Mr. 306»
Marburg, Mittwoch, den AI. December. 1873.
Oberhessische Zeitung.
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DmtscheS Reich.
•• Berlin, 29. Dec. Zur Ausführung de« MünzgefetzeS sind dem BundeSrath eine Reihe Fragen vorgelegt worden, in deren Beantwortung die Ausschüsse für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen empfohlen haben, unter die zur unmittelbaren Ausprägung bestimmten Münzsorten auch Fünfpfennig- stücke aufzunehmen, damit bei Einführung der allge- meinen Reichswährung ein entsprechender Vorrath dieser Theilmünzr vorhanden sei und bei hervortretendem Bedürfniß dieselbe auch früher in den Verkehr gebracht werden könne. Zur möglichsten Ausnutzung der Leistungs- sähigkeit der einzelnen Münzstätten wird empfohlen,, deren Production nicht durch Vorschriften über zu liefernde Summen und Münzgattungen zu beschränken, sondern freieren Spielraum nach Maßgabe der Ver. hällniffe zu lassen, damit die Arbeitskraft sich im weitesten Umfang entfalten könne. Die Frage über Ausschließung der österreichischen ganzen Gulden und Zwei guldenstücke, sowie der niederländischen halben Guldenstücke in Silber hat nach eingehender Erörterung zu dem Ergebniß geführt, das Verbot der niederländischen halben Guldenstücke, sowie dänischer Silbermünzcn zu empfehlen, während für das Verbot der österreichischen Gulden und Thaler, der einfachen wie der doppelten, die Majorität nicht eintrat. Ferner wurde als zweckmäßig beantragt, den Landesregierungen an der Grenze die Annahme von Goldfranken bei den Eisenbahn-, Steuer- und sonstigen öffentlichen Kaffen frei zu geben. Für die süddeutschen Staaten und Mecklenburg wurde die Lieferung eines reichlichen Vorraths von Ein-Mark- und Zwanzigpsennig-Stücken als wünschenswerth bezeichnet und für Lübeck und Mecklenburg eine reichliche Vercheilung von Scheidemünzen in Stücken a 10 und 5 Pfennige unter Einziehung der halben Gulven- und 6 Kreuzerstücke süddeutscher Währung, sowie der Mecklenburger Schillinge. — Die Provinzial-Ordnung wird zunächst ihre Anwendung in den Provinzen, wo die neue Kreis - Ordnung 'eingeführt ist, in der bis herigen Ausdehnung derselben finden und für die Zu kunft die Bildung von Verbänden zu ständischer Selbstverwaltung anbahnen, welche auch in kommunaler
Beziehung künftig als Grundlage der neuen Organisation und Abgrenzung dienen soll. Demnach wird auch Berlin von der Verbindung mit dem Bezirk Bran denburg abgetrennt werden. Die Provinzialvertretung wird von den Kreistagen und den städtischen Behörden erwählt. Die Provinzialverwaltung wird in den Hän den der Provinzialausschüffe liegen, an deren Spitze ein Landes-Director oder Landeshauptmann gestellt ist. — Durch den Minister sind die Ernennungen der Vorsitzenden der Verwaltungsgerichte erfolgt.
— Der „Kreuz.-Ztg." zufolge ist General Schwartz- koppen, seither Stadtkommandant von Berlin, nach Stuttgart behufs Uebernahme des CommandoS des 13. Armeecorps commandirt und General Stülpnagel mit dcn Geschäften der Berliner Stadtcommandantur beauftragt. Der Letztere hat nach anderen Nachrichten sich in Stuttgart bereits vom Offiziercorps verab schiedet.
