Mi-. 1. yuij, Marburg, Donnerstag, den 1. Januar. f
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. Dec. In ihrem Leitartikel „Beim Schlüsse des Jahres 1873" führt die heutige „Prov.- Eorrcsp." aus: Das Jahr, welches zu Ende geht, wird in der Geschichte unseres Vaterlandes seine Bedeutung vornehmlich als ein Jahr schweren und inneren Kampfes behalten. Wohl hatte der Kampf zwischen der bürgerlichen und geistlichen Gewalt bereits in den beiden vorhergegangenen Jahren begonnen, aber erst das Jahr 1873 hat auf Seiten der Regierung und der Volksvertretung das volle Bewußtsein der Noch wendigkeit und zugleich den festen Entschluß hervor treten lassen, dix großen Fragen, um die eS fich handelt, zu einer durchgreifenden grundsätzlichen Lösung zu bringen. So peinlich und schmerzlich aber der jetzige Zwiespalt und Kampf empfunden wird, um so weniger die Stimmungen beim unmittelbaren Rückblick aus das Jahr 1873 in dieser Beziehung freudige sein könne», so ist doch die Regierung nach wie vor davon durchdrungen, daß fle in der festen Verfolgung des betretenen Weges nicht bloS ihre nächste Pflicht für den Staat erfüllt, sondern auch für eine ersprießliche Regelung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche und damit für den Frieden der Zukunft sorgt. Die Arbeiten der bürgerlichen Gesetzgebung sind im letzten Jahre hinter den Aufgaben und Sorgen auf dem kirchlichen Gebiete einigermaßen zurückgetrelcn. Auf dem Gebiete der einheitlichen deutschen Gesctzgebung hat da« endende Jahr eine hochwillkommene Frucht der nationalen Bewegung zur Reife gebracht; die von dem Reichstage seit Jahren erstrebte Ausdehnung der Reichsgesetzgebung auf das gesammte bürgerliche Recht hat nunmehr die Zustimmung auch einiger bisher widerstrebenden deutschen Regierungen gefunden, und die dahin zielende Aenderung der Reichsverfassung konnte vom deutschen Kaiser so eben verkündet werden. Di« gesunde Kraft des deutschen Staats- und Volkswesens wird auch die Gefahren überwinden helfen, welche im Laufe dieses Jahres unsere wirthschaftliche Entwickelung schwer bedroheten: die überwuchernde und krankhafte industrielle Erregung, welche durch die günstige finanzielle Lage der jüngsten Jahre hervor- gerusen war, hat zu einem naturgemäßen Rückschlag
und zu einer augenblicklichen Ermattung' de- industriellen Unternehmungsgeistes geführt; — der schroffe Wechsel hat die wirthschaftlichen Verhältniffe in weiten Kreisen der Bevölkerung empfindlich berührt, aber Dank den früheren gesunden Grundlagen und Ueber- lieferungen unseres industriellen Lebens ist der Schade nicht bis an die tieferen Wurzeln deffelben Mangen, und die Hoffnung ist begründet, daß die augenblickliche Erschütterung vor Allem als heilsame Lehre nachwirken werde, nicht das Streben nach leichtem, aber täuschendem Gewinn an die Stelle der ernsten und gediegenen Arbeit treten zu lasten, durch welche der preußische Staat und das preußische Volk ihre jetzige Höhe erreicht haben. Wenn die schwersten Folgen der wirth- schafttichen Krisis in diesem Augenblick bereits überwunden zu sein scheinen, so wird das Jahr 1873 auch in dieser Beziehung durch die mahnende und .reinigende Kraft, die eS geübt hat, von wohlthätiger Bedeutung für die weitere Entwickelung unseres Volkslebens gewesen sein. Dieses Vertrauen wird erhöht durch die günstige finanzielle Lage unseres Staates und deren mittelbare befruchtende und erleichternde Wirkung auf die verschiedenen Gebiete der Industrie, und vor Allem durch die Friedenszuversicht, welche im Jahre 1873 so allseitige und überzeugende Be stätigung und Befestigung gefunden hat.
