Mr« 304 •' Marburg, Sonntag, den 29. December. \ i ■■■ 1873.
OterhesMe Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22| Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. <excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zp ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
________ _ —_ ------- !-----------—i-~----- ------
3|lte Bestellungen für das erste Quartal 1874 auf die Höerhesstsche Zeitung bitten wir vor Ablauf des Monat December bei den Postanstalten baldigst erneuern zu wollen, da es nur dadurch möglich ist, vollständige Exemplare zu erhalten. Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen entgegen.
Die Expedition der Oberh. Zeitung.
Politische Wochen-Ueberficht.
DaS Befinden des Kaisers ist zufriedenstellend. Die katarrhalischen Erscheinungen find in steter Abnahme begriffen. DaS Abgeordnetenhaus hat sich am 20. December, nachdem eS in drei Sitzungen die zweite Lesung der Civilehe-Borlage beendet hatte, für die Weihnachtsferien vertagt und seine nächste Sitzung erst auf den 12. Januar des nächsten Jahres anberäumt. Seiten« der großherzoglich hessischen Regie rung ist die Anerkennung de« Bischofs Dr. Reinkenö nunmehr wirklich erfolgt und auch in Baiern soll die Special-Commission, welche über die Anerkennung« frage zu beralhen hat, für die Bejahung gestimmt sein. Im Grotzherzogthum Mecklenburg ist am Sonnabend (20. December) der Landtagsabschied des Groß- herzogS von Schwerin erschienen, welcher eine Ver- saffungS-Borlage im Sinne einer einheitlichen Landesvertretung und Beseitigung des endlich für unhaltbar erkannten „PatrimonialstaatS" zusagt. In Sachsen- Coburg Gotha wurde die staatliche Einigung der beiden Landestheile wenigstens hinsichtlich der Landes- Vertretung gewonnen: es wird hinfort nur Ein gemeinsamer Landtag bestehen, in welchem Gotha durch 19 und Coburg durch 11 Mitglieder vertreten sein wird. Die Reichstagswahlen in Elsaß-Lothringen find auf den 1. Februar ausgeschrieben.
Die meisten Landtage CiSlerthanienS wurden am 20. Dezember, der Rest am 21. bis zum 7. Jan vertagt. Daß ihre Bedeutung füsc die allgemeine Politik, seit der Reichstag au« directen Wahlen hervor, geht, sehr abgenommen, ist für die habsburgische Monarchie eine Wohllhat, die freilich erst mit den
Jahren inS Bewußtsein der Massen eindringen wird. Aber ein erfreulicher Anfang ist gemacht, und Versuche, in Betreff der Schulgesetze, Grundbuchssachen und dergleichen Opposition gegen die Beschlüsse des Reichsraths zu machen, blieben vereinzelt. Am 21. ver öfferttlichte das Reichsgesetzblatt das Gesetz über die staatlichen Vorschußcaffen und das zur Ausstattung derselben aufzunehmende Capital; Depretis will aber bei Gewährung von Vorschüssen die möglichste Vorsicht anwenden und hofft, mit jenen Summen auszukommen, die als Baarbestände oder amortistrte Credit- reste in den öffentlichen Cassen liegen, zumal die Aus weise über die Steuereingänge, die bis November reichen, das Ergebniß des „gesegneten Jahreö 1872" übersteigen. Am 20. gelangte in beiden Häusern des ungarischen Rcchstags eine Zuschrift des Minister- Präsidenten zur Verlesung, wonach Kerkavolyi und Tisza ihrer Stellung enthoben sind, Szlavy die Führung der Finanzen, der Handels-Minister Graf Zichy das Communications-Ressort übernimmt.
Der schweizerische BundeSrath hat nunmehr seine Revisionsberalhung beendet und überwiegend nur unwesentliche Abweichungen von den Fassungen des RationalraihS beschlossen. Der Naiionalrath hat die Verlegung de« Anfangs der Sommer - Session vom ersten Montag des Juli auf den ersten Montag des Juni beschlossen.
In Italien ruht die gesetzgeberische Arbeit, da die Kammer nach der Erledigung des Budgets deS Krieges und der öffentlichen Arbeiten Weinachtsferien gemacht und sich bis zum 20. Januar vertagt hat. Das seit einigen Wochen erwartete Konsistorium hat am 21. d. M. Statt gefunden. Die Zahl der neu ernannten Cadinäle beträgt elf.