Pofe», 26. Dec. Vor einigen Tagen ist im Palais des Erzbischofs LedochowSki eine polizeiliche Revision abgehaltcn worden. Obgleich bis jetzt noch wenig über das Resultat derselben in die Oeffcntlich- teil gedrungen, so ist doch so viel sicher daß eine Correspondenz mit Rom vorgefunden, und daß von den vielen ihm überreichten Adressen, welche sein Organ, der „Kuryr Poznanski", gefeilt und gehobelt publicirt hat, manche gar nicht in so harmlosen Ausdrücken abgesaßt sind, als man früher annahm. Warschein lich werden diese dem Erzbischof abgenommenen Papiere Gegenstand einer Untersuchung werden. Die im Ad ministrativ»Wege gegen den Erzbischof ausgesprochenen Geldstrafen betragen bereits 2700 Thlr. Zählt man dazu die durch gerichtliches Urtheil gegen ihn verhängten Geldstrafen, so repräfentiren die vom „Primas" zu entrichtenden Pönalien ein ganz stattliches Ver mögen in Höhe von einigen 20,000 Thlr. Erst dieser Tage stand wiederum Termin gegen den Erzbischof wegen ungesetzlicher Anstellung von Geistlichen an, und zwar erstreckte sich die Verhandlung auf 13 Fälle. AiS Zeugen waren 13 Vicare und 3 Pröbste vorgeladen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragte die Freisprechung deS Erzbischofs von der Anklage,
neue Seelsorger-Stellen geschaffen zu haben, da die Ernennung sämmtlicher Vicare eine widerrufliche, auch ihre Stellung keine selbständige ist. Sie sind nur den betreffenden Pröbsten zur Hülfe Leistung gesandt worden. Der Erzbischof wurde zu 9900 Thlrn. Geldstrafe verurtheilt. Die Substituirung einer Gefängnißstrafe war gesetzlich nicht mehr zulässig, da schon durch frühere Erkenntnisse das höchste zulässige Strafmaß erreicht ist. DaS Gericht hat ausdrücklich ausgesprochen, daß der Erzbischof die Anstellungen nicht auS Bedürfniß, oder um einem Nothstande abzuhelfen, sondern nur deßhalb auSgeführt habe, um die Geistlichkeit aufzuregen, und daß alle seine Handlungen darauf berechnet seien. Wegen der Sendung zweier Geistlichen nach Jnowraclaw während der Cholera-Epidemie, wurde kein Strafantrag gestellt, da dort Gefahr im Verzüge war, und die beiden dorthin gesandten Geistlichen nur so lange dort verbliebm, als die Cholera in der Stadt und Umgegend grasstrte.
Anöland.
Bern, 29. Dec. Gestern Abends nach 10 Uhr entgleiste der letzte Freiburger Zug vor dem Flamatt- Tunnel. Menschenleben sind nicht zu beklagm, dagegm ist der Schaden an Material sehr groß.
Part-, 28. Dec. Nachdem die Kammer gestern mit telegraphischer Geschwindigkeit dar Einnahme- Budget abgewickelt, bleiben ihr für morgen nur die neuen Steuern übrig. Die gestellten Amendement« berührten Detailfragen. Nur eines von Allen ging durch, daS des Herrn Ganivet, welches den Posttarif für Kreuzbandsendungen im Jnlande herabsetzt. Derselbe war früher doppelt so hoch wie der Tarif für Sendungen ins Ausland: die Folge davon war, daß z. B. die hiesigen Kaufleute ihre Circulare in der Schweiz drucken und von dort versenden ließen — wobei der Staatsschatz natürlich nicht» weniger als seine Rechnung fand. Wolowski fiel durch mit dem Vorschlag, den Tarif der Postkarten von 10 auf 5 CtS. herabzusetzen. Bei allen derartigen Erörterungen fällt eS auf, daß die hiesigen Finanzmänner eben so zäh wie naiv an dem Rechrnexempel festhalten: Wenn die Taxe 1 den Ertrag giebt, liefert die Taxe 2 den
Der Weiterfei»».
Novelle von Ludwig Ziemssen.
(Fortsetzung.)
Friesen'« Auge flog wieder in tiefstem Mitgefühl zu dem Mädchen hinüber. Er sah, wie ihre Hand, die daS Tuch hielt, zitterte und die kindlich-schwellende Lippe wie unter verhaltenm Thränm bebte. DaS Herz pochte ihm ungestüm in der Brust, und schon wollte er sich, unfähig länger zu schweigen, in das Gespräch mischen, ohne freilich bis jetzt zu wiffeu, waö er sagen sollte, alS ein langgezogener, gellender Pfiff der Lokomotive anzeigte, daß man der Station nahe sei. DaS Gespräch hörte somit von selbst auf; die Passagiere juchten ihre Sachen zusammen, die rüstige Gastwirthin eilte, ihren schlafsüchtigen Mann durch wohl applicirte Rippenstöße zur Befinnung zu bringen, und daS traurige junge Mädchen ließ den Schleier an seinem Hütchen nieder, ergriff sein Fußtäschchen, ein zusammengerollteS Plaid nebst einigen anderen Kleinigkeiten und glitt, da der Zug hielt, mit leichter anmuthiger Verbeugung an Friesen, der wie gelähmt dasaß und mit vollständiger Rathlostgkeit kämpfte, vorüber.
Kaum aber hatte sie den Perron betreten und drohte im Gewühl seinen Augen zu entschwinden, als er, jede Unentschiedenheit energisch von fich werfend, aufsprang und sein wenige« Handgepäck an sich raffend hinausstürzte. „Besorgen Sie mir mein Gepäck, Bester," rief er hastig rinetn der ihm begegnenden Gepäckträger zu; „hier der Zettel; ich reise nicht weiter. Aber schnell — schnell, sonst nimmt der Zug eS wieder mit fort!" — Dann warf er sich in die Menge, die Verschwundene suchend, und entdeckte sie bald an dcn Schranken des GepäckcaumS, wo sie still und traurig stand und ihrer Sachen harrte. Das Herz klopfte ihm schrecklich; darum wagte er nicht, sie anzureden; dir Athemlostgkeit innerlicher Erregtheit, so fürchtete
er, würde sich zu offenbar in seiner Rede verrathen, und — waS sollte er ihr sagen?! —
So stellte er sich etwas seitab und beobachtete möglichst unauffällig jede ihrer Geberden, lauschte emsig jedes Wortes, das sie zu den Beamten sprach.
