Sfr. 11. Marburg, Mittwoch, den 14. Januar. l87^"
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! Oberhessische ^eitunM
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Deutsches «eich.
•• «etlitt, 12. Jan. Eine Ueberstcht über den Ausfall der Wahlen ist vor osficicller Feststellung natürlich nur annähernd möglich und kann fich im Wesentlichen nur auf die telegraphischen Meldungen au« den größeren Städten stützen, wo die Beobach tungen der Wahlcomite'S einigen Anhalt gegeben haben. Nach den Meldungen der Blätter darf man annehmen, daß di« nationale Strömung in den Wahlen wieder überwiegend Ausdruck gefunden hat. Die Erfolge, «rlche die reichsfeindlichen Element« zu verzeichnen haben werden, dürsten schwerlich int entsprechenden Vrrhälttiiß stehen zu dem ungeheueren Aufwand an Agitationsmitteln, wenn auch sie wohlorganistrte Arbeit der Ultramontanen und Sorial - Democraten in industriellen Bezirken und überwiegend katholischen Gegen den unter dem Einfluß des für sie günstigen Wahl modu» nicht wirkungslos geblieben fein kann. Die Bericht« aus dem, cleriral«n Einflüssen besonders aus gesetzt« Süddeutschland legen dennoch ein günstiges Zeugniß ab für die wachsend« Macht der nationale« Stimmung. In Elberfeld haben fich die Liberal.n und Social - Democraten in ziemlich gleicher Stärke gegenüber gestanden, so daß es dort zu einer engeren Wahl gekommen ist. — Nächst den Wahlen nimmt heule die von d«r „Kölnischen Zeitung" veröffentlichte päpstliche Constitution über die Papstwahl di« öffentliche Aufmerksamkeit vorzugsweise in Anspruch. Der „Germania" ist mit dieser Publikation ein Schreck in die Glieder gefahren, den sie nur dürftig verhüllen kann. Sie legt sich auf'S Läugnen und erzählt eine wunderliche Historie von der verübten Täuschung, wird mit dieser Behauptung jedoch voraussichtlich der Curie einen ebenso schlimmen Dienst erwiesen haben, wir s. Z der Erzbischof Cullen, welcher öffentlich erklärte, der Brief de» Papstes an den Kaiser sei apokryph, der Papst könne diesen jämmerlichen Brief nicht geschrieben haben. Die „Germania" kann aus diesem Dilemma nicht herauskommen, wenn ste der angeblich gefälschten Bulle nicht die „echte" gezenübrrstellt. Jedenfalls ist die Existenz dieses lang« bestrittenen päpstlichen Akten stück» nunmehr zugegeben; der feine Schachzug der
Aus dem Lebe«.
Original-Novelle von Rudolph Müldew^rr (Fortsetzung.) ; ;
„Schon We Verschiedenheit unseres beiderseitigen Alters und unseres Geschmackes ließ ein wirklich harmonisches Berhältniß zwischen mir und meinem Manne nicht auskommcn. Ich liebte die Freuden der Gesellschaft, während der General, von häufigen Gichtan- fällen heimgesucht, hauptsächlich nach der Stille und Ruhe der Häuslichkeit verlangte. Da ich keine Lust hatte, meine Neigungen den seinigen zu opfern, so fehlte eS in unserer Ehe nie an einem Gegenstände des Zwistes. Während der General auf der einen Seite mich brutalisirte oder mit den Ausbrüchen einer grundlosen Eifersucht quälte, machte ich ihn auf der andere« Seiledurch geschickte Benutzungseiner Schwächen und durch die der (einigen überlegene Energie Meine» Charakters zum gehorsamen Sklaven meine« Willens, »der meiner Launen." 5
„So verknöcherte ich mehr und mehr in jenem Egoismus, zu dem meine Erziehung den Grund gelegt und den elfte bittere Lebenserfahrung in mir zur Reife gebracht, bi« endlich der Tbd des Generals meine Ehe löste."
„Nach dem Tode des Generals brachte ich meine Zeit größteutheilS i» Bädern oder auf Reisen zu. Ader dieses an Aufregung, wie an Ermüdung gleich reiche Leben füllt« mich nicht genugsam auS, um daS Gefühl einer gewissen Oede und Leere meines Daseins zu besieg««. Ich fühlt« mich gelangweilt, abgespannt, inuerlich vereinsamt inmitten einer Gesellschaft, die «ur Huldigungen für mich hatte."
