Einzelbild herunterladen
 

1874.

Marburg, Sonnabend, den 10. Januar.

Ur. 8

=4

t, DVINk-I

Oberhessische Zeümlg/U

—»Änii* auSer’ben Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 2S4 Sgr., durch die ^Liimtkr Ä Sgr (erd^eKbüb^nb "nd ©temt>elfteuer), für das Ausland excl. Stempel » S«r. - Jn ertionsgebühr für die gespaltene Ze.le 1 Sgr. -

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Sj Sgr. berechnet. - Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

ee Berlin, 8. Jan Es bestätigt sich, daß auf Wunsch der Kaiserin August« die Hoftrauer um einige Wochen verlängert werden soll, während dagegen für die Beobachtung der Landestrauer einige Erleichterungen, namentlich auch für das Militär, eintrelen. — Wie bi« Blätter meldete», hat der Geh. Ober-Reglerungs- rath PerfiuS im Ministerium des Innern bei Sr. feit königl. Hoheit dem Kronprinzen Vortrag gehabt, dessen Gegenstand, gutem Vernehmen nach, der Ent­wurf der Provinzial - Ordnung war. Heber wichtige Landtags - Angelegenheiten und -Vorlagen pflegt der Kronprinz sich regelmäßig durch Vorträge der Herren Ressortminister oder der betreffenden Decernentrn genau üiformirrn zu lassen. — Aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika lauten dir Berichte über zunehmen, »en Nolhstand in den Arbeiterkreisen immer trauriger. Die Arbeitslosigkeit und Noch hat einen so hohen Grad erreicht, daß namentlich deutsche Arbeiter in groß« Zahl nach der »erlassenen Heimath zurückzu kehren trachten, wenn nicht dir gänzliche Mittellosigkeit ihnm auch diese Möglichkeit benimmt. Das AuSwan derungsficber dürste durch diese bittere Erfahrung nun wohl auf einige Zeit sich legen. — Die zunehmende Zchl der Verbrechen und Vergehen gegen die öffent­liche Sicherheit wird heutzutage unter dem Einfluß der sich hebenden Volksbildung und UrtheilSsähigkeil in politischen Dingen weniger al« früher den unmittel- baren Aufsichtsbehörden zur Last gelegt, deren Mach, der Natur der Sache nach gegen solche Mißstände eine beschränkte ist. Die öff ntliche Meinung unter Leitung der Presse sucht mit Recht diese Ursachen tiefer und bemühet sich, in eingehender wissenschaftlicher Er- irtcrung die Mittel zur Abhülse zu finden. Wenn in diesem Bemühen die milden Bestimmungen des StrasgeschbuchS mehrfach getadelt werden, so hebt da­gegen di« „National - Zig." heute mit Recht hervor, daß der größere Spielraum für da- Strafmaß voll kommm begründet und durch dir Humanität geboten sei, an den Richtern aber liege eS, nicht ohne gewich­tig« Gründe im concrelen Fall mit dem Strafmaß aus M Minimum herabzugehen.

— 8. Jan. Dir „Rordd. Allg. Zig." mahnt zu den Wahlen, nicht zu unterschätzen, was Frauen unter Leitung der Priester bedeuten Ausländische Gegner and innere Feind« rechnen daraus. Den katholischen Krauen ist glaubhaft gemacht, daß die Religion bedroht sei, in dieser Bedrängnitz wirken fie auf die Männer. Wo e« sich um ultramontane Wahlen handelt, da üben Frauen ein indirektes Wahlrecht aus. Mit dem päpstlichen Pantoffel im Bunde steht der Frckuen- Pamoffel, die klerikale Partei fei die Pantoffel Partei. Der Kampf der Priesterschaft gegen unseren Staat «nd dessen Lebensinteresse sei zugleich ein Krieg der

Weiber gegen Männer. Auf der einen Seite stehen Priester Weiber und Pantoffel-Helden, auf der anderen Seite deutsche Männer. Drüben ist der Pantoffel das Feldzeichen, hüben der deutsche Adler. Unter seine Fittige geschaarl, wollen wir Männer stehen, nicht unter dem Pantoffel. — Der deutsche Gesandte in China, Herr v. Rehfues, soll sich aus Gesundheitsrücksichten nach einiger Zeit zurückziehen wollen. Der bisherige hiesige Agent RumäinienS, Herr Rosetti, machte gestern seine Abschiedsbesuche.