Frankreich hat eine verhältnißmäßig ruhige Woche gehabt: Regierung, Nationalversammlung und Verfassungsausschuß bereiten die Bescherungen für das neue Jahr vor, zunächst das Gemeindegesetz, dem das Wahlgesetz rasch folgen soll, damit die Ersatzwahlen, welche im Februar fällig sind, schon unter dem neuen Gesetze nach der „moralischen Ordnung abgehalten werden können. Die Abstimmung soll nach Wahlbezirken mit dem Zwange erfolgen, daß nur Candi
baten unter den eingeborenen, seßhaften und besitzendm Bürgern zulässig sind. Die Ultramontanen stnd eifrige Vorkämpfer für diese neue Ordnung, die Republikaner aber hoffen, allen Knebeln und Fußangeln zum Trotz auch ferner Sieger in den Wahlschlachten zu bleiben. Die Verstimmung des Landes wird durch die gerade zu Jahresschluß doppelt fühlbare Geschäftsstockung erhöht und die Polemik über die materielle Lage, die von der officiösen „Presse" thörichter Weise eröffnet wurde, beschäftigte in der letzten Woche die öffentliche Meinung fast bis zur Erhitzung.. In der National- Versammlung wurde die Discussion über das Kriegsbudget am 19. beendet und die der Finanzen begonnen. Magne dringt darauf, daß die Nationalversammlung noch vor dem 31. December die Steuern bewilligen solle; Broglie dagegen möchte da« Gemeindegesetz noch vor Neujahr durchbringen.
In der Virginius-Angelegenheit feiert die spanische Regierung in so fern einen nachträglichen Triumph als der General Staatsanwalt der Vereinigten Staaten entschieden hat, daß jener Dampfer, da seine Schiffspapiere mittels falschen Zeugnisses erschlichen worden seien, nicht dar Recht gehabt habe, die amerikanische Flagge zu führen. Wenn man in Folge deffen zu Madrid die Rückgabe des bereits an die Unionsbehörden ausgeliefcrten Schiffes verlangt, so übersteht man, daß laut dessen zwischen beiden Regierungen abgeschlossenen ProtocollS für den durch den erwähnten Entscheid eiugetretenen Fall nur die Vepflichtung Spaniens, in Santiago de Cuba die amerikanische Flagge zu salu» tiren, wegfällt und die Vereinigten Staaten ihrerseits eine gerichtliche Verfolgung gegen die überlebende Mannschaft deS BirginiuS anzustrengen haben, daß aber die Rückerstattung des Schiffes an Spanien durch den Wortlaut deS ProtocollS ausgeschloffen ist. AuS dem Carlistenkriege ist neuerdings nur von unbedeutenden Scharmützeln in Guipuzcoa zu melden.
Die englische Pairie ist wieder um einige Mitglieder, einen Baron Lamerton, den Vice-Admiral E. G. Howard, Bruder deS Carls von Carlisle, ein Baron Moncreiff, den bisherigen Lord Juftice Clerk von Schottland, einen Baron Coleridgej, den neuen Lord Oberrichter am Gerichtshöfe deS gemeinen Rechts,
Der Weiterfei»».
Novelle von Ludwig Ziemsfen.
(Fortsetzung.)
Die Damen tranken dann ihren Kaffee; wie es dem Lauscher bedünken wollte, mit etwas erzwungener Heiterkeit, und eine der anbeten wiederholentlich zunickend oder ihr die Hand streichelnd. Dann flüsterten sie etwas mit einander, erhoben sich und verließen das Zimmer. — Friesen, dessen Interesse, er wußte nicht warum, sich von Minute zu Minute steigerte, trat an'S Fenster und bemühte sich zu beobachten, was sie ferner trieben. Die Laternen an den Waggons gestalte len, ihre Bewegungen zu verfolgen: er sah, wie sie an die Wagen herantraten, mit dem Schaffner eimge Worte wechselten und dann in einem Wagen dritter Claffe das bekannte Fußräschchen nebst einigen anderen kleinen Gepäckstücken, die sie trugen, deponirien; dann schritten sie wieder, die Arme und Hände eng ver schlungen, promenirend in eifrigem Gespräch den Perron langsam aus und ab.
