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Ur« 298 Nlarburg, Freitag, den 19. December.

1873.

^Oberhessische Zeitung.

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Deutsches Reich.

Berlin, 13. Dec. Der heutige „Staisänz." verkündigt folgende Allerhöchste Verordnung: Die katholischen Bischöfe (Erzbijchöfe, Fürstbischöfe) haben fortan, bevor sie die staatliche Anerkennung erhalten, llns folgenden Eid zu leisten: Ich N. N. schwöre einen Eid zu Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, und auf das heilige Evangelium, daß, nachdem ick zu der Würde eines katholischen Bischofs (Erzbischofs, Fürstbischofs) erhoben worden bin, ich Seiner König­lichen Majestät von Preußen N. und Allerhöchstdcsscn rechtmäßigen Nachfolger in der Regierung, als meinem Allergnävigsten Könige und Landesherrn, unterthänig, treu, gehorsam und ergeben sein, Allerhöchstdero Bestes nach meinem Vermögen zu sördern, Schaden und Nach- cheil aber verhüten, die Gesetze des Staates gewissen­haft beobachten und besonders dahin streben will, daß in den Gemüthern der meiner bischöflichen Leitung anvertrauten Geistlichen und Gemeinden die Gesin- nungett der Treue und der Ehrfurcht gegen den König, die Liebe zum Vaterlande, der Gehorsam der Gesetze nnd alle jene Tugenden, die in dem Christen den guten Unterthan bezeichnen, mit Sorgfalt gepflegt «erden, und daß ich nicht dulden will, daß von der mir untergebenen Geistlichkeit im entgegengesetzten Sinne gelehrt und gehandelt werde. Insbesondere gelobe ich, daß ich keine Gemeinschaft oder Verbindung, sei es innerhalb oder außerhalb des Landes, unter­halten will, welche der öffentlichen Sicherheit ge­fährlich sein könnten; auch will ich wenn ich erfahren sollte, daß irgendwo Anschläge gemacht werden, die zum Nachtheile des Staates gereichen könnten, hiervon Seiner Majestät Anzeige machen. Alles dieses schwöre ich, so wahr mir Gott helfe und sein heilige« Evan­gelium. Amen! — Der „ReichSanz." veröffentlicht ferner das «eichsgesetz, wonach der Art. 4 der Maß und Gewichtsordnung, welcher also lautet: „Als Ent sernungSmaß dient die Meile von 7500 Meter." auf­gehoben wird.

— 17. Dec. Fürst BiSmarck traf heute nebst Gemahlin und Tochter mit dem Courierzuge, welcher sich 40 Minuten verspätete, von Varzin hier ein. Der Geheime LegationSrath Bucher befindet sich be- teils seit dem Mittwoch in Berlin.

— Die heutige „Prov.-Corresp." bespricht eben­falls den Prozeß Bazaine in einem längeren Artikel, deffen Schlußsätze folgendermaßen lauten: „Die deut­

schen Militairs haben den merkwürdigen Prozeß mit dem lebhaftesten Jntereffe verfolgt; aber so groß das Interesse war, so gering ist die Ausbeute an Auf- ktärungen, die der Prozeß gebracht hat. Auch nicht eine neue Lhatsache von größerer Bedeutung ist im Laufe der langen und peinlichen Untersuchung an den Tag gekommen, nicht das Mindeste, was daS militä rische Urtheil über die Katastrophe von Metz zu ändern geeignet wäre. Kurz vor dem Schluß des Prozesses ist das erste deutsche Werk auS amtlichen Quellen über die Belagerung von Metz erschienen. (Die Operationen der II. Armee, von Frhrn. von der Goltz, Hauptmann im großen Generalstabe). Aus demselben geht unwiderleglich hervor, daß die Armee BazaineS nach dem Urtheil unserer Heerführung seit dem 18. August auf alle Fälle verloren, ihr Untergang nur eine Frage der Zeit, eine weitere Hinausschiebung über die verhängnißvollen Oktobertage aber eine absolute Unmöglichkeit war. Nachdem diese Ueberzeugung durch den Verlauf deS Dazaine'schen Prozesses in keiner Beziehung abgeschwächt, vielmehr im vollsten Maße bestätigt worden war, hat der Feldmarschall Prinz Friedrich Karl, als Oberbefehlshaber der EinschließungS- armee, es für eine Ehrenpflicht, für eine Pflicht gegen die Mit» und Nachwelt gehalten, seinerseits für den früheren Gegner Zeugniß abzulegen, indem er dem Verlheidiger desselben auS freien Stücken Folgendes schrieb: „„Ich erkläre, daß ich für den Marschall große Hochachtung habe, besonders wegen der Energie und Beharrlichkeit, mit welcher er seine Truppen der Capitulation zu entziehen suchte, die meiner Meinung nach nicht vermieden werden konnte. Prinz Friedrich Karl"". Wer den preußischen Prinzen seinen Charakter und seine Gewohnheiten kennt, der wird 'sich sagen, daß nur eine tiefe Ueberzeugung und das lebendige Bewußffein einer ernsten militärischen Pflicht ihn dazu bestimmen konnten, mit einer derartigen Erklä rung unaufgefordert hervorzutreten. DaS deutsche Heer und daS deutsche Volk haben gewiß keinen Grund zu einer besonderen Theilnahme gerade für Bazaine. Abgesehen von der schmerzlichen Erinnerung an die Geschicke eines edlen deutschen Fürsten, mit welchen der Name Bazaine eng verknüpft ist, hat keiner der französischen Feldherren im letzten Kriege unS die Siege und Erfolge so theuer erkaufen lasten, als gerade er: an keinen anderen Gedenktagen dieses Krieges hängen so viel blutige Thränen, wie an den Schlacht­

