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Wr. 303

Nkarkurg, Donnerstag, den 25. December. 1873.

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»6er Derttagen mch Sonn, und Feiertagen. Preis für das Quartal durch dir Expedition («och'sche Buchdruckrrei) bezogen 22| gar., durch die MtSmttt 27 S«r. (excl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sar. - Für m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Sgr. berechnet. - SSmmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate mi

-Oberhessische Leitung.

Zlie Bestellungen für das erste Quartal 1874 Gr auf die Hberhesstsche Zeitung bitten wir vor Ablauf des Monat December bei den Post­anstalten baldigst erneuern zu wollen, da es nur dadurch möglich ist, vollständige Exemplare zu erhalten. Auf dem Lande nehmen.die Post­boten Bestellungen entgegen.

Die Expedition der Oberli. Zeitung-.

Zu der» ReichStag-wahlerr.

Das WeihnachtSfest bringt diesmal eine längere Unterbrechung in die Thätigkeit deS preußischen Land­tages; aber cs triti damit kein Stillstand in unseren, politischen Leben ein. Wie seit einer Reihe von Jahren die Aufgaben Preußens und die Aufgaben im Deutschen Reiche abwechselnd in den Vordergrund traten, so wird auf die jüngsten Erregungen der preußischen Land tagSverhandlungcn nach kurzer Festtagsruhe alsbald die lebhafte Arbeit der Parteien für die Wahlen zum Deutschen Reichstage folgen.

Am 10. Januar soll das deutsche Volk zum zweiten Male seine Gesammtvertrctung wählen, zu welcher diesmal auch das wiedergewonnene Reichsland Elsaß-Lothringen seine Abgeordneten entsenden wird. Alle Parteien sind in eifrigen Vorbereitungen für die Wahlen begriffen, und das preußische Abgeordneten­haus hat ungeachtet der Dringlichkeit seiner eigenen Aufgaben eine längere Pause als sonst eintreten lasten, weil die Mitglieder für ihre Pflicht halten, sich an der Wahlbcwegung in ihren HeimathSkreiscn wirksam zu betheiligen.

Zn der Thal handelt eS sich bei.diesen Wahlen von Neuem um wichsige und folgenreiche Entscheidungen für Deutschlands politische Entwickelung: von dem AuSgang der Wahlen wird es abhängen, ob der glück­liche Gang, welchen der Ausbau des deutschen Ge­meinwesens auf dem Grunde der ReichSverfastung in den letzten drei Jahren genommen hat, auch weiter zu naher Erfüllung der nationalen Hoffnungen führen oder vorübergehend gelähmt und gehemmt werden soll.

Wie die staatsfeindliche Bewegung vornehmlich auf dem Gebiete deS Reiches ihren Ausgangspunkt ge­

nommen hat, so setzen die Parteien, welche den Auf­schwung des Reiches von vornherein niederzuhalten bestrebt waren, auch jetzt ihre Hoffnungen vor Allem auf die Erfolge, welche sie bei den Reichstagswahlen zu erringen gedenken. Die Ultramontanen schicken sich an, die Führung aller Feinde des Reichs zu gemein­samen Thaten zu übernehmen und scheuen in ihrem Fanatismus auch vor dem Bündniß mit denen nicht zurück, welche mit den Grundlagen des Reiches und des Staatslebens zugleich alle Grundlagen der bürger­lichen Gemeinschaft und deö christlichen Volkslebens zu untergraben bemüht sind.

Um so entschiedener muß die Mahnung an alle Patrioten ergehen, sich bei den bevorstehenden Wahlen fest um die Regierung unseres Kaisers zu schaaren, um daS fernere Gedeihen deS Deutschen Reiches vor jeder Gefährdung zu bewahren.

Wenn eS in dieser Beziehung noch eines beson­deren Antriebes bedürfte, so wäre er in den Hoff­nungen zu finden, welche die Feinde Deutschlands im AuSlande auf die Erschütterung unserer bisherigen nationalen Entwickelung setzen zu dürfen meinen. Nicht bloS von jenseits der Alpen, sondern auch von jenseits der Vogesen holen sich die ultramontanen ReichSfeinde Ermunterung bei ihrem verderblichen streben. Um so mehr werden alle deutsch-patriotischen Parteien entschlosten und einig fein/ um alle jene Hoffnungen zu vereiteln.

Auf dem Boden der Reichspolitik sind glücklicher Weise schon seither die einigenden patriotischen Gesichts­punkte mächtiger gewesen, als die trennenden Unter schiede der Parteien. Im deutschen Reichstage haben die konservativen Fraktionen, ebenso wie die gemäßigt liberalen Parteien im engen Einschlüsse an die natio­nalen Bestrebungen der Regierung freudig zum Wachs- thum und zur Erstarkung der Einheit zusammen ge wirkt, und auf der Kraft der nationalen Gemeinschaft haben die sicher und stetig fortschreitenden Erfolge der Reichspolitik in allen Beziehungen beruht.

