Mr. 299, Marburg, Sonnabend, den 20. December.
Oberhefftsche MW.
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* Für in ber Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Sgr. berechnet. — Sämmtllche Annoncen-BLreauS nehmen Inserate an.
Deutsches Reich.
.# Berlin, 18. Dec. Dem Einfluß der Trauer, bstschafl von Dresden, welche den Kaiser tief ergriffen hat, vielleicht auch zum Theil der ungünstigen Witterung mag es wohl zuzufchreiben sein, daß das Befin den Sr. Majestät nach der früher gemeldeten erfreu lichen Wendung zum Bessern wieder weniger besrie digend ift, Auch dir Theilnahme an den Dispositionen über die Beisetzung und die Trauerfeierlichkeit muß al« Ursache der Unterbrechung in der Genesung mit angesehen werden. — Im Abgeordnetenhaus- haben «strrn und heute die Verhandlungen in erster und zweiter Lesung über den Gesetzentwurf zur Beurkundung des Personenstandes und der Eheschließung ein erhöhtes Jnteresie herbeigesührt; das Erscheinen des Fürsten Bismarck und sein Eingreifen in die Debatte zogen natürlich in erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich. In seiner Rede traten die wohlthätigen Wirkungen des Darziner Aufenthalte» allgemein bemerkbar hervor. Die frische Kraft und geistvolle Originalität, welche sich wieder in seiner Behandlung des Stoffes bekundete, konnte ihre schlagende und feffelnde Wirkung nicht verfehlen, und dieselbe noch drastischer zur Erscheinung zu bringen, ließ sein zeitweiliger Opponent, der ehemalige Rundschauer Herr v. Gerlach sich angelegen sein. Nachdem Fürst Bismarck hervorgrhoben hatte, daß da« Bewußtsein der Verantwortlichkeit dem Verhalten in Staatsfragen einen wesentlich verschiedenen Charakter aufzuprägen pflege und geben muffe, unb dabei rinfiießen ließ, wie die „Kreuzztg." sich auS der Verlegenheit positiver Resormvorschläge durch Vertröstung auf die nachfolgenden (in Wirklichkeit, wie der „Wiener" sagt, „sich ausschweigenden") Nummern zu ziehen pflegt, befolgte Herr v. Gerlach unmittelbar darauf in einer persönlichen Bemerkung dieselbe Taktik und lieferte damit den Beleg zur BiSmarck'schen Be- merkung Mit anderen Worten: „Das Tadeln ist leichter al« da» Beffermachen!" Ein bedeutungsvoller Moment in der gestrigen Sitzung war auch die Rede des Cultusministers Falk; sie ließ deutlich erkennen, wie gewissenhaft die Bedenken und Einwände der Gegner der Civilehe von der Regierung erwogen worden waren. Im Allgemeinen kann man den Verhandlungen den Charakter objektiver sachlicher Erörterung dicht absprechen. Die meisten Aenderungsvvrjchläge und Einwände find, wie erwartet, gegen den §. 6, die Ernennung der Geistlichen zu außcrordentlichen
Standesbeamten betreffend, gerichtet, obgleich zugegeben wird, daß dadurch das verpflichtende Princip der bürgerlichen Eheschließungsform nicht altsrirt wird. Die entgegenstehcnden Bedenken werden auch von ganz verschiedenen Standpunkten auS und in oft entgegen gesetzter Tendenz geltend gemacht. — Der gestrige „Reichs- und Staats - Anzeiger" publicirt die König- iche Verordnung zur Abänderung der Eidesleistung der katholischen Bischöfe, durch welche nicht allein die Gelobung des Gehorsams gegen die Obrigkeit präciser ausgedrückt, sondern auch durch Weglassung der Schluß teile die Möglichkeit zu eigenmächtiger, sophistischer Deutung entzogen wird. — Die Vorlage der Provinzial Ordnung ist nunmehr durch das Staatsministerium dem Kaiser zur Allerhöchsten Genehmigung unterbreitet worben und dürfte nach erfolgter Bestätigung demnächst an den Landtag gelangen. Im Zusammenhänge mit derselben ist auch die Theilung der Provinz Preußen zur Berathung gekommen; man zweifelt jedoch, daß die Entscheidung darüber gleichzeitig mit jener erfolgt sein werde. — Der commandirende General v. Voigts Rhetz ist auf sein Ansuchen aus Gesundheitsrücksichten von dem Commando des X. Armee Corps (Hannover) entbunden worden. Zum Nachfolger ist Prinz Albrecht von Preußen ernannt wordetr. An dessen Stelle als Ccmmandeur der XIX. Division ist der Bruder des bisherigen Corps CommandmrS v. Voigts-Rhetz nach Hannover versetzt worden.