Dresden, 5. Jan. Die zweite Kammer geneh­migte die von der Finanz Deputation mit der Regie­rung wegen dcS Thronwechsels getroffene Vereinbarung über die neue Civilliste, welche, Angesichts der Er­höhung der Domainen-Nutzungen aus 2’/2 Millionen, auf 950,000 normirt wird. Nur drei Stimmen warm dagegen. Leistner sprach dagegen; sonst fand keine Debatte Statt »

Karlsruhe 6 Jan. Die evangelische Landes­kirche befindet sich zur Zeit in einem bedrängten Zu­stand. ES fehlt an Ober Kirchen-Räthen, an Geist liehen und an — Geld. In dem geistlichen Perso­nal der Ober-Behörde war schon längst eine Aende rung vorherzusehen, indem der Prälat und ein anderes Mitglied schon hoch in Jahren stehen, da« dritte nach langer Krankheit vor Kurzem verstorben ist. Nun handelt es sich darum, zunächst wenigstens eine ent­sprechende Pellinlichkeit zu finden, die daS schwanke Ruder wieder mit etwas kräftigeren Händen ergreifen könnte. Aber bis jetzt war keine solche zu finden, sondern wurden nur zum Theil unglaublich klingende Namen bezeichnet. Nun kommt hinzu die große, vor­aussichtlich immer mehr anwachsende Candidaten-Noth die durch die bedeutende Sterblichkeit im verflossenen Jahr schon jetzt eine fühlbare Verlegenheit bereitet. Eine Reihe von Vicariaten ist Dotant, die Hörsäle in Heidelberg stehen leer, nur Wenige melden sich zu den Prüfungen, tüchtige junge Kräfte wandern au« ober gehen zu andern Stellungen über. Die Ursachen sind nicht unschwer zu begreifen. Sie liegen zum Theil in der „irdischen Gesinnung* unserer Zeit, wie der Herr Prälat sich audrückte, zum Theil in der unge­nügenden Bezahlung, zum Theil — wie wir mit Grund hiuzufügm — in der Unzufriedenheit mit dem be­stehenden Kirchen-Regiment, da« in der Verwendung der jüngere» Geistlichen manche Mißgriffe begeht. Schwerer.'ist es, Maßregeln zur Abhülfe namhaft zu machm. Dieselbm müßten vm allen Dinge» Geld beschaffen. • r, . .r '

München 8. Jan. Die Prinzessin Gisela, Ge­mahlin deS Prinzen Leopold von Baiern, ist von einer Prinzessin entbunden worden. — Dr. Anton Ruland, hervorragender ultramontaner Landtags - Abgeordneter

und Ober-Bibliothekar in Würzburg, ist heute Morgen an der Cholera Hierselbst gestorben.

Ttraßburg, 6. Jan Ganz ohne Sang und Klang ist am 1. Januar 1874 die Dictaturperiode erloschen und Niemand merkt einen Unterschied deS neuen und des alten Jahres in dieser Beziehung, man müßte denn in der Aufführung des Wilhelm Tell am Neujahrsabend einen stylvollen Gruß an die Zeit der Freiheit erkennen wollen. Sonst geht Handel'und Wandel seinen gewöhnlichen Gang und daS Gesetz re­giert jetzt wie es während der Diktatur regiert hat; nur die Befugniß deS Ober-Präsidenten, auf dem Wege der Verordnung einzelnen Personen den Aufenihalt im Reichslande zu versagen, hört auf. Dreimal ist dieselbe überhaupt in Anwendung gekommen, gegen drei Angchörige der Stadt Straßburg lieber allzu häu figen Gebrauch dieser Waffe wird sich wohl Niemand als die drei Betroffenen beklage» können; im Uebri- gen bleiben die Dinge wie sie sind, und nur der Geschäftsgang wird in Zukunft schleppender werden, wenn der Ober-Präsident häufiger al« bisher an das Reichskanzleramt berichten wird In dieser Art der Verwaltung liegt ihre hauptsächliche Schwäche. ES ist eine Erinnerung an die Provinzial-Minister Fried­rich'- des Großen, die hier wieder aufgelebt zu fein scheint: ausgestattet mit weitgehenden Befugnissen, ist die Provincial-Regierung doch wieder abhängig von dem Cabinet, d. h. in diesem Falle von der elsaß-lothringischen Kanzlei hn Reichskanzleramt. Der Regierung deS Landes durch das Land scheint daher eine Periode nothwendig vorangehen zu müssen: eine Regierung des Landes im Lande. Mag man nun jene Kanzlei von Berlin nach Straßburg verlegen ober hier dem Ober-Präsidenten bie Mittel zu freierer Be­wegung geben, gewiß scheint eS, baß das Land nur dabei profiiiren könnte, wenn hier in Straßburg der Schwerpunkt der ferneren Verwaltung verbliebe. ES sehen sich bie Dinge hier häufig doch anders an al« in Berlin. " '

Ausland.

Wien, 5, Jan. Während man ht politischen Kreisen bie Erwartungen bezüglich der confeffionellen Vorlagen, welche bem ReichSrath bei seinem Zusammen­tritt unterbreitet werben sollen, auf ein Minimum herunterfchraubt unb sich allerhand Befürchtungen hin- gibk, trägt man in der minffterieUen Welt den Kopf ziemlich hoch; freilich hüllt man sich in das größte Geheimniß. Die Vertrauten bes Ministeriums stehen nicht an, auf den enisprechenben Vorgang bei Gelegen­heit ber Wahlreform hinzuweifen. Auch bamals hätten pessimistifche Strömungen vorgeherrscht nnb die Zu­versicht fei nur eine sehr geringe gewesen, bis bann ber Reformentwurf selbst alle bitfe Zweifel siegreich verscheucht habe. Möglich, baß man sich jetzt ähnlicher

'L. ■ AuS de« Lehnt. -

Hi, Original-Novelle von Rudolph Mülbewer.