tagen vom 14., 16. und 18. August, an keiner Be­lagerung so viel schwere Erinnerungen wie an der von Metz. Um so gebieterischer mochte dem Prinzen Friedrich Carl die Pflicht erscheinen, dem in seinem eigenen Vaterlande geschmähten Gegner öffentlich die Achtung zu bezeugen, welche sein militärisches Verhal ten ihm und dem deutschen Heere eing.flößt hat. Was das politische Ergebniß des Prozesses betrifft, so ist schon jetzt unzweifelhaft, daß durch die Verhandlungen so wenig wie durch den Ausspruch des Kriegsgerichts das Urtheil Europas über die militärische und mora­lische Bedeutung der deutschen Siege eine Aenderung erfahren hat, und daß Frankreich durch die BloS- stellung seiner inneren Zustände., wie sie in diesem Prozeß eingetreten ist, an Ansehen unter den Nationen gewiß nicht gewonnen hat."

— Der Abgeordnete Braun (Wiesbaden) hat die Chef-Redaktion der „Spener'schen Zeitung" Über­nommen. — In Betreff der Nachricht des D. Wochenbl. Über die „Mittwochsblätter" schreibt Herr v. Mühler berichtigend an die Kreuzzeilung: „Weder Graf zur Lippe ist Herausgeber des Blattes, noch bin ich eS, sondern der unter dem Programm unterzeichnete Buch­halter A. Schmidt, Vorsteher des evangelischen Bürger» Vereins." Die Berichtigung scheint sich nur auf das in technischen Sinne genommene Wort „Herausgeber" zuzuspitzen.

Lüneburg, 12. Dec. Auf die Petitionen ver­schiedener Lehrer-Collegien an höheren Lehranstalten städtischen Patronats wegen Bewilligung von Woh- nungSgeldzuschüsten hat der Cultusminister Falk kürz­lich rescribirt, daß daS Gesetz vom 12 Mai d. I. sich auf die Lehrer an städtischen Anstalten nicht er­streckt und daß ihm keine Mittel zur Verfügung stehen, aus welchen den Lehrern und Beamten an diesen An­stalten Wohnungsgeldzuschüste bewilligt werden könnten. Die Gewährung der letzteren ist vielmehr nach der. Auffassung des Ministers Sache der freien Entschließung der städtischen Behörden. Auch wird, meint der Mi­nister, von diesen füglich nicht verlangt »erben können, daß sie in dieser Beziehung die Lehrer und Beamten an den städtischen Unterrichtsanstalten anders behan­deln, wie die städtischen Beamten, wie ja auch das Gesetz vom 12. Mai d. I. die unmittelbaren Staats­beamten und die Lehrer und Beamten an den staat­lichen Unterrichtsanstalten gleichmäßig berücksichtigt. Darnach hält der Minister nur dann die Communen

Er wollte noch etwas hinzufügen, als das Gespräch durch den Hinzulritt eines jungen Architekten unter­brochen wurde, der mit erhitzten Wangen quer durch den Saal auf die Sprechenden zueilte und schon von Weitem rief: „Verzeihen Sie, wenn ich Sie in einem gewiß höchst philosophischen Gespräche unterbreche; aber als Comite-Mitglied sind Sie oben höchst nölhig. Es ist vorgeschlagen, einen kleinen Ball zu improvi- siren; Damen können binnen einer Stunde beschafft werden — kommen Sie schnell, Ihre Stimme mit abzugeben, man wartet schon sehnlichst auf Siel"

Der junge Bauführer runzelte die Stirn, stand aber sofort auf und verabschiedete sich freundlich bei seinem neuen Bekannten, um dem Rufe Folge zu leiften, Einer Einladung Friesen's, ihn im „Schwan" zu besuchen und die Bekanntschaft fortfetzen zu helfen, die fo wohlthuend begonnen, versprach er gern nachkommen zu wollen. Dann verschwand er.