Frankfurt a. b. O., 17. Dec. Die parlamentarischen Kreise DeutschlanbS begehen in ben nächsten Tagen eine seltene Jubiläumsfeier. Vor fünfunb- zwanzig Jahren, am 19. December 1848, wurde ber jetzige hiesige Appellationsgerichts-Präsivenl Dr. Ebuard Simson, damals Tribunalrath unb UniversttätSprofcfsor zu Königsberg in Preußen, und von dieser Stadt als ihr Vertreter in die deutsche Nationalversammlung entsendet, an Stelle deS zum Ministerpräsidenten er. nannten Heinrich von Gagern zum Präsidenten der damaligen Volksvertretung Deutschlands ernannt. Bekanntlich bekleidete Dr. Simson im Norddeutschen Reichstage sowohl, wie im Deutschen Reichstag während jeder Session wieder das Amt eines Präsidenten der Versammlung.
Bonn, 16. Dec. Wie bereits aus Darmstadt gemeldet würbe, ist bie Anerkennung des Bischofs Reinkens durch die Regierung von Hessen Darmstadt erfolgt. Die Aushändigung der vom Grcßherzoge
vollzogenen Urkunde geschieht, sobald der Bischof den Eid geleistet hat, den die Regierung ihm persönlich oder durch Unterzeichnung deS Formulars abzulegen anheim gestellt hat. Die Anerkennung ist in sehr eingehender Weise geschehen, indem die einzelnen Punkte der sich auf den Staat beziehenden Angelegenheiten n einem Instrumente genaue Fonnulirung erfahren »aben, das die volle Anerkennung der Staatsgesetze und zu Recht bestehenden Verordnungen, der g-gen- wärtigen und künftigen sichert und von Seiten de» Bischofs und der Synodalrepräsentanz ausgestellt wird. So sehen wir denn das Schauspiel, daß, während man von Rom auS zur offenen Empörung anreizt, bie altkatholische Kirchern vollster Harmonie mit allen Regierungen den Weg ber inneren Erstarkmfg wandelt.
Darmstadt, 18. Der. Gegenüber der bei dem Ministerium Seitens des Bischofs von Mainz wegen Begründung der Ausweisung des JesuitenpatcrS Zöller eingereichtcn Beschwerdeschrift thut die „Darmstädter Zeitung" durch einen wissenschaftlich begründeten ein- ** gehenden Artikel dar, daß der General des Jesuiten- Ordens einem Untergebenen eine Sünde befehlen könne und bemerkt, daß die Regierung ihre Aeuße rungen über die StaatSgefährlichkcit des Jesuiten- OrdenS nicht zurücknehmen werde. — Gelegentlich des 25jährigen RegierungS Jubiläums des Großherzog» hatten eine Reihe von Abgeordneten der zweiten Kammer den Antrag eingebracht, von den französischen Kriegs Entschädigungs-Geldern einen Theil als „Ludwigs-Stiftung" behufs besserer Versorgung der Invaliden abzuscheiden. Wie wir jetzt erfahren, wird diese Angelegenheit voraussichtlich dahin ihre Erledigung sinken, daß bis zu weiterer Hülfe durch da« Reich», abgesehen von den bisher zu zahlenden Pensionen, jährlich 15,000 fl, und zwar 10,000 fl. au» Staatsmiiteln, 5000 fl durch Ueberweisung deö Ertrags des Staats-VerlagS, zu obigem Zwecke verwendet werden sollen. Auch die Invaliden von-1866 werden dabei Berücksichtigung finden. Mit der ebenbemerkten Lösung ist der Finanz-Ausschuß ebenso wie die Regierung einverstanden, und daß das Plenum der zweiten Kammer beitreten werde, ist kaum zweifelhaft.
München, 18. Dec. Für die bevorstehenden Reichstagswahlen hat der Erzbischof von München einen besonderen Hirtenbrief erlassen, worin auf die große Wichtigkut ber Wahlen aufmerksam gemacht und an bie Pflichten der katholischen Wähler erinnert
Der Weiterfei«». '
Novelle von Ludwig Ziemssem .
(Fortsetzung.)