„Wohin soll ich Ihnen den Koffer tragen?" fragte eben einer der Träger, daS genannte Gepäckstück auf die Schulter schwingend.
„Ich weiß wirklich nicht — wollten Sie so gut sein, einmal nachzusehen, ob ein Wagen aus Hellburg da ist. Er sollte mich hier am Bahnhofe erwarten —“
„Aus Hellburg? Vom Schloß?" fragte der Mann, seine Mütze, die ihm der Koffer verschoben hatte, grade rückend. „Hab' keinen gesehen heut'e! — Gestern war der Kutscher mit einem offenen Wagen hier und hat auf einen Passagier gewartet, aber heul'? — Glaub' ich nicht! Doch werd' ich einmal nachsehen!" Er setzte den Koffer ab und entfernte sich, das arme Mädchen offenbar in peinlichster Spannung zurück« lassend.
Einige Minuten vergingen, da erschien er wieder, schon von weitem mit dem Kopfe schüttelnd. „Kein Wagen da," berichtete er näher kommend, „auch von meinen Kameraden hat Niemand daS Fuhrwerk bemerkt. Wird dem Kutscher wohl zu früh gewesen sein; ist noch nicht sechs Uhr. Vielleicht kommt er noch?"
„Vielleicht" — wiederholte das Mädchen mit mühsam verhehlter Hoffnungslosigkeit; „seien Sie so gut, den Koffer inzwischen in daS Passagierzimmer zu tragen. Ich will noch etwas warten."
Der Mann that, wie ihm gesagt, und ließ fie mit ihren Sachen allein. Bleich, tiestraurigen Antlitze«, saß sie still, in ihrem Plaid gehüllt, eine wehrlose Beute schmerzlichster Gedanken da, und mehr als einmal schlich, von Friesen's scharfem Auge wohl bemerkt, eine Thräne über ihre Wangen. Ach! sie fiel ihm wie brennend auf« Herz, und hundertmal während
der langen bangen Wartestunde, die er, unbemerkt von ihr, getreulich mit der Armen durchlebte, kämpfte er wieder mit dem Gedanken, sie anzureden, ihr sein Mitgefühl auSzusprcche«, Beistand und Hülfe anzubieten ; immer fehlte seinem Verlangen die Energie der Ausführung, und so mußte er es geschehen lasten, daß sie sich endlich, nachdem sie mehrmals dm Aufwartburschen vergeblich hinauSgeschickt hatte, über den Hellburger Wagen Kunde einzuziehen, an die junge Wirthin wandte und fragte, ob sie ihr nicht zu einem billigen Fuhrwerk, das sie und ihre Sachen nach Hell« bürg brächte, verhelfen könnte.
„Nach Hellburg?" erwiederte diese freundlich; „0 gewiß; wenn Ihnen zum Beispiel unser tteiner Korbwagen nicht zu schlecht ist, so steht er Ihnen gem zu Dienstm, und unser Georg fährt Sie in einer halben Stunde hinaus. Auch sollen sie nicht übcrlhmrrt werden! — Sie wollen gewiß auf dem Schloste in Condilion treten?"
Anni nickte mit sanftem Auge Bejahung, und dir junge Wirthin warf ihr einen bedauernden Blick zu. „So will ich Ihnen den Wagen gleich besorgen," sprach fie und ging hinaus.
Kaum zehn Minuten später fuhr der kleine Korbwagen wiröich vor, und Anni stieg, der freundlichen jungen Frau herzlich dankend, auf. Noch ein Augenblick, und dahin rollte daS leichte Gefährt: starren Auge« blickte ihm Friesen nach; ihm war, al« entführe der kleine Wagen seinem Leben die letzte Glücks- Hoffnung; als verdunkele sich ihm in dem Staube, der unter den rollenden Rädern aufstieg, Welt und Tag, so golden dieser auch eben im Osten heraufzog und Alles in G^nz hüllte.
Mit fich und seinem Geschick hadernd, verließ er den Bahnho- und schlug, ohne Wahl, einen Weg ein, der ihn ii die Felder hinauSführte; es drängte ihn, allein zu sein mit sich und seinem klagmdm Herzen, allein mit seinm schwermuthsvollen Gedanken. Dieses