Dem künftigen Reichstage sind große Aufgaben für die Befestigung und den Ausbau der Reichsein richtungen Vorbehalten, Möge dieselbe mächtige Ueber einstimmung, welche bisher im Reichstage des Rord-

dcuschen Bundes und im deutschen Reichstage erfolg­reich gewaltet hat, sich zunächst bei den bevorstehenden Wahlen und demzufolge auch im künftigen Reichstage weiter segenSvoll bethätigen. (Prov.-Corresp.)

Deutsches »eich.

** Berlin, 23. Dec. Durch das mit der Schnellig­keit eines Lauffeuers sich verbreitende Gerücht, daß der Kaiser in Folge eines Schlaganfalles vergangene Nacht verschieden sei, wurde heute in früher Morgenstunde die Bevölkerung Berlins in Schrecken und großentheils wenigstens in Unruhe versetzt; wer an der vollen Wahr­heit des Gerüchts zweifelte, fürchtete doch, daß eS nicht ohne bedenkliche Verschlimmerung des Befindens entstanden sein konnte. Große Volksmasseii saMrelten sich vor dem Kaiserlichen PalaiS an, um sichere Nach­richt zu erhalten; selbst als aus dem PalaiS die bün­digste Widerlegung der Todesnachricht und die posi­tivste Versicherung gebracht wurde, daß keinerlei Ur­sache zu ernster Besorgniß eingetreten sei, wollte daS Publikum sich dadurch nicht sogleich beruhigen lasten; erst wiederholte Bestätigungen von glaubwürdigster Veite sanden Verträum. Die Entstehung deS Gerüchte« ist noch unaufgeklärt, um so mehr, als in den That- sachen auch nicht der mindeste Anlaß zu finden war. Die Aerzte halten im Gegentheil die Erlaubniß zum Verlassen deS Bettes auf einige Zeit gegeben. Die Prov.-Corresp." hebt in ihrem heuligm Leitartikel die in meiner gestrigen Correspondcnz berührte bemerkens- werthe Thatsache gleichfalls hervor, daß unsere Ultra­montanen die Allianz mit allen äußeren und inneren Feinden Deutschlands immer offenkundiger betreiben undin ihrem Fanatismus auch vor dem Bündniß mit denen nicht zurücklcheuen, welche mit den Grund­lagen des Reiches und des Staatslebens zugleich alle Grundlagen der bürgerlichen Gemeinschaft und deS christlichen Volkslebens zu untergraben bemüht sind!" Wenn die ultramontanen ReichSfeinde für ihre Zwecke auf den Reichstag besondere Hoffnungen setzen und die Wahlagitation in dieser Absicht schwunghaft betreiben, so dürften sie voraussichtlich durch die Erfahrung be­lehrt werden, daß die deutsche Nation für RomS Welt- herrschaft durchaus keine Passion hat. In demselben

Der SBtiletftinl.

Novelle von Ludwig Ziemssen.

(Fortsetzung.)

Wäre ich zum Scherzen aufgelegt, würde ich Dich in letzterem Falle an jene graziösen Epigramme aus der griechischen Anthologie (die wir mit so viel Ver gnügen einst durchlasen!) wo Amor seinen selbstge wisiesten Verächtern gerade die schwerste, die demüthi geudstc Unterwerfung androht, ober mein Herz ist zu belastet augenblicklich und zu wenig gestimmt für den leichthinflatternden Scherz, und so wiederhole ich nur meine dringende, dringendste Bitte: schreib mir sogleich und reiße mich und Josephinen, die mit mir leidet, aus quälender Ungewißheit; noch besser, komme ohne Zögern hierher, zerstreue durch Freundesblick und FreundeSwort jede Sorge und mache damit erst voll ständig da« Glück Deines treuen, Dir unwandelbar treuen Ferdinand."

Die Wirkung dieses Briefes auf den Leser war eine sehr bedeutende. Aus seinem Antlitz wie in seinem erregten Innern kämpften die roiberflreitenbftcn Empfin­dungen : Freude über den lebhaften Ausdruck unbeirrter und ungeschmälerter Liebe Seitens des Freundes; Aerger über den ernsten und strafenden Ton seines Brieses; tiefer Verdruß, daß er durch sein unentschie­denes Verhalten Ferdinand gegenüber sich selbst bios­gegeben, und Zorn über den Freund, der so rückhalt­los dies benutzte und auf die kleinlichen Motive seiner unholden Handlungsweise offen hingedeutet; innerliche Genugthuung über die aus jedem Wort des Briefes hervotklingende kräftige männliche Entwickelung des einst so weichen und unkräftigen Freundes, und ein gewisses eifersüchtiges Gefühl, daß derselbe ihm, seinem einst bestimmenden Leiter und Rathgeber völlig ent­wachsen, ja nur mit Widerstreben gestand er es sich daß jener ihn überflügelt, überflügelt nach allen Richtungen und Beziehungen hint