Sinnend saß Friesen, lange nachdem er die letzten Worte be» Briefe» gelesen, in seiner Sophaecke da und blickte ziellos ins Weite. Die beschriebenen Blätter waren seiner Hand entglitten und aus den Fußboden gefallen; er sah sie nicht. Der Kaffee, so schön er war, erkaltete in ber Taffe, — er achtete desselben nicht: ein Sturm von Gedanken durchwühlte seine Seele, furchte seine Stirn, und der Athem hob schwer und beklommen seine Brust. — WaS war da» doch für ein ödes und freudloses Leben, daS er bisher geführt 1 Mit allen Errungenschaften in Wissenschaft und Kunst, in Welt- und Mcnschenkmntniß, mit all dem bunten Wechsel des OrtS und der Erlebnisse,- selbst die letzten beiden Jahre öde und freublcS bis zum Herzweh! — Nur daß er es nie so klar und peinigend empfunden, als grobe jetzt; nie so sehr nach einem tieferen, volleren Zuge auS dem Becher des Lebens geschmachtet, als grade heut! O, verglich er diese wunderbaren Laute seelensättigenden Glück», wie sie jede Zeile be» FreunbeSbrieftS aushauchte, mit seinen Empfindungen, diese tiefe Befriedigung mit seinem Ungenügen, diese Ruhe mit der Unrast, die ihn von Ort zu Ort getrieben und noch jetzt aufscheuchte — fürwahr, er mußte sich gestehen, daß der Freund das bessere Theil erwählt, mußte sich bekennen, daß er selbst in seinem Dünkel unb seiner blinden Voreingenommenheit auf dem Wege nach dem Glück traurig irre gegangen seil--Und nun — wa» |ollie
nun weiter werden? — Hier bleiben? — wem zur Freude, wem zum Bedürsniß? — Wieder ausbrechen
und jenes entsetzliche „Kofferleben", das er nun seit Jahren genossen, von Neuem aufnehmen? Ihn ekelte beini bloßen Gedanken daran. — Zum Freunde gehen und diesem durch Mißvergnügen und Unbefriedigtheit die ersten Schatten in sein junges, sonniges Glück werfen? — Um keinen Preis!--Aber was blieb
übrig?--
RathloS ließ er feine Blicke den „Salon" durchirren. Merkwürdig! — gestern, da er anlangte, war er ihm sehr hübsch, sehr komfortable erschienen, und seine gegen Herrn Weimann geäußerten Lobsprüche waren eben so aufrichtig gemeint gewesen, wie sie von diesem stattlichen Herrn als wohlverdiente aufgenommen worden; aber so freundlich bie milbe Herbstsonne hereinschien, bemüht, Allem noch einen besonders behaglichen Schimmer zu verleihen, heute muthete ihn der Raum mit seiner ganzen Ausstattung so gar nicht an! Der blumige Fußt.ppich (er war Herrn Weimann» Stolz unb würbe von ihm stets, „mein Smyrna-Teppich im Salon oben" genannt) sah doch eigentlich schon etwas abgetreten unb kahl, das Sopha ziemlich vernutzt aus! Die Tischbecke, sonst ganz hübsch, hatte offenbar Brandstellen von unvorsichtig hingelegten Cigarren; die reichbrochirten Gardinen heimliche Risse, wie gleichgiltige unb rücksicht« lose Reisende sie ihnen beim Ocffnen und Schließen der Fenster unversehens beizubringen pflegen! — Und dieser Schreibtisch, an dem schon Gott weiß wer alle« gesessen, dieses ausgetrocknete Dintensaß mit seinen verrosteten Stahlfedern; diese Leuchter, die schon aller Welt geleuchtet, diese Kommoden, in denen schon ganze Generationen von Weinreisendm ihre „Plätt hemven" ausgehoben — alles die« war, wen» man'S
recht überlegte, ganz verzweifelt unbehaglich, ja auf bie Länge absolut unertragbar! — Kein Mensch konnte sich hier wohl befinden, er am wenigsten.
Tief mißmuthig stützte er den Kopf auf unb starrte . in bie Kaffee Tasse, als wollte er fein Geschick darin lesen, unb vor sich: „Es giebt keine Vollkommenheit, wo eS keine Wahl giebtI"--Und doch, wie?
ich hätte keine Wahl? — Laß sehen — wie sprach der wackre junge Mann gestern Abend: zuerst sich selbst tüchtig machen, dann ein Eigenthum erwerben, sei eS auch noch so klein und bescheiden, damit man deS unaushäftlichen Gefühls ledig werde, mit seinem ganzen Lebensinhalt zur Miethe zu wohnen,! Für- wahr ein wackeres, männliches Wort und werth, beachtet zu werden! —"
Er sprang vom Sopha auf und nahm auS einer Cassette das gestern erhaltene Schreiben hervor, in welchem ihm unter annehmbaren Bedingungen ein allerliebstes Haus mit Garten unb Vorplatz am Rande des Stadtparks angeboten wurde. Friesen kannte das hübsche Besttzthum ziemlich genau, da eine befreundete Familie von auswärts es für einen Sommer gemielhet gehabt und sich dort äußerst behaglich gefunden hatte.
Wendete man ein paar Hundert Thaler auf An strich unb neue Tapeten, ließ den Garten von kundiger Hand in Stand setzen und die vernachlässigten Beete mit hübschen Herbstblumen füllen, so war eS ein kleiner beneidenswerther Besitz, in dem man sich äußerst wohl fühlen konnte.
„Wirklich? — wohl fühlen? — fo einsam, so allein?" Ein bittrer Zug zuckte leidenschaftlich um seinen Mnnd.
„Man könnte ja auch eine schöne „Wirthschaftcrin"