Mr. 7.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 @gt. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2| Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreau- nehmen Inserate an.
ÄfüflW
fe’d >nu_
hiÄ'
WterhefsisWZeitÄZ
:.-{,zn tz !! Of ,’jtiui ollQtÖlir^। bett 9» ^(IttlllllU ’i<' N'- rr.ilt 1874
•Jt;i *n»S8 tis^rvank. . : ...... .nssi r^.-A\ -
Die Wahle« und die deutsche Wehr- Verfassung.
Den bereit- unter den gestrigen Telegrammen erwähnten Artikel der „Prov.-Corresp." bringen wir hiermit vollständig zum Abdruck:
Die Wahlbewegung für den deutschen Reichstag wird, wie es nicht anders sein kann, vorzugsweise durch den gewalligen Gegensatz beherrscht, welcher gegenwärtig das gesummte politische Leben Deutschland» erfüllt, durch den Gegensatz des deutschen nationalen Geiste» gegen die reichsfcindlichen ultramontanen Bestrebungen. „Hie Wels, hie Waiblingen" ist die Losung, welche von Neuem in allen Wahlkreisen ettint: zwischen der römischen und der deutschen Gesinnung wird der Wahlkampf vorzugsweise auS- gefochten.
Während aber das deutsch-nationale Bewußtsein stch vor Allem in der Richtung gegen dir päpstliche» Ansprüche belhätigen soll, liegt die Gefahr nahe, daß eine andere überaus wichtige und entscheidende Seite unserer nationalen Aufgabe und Pflicht bei den Wahlen nicht gebührend zur Beachtung und Geltung gelange.
Bei den diesmaligen Wahlen wird daS deutsche Volk besonders auch dafür Sorge tragen müssen, daß der Regierung des Deutschen Kaisers im Reichstage eine Mehrheit zur Seite stehe, welche fest entschlossen ist, die Grundlage der neu gewonnenen deutschen Macht, die einheitliche Wehrkraft des Reiches, unangetastet zu erhalten und unwiderruflich zu be- festigen.
Einen größeren Bortheil könnten die Feinde des Deutschen Reiches nicht erringen, als wenn unter dem ausschließlichen Einflüsse der Gesichtspunkte des kirchlich-politischen Kampfe« eine größere Anzahl von Männern in den Reichstag gewählt würde, welche zwar in den kirlichen Fragen die Regierung zu unterstützen bereit wären, dagegen in Bezug auf die Wehrverfassung de» Reiches - auf dem Standpunkte der früheren Opposition ständen und in dieser Frage gemeinsame Sache mit den Gegnern unserer nationalen Größe machten.
Man beachte nur die Berechnungen und Hoffnungen der reichsseindlichen Blätter innerhalb und außerhalb
Deutschlands. Die Berechnungen sind von vornherein nicht darauf gerichtet, daß etwa die ultramontanen und sonstigen Gegner der.nationalen Entwickelung an und für stch eine Mehrheit erringen könnten; wohl aber gehen die Hoffnungen dahin, daß neben einer starken Schaar grundsätzlicher Gegner der Reichspolitik noch eine erhebliche Anzahl von Abgeordneten in den Reichstag gelange, welche aus demokratischem Partei Interesse geneigt sind, der Reichsregierung namentlich auf dem Gebiete der Militäreinrichtungen entgegenzuwirken und dadurch die weitere Entwickelung der deutschen Macht zu lähmen.
Eine Schädigung oder auch nur eine Hemmung der Reichspolitik aus diesem Gebiete würde von der schwersten Bedeutung für die Wohlfahrt des gesammten deutschen Volkes sein, und Jeder, der die ruhige und sichere Entwickelung des Reiches sowohl in politischer Beziehung, wie auch in Bezug auf die gewerbliche Thäligkeit des Volkes fördern will, muß bei den Wahlen dazu Mitwirken, jede Erschütterung der mühsam gewonnenen Grundlagen unserer Macht zu verhüten.
Mit vollster Zuversicht dürfen wir auf die Macht mittel blicken, welche wir in unserer wunderbar er probten Wchrverfassung besitzen. Die Zuversicht ist erhöht durch die große Gemeinschaft einer entschlossenen Friedenspolitik, welche von der Drei-Kaiser Zusammenkunft an sich in den fürstlichen Begegnungen deS vorigen JahreS immer fester und inniger gestaltet hat.
Aber wenn es der deutschen Politik vergönnt war, den ersten Grund zu einem mächtigen Friedensbunde zu legen, so wäre ihr dies doch nimmer gelungen, wenn nicht die eigene friedliche Politik ihre nächste Stütze in dem Bcmußtsein ihrer fest gegründeten Wehrkraft gehabt hätte. Eine Beeinträchtigung dieser Kraft würde die Voraussetzungen jenes europäischen Friedensbundes erschüttern und um so mehr die Feinde Deutschlands mit neuer Zuversicht erfüllen.
