Wr« 305. Marburg, Dienstag, den 30. December.
1873.
Oterhessische Zeitung.
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Die Expedition der Oberh. Zeitung.
Deutsche» «eich.
•• Berlin, 27. Dec. Die günstige Wendung, welche daS Befinden Sr. Majestät genommen, hat auch während der Feiertage angehalten, und zur weiteren Beförderung hat sich auch in den letzten Nächten uib gestörter erquickender Schlaf eingestellt. In Folge dieser fortschreitenden Besserung hat der Kaiser, wie auch aus den Hofnachrichten zu ersehen t|t, mehrfache Audienzen gewähren und Dorträge entgegennehmen können. Auch die Ermächtigung zur Einbringung der Provinzial-Ordnungs-Vorlage ist ertheilt worden. Dieselbe ist bereits dem Präsidium des Abgeordnetenhauses zugegangen, damit sofort der Druck angcordnet wurde. Die Abgeordneten werden fonach bei ihrer Rückkehr die Vorlage gedruckt vorfinden. Am 24. ist die Ermächtigung aus dem Cabinet gekommen, und wahrscheinlich am 22., dem Tage, wo die Todesnachricht cirrulirte, ertheilt worden. Daß die Urheber dieser nichtswürdigen Täuschung in Börsenkreisen zu suchen sind und zwar unter den in der Kaisergallerie Abends sich gruppirenden Baissiers, ist ziemlich sicher ermittelt worden. Aber nicht allein die Baissiers der Börse, auch einige Correspondentrn ultramontaner Blätter haben sich nicht enthalten können, in ihrer Weise Spe culationen aus die böswillige Erfindung zu gründen. Die „Schlesische VolkSztg." phantasirte bereits von dem Rücktritt der ihrer Partei so sehr im Wege stehen, den Minister Fürst Bismarck und Falk; eine neue Acra schwebte dem clericalen Organ schon im visionären Traume vor mit Windthorst und Reichensperger als
erfolgreiche Vermittler zwischen Rom und Berlin! Der Ertrinkende, klammert sich eben an jeden Strohhalm! — In der Sitzung des Bundesrathes am 21. d. M. ist ein Bericht des Kaiserlichen Minister-Residenten aus Aeddo vorgelegt worden, wonach die Lin - Kia- Inseln als zum Kaiserreich Japan gehörig erklärt worden sind, und Japan in die durch Verträge zwischen diesen Inseln und anderen Großmächten, Amerika, Deutschland, Frankreich und den NicderlUtden stipu- lirten Rechte und Pflichten eintreten wird. In derselben Sitzung wurde auch beschlossen, den Entwurf einer deutschen Gemeinschuld-Ordnung zur Vorberathung einer besonderen, aus acht angesehenen Juristen und drei angesehenen Vertrdtern de» Handelsstandes zu bildenden Commission zu überweisen. — Das Reichskanzleramt hat genehmigt, daß zur Vermittelung der Geschäfte des Reichs - JnvalidensondS die Königlich Preußische Hauptbank in Berlin, die Seehandlung und die Bankfiliale in Nürnberg autoristrt werden. — In Berücksichtigung deS gerechtfertigten Wunsches der deutschen Schifffahrt nach Vervollständigung der HülfS- mittel, welche den Seefahrern durch wissenschaftliche Erforschung aller auf ihre Thätigkeit Einfluß habenden Verhältnisse der Erde und deS Meeres unentbehrlich sind, ist die Zustimmung deS Bundesrathes nachgesucht worden zu Errichtung einer Centralstclle deS deutschen Reiches für Meereskunde und Sturmwarnung und ein vom Reichskanzleramt dazu ausgearbeiteter Plan vorgelegt worden. Für die laufenden Ausgaben pro 1875 ist die Summe von 50,450 Mark und als einmaliges Erforderniß sind 65,000 Mark in den Plan ausgenommen worden. Die Centralstelle soll in einem größeren deutschen Seehafen, wahrscheinlich in Hamburg ihren Sitz haben, wo bisher schon die Norddeutsche Seewarte der Schifffahrt durch schätzbare Veröffentlichungen gute Dienste geleistet hat.
