 1848 aufforderte, solche behufs der Ersatzleistung an die Controle der Staatspapiere oder an eine der königlichen Regierung«- Hauptkaffen einzureichen, ist ein großer Theil dieser Papiere noch nicht eingegangen. Ebenso befinden sich bei den betteffenten Behörden eine große Anzahl dieser Werchpapiere, welche zur Ersatzleistung von den Be­sitzern eingereicht worden sind, für welche aber die betreffenden Besitzer die bereitstehenden Geldbeträge und Ersatzsuwmen noch nicht abgefvrdert haben, ob­gleich die betreffenden Verzeichnisse schon vor vielen -r»ij I I. I I I |

bei manchen schon seit beinahe 18 Jahren einge reicht sind. Unter diesen Summen befinden fich sogar namhafte Beträge, die bei einzelnen Posten nach Hun­derten von Thalern zählen.

Die Hauptergebniffe der Viehzählung im preußi­schen Staate am 10. Januar 1873, festgestellt im November deffelben Jahres, find soeben vom königl. statistischen Bureau (Dr. Engel) in einer tabellarischen Ueberstcht veröffentlicht worden. Darnach kam auf 2,970,496 viehbesitzende Haushaltungen im preußischen Staate ein Pferdebestand von 2,278,724 Stück; Maulthiere und Maulesel 934; Esel 8774; der Be­stand an Rindvieh wies 8,612,150 Stück auf; an Schafen waren 19,624,758 Stück, an Schweinen 4,278,531 Stück, an Ziegenvieh 1,477,335 vorhanden. Die Bienenzucht wurde mit 1,453,764 Stöcken be­trieben ; die Seidenzucht lieferte Kokons im Gewicht von 5306^2 Pfund, wovon allein die Provinz Branden­burg mit 3243,3 Pfunden partizipirte.

Bre-lau, 16 Jan. Im fürstbischöflichen Palais erschien heute Vormittag um 91/» Uhr, wie dieSchics. Zlg." berichtet, der Executions-Jnspector des hiesigen Stadtgerichts mit drei Exeeutoren, um im Namen des Gesetzes die Pfändung bei dem Fürstbischof Dr. Förster zu vollziehe», da Letzterer erklärt hatte, die laut Ur» theilS des Stadtgerichts über ihn verhängten Straf­gelder nicht zahlen zu wollen. Auf Anordnung des Fürstbischofs wurde der Consistorialrath und SyndicuS deS Domkapitels Dittrich herbeigeholt, in dessen Bei sein die Ausschreibung und Versiegelung der abzupfän­denden Gegenstände erfolgte. Dem Herrn Fürstbischof war zunächst auch der Schlüssel zum Geldschrank ab gefordert und dann eine Durchsuchung der in dem­selben enthaltenen Effecten und Gelder vorgenommen worden. Die Equipage und die Pferde sind ebenfalls als Pfandobjekte notirt. Nachdem noch das Haus gerälh und Mobiliar inventarisirt worden war, be gaben sich die Beamten nach dem Weinkeller, um dort das Inventar aufzunehmen. Noch in vorgerückter Abendstunde waren die Beamten mit der Ausführung der Pfändung nfp. Jnventaristrung beschäftigt. Beim Herrn Fürstbischof verweitte während des Aktes der Kanonikus Gleich. Nach derSchief. Volkszeitung" blieben dabei die von dem Herrn Fürstbischof benutzten Zimmer ausgeschlossen, weil nach Schätzung der Exe- culivbeamten die Summe schon vorher gefunden war.