Wenn daS deutsche Volk die Sicherheit des Frieden» und damit den Schutz seines Besitzes und das Gedeihen seiner Arbeit sich selber verbürgen will, so wird es bei den Wahlen nur solchen Männern sein Vertrauen schenken, welche die Regierung auf allen
Gebieten der nationalen Politik und namentlich ebenso sehr in der ungeschmälerten Erhaltung der deutschen Wehrkraft, wie in der Wahrung der geistigen Güter der Nation zu unterstützen entschlossen sind.
Deutsche- «eich. ~™
•» Berlin, 7. Jan. lieber das Befinden des Kaisers bringt heute auch die „Prov.-Corresp." ausführlichere Meldung, welche auch das nach den Verhältnissen rasche Ueberwinden der Folgen des katarrhalischen Leidens mit Recht als einen Beweis "der in so hohem Aller noch vorhandenen Lebenskraft deutet, und darin eine Bürgschaft für die Erfüllung der Wünsche deS Landes findet. — Das Staalsministerium ist heute zu einer Sitzung berufen worden, in welcher nicht allein die schon gestern erwähnten Vorlagen des Cultu»- Ministers zur Sicherung vollständiger Ausführung der Maigesctze zur Berathung resp. Beschlußnahme kommen sollen, sondern eine Ausführung zum Erlaß des Ober- Kirchenraths vom 10 September v. I., so weit derselbe in einigen Punkten das Rechtsgebiet des Staate» berührt und deswegen staatlicher Autorisation bedarf. — In dem Ressort des Polizei-Präsidiums hier war bisher nur die L Abtheistlng als Regierungsbehörde mit höheren Beamten an der Spitze organistrt, während die anderen Abtheilungen für Bauwesen, Gewerbe u. s. w. von im Dienste der Polizeiverwaltung geschulten und als solche bewährten Beamten geleitet wurden. Bei der wachsenden Ausdehnung der Geschäfte ist da» Bedürfniß erkannt worden, die Leitung aller Abtheilungen zum höheren Staatsdienst vorgebildeten Regierungsbeamten zu übertragen, und ist zu diesem Zweck auch im Etat bereits eine angemessene höhere Summe ausgeworfen worden. — Zur Gewinnung einer erschöpfenden Uebersicht über die Bethei- ligung an den politischen Wahlen ist der Gebrauch von statistischen ^Tabellen beschlossen worden, wozu gleichlautende Formulare zur Vertheilung kommen. — Die heutige „Prov.-Corresp." führt in ihrem Leitartikel die Wichtigkeit der Wahlen für die sichere Fundamen- tirung der deutschen Wehrkraft au», da auf dieser die Garantie deS Frieden» und die erfolgreiche Entwickelung der allgemeinen Wohlfahrt ruhe. Das Interesse
im Leben.
Original-Novelle von Rudolph MüldeNer. ^ (Fortsetzung.) -
v „Sie hüben also viel gelitten, gnädige Frau?" Diese Frage berührte Frau von Hußlar wie ein
Messerstich.
„Woher wissen Sir da»?" gab sie ihm Frage mit Frag« zurück. ,:3*
„Ihr Geschmack, gnädige Frau," antwortete ^er „war früher nicht ganz so bukolischer Natur."
„Es ist wahr," antwortete sie endlich, „meine Ehe war nicht glücklich. ES war eine jener Ehen, wie eS deren in ver Welt viele gibt, in denen vielleicht unsere Eitelkeit, nicht aber unser Herz Befriedigung findet, weil ihr jede Harmonie der Gemmher fehlt."
Bei diesen Worten flog ein eigcnthümlicher Zug über Walden» ernstes Gesicht. Diese Frau hatte in früheren Jahren dir Empfindungen der Liebe verhöhnt, über eheliche Zärtlichkeit nicht selten die Lauge eine», beißenden SpotleS ausgegossen und dann eine Eon- Ven ienzheirath geschlossen. Aber die Natur rächt stch an denen, welche ihrer spotten; — jetzt hörte er dle- selbe Frau sich über dir Oede ihre» Leben» beklagen, über den Mangel an gegenseitiger Harmonie in ihrer erst vor Kurzem durch den Tod gelösten Ehe.