„Da führte mich der Zufall in Ihr HauS. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welch bittere Gefühle mich übermannten, al» ich mich plötzlich als Gast unter dem Dache de« Manne» wiederfand, an dem ich mich so schwer vergangen, und mir sagen tnußtr, daß ich Ihrer muchigen Entschlossenheit die
Jesuiten ist enthüllt und damit ist ihm schon die Spitze abgebrochen. DaS einst so fest gefügte stolze Gebäude der römischen Hierarchie wird von ihren eigenen Bauleuten durch unkluges Unterminiren immer mehr gelockert und dadurch seiner Widerstandskraft gegen die Macht der Cultur beraubt — Der bekannte, auch zugleich ultramontanen Blättern dienende Correspon dent der „Augsb. Allg. Ztg." sucht der „Provinzial Correspondenz" einen Borwurf daraus zu machen, daß ste in dem letzten Leitartikel die Opposition eines Theiles der Fortschrittspartei gegen daS Militärbudget einer angeblich verletzenden Kritik unterzogen und damit deren Stellung zur RegierungSpolitik in eine mehr oppositionelle Richtung gedrängt habe. Dieser versteckten Drohung dürfte wenig Gewickt beizulegen sein Oie sachlich gebotene Argumentation der „Provinzial Correspondenz" stimmt im Wesentlichen ganz überein mit der in allen nationalen und patriotischen Kreisen gehegten Ueberzeugung von der Noth vendigkeit, die Wehrkraft Deutschlands auf achtunggebietendem Fuße zu erhalten und daß sie nur als Garantie für den Frieden zu dienen bestimmt, dazu aber auch unerläß lich ist, wirb heutzutage ausschließlich von den Feinden Deutschlands geläugnet; mit diesen will auch die Majorität der Fortschrittspartei, wie viele Kundgebungen bezeugen, sich nicht auf gleiche Stufe stellen lassen. Der ultramontane Correspondent der „AugSb. Allg Ztg." hätte sich di« Sorge wegen Mißstimmung der Fortschrittspartei ersparen können; mit ziemlich gleicher Argumentation wie die „Prov -Corresp " ist z. B auch die „National - Zeitung" für die Pflege der deutschen Wehrkraft eingetreten, wenn ste sich damit auch gegen eine andere Partei, die ultramontan«, spectell gewendet hatte.
Stettin, 7. Jan. Gestern.wurde hier bi« neu gegründete Handels- und Gewerbeschule für Frauen .und Mädchen, deren sich bereits 70 gemeldet hatten, feierlich eröffnet. Der Festredner betonte e« namentlich, daß die Gründung der Schule mit der sogenann ten „Emancipation" der Frauen nichts zu thun habe, daß ste vielmehr in erster Linie die Aneignung solcher Fertigkeiten in'S Auge fasse, welche zur Fühmng eines
Erhaltung meines Lebens, Ihrer Wissenschaft meine Gesundheit verdankte, und doch war ich damals weit entfernt, die ganze Größe meine« an Ihnen begangenen VerratheS zu begreifen."
„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich, in Folge eines an meiner eigenen Herzensneigung begangenen VerratheS, die Liebe fast als eine Schwäche betrachtete, und war mithin der Meinung, Sie würden für Mathil dens Verlust längst schon Ersatz gesucht und gefund-n haben. Ader Sie standen allein, und -dieses Ihr Alleinstehen war mein Werk! Und dennoch waren Sie unendlich glücklicher, als ich: Sie hatten eine Zufriedenheit gefunden, welche ich im Strudel der Welt vergeblich gesucht, di« mich inmitten des Glanzes und des Luxus geflohen." -
„Aber in der friedlichen Stille und Abgeschieden- cheit Ihres Hauses fand ich mich selbst wieder, und Ihre Wort«: „Jede beharrliche, auf würdige Dinge gerichtet« Thätigkeit führt zur Zufriedenheit," rissen die Binde von meinen Augen und ließen mich die Gehaltlosigkeit meines bisherigen Lebens erkennen, das nur in der Jagd nach Genuß und etttlen Vergnügungen verflossen, nie aber der Erfüllung einer ernsten Pflicht, nie einer einem würdigen Ziele zugewandten Thätigkeit geweiht worden war."
