Mr. 302. ' Marburg, Mittwoch, dm 24. Decmrber.
1873.
OtttWfche geitiBü.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'schc Buchdruckereii bmooen 224 £nr— Postämter 27 Sgr. iexel. Bestellgebübr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr - Jnsertionsaebübr für die aesvattene i s'J 4 b“ jflt ui der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.
laborirt und wie auf einer Reihe m Gebieten Mißstände groß werden und von Tag iu Tag ru- s-tzgebung, welche dem Reichstage stiegt, eine jdmWB'WW
fe dringend erforderlich sei. Da wd nament- Mutyyorten, bei verschiedenen Gelegenheiten im Reichs
Saften
der Gesetzgebung,
Abhilfe dringend
lich auf die Steuern und Abgaben, auf diZölle, die Frachtsätze der Eisenbahnen u. s. w. hingetesm. Der Aufruf schließt mit den beherzigenSwerth Worten: „Sollen wir noch länger so zusehen, odeist es nicht an der Zeit, Angesichts der auf den ). Januar nächsthin angeordneten ReichStagSwahle an alle Wähler den Mahnruf ergehen zu lassen: Zählen wir Männer in den Reichstag, die auch milandwirlh-
ES wird, wenn gelehrte Herren Polik treiben, — und das geschieht ja nicht blos hier, sndcrn aller Orten — so viel von hohen Dingen geriet, daß es an der Zeit ist, wieder einmal auf die trbe herabzusteigen und sich die Frage aufzuwerfe, wo uns denn eigentlich der Schuh drückt, und o wir nicht uns recht naheliegende Jnteressendoch auch einmal ins Auge zu fasten haben.
Zu dieser Frage veranlaßt unS ein Flugblatt, welches dieser Tage vom „landwirthschaftihen Club" in Frankfurt — einer Vereinigung tüchtig: deutscher Männer, zu denen in unserer Nähe z. BHerr von Rabenau gehört — in Betreff der Reichagswahlen verbreitet ist und welches daraus Hinweis wie die Landwirthschast an schweren, fast unerswinglichen
tage diesen Mißständen und Produkten des modernen Liberalismus entgegenzutreten, welche an Stelle der die Landwirthschast und das Gewerbe bedrückenden
Abgaden und Zölle eine Steuer von dem „Börsenverkehr des großen CapitaleS" gesetzt wissen wollten, welche sich der Ausdehnung der schrankenlosen Ge Werbefreiheit auf die Apotheken widersetzten, welche die von anderer Seite stets zurückgeschobene Beralhung
schaftlichen Verhältnisten vertraut sind, und von denen man überzeugt fein kann, daß sie dieselben geltend machen und wahren werden I Wir beanspruchen nicht, daß man geradezu Landwirthe wähle, wir verlangen nicht die sogenannte landwirthschaftliche Interessen Vertretung, wir erstreben keinerlei Vorrechte und Pri vilegien, keinerlei Begünstigung und Bevorzugung, wir verlangen gleiche Berücksichtigung mit den andern Reichsangehörigen. Das ists, was wir bei der Wahl zum Reichstag zu beherzigm und zu berücksichtigen bitten. Ueber die politischen Gesinnungen der zu Wählenden verlieren wir kein Wort, wir haben damit nichts zu thun und überlasten sie einfach dem Ermessen der Wähler."
Sit den SkeichSlagswahlei. L
2Tlie Bestellungen für das erste Quartal 1874 8* auf die Hberyesstsche Zeitung ntten wir vor Ablauf des Monat December beiden Postanstalten baldigst erneuern zu wollet, da es nur dadurch möglich ist, vollständige Exemplare zu erhalten. Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen entgegen.
Die Expedition der Oberh. Leitung.
