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Ufr. 296. Marburg, Mittwoch, den 17. December.

1878.

Oberhessische Leitung.

«rfAfint täalick außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Kochsche Buchdruckerer) bezogen 221 Sgr., durch die ^«oitämter 27 €ar. (erd. Bestellgebühr und ind. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertwnsgebühr für dre gespaltene Zelle 1 Sgr.

” g6r der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr. berechnet. — Sämmtllche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

esss

aufrichtiger, innerer Ueberzeugung getrieben, zu dem Glauben Ihres Hohen Gemahls überzutreten. Die, wenn auch kinderlose Ehe war glücklich durch die innigste Liebe der Gatten, durch die Gleichheit der Lebensansichten und das gemeinschaftliche Interesse für Kunst und Wissenschaft. Sowohl vor als nach der Thronbesteigung des Hohen Gemahls nahm Sie an Seinem Wirken und an allen Seinen Bestrebungen

den lebhaftesten und unmitlelbarsten Antheil. Ihre vorzüglichste Aufmerksamkeit widmete die Königin aber den Werken christlicher Liebe, welche in der Stiftung reich ausgestatteter Wvhlthätigkeits - Anstalten ihren dauernden Ausdruck fand. Die Liebe zu Ihrem Ge mahl und das hohe Pflichtgefühl, welches Sie beseelte, bewies am Leuchtendsten die fromme Hingebung, mit der Sie für den König während der schweren Krank heil, welche Ihn in den letzten Jahren Seiner Regie­rung und Seines Lebens heimsuchte, unablässig Sorge trug und nie von Seiner Seite wich. Seit Dessen Hingang, den 2. Januar 1861, restdirte Sie theilS auf Ihren Witwenfltzen zu Sanssouci und Charlotten bürg, theils vorübergehend auf dem Ihr angefallenen Schlöffe Stolzenfels. Oeftere Besuche bei Ihren Geschwistern in Sachsen, Baiern und Oesterreich er­heiterten Ihre letzte Lebenszeit. Bon diesen Geschwistern überleben die Verewigte, außer den Beiden verwitweten Königinnen von Sachsen, Ihr älterer Bruder Prinz Carl von Baiern (aus der ersten Ehe des Königs Max) und die jüngste Schwester Herzogin Ludvvika in Baiern. Die Hochselige Königin bethätigte bi» zuletzt die hohen Tugenden, welche Ihr ßebtn und Wirken schmückten, mit hoher Pietät pflegte Sie die Erinnerungen an den verewigten König, Sie verfolgte mit vollem Jntereffe die großen Ereignisse der Zeit

und erfüllte die Pflichten christlicher Liebe und einer im größte» Maßstabe geübten Wohlthätigkeit bis zum letzten Alhemzuge. Ihr Andenken wird im Königlichen Hause wie im Lande nie erlöschen.*

•• Merlin 15 Dec. Durch die Nachricht von

Berlin, 15. Dec. Der heutige „Staatsanzeiger" ist mit schwarzer Trauereinfassung erschienen und ent­hält an seiner Spitze Folgendes: „Es hat Gott, dem Herrn über Leben und Tod, gefallen, Ihre Majestät die verwitweteK önigin Elisabeth Ludovlka von Preußen, geborene Prinzesstn von Baiern, den 14. b. MtS., Nachts W/2 Uhr, zu Dresden aus dieser Zeitlichkeit abzurufen. Sc. Majestät der Kaiser and König, Ihre Majestät die Kaiserin und Königin, sowie daS ganze Königliche Haus sind dadurck in die üesstr Trauer versetzt. Die Hingeschiedene Königin hatte Sich vor einigen Wochen zum Besuche Ihrer erst kurz vorher verwitweten Zwillingsschwester, der Königin Amalia von Sachsen, nach Dresden begeben und war dort am 9. d. Mts. an einem asthmatischen Leiden erkrankt, welches, unter Hinzutritt einer Lungen­entzündung, wie die von uns mitgetheilten ärztlichen Bulletin» näher ergeben, nach Verlauf nur weniger Tage leider einen tödtlichen Ausgang nahm. Ihre Majestät, geboren zu München den 13. November 1801 hat demnach das Alter von 72 Jahren nur um einen Monat überschritten. Aelteste Tochter deS König» Maximilian I. Joseph von Baiern, au« Dessen zweiter Ehe mit der Königin Caroline, geb Prinzessin von Baden, in den glücklichsten Familien-Verhältniffen gemeinschaftlich mit Ihren Schwestern auf das Sorg faltigste erzogen, hatte die Hohe Verblichene seit etwa 1819 dir Neigung de» Hochseligen Königs Friedrich Wilhelm IV., de» damaligen Kronprinzen von Preußen, erworben. Der Verlobung vom 2. September 1823 folgte, nach der Trauung per procurationem zu München den 16. November desselben Jahres, zu Berlin die Vermählung am 29 desselben Monats- durch den Bischof Eylert. Die Hochselige Königin »ar im katholischen Glauben erzogen. Ihre Muttev .gehörte jedoch der evangelischen Confession an. Nach ^hrer Vermählung mit einem evangeliscben Fürsten fühlte Sir Sich, nach Verlauf von sechs I ihren, aus

