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IVr« 2 JRatßurg, Sonnabend, den 3. Januar. 7; .. 1874.

Oberhessische Zeitung. Z

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Zu den Reichstagswahleu.

IIL

Wir haben bereits über die Nützlichkeit und Zu- Verlässigkeil der Programme bei den Wahlen unsere Ansicht ausgesprochen und, als ob wir eine ganz be­sondere Nutzanwendung der aufgestellten Sätze erhalten sollten es liegt uns heute da« Programm des Rechtsanwalts Fenner aus Berlin vor. Dasselbe hält sich zwar frei von hochtönenden Phrasen und weitgehenden Versprechungen aber dafür ist dasselbe so unbestimmt, so wenig positiv, daß alle politischen Parteien ohne Weiteres dasselbe unterschrei­ben können.

W« zunächst über die Militärlast gesagt wird, daß unsere Militärkraft Frankreich gegenüber nicht geschwächt werden dürfe," so find wir der Ansicht, daß derartige Versuche wohl die Rcichsregierung bestens verhindern würde, dieselbe wird kein Gesetz zulassen, Has diese Folge haben könnte. Das versteht sich ja ganz von selbst

Wir fragen nun aber, da die Spannung Frank­reich gegenüber wohl nicht immer anhalten wird, wie denkt der Herr Abgeordnete in dieser schwer wiegenden Frage sich zu stellen? wie gedenkt er die Lasten des Volkes in Zukunft zu erleichtern? darüber schweigt das Programm. Wir wollen, ohne diese Frage von unserem Standpunkte näher zu beantworten, hier darauf Hinweisen, daß in den maßgebenden Kreisen bereits der richtige Weg beschritten zu sein scheint. Die körperliche und geistige Ausbildung unserer Jugend muß mit solcher Energie betrieben werden, daß sich die militärische Ausbildung von selbst abkürzrn muß. Dar Turnen in den Schulen in Stadt und Land, das Turnen in den Vereinen muß eine tüchtige Vorbildung des jungen Mannes für seine letzte Erziehung zur Wehrhaftigkeit sein ein Gedanke, der auch in dem Neujahrgruß unseres Turnvereins, den wir auch unsererseits in jeder Beziehung freudig begrüßt, auf daS Klarste hervorgehoben ist. Wir werden auf diesen Punkt noch^rückkommen.

Sehen wir da» ^rogramWpeiter an: Ueber die sei unS der Ausdruck erlaubt Phrasen: daß Rechtspflege in Verwaltung, Handel und VolkSwirth- schast mit Einrichtungen versehen werden, welche deS Reiches Gedeihen fördern und dem Bedürf- nisfech>er Zeit entsprechen gehen wir hinaus,

denn wir lesen nicht, welche Einrichtungen deS Reiches Gedeihen befördern sollen, und waS dem Bedürfnisse der Zeit entspricht. Die kirchliche Frage ist aller­dings von großem Interesse; di« beiden Grundsätze des Herrn Fenner, der der Gewissensfreiheit und der weitere, daß Jedermann ohne Ausnahme den Gesetzen gehorchen müsse, sind vollkommen richtig, aber seit langen Jahren keinem Juristen zweifelhaft Wir meinen aber, daß es bei einem Mitglicde des gesetzgebenden Körpers vor Allem darauf ankomme, seine Stellung etwaigen neuen Gesetzen gegen­über zu bezeichnen, zu sagen, wie weit er das Aufsichlsrecht des Staates ausdehnen will. Davon enthält das Programm kein Wort!

Soll?n wir mit wenigen Worten unsere Siel lung zu der Frage bezeichnen, so meinen wir, daß in Hessen, der katholischen Kirche gegenüber ein sehr rich­tiges Verhältniß der Staatsgewalt begründet gewesen, gleich weit von Eingriffen in deren Rechte und von unpraktischen liberalen Theorieen, toie- sie weiland die preußische Verfassung enthielt, JJür die protestan- ti s ch e Kirche aber verlangen wir eine weit größere Selbstständigkeit., als der bisher herrschende Terri- toriälismuS zugestanden hat.

Die Gerichtsverfassung und das Prozeßverfahren sind durch die vortrefflichen Vorarbeiten der Reichs­regierung so weit gefördert und von Sachkundigen so weit bcrathen, daß es keinem Zweifel unterworfen ist, daß diese Gesetze zum Nutzen und Frommen des Rei­ches angenommen werden.

Aber wir möchten hier doch den für unfern Wahl­kreis berechtigten Wunsch recht dringend aussprechcn, daß bei der Gerichtsorganisation die wohlwollenden Absichten der Regierung, welche sicherem Vernehmen nach ein größeres Gericht hier zu etabliren gedenkt, auch in Ausführung kommen was bekanntlich in früheren ähnlichen Fällen verhindert worden ist und zwar durch wen?

