Mr. 301. Marburg, Dienstag, den 23. December. ' 1873.
Oberhessische
- firfAeint t äalicb außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22| Sgr., durch die Loitämter 27 Sgr. (erd. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — * Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.
Mie Bestellungen für das erste Quartal 1874 V auf die Höerhesstsche Zeitung bitten wir vor Ablauf des Monat December bei den Post- anstalten baldigst erneuern zu wollen, da es Mr dadurch möglich ist, vollständige Exemplare zu erhalten. Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen entgegen.
Die Expedition der Ober!». Zeitung.
Berlin, 20. Dec. Der Kaiser hat sich heute aus den Rath seiner Acrzte der persönlichen Betheili- gung an den heutigen Beisetzungsfeierlichkeiten in Pots dam enthalten müssen, weil ein seit drei Tagen eingetretener Schnupfen und Luftröhren Katarrh wieder zu größerer Schonung nöthigte, ohne daß im klebrigen das Befinden Sr. Majestät eine ungünstige Verande rung erlitten hätte. Dagegen begaben sich heute Morgen die Kaiserin, die königlichen Prinzen und Prinzessinnen und die auS dieser Veranlassung hier eingetroffenen hohen ftemden Fürstlichkeitm sowie deren Stellvertreter um 10 Uhr Vormittags mit Extrazug nach Potsdam. Um 11 Uhr nahm die Feier durch die vom Hof- und Dowprediger Dr. Kögel am Sarge gehaltene Trauerrede und der darauf folgenden Ein« segnung der königlichen Leiche ihren Anfang, worauf der Sarg, auf das Zeichen des 'Ober Ceremonien- meistSts, von 24 Kammerherren aufgehoben und durch die beiden Vorzimmer, den Marmorsaal re. nach dem Leichenwagen getragen wurde. Die ganze Trauer Ce remonie erreichte gegen 12^2 Uhr ihr Ende und es kehrten darauf auch die hohen Leidtragenden von der Wildpark-Station aus mit Exlrazug nach Berlin zu- rück — Die CentrumSfraction hatte sich worgestern Nachmittag zu einem Diner in Müller’« Restaurant (Unter den Linden) versammelt. Die Stimmung war, jo berichtet die „Germania", eine sehr gehobene und — gemüthliche. An Toasten fehlte eS natürlich nicht. Einen „begeisterten" Trinkspruch brachte der Abg. Baudri auf den Abg. v. Gerlach au«, der seinerseits in erhebenden" Worten dankte. Nicht allein die Politik, meinte der Redner, bringe ihn dem Centrum näher, sondern auch die Religion. Für die Bewältigung des Weihnachtsverkehrs trifft die Post außerordentliche Anstalten. Zu ihrem regelmäßigen Personal von 3000 Beamten hat sie noch gegen 1200 HulfS- arbeiter angenommen, und während sonst die Leute dazu schwer zu finden waren, ist jetzt ein übermäßiger Andrang namentlich von Leuten aus dem Kaufmarins-
Der Weiderfeiitd.
Novelle von Ludwig Ziemssen.
(Fortsetzung.)
„Sehr unkomfortable! Sollte sich nicht eine Flasche Chablis als staublöschend bewähren? Ich wäre auch neugierig, ob diese Marke sich in deS würdigen Wer mann's Keller seit den verflossenen zwei Zähren aus alter Höhe erhalten. Der letzte, den ich — wenige Tage vor Beginn meiner Reise — en petit conynite von Freunden in diesem Hotel trank, war von seltener Güte. ES gilt einen Versuch" und er zog, ohne daß der junge verstaubte Cavallerist dagegen Einsprache ' erhob, die Glocke, bei dem rasch erscheinenden Kellner : die nöthige Bestellung zu machen.
Bald saßen Beide hinter den Flaschen „und deS Lieutenants Schuld war es wahrlich nicht, wenn seine Kehle nicht völlig rein und staubfrei wurde. Jedenfalls hemmte Friesen, als er dies Resultat voll erzielt glaubte, ein weitere« Zechen und sprach,»die Hand auf HaldenbruchS von Neuem nach der Flasche langenden Rechte legend: „Halte-lai een eet assez! — Kein Tropfen für jetzt mehr, bitt' ich. Sie müssen sich mir zu Gefallen noch ein wenig Ueberlegung bewahren, da ich Ihrer bei einem Kaufgeschäft als Zeugen be. nöthigt bin, und dasselbe noch heute Vormittag abzuschließen gedenke. Sind Sie dienstftei bis Mittag?"