dem, letzte Nacht erfolgten, Hinscheiden der Königin Wittwe Elisabeth in Dresden ist unsere Königliche Familie wieder in tiefe Trauer versetzt worden. In allen Kreisen der Königlichen Familie hatte die hohe Verstorbene es verstanden, sich von Jahr zu Jahr mehr die Herzen zu gewinnen, indem sie in allen Beziehungen mit Würde und feiner Rücksichtnahme die Grenzen zu halten wußte, innerhalb deren der Verkehr wohlthuend und befriedigend empiunden wurde. — In weiteren Kreisen hat die Entschlafene durch ihren unerschöpflichen und seltenen Eifer wohlzuthun und Hülfe zu gewähren sich einen Denkstein gesetzt, der aus lange Dauer vor Vergessenheit schützt — In den alten Provinzen stand die Königin Wittwe als Vorsteherin zu dm Mitgliedern der Damenstifte und den Inhaberinnen der alten Klaffe des LuisenvrdenS in gewissermaßen amtlicher Beziehung und sic widmete dieser Pflicht ihre wärmste Fürsorge. In der Ge­währung von Hülfe und Unterstützung an bedürftige Anstalten und Personen vergaß die menschenfreundliche hohe Frau oft so sehr die Grenzen der materiellen Mittel, daß ihre Finanzbeamten in Verlegenheit kamen. — Die Kaiserin Augusta, welche bisher Vorsteherin der Damenstifte in den neuen Provinzen, sowie der neuen Klassen des LuisenordenS war, dürfte nun wohl die Leitung dieser Institute für alle Provinzen und alle Klaffen des LuisenordenS übernehmen. — Der Gesetzentwurf über die Beurkundung deS Personen­stände» und der Form der bürgerlichen Eheschließung wird, wie man an» den bisher von den maßgebenden Partei Organen gebrachten Besprechungen schließen darf, ohne erhebliche Schwierigkeiten und Verände­rungen voraussichtlich Gesetzeskraft erlangen. Die Bestimmung wegen eventueller Berufung von Geist­lichen zu Standesbeamten wird auch von Solchen, die nicht frei von Bedenken dagegen sind, doch objcctiv und mit Würdigung der für dieselbe geltend gemachten Gründe erörtert. Die Bemühungen, die evangelische Geistlichkeit vor der Mitwirkung bei Ausführung de»

Der Wridr,seins.

;, -r| Novelle von Ludwig AiemsstN.

(Fortsetzung.)

In bebrüöftester Stimmung war er wieder in die Stadt eingetretm und schritt nun, vom regen abend­lichen Straßenleben iimwogt, die Esplanade hinab zu dem Restaurant, wo er die Freunde finden sollte Man wir« ihn auf seine Fragen nach „der Bauhütte in einm geschmackvollen kleinen Salon, au» dem lhm, noch ehe er über seine Schwelle getreten, die Stimmen der Freunde untermischt mit Hellem Gläserklingen und herzlichem Gelächter entgegentönten. Sein Herz, eben noch so beklommen, begann schneller zu klopfen m der Erwartung de» Wiedersehn«, und als nun tote Thure aufaina und er, den Freunden sichtbar, mit einem allgemeinen Jubclgeschrei und Rufen höchster Ueber- raschung empfangen, unter Händedruck und Umarmun­gen an den Tisch, in den Festkreis gezogen wurde, da vergaß er, wa« ihn eben noch gekränkt, und fein Herz gab sich voll und ganz dem Genuß der Stunde hin. Welch' eine wolkenlose Heiterkeit der Stimmung um- fluthete ihn hier, wel'ch sprudelnde Frische in Rede und Widerrede, welche Lebendigkeit der Empfindung, welche Plastik der Ausdrucksweise l Fröhliche Wttz- worte und neckende Bezüglichkeiten, politische Schlag­worte und persiflirende KunstauSdrücke — das flog wie zischende Racketen herüber und hinüber und stei- aerte die allgemeine Lust je mehr und mehr. Die einfachste Mittheilung, die Friesen erbat hüllte sich in einen bon humoristischem Aufputz flimmernden Mantel, und »a» er selber mitthcilte, wurde in so unwiderstehlich drolliger Weise glossirt und kommen- tirt, daß er sich allmählich ganz schwerfällig in diesem phantastischen Kreise vorkam und nachzusinnen begann, ob e» an ihm selbst oder an seiner langen Entfernung von der Heimath ober an einem anderen unerfindli­chen Grunde liege, daß er sich selbst so fremd in diesem Freundeskreise, so ernst in dieser allgemeinen Heiterkeit, so nüchtern in dieser FesteStrunkenheit er­scheine. „ t u Ä t