Das sind die Gedanken, mit denen wir das Pro­gramm unseres Gegners zu erfüllen gedenken. Wir kommen wohl noch auf daS zurück, was nicht in dem Programm sieht.

DnttscheS «eich.

Berlin, 31. Dec. Nach dem von dem Handels« Minister Dr. Achenbach in der letzten Sitzung des

Staatsministeriums eingebrachten und im Großen und Ganzen genehmigten Gesetzentwurf über das Eisen­bahn - Comcessionswesen werden für die Folge alle Eisenbahn-Concesfionen vom Staatsministerium be­willigt werden, nach vorgängiger Begntachtung durch das LandeS-Eifenbahnamt. Dieses Landes-Eifenbahn- amt ist keineswegs identisch mit dem Reichs Eisenbahn- amt, zu dessen Präsidenten Herr Scheele ernannt ist. Aus zuverlässiger Quelle hört man hierüber, daß beide Oberbehördcn zwar analog eingerichtet sein werden, indem in beiden drei richterliche Beamte sitzen werden, wie dies so eben für das ReichS-Eisenbahnamt vom Bundesrath genehmigt ist, aber im Uebrigen getrennt sein werden. So ist also ein neues Rad eingefügt in eine Maschine, die der Räder schon so viele hat. Aber so lange Preußen und Deutschland nicht wechsel­seitig in einander aufgegangen sein werden, ist diese doppelte Buchführung leider nicht zu vermeiden. Ferner wird mit großem Eifer an einer anderen wichtigen Vorlage gearbeitet, nämlich über den Ober-Verwal- tungsgerichtshof. Die Vorlage ist im Ministerium des Innern vom Geheimerath WohlerS ausgearbeitet. Die verschiedenen Ministerien haben zu der Vorlage ihre Erinnerungen gemacht, und jetzt eine Commission auS allen Ministerien niedergesetzt, um die Meinungen auszugleichen und die letzte Hand an eine Vorlage zu legen, die nicht geringe Schwierigkeiten darbietet. Dem Abgeordnetenhause übersandten gestern die Minister für Justiz und Finanzen einen Entwurf be­treffenddaS Hinterlegungswesen". Es ist dies di« erwartete Depositarordnung, ein Entwurf, der in 24 Paragraphen das gerichtliche Deposttenwesen so mo- dificirt, wie es durch das neue Vormundschaftsgesetz erforderlich wird. In Abgeordnetenkreisen glaubt man daß beide Entwürfe zu sehr umfangreichen Debatten führen werden. Außerdem ist dem Abgeordnetenhause der Entwurf wegen Regulirung der Rechtsverhältnisse deS fürstlichen Hauses Sayn-Wittgenstein-Berleburg übersendet' worden. Die Frage wegen der Eisen- bahntarifc beschäftigt in diesem Augenblick alle zu- stehenden Ressorts. Das preußische Handelsministerium hat seine Vorschläge gemacht, doch wird auch mit dem Reichs-Eisenbahnamt und hervorragenden comrnerciellen Autoritäten verhandelt, und eS ist anzunehmen, daß diese Angelegenheit noch manche Stadien zu durchlaufen haben wird, bevor sie spruchreif ist. Die Berufung

> Der Wriberfei«». '>-

'7! - Novelle von Ludwig Ziemssen. ij

' (Fortsetzung.)

Endlich «S wurde ihm sehr schwer, sich zur Ruhe zu zwingen endlich hielt et inne, schloß seinen im Winkel stehenden Koffer mit etwas zitternder Hand auf, entnahm ihm Papier und Schreibgeräth und saß wenige Minuten später am Tisch, nachfolgen- Bries mit fliegenden Zügen auf daS Papier werfend:

Mein theurer Ferdinand! Besäße ich nicht in Deinen eigenen Briefen, die vor mir auf dem Tische liegen, daS waS mir Muth macht, ich dürfte nicht wagen, Dir heut zu gestehen, was mir das Herz bis zum Ueberströmen erfüllt Einst wird schreibst Du, so Gott will, die Zeit kommen, wo auch dein Stahlherz von der schmerzlich-süßen Empfindung der Siebe durchzuckt, Dein ernstes Auge von weiblichem Liebreiz gerührt, Dein Ohr berauscht sein wird von dem Zauberktang einer geliebten Stimme, und dann dann werde ich nicht Deiner spotten! O Liebster, welch ein Prophet warst Du! Vergiß meinen letzten thörichten Brief, vergib mit seine innere Un­wahrheit, und seinen ach! so mühsam erkünstelten Trotz und höre heut die Wahrheit. Schon seit lange namentlich aber seit Empfang des schönen Briefes, bet mit dein neue» Glück verkündete, krankte mein Herz an tiefer Liebebedürfdigkeit, gegen die ich ver­gebens die alten thörichten Grundsätze von ehemals al« Heilmittel zu verwenden suchte. Heut, auf dem Wege zu Euch, habe ich auf wunderbare Weise die­jenige gesunden, die mit ich zweifle nicht durch deS Himmels Güte zur Gefährtin meines bisher so liebleeten Leben« bestimmt ist: «in holdes liebreizendes