(Fortsetzung.)

Walden gehörte zu jenen Leuten, bei denen die Gefühle selten bis zur Oberfläche dringen unb mithin «uh nur selten äußerlich wahrnehmbar werden; allein «r empfand darum nicht minder tief. AIS er den Echeidebrief geschrieben," da hatte keine Thräne fein Auge gefeuchtet; aber fein Herz hatte sich krampfhaft zusammengezogen, denn er hatte Mathilde aufrichtig geliebt und ihr Verrath verwundete ihn in ber Tiefe seine« Herzen«. Indessen war Walden eine innerlich ju gesunde, zu treffliche Natur, als baß bie Erfahrung, welche er soeben gemacht, ihn hätte zum Menschen- seinbe stempeln sollen. Wenn er sich mehr und mehr in sich selbst zurückzog, so geschah es, weil Leute, wie et, zur Bekämpfung eines Schmerzes der Arbeit und Einsamkeit bedürfen, und sein Herz blieb nach wie vor, allen zarteren Regungen der Menfchmbrust ge­öffnet. - . r - .

Walden war zu gerecht, um das, »a« eine diese« Geschlechte« an ihm verbrochen, der Gesammtheit deS selben zum Vorwurf« zu machen; er war kein Weiber feind. Wenn er gleichwohl jede weibliche Annäherung fast instinctartig floh, so geschah e«, weil er durch den an seiner Siebt begangenen Verrath zu sehr gelitten

hatte, alS daß er noch den Muth gehabt hätte, fein Herz auf« Neue ber Liebe zu öffnen: — ein gebrannte« Kind scheut da« Feuer. Zwar, e« ist richtig, sind wir nicht Herren unserer Gefühle; die Liebe kommt zu uns ungerufen, und wir können das Herz nicht mit den Händen fefthalteu; allein trotzdem ist eS nicht minder wahr, daß ein« bittere Erinnerung ein vor­treffliches Präservativ gegen bie Liebe ist.

Walden's Stolz und feine Ueberzcugung, baß er den Verlust eine« Weibes nickt zu beklagen habe, welche« in biefer Weise ihn bem Golde eine« reicheren Bewerber« zu opfern vermocht, halfen ihm, seinem Herzen zu gebieten, aus welchem weder Zeit noch Ent fetnung, selbst nicht einmal die Ueberzeugnng vom Un werthe der Geliebten, ihr Bild zu btrbrängen vermocht. Vergeben« rief Waiden die Erinnerung an den Verrath, den Mathilde von Eckendahl an- ihm begangen, zu Hülfe im Kampfe gegen eine Neigung, bie bisher, ihm selber unbewußt, in ihm fortgelebt. Selbst, al« er Frau von Hußlar veranlaßte, seine Gastfreundschaft anzunehmen, handelte er — freilich ohne sich darüber Rechenschaft zu geben — unter dem Eindrücke dieser Neigung: er wollte Frau von Hußlar geigen, daß das Loos, welche« er ihrer Schwester anzubieten ge» habt, doch kein so ärmliche« gewesen wäre, als sie vielleicht geglaubt. - v ’-’t » •

*

Als Frau von Hußlar ihr Zimmer betrat, ließ sie sich in einen Fauteuil fallen und überließ sich ihrm Betrachtungen.

Ihr Kammermädchen brachte Licht und arrangirte den Theetifch, ohne daß Frau von Hußlar die geringste Notiz davon zu nehmen schien; al« fie jevoch Wal­den's Tritt auf ber Treppe vernahm, da verschwanden die Wolken auf ihrer Stirn unb sie bewillkommnete de» Eintretenden mit einem heiteren Lächeln.

Während des AbendS war sie ganz die heiterS, liebenswürdige Wirthin, bie Walben durch ihre» Geist zu feffeln, durch ihre Laune zu bezaubern wußte. Kaum hatte jedoch, kurz nach Mitternacht, die Thür sich hinter ihm geschloffen, so verschwand bas Lächeln von ihren Lippen, während sie ba« Zimmer der Sänge nach mit ihren Schritten durchmaß. :

Endlich blieb fie stehen; ihre schlanke Gestalt war hoch aufgerichtet, ihr Gesicht bleich und in ihren Zügen spiegelte sich ein Ausdruck sittlicher Entschlossenheit.

„Ja," sagte sie, „cs muß fein! Und dann fort von hier; die Luft erstickt mich, tiefe Räume tödten mich!" - • '>'

Damit trat sie zum Schreibtische; ihre Feder flog pfeilschnell über da« Papier. Längst schon hatte alle Welt iw Grünberg die Ruhe gesucht, nur in ihr«