„Frei?" wiederholte der junge Cavallerist schluckend, indem er mit etwas erhitzten Augen aufblickle; „ganz frei, kolossal frei!" und seinen geringen Vorrath an
und Handwerkerstände. — Der Entwurf eines Gesetzes betreffend die Aufhebung der Bevorzugungen der Be amten hinsichtlich ihrer Theilnahme an den Commu nal, Kreis und ähnlichen Abgaben, welchen der Abg. Hagen als Antrag eingebracht hat, lautet: §. 1. Die bisherigen persönlichen Befreiungen oder Bevorzugungen der activen oder auS dem Dienste geschiedenen Civil- beamten und deren Hinterbliebenen, sowie der Geistlichen, Kirchendiener und Elementar-Schullehrer hinsichtlich ihrer Verpflichtung zur Theilnahme an den Gemeinde-, Kreis- oder communalständischen und Provinzial-Abgaben werden vom 1. Januar 1875 ab aufgehoben. §. 2. Alle entgegenstehenden gesetzlichen Vorschriften der Gemeindeordnungen, sowie der Kreisordnung für die sechs östlichen Provinzen des preußi schen Staates, insbesondere auch die wegen Besteuerung des Diensteinkommens der Beamten re. ergangenen Bestimmungen des Gesetzes vom 11. Juli 1822 (Ge setzfammlung S. 184), der Cabinetsordre vom 14. Mai 1832 (Gesetzsammlung S. 145) und der Verordnung vom 23 September 1867 (Gesetzsammlung S. 1648) treten zu dem im §. 1 bestimmten Termin außer Kraft.
Pose«, 21. Dec. Der Erzbischof Ledochowski und der Weihbischof JaniSzewski theilten einer gestern hier stattgehabten Versammlung polnischer Delegirter zur Ausstellung von Candidaten für die Reichstagswahlen mit, daß sie Kandidaturen für den Reichstag nicht annehmen würden. Für bett Wahlkreis Fraustadt ist Namszanowski als Candidat aufestellt worden.
Schwerin, 20. Dec. Der heute in Sternberg publicirte Landtagsabschied verheißt di« Berufung eines außerordentlichen Landtages zu weiteren Verhandlungen über eine Verfassung und hebt hervor, daß die bisherige Basis sich als ungeeignet erwiesen habe, und daß eine Einigung nur zu hoffen sei, wenn der Pa- trimcnialftaat beseitigt und eine einheitliche Vertretung geschaffen werde.
Dresden, 20. Dec. Die Erste Kammer hat heute die in der vorigen Landtagssejsion abgelehnte Regierungs Vorlage betreffend die Abänderung der Verfassung und der Landtagsordnung, namentlich bezüglich freier Wahl des Präsidenten in der Zweiten Kammer sowie des Vicepräsidentcn in der Ersten Kammer und des jeder Kammer zustehenden Adressenrechtes, einstimmig angenommen.
Darmstadt, 20. Dec. Heute Nachmittag 2 Uhr wurde hier und im Odenwalde eine heftige Erderschütterung, begleitet von einem unterirdischen Rollen, in der Richtung von Westen nach Osten beobachtet.
französischen Wendungen zusammenraffend, schloß er mit einem triumphirenden „ab-so-lu-ment frei!"
„Vortrefflich! dann schlag ich vor: an'S Geschäft, ehe noch eine Stunde in’« Land läuft; und kommen wir zu erwünschtem Abschluß, so lade ich Sie zu einem dejeüner-dinatoir, so fein, wie es Bordoni nur liefern mag. Sind wir einig?"
„Beispiellos einig!" bestätigte der Lieutenant mit schwerem Schlucken und erhob sich mühsam von seinem Sitz.
„Uebrigens, wahr muß wahr bleiben, das Wetnchen ist süperb," — und er warf einen bedauernden Blick auf zwei noch unzeleerte Flaschen — höchst süperb, und eigentlich schade, davouzugehen, aber, da Sie's sind, Friesen, so mag's drum sein! Und nun kommen Sie gleich, sonst setz' ich mich wieder hin, und Sie mögen sehen, wie Sie mich abermals emporbringen."
Friesen lachte, steckte die nöchigen Papiere zu sich, nahm Hut und Handschuhe und war bereit.
„Und was ist bas denn für ein Kaufgeschäft, bei dem ich aMiren soll?" fragte der junge Cavallerist, indem et mit schleppendem eäbel die breiten Treppen im „Schwan" hniabrasselte. „Wollen Sie kaufen oder verkaufen?"
„ErsteteS!"
„Könnt' mir's denken! Schauderhaft glücklicher Kerl, der immer Geld zum Kaufen bereit hat! Und worauf geht's hinaus!"