Darmstadt, 24. Dec. Mit Rücksicht darauf, daß sich durchgreifende Maßregeln zum Schutze der Arbeiter in Fabriken schließlich als ganz unerläßlich erwiesen haben, ist Seitens des hiesigen Kreis Amts" mit Genehmigung des Ministeriums soeben ein Local-
Reglement erlaffen worden, dem wir folgendes entnehmen. Sämmtliche unmittelbar bei Maschinen beschäftigten Arbeiter haben während der Beschäftigung knapp anschließende Oberkleider zu tragen. Die Gewerbs-Unternehmer sind verpflichtet, mit all ihnen zu Gebot stehenden Mitteln dahin zu wirken, daß dieser Bestimmung nachgekommen wird. Zwischen Mechanismen der Arbeits-Maschinen, Regulatoren, Receptoren, der Schwung- und TranSmissionS-Räder und -Wellen rc. rc., ebenso die Aufzugs Oeffnungen, sowohl in Fabriken als in Mühlen sind mit soliden, Geländtrn, bezw. mit Kasten, Drahtgittern rc. zu umgeben, und überall auch da Geländer anzubringen, wo bei dem Schmieren von Maschinen-Theilcn das Betreten von schmalen Treppen und Gängen erforderlich ist, neben, bei, über oder unter welchen sich Transmissionen befinden. In Fabriken (Arbeits-Räumen) aller Art find von dem Willen der Arbeiter unabhängige Ventilatoren anzubringen, in denjenigen Arbeits-Räumen, in welchen Staub oder widerliche Gerüche nicht zu vermeiden find, haben die Arbeiter ihre Mahlzeiten in besonderen von den Fabrik Besitzern zu stellenden Räumlichkeiten einzunehmen. Zuwiderhandlungen werden nach §. 148 der Gewerbe-Ordnung mit Geldstrafe bis zu 50 Thlr. und im Falle des Unvermögens mit Haft bis zu vier Wochen bestraft.
Strastburg, 24. Dec. Der hiesige Reichstags- candidat der elsässischen Partei, Gustav Bergmann, erklärt öffentlich, eine Wahl annehmcn zu wollen. Derselbe erkennt die politische Zugehörigkeit Elsaß' Lothringens zu Deutschland rückhaltsloö an und bezeichnet als Aufgabe der Reichslandsdeputirtcn im Reichstage: Die Wiederherstellung der constitutionellen Garantien für Personen und Freiheiten, welche während der Dictatur aufgehoben gewesen, zu erstreben; desgleichen administrative und finanzielle Selbständigkeit gegenüber dem Reichskanzleramte, so daß daS Land eine eigene Verfassung und gesetzgebende Versammlung erhalte, um den Staat Effaß-Lothringe» betreffs seiner Autonomie den übrigen Bundesstaaten des deutschen Reiche« gleichzustellen; endlich geschäft
Der WriterfeiuS.
Novelle von Ludwig Ziemssen. > ait (Fortsetzung.)
O gewiß — wenn Du meinst, liebste Tante — ich kann eS nicht sagen, — steh, Du weißt, wir haben in unserem stillen Leben bisher wenig Männer gesehen und näher kennen gelernt, und — die Wahr hrit zu sagen, ich ängstige mich im Allgemeinen etwas vor ihnen! daS ist wohl sehr dumm von mir — nicht wahr mein Mütterchen; aber die wenigsten« sehen doch auch wirklich gut und brav und vertrauenerweckend auS! Denk' nur an die Brüder von Lina Halm, an die beiden Vettern von Martha Kleinert, an den Freund von meinem Cousin Max, der uns einä mit ihm besuchte — was waren das alle für sonderbare' und unangdnehme Menschen! — Nicht wahr? — So wenig ernsthaft und vernünftig und so abgeschmacktes Zeug redend und von dem Hundertsten ins Tausendste gerathend l — Nein, die könnten mir kein Vertrauen erwecken, und solche Menschen, liebste« Tantchen — wären sie auch so reich wie ein König, die könnte ich nie heirathen! — Ich müßte auch erst wissen, ob er Dich lirbhaben und zu uns nehmen und wie meine rechte Mutter ehren und pflegen will; dann müßte er ein wenig ernst und doch liebevoll, ein Mann von gütigem Herzen und doch tüchtigem Verstände, ein Mann von zuverlässigem Charakter fein, zu dem ich emporsehen, aus den ich mich zu allen guten und bösen Stunden de« Lebens verlassen könnte — dann wollte ich ihn auch gerne lieb haben und ehren und achten und wie eine gehorsame Frau seinem Willen leben: ich wüßte ja dann, er könnte nichts Unwürdige« und'Häßliches thun, und für die Wiedervereinigung mit Dir bliebe ich ihm für mein ganzes Leben dankbar!"