„Noch war «S jedoch nicht zu spät zur Umkehr: Ich habe Ihnen da» Geheimniß der Zufriedenheit ab gelauscht, von Jhmn gelernt, daß wir das Glück nicht außer uns, sondern i« uns zu suchen haben, und ich bin entschlossen, von dieser Lehre Nutzen zu ziehen. Dieses mein Bekenntniß ist die erste Frucht jener geistigen Wiedergeburt, di« Sie in mir bewirkt. Wahr lich, ich bedurft« meines ganzen sittlichen Mulhes, um mich Ihnen gegenüber selbst eines VerratheS anzn klagen, wie dessen, den ich an Ihnen begangen. Allem, atS ich meine Schuld in ihrem ganzen Umfange et fanntj da drängte es mich auch, dieselbe durch ein offenes Bekenntniß so weit zu sühnen, als dies mög-
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gediegenen Hausstandes geschickt machen; da aber bi« Erfahrung lehre, daß Tausende von Frauen durch die Noth gezwungen würden, aus dem Hause und dem Schutze der Familie auf den Markt deS Lebens heraus« zutreten, um fich dort die Mittel der materiellen Existenz selbst zu verschaffen, so komme eS darauf an, dies« erwerbsfähig zu machen und ihnen jede Thätigkeit, zu welcher die Frau fähig fei, in der bürgerlichen Gesellschaft zu eröffnen. ES wird Unterricht ertheilt werden in folgenden Surfen: für kaufmännisches Schreiben und Rechnen, Buchhaltung und andere Comtoirardeiten, für Telegraphie, für gewerbliches Zeichnen, für praktische Zuschneiderei, Kleidermachen und Confection, für Wäschezuschneiderei, für Handnäherei, Weißstickerei unv Kunststopfen, für Maschimnnäherei und für da» Pntziach.
Ädln, 11. Jan. Die Wahlen für den Reichstag find in unserer Provinz äußerst ungünstig aus» gefallen. So »eit die Nachrichten bis heute Abend lauten, haben von 18 Kreisen 15 klerikal, 2 liberal und 1 social-demokratisch gewählt.
Eodurg, 8. Jan. Der Prinz Alfted, Herzog von Edinburg, ist bekanntlich der SuccesstonS-Nach- folger des kinderlosen Herzogs Ernst von Coburg- Gotha, hat aber seither fast niemals in Deutschland längere Zeit verweilt Nach seiner bald erfolgenden Berheirathung mit der russischen Großfürstin Marie wird der Prinz Alfred aber alljährlich einen längeren Aufenthalt in Coburg nehmen, wo er sich zu diesem Zweck ein sehr schönes, durchweg mit englischem Comfort eingerichtetes Palais erbauen lies. Er ist, wie bekannt, auch in die preußische Armee eingetreten, zum Oberst a la suite deS 95. Thüringischen Infanterie-Regiments ernannt worden und hat den Lieutenant v. Königsegg dieses Regiments, der mit der verwitweten Frau v. Reuter, Tochter des Herzog« Ernst von Coburg, verlobt ist, zum perfönlichm Adjutanten erhalten.
Ttraßburg, 12. Jan. Der Candidat der elsässischen Partei, Jean Schlumberger hat die Can- didatur für den Wahlkreis Gebweiler angenommen. — Gustav Bergmann ist von der ReichStagS-Candibatur
lich ist. Dies war eine Pflicht, die ich gegen mich und gegen Sie zu erfüllen hatte. Vielleicht hat Mathildens vermeinte Treulosigkeit Ihr Herz'mit Bitterkeit erfüllt; diese möchte ich entfernen, möchte Ihnen den Glaub« an die Liebe zurückgeben, wenn dieser Ihnen in Folg« meine« VerratheS abhanden gekommen fein sollt«.". r. "■ v. J > ' <-■ -> >
„Und jetzt, Walden, nachdem Sie SflriJ wissen, schreib« Sie mir, daß Sie mir verziehen. Wenigstens muß ich Ihnen sagen, daß e» wenig ebetmüthig von Jhnm fein würde, wenn Sie mich, der ihr Beispiel einen neuen Lebensweg gezeigt, denselben wolltest verfolgen lassen mit dem Fluche oder doch der Verachtung des einzigen Manne« beloben, der e« verstanden hat, mir eine aufrichtige Achtung abzuringen".
„Schreiben Sie mir unter der Adresse meiner Schwester, in deren Hause ich einige Wochen zuzubringen gtbenke.
Pauline von Hußlai»
Al« Walden die Lectüre diese« Briefe« vollendet, blieb er eine Zeit lang unbeweglich, fast wie gelähmt; endlich fuhr er mit der Hand über die Stirn und schritt dann einige Male langsam im Zimmer auf und ab. Am Fenster blieb er stehen und lehnte die Stirn gedankenschwer an die Scheiben. In diesem Augenblick kam Frau Miedet mit dem Mittag«, effen. Mst den Gewohnheiten deS Doktors oertraut, wagte ste nicht, ihn zu stören, sondern deckte schweigend den Tisch. AIS sie nach einiger Zeit wieder erschien, den Tisch abzurämen, sand sic Walden noch in derselben Stellung und daS Essen unberührt. Auf ihre Bemerkung, ob denn der Herr Doctor nicht essen wolle, verneinte er kopfschüttelnd, und al« sie bald darauf mit dem Kaffe zurückkam, fand sie da« Znn- mer verschlossen. , , gilu mmV.
(Fortsetzung folgt.)---^!^ «K üof ev