— Unser Kaiser schreibt die Prov. Corr./ be- findet sich seit einigen Tagen ht sichtlich fortschreitender Besserung. Die katarrhalischen Beschwerden, welche sich im Laufe der vorhergegangenen Woche sehr empfindlich geltend gemacht hatten, waren bereits in den Weihnachtötagen in merklicher Abnahme begriffen, so daß Se. Majestät den ganzen Tag außer dem Bett zubringen konnte. Seitdem ist eine weitere bemerkbare Erleichterung in dem Gesammtbefinden des hohen Kranken eingetreten und die Zuversicht auf einen baldigen völlig günstigen Verlauf des Unwohlseins gesteigert. — Nach demselben Blatte ist das Reichsmilitär- gesetz, welches dem Reichstage bereit» in der letzten L>ejston vorgelegt war, aber in demselben nicht zur Berathung gelangte, nach erneuter Durchsicht soeben dem BundeSrathe wiederum unterbreitet worden, um in der im Februar bevorstehenden ReichStagS-Session
unverweilt zur Berathung vorgelegt zu werden. Dasselbe wird den wichtigsten und vomehmlichsten Gegenstand der parlamentarischen Thätigkeit in dieser nächsten Session bilden, während die meisten sonstigen Aufgaben der Gesetzgebung (mit Ausnahme des Preßgesetzes und einiger dringenden besonderen Vorlagen), sowie die Berathung deS Reichshaushalts für 1875 einer Herbst- Session des Reichstages Vorbehalten bleiben sollen.
— Gestern fand unter Vorsitz deS Staatsministers Delbrück die 53. Plenarsitzung des BundeSrathS statt. Es wurde a) eine Vorlage, betreffend die Gründung einer Centralstelle für Meereskunde und Sturmwarnung; b) Anträge der Stadtgemeinde zu Königsberg i. Pr. und Danzig wegen Erweiterung der FestungSthoren rc. auf Kosten de« Reichs; c) ein Antrag, betreffend die zollamtliche Behandlung der in Barmbeck eingehenden Poftpäckereien, d) ein Antrag wegen Vorlegung des ReichS-MilitärgesetzeS an den Reichstag, den betreffen AuSschüffen überwiesen. Demnächst wurde eine Eingabe vorgelegt, und hierauf die Session deS BundeSrathS für 1873 geschlossen. — In der gestrigen Sitzung de» Staatsministeriums ist, wie man hört, der auf Grund des Berichtes der Special- untersuchungscommission wegen des Eisenbahncon- cesfionSwcsenS int Handelsministerium ausgearbeitete bezügliche Gesetzentwurf Gegenstand der Berathung und Beschlußfassung gewesen, so daß die Vorlegung desselben nach eingeholter allerhöchster Ermächtigung vielleicht ebenfalls nach den Ferien stattfinden kann. Die commiffarischen Verhandlungen über den Gesetzentwurf, betreffend die Einrichtung eine» obersten Verwaltungsgerichtshofes, habm gestern stattgefunden. Die Berathung deS Gesetzentwurfes soll so beschleunigt werden, daß die Vorlegung deffelben im Abgeordnetenhaus« bei der Wiederaufnahme der Arbei- ten sofort erfolgen kann. — Der Reichskanzler beantragte bei dem BundeSrathe die Gründung einer deutschen Centralstelle für Meereskunde und Sturmwarnung im Interesse der Seeschifffahrt. Dieselbe soll in Hamburg ihren Sitz haben, 1875 in« Leben treten und von der kaiserlichen Admiralität geleitet werden.
®iel, 29. Dec Ein Zeichen hoher Anerkennung,
Der Weiberfeind.
Novelle von Ludwig Ziemssen.
(Fortsetzung.)
„Kann ich nicht inzwischen etwas thun — ?" bat Friesen mit blassen Lippen, die Augen mit schmerzlicher Zärtlichkeit aus die Ohnmächtige gerichtet.
„Ja — kommen Sie hierher," erwiderte die rasche, junge Wirlhin, ihren Arm sanft zurückziehend, „unterstützen Sie die Aermste jo lange, bis ich ein wenig Esten geholt habe, — wollen Sie ?"
Friesen eilte, ohne ein Wort zu entgegnen, hinzu und streckte eben zitternd seinen Ann aus, um dem Kopfe deS Mädchens eine Stütze zu bieten, als dieses matt die Augen aufschlug und sich mühsam empor- richtete. „Habe ich Ihnen Mühe gemacht?" fragte sie nach einer kleinen Pause mit sanfter Stimme, von der jungen Wirthin zu Friesen hinübersehend, «nd beide dankbar anlächelnd, wenn anders dies schmerzlich milde Mienenspiel, das ihr bleiches Antlitz überflog, Lächeln genannt werden konnte. Und nach einer abermaligen Pause fetzte sie, währmd eine lichte Thräne ihr schönes Auge füllte, schwermüthig hinzu: „O, man braucht nur in'S Elend zu gerathen, um gute, hilfreiche Menschen zu treffen!"
„Ist Ihnen denn so Heble« geschehen heute, liebes Fräulein?" fragte herzlich die Wirthin, deS blassen Mädchens Hand ergreifend.