„Sie haben in der großen Welt gelebt," antwortete Walden endlich, „und fühlm sich übersättigt. Die» war vorauSzusehen, Ein« so begabte Natur, wie die Ihrige, gnädige Frau, konnte stch durch da» stivole und gehaltlose Treiben unserer exclusiven Zirkel dicht auf die Dauer befriedigt fühlen. Die Ruhe, die Stille de» Landlebens thut Ihnen wohl, schon um de» Contraste» willm mit den aufregenden Ge- nfiffen Ihre» bisherigen Leben». Versuchen Sie e» einmal, gnädige Frau," fuhr er fort, „statt, wie bisher, den Triumphen einer kleinlichen Gtelkeit nachzu- jagen, sich selbst zu genügen, und ich glaube, Sie
werden dann alle jene innere Befriedigung finden nach welcher Sie sich sehnen."
„Und Sie, Walden," fragte Frau von Hußlar, „fühlen Sie selbst stch glücklich?"
„Wenigstens," antwortete er, „bin ich mit dem Leben zu einem Abschlüsse gekommen und habe ich gelernt, nicht mehr Ansprüche an die Welt zu machen, alö dieselbe wirklich zu befriedigen vermag."
„Sie sind also glücklich?"
„Wenigsten» zufrieden. Jedes auf ernstere Dinge gerichtete Streben führt zur Zufriedenheit, und mein Leben verfließt in der Erfüllung meines Berufes und in naturwissenschaftlichen Studien."
„Und erinnern Sie stch zuweilen noch jener Zeit, in welcher Sie so oft unser Hau» betraten?" fragte Frau von Hußlar endlich zögernd.
„Ich habe mich bemüht, diese Periode meines Leben» zu vergessen," antwortete Walden ernst.
„Vergessen?" wiederholte Frau von Hußlar, die vielleicht eine freundlichere Antwort erwartet haben mochte. — „Sie haben meine Schwester also sehr geliebt?"
Bei diesen Worten zuckte Walden zusammm, wie von einem glühenden Eisen berührt.
„Wohl habe ich Ihre Schwester geliebt", antwortete er endlich mit einem Accent der Wahrheit, der Frau von Hußlar bis in das Mark erschütterte, „und mit Freuden hätte ich jeden Tropfen meine» Blutes für sie vergossen."
„Und Sie lieben Mathilde noch immer?"
„Gnädige Frau", antwortete Walden achselzuckend, „di« Verachtung ist ein vortreffliches Antidot gegen die Liebe!"
Bei diesen Worten preßte Frau von Hußlar ihre Hand fast krampfhaft auf ihre Brust.
„Vielleicht", antwortete sie endlich zögernd, „ist Mathilde nicht so schuldig, als Sie glauhm, und ich
muß selbst gestehen, daß sie, ohne meinen Einfluß, schwerlich Herrn von Hohenfeld ihre Hand gereicht haben würde".
„Gnävige Frau", versetzte Walden mit einer ihm sonst fremden Herbheit, „versuchen Sie nicht, die Schuld Ihrer Swwester dadurch zu mildern, daß Sie grotzmülhig einen Theil derselben auf Ihre eigenen Schullern nehmen. Welcher Art der Einfluß auch sein mochte, den Sie auf Frau von Hohenfeld au»- geübt, so waren doch nicht Sie eS, welche sich mir verpflichtet, nicht Sie, welche mir die Treue gebrochen, und rntthin würde es meinerseits eine Ungerechtigkeit jein, Ihnen die Verantwortung für das aufzubürden, was nicht Sie verschuldet".
Frau von Hußlar blickte zu Boden Und antwo- tete nicht; sie war plötzlich sehr bleich geworden.
„Es ist kühl hier"; sagte sie endlich, aufstehend und den Shawl fester um ihre Schultern ziehend.
„Erlauben Sie mir, den Thee in Ihrer Gesellschaft einzunehmen" ? fragte Walden.
~ „Sie wissen es ja, Doctor", antwortete sie, „daß Sie mir allezeit willkommen sind".
Mit diesen Worten verschwand Frau von Hußlar in der Hausflur; Walden zündete stch eine Eigarr« an und während er die Rauchwolken in die Abendluft hinaus wirbelte stiegen unwillkürlich die Bilder jener Zeit, deren Gedächtnitz die Unterhaltung mit Frau von Hußlar geweckt, vor seinem geistigen Auge herauf.
„Zuweilen", murmelte er, „packt mich alten Burschen doch eine schmerzliche Sehnsucht nach dem @i ücfe de« Familienleben». Aber" fetzte er in phlo« sophischem Gleichmuihe hinzu, „ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer. Es ist nun einmal mein LooS, einsam und allein durch das Leben zu wandern!"
• e •
Ein gebranntes Kind scheut da» Feuer! In Heidelberg hatte Walden während seiner Studirzeit mit