Friesen folgte ihnen mit den Blicken, und fern Geist war lebhaft beschäftigt, auS dem Beobachteten weitere Schlüsse zu ziehen. Nur die jüngere Dame schien die Reisende zu sein, denn nur sie war zu einer Nachtreije gekleidet und nur sie führte Handgepäck bei sich; die ältere gehörte offenbar hier in'« Städtchen und gab ihr da« Geleit; hatte auch für die kleine Erquickung mit fast mütterlicher Zärtlichkeit gesorgt; jetzt gingen sie in den wehmülhigen Empfindungen einer vieÄfiht langen Trennung, noch zu guter Letzt von vergangenen und zukünftigen Dingen mit einander redend auf und nieder: er fand e« wahrscheinlich, baß sie fich bei eintretender Müdigkeit iat dem leeren Waggon niederlassen und dort die allerletz.ten Minuten bis zur Trennung mit einander verplaudern würden. Sein Entschluß war gefaßt. Ohne Rücksicht auf sein Billet zweiter Claffe zu nehmen, ergriff er sein Handgepäck und eilte, gerade alS die Damen abgewendet wieder
einmal den Perron hinabschritten, dem von ihnen gewählten Coups zu und placirle sich hier in der entferntesten Ecke, nachrein er den Schaffner unter Beifügung eines Guldens ersucht Halle, „zur Schonung seiner kranken Augen" bis zur Abfahrlszeit die eine Lampe zu löschen, die andere möglichst zu dämpfen.
Hier saß er — es schien ihm selber fast komisch — klopfenden Herzens und harrte einer ihm völlig unbekannten jungen Dame, deren Anziehungskraft le- oiglich in dem Wohllaut der Stimme, in einem Paar großen kindlich-traulichen Augen und einem zangeform- len Antlitz bestand. Und was wollte er von ihr? — Nur sie sehen? Ihr Gespräch mit der Tante be horchen? — o pfui! — Und doch — in demselben Augenblick, wo er dies dachte, hörte er die Stimmen der vor dem Coups Stillestehenden, und in demselben Augenblick lag er, von dem Dunkel in seiner Hälfte des Coups's, sowie von der Zwischen-Rücklehne gedeckt, der Länge nach auf der Bank und horchte auS Leibes kräften.
„Ist das auch Dein Coups, Anni?"
„Freilich, liebe Tante, hier liegen ja meine Sachen. Reiche mir nur Deine Hand und komm'! Der Wagen ist leer, und wir können noch eine gute halbe Stunde ganz ungestört, und ohne Dich durch Wandern müde zu machen, mit einander plaudern!"
„Ja, ja — so, ich danke Dir, liebe« Kind ! Ja, hier sitzt es sich ganz schön und einsam. — Hübscher, sauberer Wagen, gewiß ganz neu; nur sehr schwach beleuchtet; doch das ist in der Nacht ja ganz wohl- thuend. Komm, Anni, gieb mir Deine Hand wieder; ich werde sie ja nun nicht lange mehr in der meinen halten können —"
Die alte liebe Stimme zitterte und verstummte unter einem tiefen Seufzer. „Siebe einzige Tante," klang nun die holde Stimme der Jüngeren bittend, doch gleichfalls unter tiefer Erregung schwankend, „wir wollten uns ja nicht weich machen die letzten Augen
blicke! Ich bitte Dich, sei heiter und laß uns von dem schönen Wiedersehen mit einander plaudern; — wie köstlich das sein wird! Nicht wahr, HerzenS- Tante?"
Die alte Frau schien nur mit Mühe ein Schluchzen zu unterdrücken. „Und wann wird das fein, Anni?"
„Wann es Gott gefällt," entgegnete die süße Stimme sanft und traurig; „ich hoffe bald!"
„Bald? — Ach, bald ist etwas Anderes für die Jugend, etwas Anderes für das Alter! Im günstigsten Falle kann es doch nicht vor nächstem Frühling fein!"
„Und warum nicht zu Weihnachten? Du weißt, ich bekomme dann meinen ersten Vierleljahrsgchalt, und wie könnte ich den schöner und herzerfreuender verwenden, al« um mir ein Wiedersehen mit Dir zu zu erkaufen, Du geliebteste Tante! — Der Onkel würde mich gewiß gern ein paar Tage beherbergen? Meinst Du nicht?"
„Was das anbetrifft, so hege ich wenig Zweifel. Der Schwager ist zwar sehr eigen und aller Störung seiner Lebensordnung abgeneigt; aber Dich, mein Herzenskind, würde er gewiß gerne bei sich sehen. Dein Anblick und Wesen erfreut ja wie die lichte Sommersonne..."
„O, sprich nicht so liebe Tante,--"
„Es ist die Wahrheit, und mein Leben ist durch Dich zu einem freudevollen, gesegneten geworden; das dank' ich Dir bis zu meinem Grabe! — Aber still davon. Zu Weihnachten, wollte ich sagen, darfst Du trotzdem nicht kommen, mein Kind."
»Ich darf nicht--?"
„Nein! Hör' mich an: bi« Weihnachten ist nur eine kurze Zeit, und kaum würde sich bis dahin der erste — (ihre Stimme bebte) der erste bittere Schmerz über unsere Trennung bei mir besänftigt, ich selbst mich an den Gedanken, von Dir geschieden zu sein, einigermaßen gewöhnt haben. Diese Wund« darf,