„Da« Uebelste, das Traurigste von der Welt!" antwortete Anni, während ihr die Thränen über die garten Wangen glitten. „Ich bin eine vater- und mutterlose Waise und mußte gestern auch den letzten Anhalt im Leben, den einer treuen, mütterlichen Pflegerin, aufgeben, da die traurigsten Verhältniffe mir He Pflicht auserlegten, mein Brod bei fremden Leuten zu der bienen. Die Generalin von Honegge hatte mich als Gesellschafterin engagirt; als ich heute meinen Dienst antreten will, läßt sie mich, weil ich einen Tag zu
spät gekommen, gar nicht in'S Haus, sondern weist mich durch einen Dienstboten auf die Straße, da sie unpünktliche Leute nicht gebrauchen könne.--Und
nun" — setzte sie mit schwacher Stimme hinzu, während ein Beben durch ihren garten Körper lief, „nun bin ich ganz verlassen auf der Welt — verlassener, als der Vogel, dem sein Nest gerstört ist! — Wo ich diese Nacht mein Haupt niederlegen werde, — Gott allein weiß es!"
Der rührende SchmergenSlaut dieser Worte erschütterte Friesen's Herz so gewaltig, daß er jene brückende Rathlosigkeit, die ihn bisher gelähmt, plötzlich von sich abfallen fühlte und — wenn auch nicht seine Liebe, so doch jein tiefe« Mitgefühl in leidenschaftlich beredte Worte auSströmte, zu Hilfe und Beistand sich und Alles, was sein war, erbot. „Sie haben uns," io schloß er, „in bescheidener Demuth den Grund nicht genannt, der Sie verhinderte, schon gestern pünktlich Ihre Stellung auf Hellburg anzutreten; aber ich kenne ihn. Ein Zufall machte mich zum Ohrenzeugen Ihrer letzten llnteihaliung mit der trefflichen, verehrungS würdigen Frau, die bisher mütterlich Ihre Wege behütet hat, und wie jene, wiederhole auch ich: des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, daß sie habm, wohin sie ihr Haupt legen!"
Anni hatte seinen Worten erst mit Staunen, dann mit warmer Freude, endlich mit innigem Entzücken gelauscht und rief nun leuchtenden Auges aus: „O, Sie kenne» meine theuere Tante! Wie glücklich macht mich das! — Wie froh! Mir ist, als sei ich nun nicht mehr allein in der Fremde, die mich so hart behandelt."
„Allein in der Fremde?" wiederholte Friesen warm, „nein, beim Himmel, Sie sind eS nicht, wenn Sie Vertrauen zu mir fassen können und mir glauben wollen, daß ich mich eher am Allerheiligsten vergreifen, als Ihr Vertrauen mißbrauchen möchte! — Al« ich
diese Nacht, ungesehen von Jhnm, ein Zeuge Ihre« Abschiede« von der frommen Matrone, die Sie Mutter nennten, war und einen tiefen Blick in Ihr reine«, unschuldige« Leben und Leiden t‘un durste, da fühlte ich mich recht zu Ihrem Hüter und Schützer berufen und hätte Sie um Alles gern von jener Fahrt nach Htllburg zu der rohen Fran, von der wir irn Eisenbahnwagen jo Unerfreuliches hörtm, zurückgehaltm. Doch Sie hatten eine Pflicht zu erfüllen, und ich kein Recht, Sie daran zu hindern; jetzt sind Sie derselben entbunden und mögen Gott dafür danke», daß er die Prüfungszeit so kurz gemacht! — Wollen Sie mir nun vertrauen, so bringe ich Sie binnen wenigen Stunden zu lieben, herrlichen Menschen, die Ihren Wcrth schätzen und Sie mit Freude und Dank bei sich aufnehmen werden; bei diesen mögen Sie bleiben, bi« neue Pläne für ihr fernere« Leben sich aufthun."
Anni hatte während dieser Worte mit großen, treuen Augen wie ein gläubige« Kind zu ihm empor- gejchaut, jetzt streckte sie ihm, halb schüchtern, halb sehnsüchtig, mit glücklichem Gesicht die feine Hand, hi», und sprach selig lächelnd: „O, wenn da« fein' könnte, wie wollte ich Gott danken, daß er mich so gnädig geleitet und Mir in Jhnm einen edelmüthigen Freund und Beschützer erweckt! Sagen Sie mir, wohin Sie mich zu führen gebenten, ich sehne mich, auch Ihre Freunde kennen zu lernen!"
„Wenige Stunden von hier," sprach Friesen, bi« in« Innerste beglückt über Annis freudige« Vertrauen zu ihm, „in dem Dorfe Rehlingen wohnt und wirkt al« Prediger der liebste Freund von mir —"
»Der Prediger Rode?" warf hier die Fran Within ein die dem Geipräch der beiden jungen Leute hisher in herzlicher aber stiller Theiluahme gelauscht hatte.
„Ferdinand Rode — ja!" antwortete Friesen angenehm Überrascht; „fennen Sie ihn?"