„Aus eine kleine Villa am Park, die dem Eigen thümer feil und mir erwünscht ist. Grenzt umninel
München, 20 Dec. Die Abgeordnetenkammer berielh heute über den von Diendorf und Gen. eingebrachten Antrag, die Regierung aufzusordern, daß sie eine Frist festsetze, innerhalb welcher die königlichen Kassen gehalten wären, holländische und österreichische Gulden und Fünffrancsthaler anzunehmen und einzulösen. Der Finanzminister erklärte, daß für die Entscheidung solcher Fragen nur der Bundesrath com- petent sei. Die Frage, ob österreichische Thaler gegenwärtig noch als gesetzliches Zahlungsmittel betrachtet werden, bejaht der Finanzminister; die zweite Frage, ob dies auch für die Zukunft der Fall sein wird, verweist der Minister an den BundeSrath. Er persönlich würde auch diese Frage bejahen. Dien- dorser zieht hieraus seinen Antrag zurück. Aus eine Anfrage des Abg. Karl Barth, ob noch diesem Landtage das versprochene neue Wahlgesetz, baftrt aus direkte geheime Abstimmung, vorgelegt werden solle, erwidert der Minister deS Innern, daß das neue Wahlgesetz noch dem versammelten Landtage vorgelegt werden wird.
Ausland.
Wien, 18. Dec. Die vielerörterten und viel- bestrittenen Fragen deS Umfanges der türkischen Oberhoheit über die Donauuferstaaten drohen abermals auS Anlaß eines von der serbischen Skuptschina gefaßten Beschlusses in den Vordergrund zu treten. Die wirklich desolate Münzverwirrung in Serbien, in welchem sich alle Münzsorten Europas ein Stelldichein gegeben zu haben scheinen, hat nämlich bekanntlich die Skup- lschina in Kragujevacz veranlaßt, ohne vorgängige Auseinandersetzung mit der Pforte und ohne den diplomatischen Prolog, der seinerzeit in der rumänischen Münzfrage eine so große Rolle gespielt, die selbstständige Prägung von serbischen Münzen größeren Nenn- werihcs zu votiren, und wie ein heute hier einge- gangeneS Telegramm meldet, hat Fürst Milan dem betreffenden Gesetze bereits seine Sanktion ercheilt. Möglicherweise wird dieses selbstständige Vorgehen in Constantinopel sehr unangenehm berühren, und die feit einiger Zeit günstiger gewordenen Beziehungen zu Belgrad in unliebsamer Weise unterbrechen, wenn eS nicht den Bemühungen des noch immer in Constantinopel verweilenden Ministers CristicS gelingen sollte, die Aufregung durch den Hinweis auf die nahe bevorstehende Huldigungsreife deS Fürsten zu beschwichtigen. In Belgrad ist man insofern im Rechte, als die Verhältnisse auf diesem Gebiete wirklich Abhilfe heischten und die Pforte mit der römischen Curie die Eigenthümlichkeit theilt, daß von ihr Conressionen nie zu erlangen sind, wenn man sich nicht auf den Punkt
bar an „Hubertushof"; der Vorgarten ist von schönen Linden überschattet; vor der Rampe steht, von Blumen umgeben, auf hohem Postamente eine große, gutgearbeitete Vase aus Sandstein .... Sie müssen stch ihrer erinnern! — —"
„Natürlich! bin hundertmal vorüber geritten; reizendes Dingelchen! Wohnte damals der Cabinetsrath von Helften mit feiner pompösen Tochter drin; Locken, wie Rabenfedern so schwarz, sage ich Ihnen, und ein Teint — zum Malen! Also die wollen Sie kaufen? — Märchenhaft, auf ©edel" -
„Die Tochter nicht," lachte der Baumeister ergötzt, „aber die Villa! Helften hat sich pensioniren loffen, zieht ganz aus’S Land hinaus zu feinem Sohn und möchte das Grundstück los jein."
„So kann ihm geholfen werden."
Man war inzwischen am Hause deS Agenten, der den Verkauf unter Händen hatte, angelangt und trat bei ihm ein; Friesen erfuhr zu seiner lebhaften Befriedigung, daß ihm noch Niemand zuvorgekommen sei, sah die Risse, Pläne und Verkaufsbedingungen ein und fühlte sich in seinem Vorhaben nur noch mehr bestärkt. Alle Drei gingen sie dann in den Stadtpark hinaus, das Grundstück selbst in Augenschein zu nehmen, und hier gerieth der anünirte junge Krieger in Betrachtung deS Ganzen wie feiner einzelnen Theile in solche Ekstase, pries dem -langsam prüfenden Freunde bald Garten, bald HauS, bald Zimmer, bald Keller, bald Vorhalle, bald Pferdestall in so begeisterter Weise an, daß er sich al« sehr wirksamen Verbündeten deS