Geschöpf, eine arme junge Waise, in deren frommes, inniges Gemüth, in deren edle, lautere Sinnesweise einen tiefen Blick zu thun, mir ein Zufall vergönnte, und die ich nun mit allen Wünschen und Hoffnungen meinet Seele inbrünstig umfange. Ja, auch ich spüre, um Deine schönen Worte, noch einmal für mich sprechen zu lassen, auch ich spüre, wie Du beim ersten Anblick Deiner theuern Frau, im tiefsten Innern, daß es sich hier um Glück ober Unglück meines Lebens handelt, und alle falsche Scham fällt von mir ab. Ich bin Deiner, ich bin Deiner lieben Ehegattin, die mir von allen Seiten als ein Engel an Herzensgüte gerühmt wird, zu gewiß, um nicht eine große Bitte an Euch wagen zu dürfen. Nehmt mein geliebtes Mädchen ach! sie ahnt noch nicht, wie theuet sie mir ist, unter dem Titel einer Gesellschafterin Deiner guten Frau, einige Tage bei Euch auf, dis ich mich ihr habeerklären" können, und gönnt ihr, der vater- und mutterlosen Waise, der heut, beim ersten HinauStritt in die kalte fremde Welt von einer rohen Frau (der Besitzerin von Hellburg) sehr hart begegnet ist, o, gönnt ihr unter Eurem stillen Dache eine kurze Rast zum Aufathmen, bi» ich sie wenn Gott ihr Hetz nach meinen Bitten lenkt iti mein eigenes Haus als hold« Herrin und Beglückerin meines Lebens «infühten darf.

Ich folge diesem Briefe mit Anni in kurzem Zwischenraum; gieb dem Boten ein ostensibles Billet an mich al» Antwort, damit er es mir unter­wegs einhändige, und empfangt schon jetzt so sicher bin ich Eures Herzens meinen innigsten bewegtesten Dank! In wenigen Stunden umarmt Dich Dein

treuer Raimund.

Hastig, ohne das Geschriebene noch einmal durch­zulesen, (wie brannten ihm die Wangen dabei!) schloß er den Bries in ein Couvert und eilte auf die Post, einen reitenden Boten für denselben zu besorgen. Erst als er diesen, mit den nöthigen Instructionen versehen, hatte abreiten sehen, kehrte er, etwas be­ruhigteren Herzens, zum Bahnhof zurück.

Freilich das sehnsuchtsvolle Herzklopfen, unter dem er feit diesem Morgen litt, hatte sich auch jetzt noch nicht verloren, und mit gesteigerter Heftigkeit erhob er sich, als einige Stunden später nach sanftem, tiefem Schlaf, Anni erquickt und erfrischt, wie eine betraute Rose, in« Zimmer trat. Sie sah so so un­glaublich reizend aus, und ihr Lächeln war so hin­reißend, so geradezu herzbethörend, daß er erst nach geraumer Zeit den Ton eine« Beschützers, die freund­liche Miene eines sorgenden Berathers wiederfand; am liebsten wäre er ihr gleich zu Füßen gesunken und hätte all das geheime Weh, alle die verschwiegene Wonne seines Herzen« in glühende hinreißende Worte auSgeströmt! Run, das ließ sich in einer Bahnhofs- Restauration, zu der jedermann zu jeder Zeit Zutritt hatte, nicht wohl wagen; auch fürchtete Friesen allzu­sehr, das ersehnte Glück durch Uebereilung zu ver­scheuchen, so begnügte er sich, bet lieben Genesenen einige warme Worte der Freude über ihr wiederge- wonneneS frisches Aussehen zuzuflüstern und sein wieder aufgenommenes Amt als sorgender und be- raihender Freund dahin auszunutzen, daß er sie zu einem hübschen Frühstück zwang, wie es die freund­liche Wirthin (die, beiläufig gesagt, das junge Paar mit merkwürdig ahnungsvollen Blicken betrachtete) in zierlichster Weise servirte. Es war ein allerliebstes tete-ä-tete an dem sauberen Tischchen deck-dich und