Während er noch so dasaß, und, den Kopf auf­

gestützt, in daS vor ihm stehende Weinglas blickte, war vom unteren Ende des Tisches einer der Gäste, ein junger dunkelhaariger ’JDiann von stillem Gesichts ausdruck aufgestanden und hatte sich neben ihn gesetzt. „Man hat unS zwar bei Ihrem Eintreten schon flüchtig einander vorgestellt", sprach er mit ruhiger Stimme und ernstfreundlicher Miene, „ober wie es bei solchen Maffenvorstellungen zu gehen pflegt, man hört den betreffenden Namen entweder gar nicht oder unklar. Nun wurde mir eben aber Ihr Name von meinem Tischnachbar noch einmal deutlich wiederholt und das machte mich gewiß, daß Sie der Mann seien, von dem ich im Laufe der letztverfioffenen Wochen so Vieles und Gutes habe sprechen gehört, dessen Andenken in dem liebenswürdigsten Familienkreise, den ich je kennen zu lernen das Glück gehabt, mit beneidenSwerthcr Zärtlichkeit gepflegt wird, Ihre per­sönliche Bekanntschaft ist mir daher doppelt werth und lieb".

„Sie sind sehr gütig", erwiderte Friesen überrascht, „außerordentlich gütig! Aber sind Sie Ihrer Sache auch gewiß? — Man gedächte meiner irgendwo in Liebe und Zärtlichkeit? Ich gestehe, daß ich, zumal durch meine jahrelangen Reifen im Auslande, den heimischen Kreisen so entfremdet, mein Leben über­haupt so vereinsamt und liebearm geworden ist, daß ich mir kaum vorstellen kann, welcher FamilkrnkreiS sich so herzlich, wie Sie sagen, mit meinem Andenken beschäftigen möge".

„Aber wenn ich Ihnen den Namen Ferdinand Rode nenne?"

„Ferdinand!" wiederholte Friesen warmen Zone«, „der gute Ferdinand! ja freilich der--aber die

Wahrheit zu sagen — e« ist mir noch ein wenig neu und ungewohnt, ihn als Familienhaupt zu denke»! — Als ich vor zwei Jahren von hier fortging, war er noch ein sehr junger schüchterner Kandidat, der nur einen Büchern und — ich darf es wohl sagen — seinem Freunde lebte, für die Wissenschaften die größten Hoffnungen gab, an Heirathen aber eben so wenig dachte, al» an Fliegen". ;

„Ader Sie wissen, daß et feit einigen Monaten wirklich verheirathet ist".

„Seit wenigen Stunden. Ich fand bei meiner heutigen Ankunft Briefe von ihm vor, die mir nicht hatten nachgeschickt werden können, und diese enthielten die inzwischen etwas veraltete große Neuigkeit".

„Ihr Ton klingt ein wenig spöttisch, wenn ich recht verstehe", erwiderte der junge 'Mann mit ernster Ruhe. „Kennen Sie die junge Frau?"

„Nur dem Bilde nach".

„Dasselbe spiegelt im günstigsten Falle «nur die schöne Hülle ihrer Persönlichkeit! Aber ihrer schönen Seele erfreut sich, wer das Glück hat, sie in ihrem eigentlichen Element, ihrem Lebeiisbereiche: zu Hause, in der Gemeinschaft ihres vortrefflichen Mannes, im Kreise ihrer liebenswürdigen Verwandten zu beobachten, und i ch gäbe die Erinnerung an die frohen Stunden, die ich im trauten Pfarichanse verleben durste, nicht um viel Geld hin!" -

Friesen hatte, vielleicht um eine nicht zu bezwin­gende Erregtheit zu verdecken, sein volles Glas er­griffen und stürzte feinen Inhalt hastig hinunter. „Darf ich wissen, welcher Umstand sie dorthin geführt hatte?" fragte er ablentenb, al« der junge Mann geendet!

„Ich war, bald nachdem ich mein Bauführer- Examen bestanden, nach der Domäne Windeck geschickt worden, um dort nach dem Entwurf deS Baurath Werth die in Folge eines Blitzschläge» zum Theil niedergebrannte schöne alte Kirche zu restauriren. Bei dem wackeren Domänenpächter lernte ich gelegentlich einer Amtshandlung den Prediger Rode kennen, erfuhr von ihm gleich nach ben ersten Worten, die wir mit­einander wechselten, daß ein sehr geliebter Freund von ihm BerusSgenoffe von mir sei, leider aber seit Jahren im Auslande weile und lange Zeit schon ihn ohne Nachricht von sich grlaffen habe. In Folge dessen entspann sich eine lebhafte Unterhaltung zwischen uns, und die große Liebenswürdigkeit des Mannes (dem übrigen» auch in Windeck von Alt und Jung die höchste Verehrung gezollt wurde) .30g mich dergestalt