Wir müssen dem hinzufügen, daß nicht allein die Landwirthschast, sondern fast in gleicher Weise und in demselben Verhältnisse das „bürgerliche Gewerbe" von denselben schweren Lasten heimgesucht ist und sich in einer ebenso gedrückten Situation befindet. Wenn man nach den Hauptursachen des Uebels fragt, o liegen, wie die zahlreichen Beschwerden beweisen, dieselben in den gleichen Veranlassungen. DaS große Capital, in den großen Städten vereinigt, entzieht der Landwirthschast und dem Gewerbe die nöthigen Arbeft«- kräfte, und dies'ffranke'Mos'^Mw'e'rbTfT'elIe" üstvFreiZügigkeit, welche von den national- liberalen Theoretikern in's Leben gerufen ist, läßt diese
der Beschwerden vieler Städte über die Folgen der Gewerbeordnung mit Energie im Reichstage verlangten, welche eine gleiche gesetzliche Behandlung der ländlichen und gewerblichen Arbeiter verlangten, auf die ernste Schädigung des RechiSgefühleS hinwiesen, welche nothwendig aus dem jetzigen Verhältniffe der Arbeitgeber und Arbeiter entspringen müßte und verlangten, daß der rechtswidrige Vertragsbruch, der heutzutage an der Tagesordnung ist, mit Strenge und unter Anwendung des Strafgesetzes geahndet werde. Von dem Vertreter eines Wahlkreises, deffen vorherrschende Jntereffen der Landwirthschast und dem bürgerlichen Gewerbe angehören, wie daS in unserem Kreise der Fall ist, müssen wir verlangen, daß er seine Aufgabe erkennt und diesen Gegenständen seine ernste Sorge widmet, und wir müffen mit Befriedigung auS- sprechen, daß Herr Dr. Grimm, der seitherige Der- treter unseres Kreises, überall für die obigen Anträge eingetreten und damit bewiesen hat, daß er weiß, waS unserem Wahlkreise frommt, und daß er unbekümmert um die Phrasen der sogenannten liberalen Tagesmeinung die Schäden von der richtigen Seite erfaßt. —
Deutsches «eich.
•• Berlin, 22. Dec. Die Berichte im „Staats- nzeiger" über daS Befinden des Kaisers sind von andien Seiten zu pessimistisch aufgefaßt worden. Die
in Folge deffen entstandenen ungünstigen Gerüchte werden erfreulicher Weise durch heutige Meldungen bestimmt widerlegt. Obwohl unter dem Einfluß der Aufregungen und betrübenden Eindrücke dieser Tage die Genesung nicht fortschreiten konnte, hat Se. Majestät sich letzte Nacht doch ziemlicher Ruhe erfreuet und ist feine Störung des normalen Verlaufs der katarrhalischen Affection hinzugetreten, die zu Besorgniffen Anlaß geben könnte. Fürst Bismarck hat nach seiner erften Audienz beim Kaiser vielmehr, wie wir hören, mit
Der Weikerfeiud.
Novelle von Ludwig Ziemsse
Aiu (Fortsetzung.)
U)un«.<k»s Siebentes Kapitel.
Die EigenthumSerwerbung übte a Friesens Stimmung, obwohl die hypochondrischen Wandlungen immer noch bann unb wann auftraten i> sein Herz beschwerten, im Ganzen einen recht erfrifnben Einfluß au«, und mit wachsender Lebhaftigk betrieb er die Herstellung von HauS unb Garten ach seinem Sinn. Sobalb ein hübsche« sonniges Zmer, welches er zu feinem Wohnraum bestimmt tte, durch Tapezierung unb Anstrich und manche and praktische Besserungen, welche einzusühren ihm alslaukünstler Bedürsniß war, die wünschenswerlhe Vmdung erhalten, ließ er sofort seine Möbel und ücher und sonstige Sachen, die für die Zeit seinerbwesenheit im Auslande einem Bewahrungs-Magaznnvertraul waren, herbeischaffen, und einige Tage Dingen ihm in der Arbeit, seine Zimmereinrichtung )t traulich und wohnlich herzustellen, in wahrhaft nußreicher Weise. Am fünften Tage siedelte er, de« tel-Lebens bi« zum Ekel überdrüssig, selbst in sein *6 Befitz- thum über, zum lebhaften Bedauern des ichwans", der gern noch länger seine gastlich m Fitt über ihn gebreitet hätte. Der „Salon" stand wie leer und die nervöse Dame im Erdgeschoß athmetvieder zu neuem Leben auf.
Friesen« dauernde Anwesenheit im Ha unb sein ungeduldiger, kein Opfer scheuender Eifbefeuerten nun die zahlreichen hn Hause beschäftig Arbeiter in wirksamster Weise. Wie im Fluge vndete sich eine Arbeit nach der andern, und wähd so da« allerliebste, nur etwa« „verwohnte" Hchen ein wahrhaft gediegenes Gewand anzog, mbald im Festglanz der Neuheit prangte, verblieauch der Garten nicht in seinem bisherigen, zieml vermach lässigten Zustande. Gärtner und Arbeitsb wirkten mit stqunenSwerthem Eifer auch hier zunuten und Schönen. Trotz de« drohenden Herbstckieß sich Friesen nicht abhalten, Gebüsche und senplätze, Blumenbeete und Gartensteige in Ordnung bringen,
als stünde der Mai, nicht aber der Oktober vor der Thür, und kaum 14 Tage nach Abschluß des Kaufes stand die ganze kleine Villa in wahrhaft idealer Vollendung da. Wer vorüberfuhr ober ging, hielt un willkürlich inne unb betrachtete ftaunenb Garten uno Haus; unb Friesen, wenn er, gedeckt gegen die Blicke der Promenirenden, nahe dem Gitter, an einem von jungen Edeltannen dicht umhegten Platze saß und laö, konnte oft genug Ausdrücke der Bewunderung und des Neides von draußen vernehmen. Im Ganzen waren dieselben auf folgende drei Töne gestimmt: „Sieh da — Villa Helften — was Teufels, wie hat das Ding sich zu seinem Vortheil verändert! Muß in verständige Hände gekommen fein; ist ja kaum wieder zu kennen! Vortrefflich!"