„Du treue«, gutes Kind; mit Deinem reinen liebevollem Herzen wird eS Dir — so oder jo — noch einst gut ergehen, ohne daß wir uns den Kops
darüber zerbrechen brauchen, wie? Harre nur auf Gott, er wird's wohl machen!"
i Eine Pause trat ein, während welcher die beiden Frauen in stiller Rührung Hand in Hand dasaßen und ihren Gedanken nachhingen. Endlich brach Anni das Schweigen und sprach.,mit etwas zaghaiter Stimme: „Wenn nur die Generalin nicht doch sehr böse ist, daß ich einen Tag später komme, als sie bestimmt hatte! Ihre Weisung, pünktlich zu sein, war so sehr entschieden und nachdrücklich 1 — Aber wie hätte ich eS über» Herz bringen können, gestern nicht am Grabe meines theuren Vaters zu beten, seine und der Mutter Grabstätte nicht mit Blumen zu schmücken, den erinnerungsschweren Tag in der Unruhe der Reise zu verbringen! Ich vermochte eS nicht! — —"
„Und Du thatest wohl daran, mein Kind, diesem Drange Deines pietätvollen Herzens zu folgen. ES Hal noch nie eine Tochter gereuet, dem Andenken der Hingeschiedenen Eltern fromme Tobten - Ehren bereitet zu haben; und will die Frau Generalin Dir eines Bersäumniffes wegen, die aus solchen Gründen stammt, zürnen, so schadet sie sich selber damit, und Du, mein theueres Kind, wirst und mußt diesen Unwillen ruhig über Dich ergehen lassen. Die Tröstung dafür trägst Du ja in Dir, und — deS Vaters Segen bauet den Kindern Häuser!"
„Du liebste Tante, Dein Wort beruhigt mich wieder ganz! Und sollte die Frau Generalin auch wirklich döse werden, waS ja doch noch keineswegs gewiß ist, jo kann sie ja auch wieder gut werden; und ich will gewiß in Fleiß und Aufmerksamkeit auf ihre Wünsch«' Alles aufbielen, um sie recht bald mit mir zu versöhnen. — Du sollst sehen, liebstes Tantchen, ich komme rechi gut mit ihr aus, und der Empsehlungsbrief, den mir — — ach Gott! wo habe ich den nur? — — Ich steckte ihn in das Ledertäschchen, daS ich — — ja nun weiß ich, es liegt drinnen auf dem Tisch, wo wir Kaffee tranken ---wenn nur Niemand--“
„Beruhige Dich, mein Kind; hast Du sie dort
hingelegt, so liegt sie noch dort Laß uns ruhig aussteigen und sie holen; es klingt überdies von fern her, als ob der Santener Zug käme; ich hätte also doch gleich aussteigen müssen. Komm nur!"
Beide verließen das Coups und eilten in die Restauration, Friesen aus einer peinlichen Lage befreiend, deren- er sich innerlichst tausendmal geschämt, und die er dock', weil sie ihm zu den schönsten und rührendsten Erfahrungen seines Lebens verhelfen, nicht bereuen mochte. Welche köstlichen, lief bewegenden Momente waren daS gewesen! — Wie berauscht verließ er den Wagen und wanderte klopfenden Herzens an dem stehenden Zuge auf und ab, jedes Wort von dem Gehörten sich innerlich wiederholend und wie eines .kostbaren Besitzes sich ihrer freuend. Welch eine holde, einfache, reine Mädchenfeele war daS, in die ihm hier ein Blick vergönnt gewesen; welch eine treffliche, 6er- ehrnngswürdige Frau die begleitende Matione! Und welch rührendes Bild frommen, stillen, keuschen Familienlebens that sich hier vor ihm auf; welch ein ergreifender Schmerz über die bevorstehende Trennung, und doch, welch milde Faffung angesichts so schwer veränderter Lebenslage! „O, es sind liebe, seltene Menschen, die kennen gelernt zu haben ein bleibender Gewinn ist! — — Könnte man ihnen doch Helsen — könnte man doch!--*
Sinnend, in sich gekehrt, schritt er immer von neuem den Perron auf und ab; nur zuweilen flog sein Blick der Thür deS Restaurationszimmers zu, um zu beobachten, ob die beiden Damen nicht herauslräten. AlS sie aber gar nicht wieder erschienen, blickte er durch das Fenster in's Zimmer und sah hier die Gesuchten, das gefundene Täschchen vor sich, am Tiscke sitzen und die Gesichter zärtlich zu einander gebeugt; Aug in Auge gesenkt, liebevoll mit einander flüstern. Das junge Mädchen hatte den Hut abgenommen, und- da« Licht der Hängelampe fiel voll und mild auf das lieblichste Antlitz: leicht gewelltes Haar von einfach reizender Anordnung umkränzle die kläre,-jugendlich