Friesen, durch den Inhalt ihres Gespräches allzu- tief bewegt und in Folge der Reise - Strapazen allzu ermüdet, um geneigt zu fein, den improvisirten Ball seiner lebenslustigen College» abzuwarten, trat gleich­falls seinen Rückzug an, und bald nahm ihn der gast­liche Salon seines Hotels, in welchem er so inhalt­reiche , so aufregende Stunden heute durchlebt hatte, wieder auf. Aber tief aufgewühlten Gemüthes, wie er war, muthete er sich eine Fortsetzung der begonnenen Brieflectüre nicht zu; nur das Bild nahm er, bevor er sich auf fein Lager warf, hervor, betrachtete lange — lange die beiden Gestalten, die da so innig vereint den Feldrain hergeschriiten kamen, und löschte dann mit einem Seufzer das Licht, im Schlaf Vergessenheit alles deffen zu suchen, was ihn beunruhigte und drückte.

Der Writerseiutz.

' Novelle von Ludwig Ziemssen.

(Fortsetzung.)

Friesen hatte mit lebhaftem Jntereffe dieser Aus­einandersetzung zugehört und nickte, da der junge Mann geendet, beistimmend mit dem Kopfe. „Wie diele von Ihren ober vielmehr unseren Kollegen", sprach er bann lächelnd, indem er in das Festgetümmel beutete, das eben noch durch die Thätigkeit eines her­beigeholten Musik Corps verstärkt wurde, „wie viele «vn diesen frischen, intelligenten, thatkräftigen jungen Männern, meinen Sie wohl, theilen Ihre Ansichtm Vtd Bestrebungen?"

„Nicht viele", erwiderte fein Gefährte, auf das bunte Treibet, im Saale einen ernsten Blick werfend. «Fragen Ste Rank, der sein reichliches Auskommen hat, ob er nicht zu heirathen gedenke, so wird er Hnen mit „Master Fortschritt" die verwunderte blntwort geben: „Wie käme ich dazu, die Tochter von Jemand Anderem zu ernähren?" Richten Sic die- Äde Frage an Helldringen, so erwidert er höchst wahrscheinlich: „Wissen Sie ein Mädchen oder junge Sittwe ohne Anhang, aber mit achtzig Tausend Thalern für mich, so bin ich bereit; aber billiger geb' ich mich tidjt". Und Berner spottet Ihnen, wenn Sie auch ihm die Frage vorlegen, vielleicht grabe in« Gesicht Unb spricht: „Heimchen? — so lange man jung ist, und der Wein noch schmeckt, und die Mädchen einem »och alle zulachen? — ein pyramidal ehrwürdiger Gedanke! Beim Vulkan und seiner Esie, ich will fyl in Erwägung ziehen , sobald ich da« erste graue Haar in meinem Schnurrbart entdecke, und ob meinem j

bewunderten Lockenhaupt ein sanfter Mondschein seinen ersten milden Glanz ausgießt".

Friesen lachte und auch des jungen Sprechers ernstes Antlitz hatte während seiner humoristisch bitteren Ausführung sich ein wenig aufgehellt. „Sie mögen recht haben", sprach Ersterer bann, wieder ernster werdend, „aber möglicherweise fürchten die jungen, für ihren Ruf begeisterten Männer (wie diese Sorge doch wohl manchen strebenden Mann vom Heirathen zurückgeschreckt hat!), durch die Ehe im Studium und Beruf, denen sie sich ledig doch mit voller Kraft und Energie hingeben können, gehemmt zu werden, der Mittelmäßigkeit anheimzufallen? Finden Sie das so ganz unwahrscheinlich?

„Sehr! Und werden jene durch nichts anderes mehr gehemmt in ihrem Streben nach höchstem Künftler- thum, so dürfen ste sich Glück wünfcken! Es ist längst erwiesen, daß die Ehe, wie die ethische Tüchtigkeit pes Mannes, so auch seine künstlerische und Wissenschaft liche fördert und stärkt. Von allen durch Gelehrfam feit und künstlerische Produktion ausgezeichneten Män­nern, die wir kennen, waren nachweislich über neunzig Proceni verheirathet, unb die Welt ist wahrlich nicht schlecht dabei gefahren! — Ach nein, das ist auch der Grund nicht, der jetzt die männliche Jugend dem Ehe­stände abgeneigt macht: es ist der Egoismus, der sich vor allem im leidenschaftlichen Strebe» nach Unge- bundenheit und materiellem Genuß offenbart. Und dieser Charakterzug, mein werlher Herr College, ist doch wahrlich häßlicher und folgenschwerer, als Eitel teil und Putzsucht der Mädchen, Untugenben, die doch meist nur so lange sich geltend machen, als das Herz unbefriedigt ist von der Liebe eines tüchtigen Mannes."