„Wird aber auch ein schöne« Stück Geld gekostet haben; Helften hatte zuletzt Alles sehr verfallen taffen!"" — „Ist gut angewendet; wenn der neue Besitzer es nicht dazu gehabt hätte, würde er’« nicht gethan haben! Allerliebst; eine Zierde des Parks I"
Ober:
„Ach, Mama, steh nur, wie reizend das Land- jäuschen geworden ist, wo Sonny Helften mit ihrem Vater gewohnt hat!" *
„„In der Thai allerliebst, ein wahre« bijou I — Wie finden Sie da« Häuschen, Herr Baron?"" — „Charmant, charmant, meine Gnädigste". *
Friesen war mit Allem, was er so auf unfreiwilligem Lauscherposten vernahm, wohl zufrieden und fuhr, nachdem die Villa für das Auge der Vorübergehenden längst fertig war, nnablässig fort, die innere Ausstattung zu vervollständigen und zu vervollkommnen. Die leeren Zimmer quälten ihn; er konnte es nicht ertragen, daß nur die zwei oder drei, welche er selbst in Gebrauch genommen-, vollständig meublirt waren I ®o machte er denn eine« schönen TageS einen lieber- schlag über seine disponiblen Geldmittel, fand zu seiner Freude, daß er, ohne ein schlechter Wirth zu sein, sehr wohl noch ein paar hundert Thaler auf daS Hau« verwenden könne, und ging mit neuer Freude ans Werk. Mit gefülltem Portefeuille und einer langen Liste von Meubeln unb HauShaltungS-
gegenftänben erschien er TagS darauf in den ersten Magazinen der Stadt unb entzückte die Inhaber durch höchst uutfaffenbe Einkäufe, bei denen fein feiner künstlerischer Geschmack sich im besten Lichte zeigte. Für ein Speisezimmer, ein zweites Wohnzimmer (hier zeigte er sich besonders eigen und umsichtig!) ein kleine« Ankleide-Bondoir, ein Gesellschaftszimmer und einen Gartensalon wurden die benöthigten Ausstaitung«- gegenftänbe sorglich und sachverständig zusammenge- stellt; und eben war er beschäftigt, seine Liste abzuschließen, al« der Besitzer, der eitel Dienstfertigkeit unb Beflissenheit war), noch keuchenb au« bem oberen Theile be« Magazin« mit einem kleinen Möbel het- beieilte und es triumphirenb vor seinem liberalen Käufer niedersetzte — ein entzückend geschmackvolle«, reich geschnitztes Nähtischchen.
Friesen's Antlitz überlief eine leichte Röthe, unb fast bestürzt starrte er bas zierliche Geräth an. „Ein Nähtischchen —" stotterte er — „in ber That--*
„Hatten wir total vergessen!" vervollstänbigte der Besitzer selbstbewußt, indem er sich zufrieden die Hände rieb. „Vollständige Ausstattung einer Damen Wohnung sonst, und da« Nähtischchen übersehen — sehr komisch!" und er gestattete sich ein kleines diskretes Lächeln.
„Sehr hübsch gearbeitet", erwiderte Friesen, der seine Verlegenheit unter einer sorgfältigen Betrachtung de« Tischchen« zu verbergen bemüht war; „recht zierlich l"
„Renaissance Styl", erklärte der Verkäufer, mit bescheidenem Stolz hinter vorgehaltener Hand hustend; „neuestes Muster, noch gar nicht im Handel."
„Nun, wenn das ist," entgegnete der Baumeister, sich hinter einem Scherz deckend, „so muß ich die glückliche Gelegenheft des Vorkaufs wohl benutzen, obwohl ich sonst keinen Gebrauch davon machen kann. Scheu Sie das Tischchen zu den übrigen Sachen. taffen e« aber in Leinwand verpacken; eS soll ein Geschenk sein."
„Ganz wohl. Die gefammten Sachen sollen binnen zwei Stunden in Ihrem Hause sein."
Friesen gab seine Adresse, und als er von einem längeren Spaziergänge heim kam, fand er in bet That den Möbelwagen vor seinem ©artengitter. -