. Was war zu thun, um die rechte, wenigstens eine würdige Position zum Freunde und zu^'Wc jungen Frau zu gewinnen, die seines Lebe/) Thlr., feierben war? Gehandelt mußte aus dienabtdienes werden, und gehandelt ohne Zögern. Aber Thurmv- Seinem innersten Naturell wie seinem frütz KZ/ Verhältniß zum Freunde allein entsprechend wäre ein un­verhohlener Ausdruck seiner Empfindungen seit der Rückkehr in die Vaterstadt gewesen; eine offene Dar­legung seines Zorne« zu Anfang, seine unter äußeren bestimmenden Einflüssen allmälig gemilderte Anschauung der Sachlage, des endlichen inneren Umschwunges bis ju dem Grade, daß seine trotzige Selbstgenügsamkeit, feine hochmülhige und splitterrichterische Verurtheilung de« weiblichen Geschlechts einer tiefen Liebedürftigkeit, einer scheuen Zärtlichkeit, einer gegenstandslosen Sehn­sucht Platz gemacht! Aber wie ließ sich daS sagen! Wie konnte er seinen Stolz zu einem solchen Ein- Leständniß herabstimmen, dem Freunde und der jungen Frau so erwünschten Stoff zum Triumph liefern, bie superiore Stellung Feroinands gegenüber für immer preisgeben! Es war unmöglich, absolut unmöglich, mochte daraus entstehen, was da wollte!

Lange schritt er aufgeregt und voll zwiespältiger Empfindungen im Gärtensteige auf und ob, ohne mit sich eins werden zu können, bis der voll herein- brechende Abend ihn ins Zimmer und so auch endlich an den Schreibtisch trieb; er mußte, koste es, was da wolle, diese drückende Last noch heut von seiner Seele wälzen; und so beleuchtete die stillen Glanz im Zimmer verbreitende Lampe lange lange einen eifiig aber mit steigender Ungeduld schreibenden Mann, der schließlich, da mehrere beschriebene Bogen vor ihm lagen und daS Schlußwort darunter gesetzt war, die Fever in tiefem Mißvergnügen, in halber Ver­zweiflung von sich warf.

Was war nun" auf die wesentlichen Punkte deS

Briefes geantwortet? Wenig oder nichts! Wie war fein Schweigen, fein Fernbleiben erklärt? Durch Ausflüchte, denen das scharfe Freundesauge da« künstlich Gemachte ohne Weiteres ansehen würde! Wie hatte er nachträglich seine Theilnahme an der Schicksalswendung des Freundes, seine Glück­wünsche für das junge Paar ausgesprochen? Kälter, zurückhaltender, fremder, als er empfunden und ge­wollt hatte! Was war die Antwort auf jenen feine weiber- und ehefeindlichen Lebensanschauungen verurtheilenden, mit Amors Strafe drohenden Passus des Briese«? Ein trotzige« Auftaffen zu den alten, innerlich längst überwundenen Prinzipien, eine, freilich nur in wenige schwache Worte gekleidete spöttische Ablehnung der scherzhaften bester schmerzhaften Drohung mit de« Liebesgottes Vergeltung. Im Uebrigen enthielt der Brief Reiseberichte über die ätzten Monate, Zusammenstellung der gesammelten künstlerischen und wistenschaftlichen Früchte, Schil­derung besonderer Einzelnheiten, deren vorzügliche« Interesse in ihren früheren Beziehungen begründet lag, endlich, um den Bries mit etwa« unbedingt Erfreulichem wenigsten« zu schließen, die Ver­sicherung, den annoncirten Kirchbau in Rehlingen gern übernehmen zu wollen, sowie die Ankündigung seine« nahen Besuches im Pfarrhause. Beigesügt ward al« Postskript eine sehr gew»dt jiiliftrte Dank­sagung an die junge Fron für Bild und Zuschrift; eine beinahe herzliche EmpfehluitL zu weiterer Huld und Freundschaft und ein fast uU ein Seufzer klin- gendcS Bedauern, daß er für ein glüdlidjej« Paar ein schlechter und unerwünschter Gesellschafter sein werde, wofür er halb launig, "halb wehmüthig im Voraus um Entschuldigung bat

Die Nachschrift machte einigermaßen gut, was am eigentlichen Briefe gefehlt war, und so schloß Friesen, nachdem er auch diese geendet, mik etwas erleichtertem