Göttingen, 17. Jan. Die hiesige Rathskammer

des Obergerichts hat die Anklage der Kronanwaltschaft gegen den Superintendenten Rocholl wegen einer von der Kanzel herab in Anlaß des hessischen Kirchenstreites gethanen Aeußerung zurückgewiesen und die Anklage­kammer des Appellationsgerichts zu Celle hat sich diesem Urteile angeschlofsen. Der Fall ist damit erledigt. --

n Münster, 15. Jan. Der katholische Bischof Reinkcns zu Bonn hat auf Grund des Gesetzes vom 11. Mai v. I. dem hiesigen Oberprästdium die An­zeige gemacht, daß er den königlichen Gymnasiallehrer am Friedrich-Wilhelms-Gyinnastum in Köln Anto» Hochstein, den Pfarrer Tangermann in Köln, sowie die königlichen Professoren Reusch, Langen und Knoovk an der Universität zu Bonn, den Pfarrer Hofmann in Essen und den Pfarrer Rabbertz in Crefeld er» mächtigt habe, in der Provinz Westfalen an allen Orten, wo man dieses wünsche, für die seiner Leitung unterstehenden Katholiken seelsorgerliche Acte, insbe­sondere Taufen, Spendung der übrigen Sakramente, Trauungen, Beerdigungen rc. vorzunehmen, desgleichen- Die heili ge Messe zu lesen und zu predigen.

Köln, 17. Jan. DerKölnischen Zeitung" wird aus Wien vom 17. d. M. gegenüber der Befürchtung einer Beschränkung der Freiheit deS ConclaveS durch die päpstliche Bulle von authentffcher Seite gemeldet, daß die italienische [Regierung-eine Circularnote an- die Großmächte gerichtet, worin sie die Unerläßlichkeit völliger Freiheit des ConclaveS anerkannt und bte Bereitwilligkeit ausgesprochen habe, zur Wahrung dieser Freiheit in Rom die Bürgerschaft zu über­nehmen, daß daS Conclave und alle Theilnchmer al- exterritorial betrachtet werden sollen.

Frankfurt, 17. Jan. Der Wahlkampf zwischen L. Sonnemann und Dr. Lasker ist beendet. «Senne»- mann hat gesiegt;. er erhielt von 12,875 abgegebenen Stimmen 7194, Lasker 5681. Bei der ersten Wahk am 10. Januar wurden 12,109 Stimmen abgegeben und 'es waren auf Sonnemann -5016, auf LaSkev- 4353 gefallen.

Rostock, 16. Jan. Als auS sicherer Quelle stammend wird derRostocker Z." Folgendes über das dem außerordentlichen Landtage, welcher auf den 1. Februar nach Schwerin berufen ist, vorzulegende neue Projekt einer Verfassungsmodification mitgetheilt: Die Landesvertretung soll künftig bestehen auS: 1)- 31 Vertreter der Ritterschaft und des größeren Grund-

A«S dem Leben.

Original-Novelle von Rudolph Mülbener.

(Fortsetzung.)

Die Operation, welche Walden an Hohenfelds Sohne vorgenommen, hat häufig Lungenhypäremie oder Lungenödem zur Folge, und fordert mithin -Lei­ten des Arztes die aufmerksamste Bchanvlung des Kranken.

Im Verlaufe der nächsten vier Wochen sah man daher die Equipage des KreiS-Physikus täglich in das Gehöft des Barons von Hohenfeld einfahren, und diese fortgesetzten, von der Rvthwendigkeit gebotenen Besuche brachten Walden nicht nur mit sämmtlichen Gliedern der Hohenfeldjchen Familie in eine nähere Berührung, sondern verschafften ihm auch einen tieferen Einblick in deS BaronS häusliche Verhältnisse.

Hohenfeld gehörte zu jenen LebenSmännern, denen von allen sogenannten noblen Passionen auch nicht eine fehlte. Er liebte die Jagd, das Spiel, den Wein und die Frauen. Seine ihm angeborene Liebe zur Geselligkeit und Gastlichkeit, in Verbindung mit seiner Eitelkeit und seiner Lust, zu glänzen, veranlaßen ihn, fein Haus zum permanenten Sammelplätze des Adels und der größeren Grundbesitzer der Umgegend zu machen Eine Gesellschaft folgte der andern; fast immer gab kS Gäste in seinxm Hause, und wenn dies nicht der Fall war, so sah man Hohenfeld auf beu benach­barten Gütern, theils in Begleitung seiner Frau, sheis ohne dieselbe, Besuche machen, ober seine Zeit ui der Residenz verbringen, wo er ein eigenes HauS besaß und mit einet Schauspielerin deS HoflheaterS f°ft offenkundig ein Verhältniß unterhielt, welche-,

wie man wenigstens versicherte, für ihn mit namhaften pekuniären Opfern verbunden war.

Ein solches Leben war natürlich sehr kostspielig; gleichwohl war Hohenfeld zu klug, um sich pecuniär oder gesellschaftlich zu ruintren, ober irgend einer seiner verschiedenenPassionen" eine Gewalt über sich ein- zuräumen, die ihm hätte verderblich werden können. Seine Finanzen waren geordnet; er verzehrte zwar seine Einkünfte, hütete sich jedoch, die Substanz seines Veemögens anzutasten, und nie sank er in seinem äußeren Benehmen, einen gewissen Cynismus abge­rechnet , der, wenn er sich in Männercirkeln bewegte, in seiner Unterhaltung zuweilen sichtbar wurde, zur G-meinheit herab, und selbst in seinen Debauchen vermied er sorgfältig jeden Scandal.

Seine Kinder zwei Knaben liebte Hohen­feld übrigens mit all der Zärtlichkeit, deren ein Mann, dem das Lebe» so mannigfache und so verschiedene Anziehungspunkte bot, nur irgend fähig sein konnte, und gegen seine Frau setzte er wenigstens nie jene äußere Rücksicht aus den Augen, durch deren stricte Beobachtung Leute der höheren Stände jeden inneren Bruch, jede etwaige Disharmonie der Gemüther dem Auge des Uneingeweihten zu verbergen wissen.

Die Krankheit seines Sohnes halte Hohenfeld eine Zeit lang an das Haus gefesselt; allein, als jede Gefahr alS gehoben betrachtet werden konnte, so ging er nach wie vor seinen Vergnügungen nach, und zwar suchte er dasselbe da jene Rücksicht, von welcher wir sprechen, ihn abhielt, Gesellschaften zu laben unb seiner Frau, welche so vollständig durch ihre Mutter pflichten in Anspruch genommen war, auch noch die

Pflichten der Repräfentatioii aufjubürben vorzugs­weise außer bem Hause.

Frau von Hohenfeld war fast stets am Krankett- bettc ihreS Kindes zu findens, wo sie sich persönlich- der Pflege ihres Lieblings unterzog, Und Frau vor» Hußlar unterstützte sie dabei mit einem Eifer, dessen Walden die anspruchsvolle Weltdame nimmer für fähig gehalten hätte.

Aber fühlte Frau von Hohenfeld fich glücklich?

Wie Walden sie kannte, so konnte er nicht an­nehmen, daß sie, eine mehr sinnige, contemptative Natur, in dem geräuschvollen Treiben ihres Hauses, eine innere Befriedigung zu finden vermöge, ganz ab­gesehen vom Leben unb Treiben ihres G-mahlS,. von Dem Walden nicht wissen konnte, in wie weit Frau von Hohenfeld von demselben unterrichtet sei. Ein gewisser, fast elegischer Ton, der über ihr Gesicht ausgebreitet war und zwar die Frische ihrer Schön­heit beeinträchtigte, dafür aber deren Anziehungskraft erhöhte, schien WaidenS anfängliche Berwuthung daß sie nicht glücklich, fei zu bestätigen.

Auf der anderen Seite jedoch zeigte sie sich als eine zu aufmerksame Gattin, auf deren Stirn man, feit sie nicht mehr Ursache hatte, für bas Leben ihres .Kindes zu zittern, auch nie die leiseste Wolke deS Unmuths bemerkte, unb trat namentlich Walden, wenn derselbe, wie eS zuweile» geschah, der Aufforder­ung der Damen, Platz zu nehmen, Folge gab und feine Besuche etwas über die strikten Grenzen eine» Krankenbesuches ausdehnte, mit zu viel Unbefangenheit entgegen, als daß Letzterer sich nicht zu dem Glauben hätte berechtigt halten sollen, daß Frau von Hohen­feld wenn nicht glücklich, doch wenigsten» zufrieden,