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Mr. 291 ' Marburg, Sonntag, den 14. December.

1873.

ObcrhefWe Zeiln»-.

grfleint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22 j Sgr., durch bic Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu crtheilende Auskunft und Annahme von Adressen »erben 2i Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate a«.

Politische Wochen-Urbrrsicht.

Die Genesung unseres Kaisers ist immer noch feine vollständige. Die Acrzte haben demselben täg liche Spazierfahrten gestattet, die von ihm mit gutem Erfolge benutzt werden. Einem sür die kirchliche Entwick I«ng wichtigen Gesetze hat der Kaiser seine S nction er- theilt und Kultusminister Falk hat dasselbe nach der kiregten Debatte über den Reichensperger'schen Antrag, die Abschaffung der Maigesetze betreffend, im Ab­geordnetenhaus eingebracht. Graf Königsmark hat seine Entlassung als landwirthschaftlicher Minister er­halten, aus Gesundheitsrücksichten war er schon längere Zeit beurlaubt, und der Handelsminister Dr. Achen­bach ist mit der Versetzung des landwirthschaftlichen Ministeriums beauftragt. — In der sächsischen zweiten Kammer wurde mit 70 gegen 3 Stimmen beschloßen, die Regierung aufzusordern zu veröffentlichen, die vatica- nischrn Decrete vom 18. Juli 1870 seien in Sachsen nicht verkündigt. Im badischen Landtag ist von der Regierung eine Ergänzung des badischen Kirchengesetzes von 1860 eingebracht worden. Im baierischen Reichstag und in den beiden württembergischen Kammern haben sich die Minister v. Pfretzjchner und v. Mittnacht für den LaSker'schen Antrag zur Erweiterung der Reichs­kompetenz über daS Civilrecht, wenn auch mit einigen Reserven, ausgesprochen. Die dem mecklenburgischen Landtage gemachten BerfaffungSvorlagen sind von der Regierung wieder zurückgezogen worden.

Der Kaiser von Oesterreich hat in Beranlaffung seines Jubiläums eine KriegSmedaille gestiftet, welche in 300000 Stücken ausgeprägt wird und ein getreues Bild von dm Schwankungm und Contrasten ist, wie man sich in den letzten 25 Jahren um die habsbur­gische Monarchie verdient machen konnte. Nach Neu­jahr gedenkt der Kaiser in Petersburg seinen Gegen besuch zu machen, der als ein erfrmlicheS Zeugniß von der gebrfferten Stellung zu Rußland gellen darf. Die beiden Häuser des Reichstags in Wien sind noch mit dem Gesetzentwürfe von 40 Millionen zu HülfS zwecken beschäftigt, und man hofft, daß noch in der erften Hälfte DecemberS ein gegenseitiges Einvernehmen erzielt und daS viel besprochene Gesetz zu Stande ge­bracht werde. Am 10. December beschloß daS Ab geordnetenhauS den Mandatsverlust der czechischen Abgeordneten, welche ein Schreiben mit Entschuldi­gungen wegen ihres Nichterscheinens im Hause ringe- s«dt hatten.

Der schweizerische Nationalrath hat, nachdem tt die bundeSräthliche Revisionsvorlage übrigens zu

Ende berathen, am Sonnabend die Berathung der bis zum Schluffe ausgesetzten schwierigsten Artikel begonnen. I Und mit Glück. Für den Artikel 55, der die Reichs­einheit betrifft, wurde bereits eine Compromiß-Fassung mit 89 Stimmen gegen nur 14 angenommen. Im berner Jura, zu Detsberg, haben wegen der kirchli­chen Wirren Verhaftungen Statt gefunden und die dortigen Milizen wurden am Dienötag aufs Piquet gestellt.

Die italienische Kammer ist augenblicklich mit einem wichtigen Gesetzentwurf beschäftigt. Es handelt sich um die Verlegung der Grundlagen der bisherigen Papiergeldspolitik. DaS Monopol, das bis jetzt die sogenannte Nationalbank auf den ganzen Zwangs umlauf besaß, soll gebrochen und einem Consortium der sechs größten Banken des Königsreichs übertragen werden. Der Papst, der sich einige Tage unwohl gefühlt, bestndet sich wieder besser und soll vorhaben, in nächster Zeit einige Cardinals-Ernennungen vorzu nehmen. Gewisse, bei solchen Vorrichtungen früher übliche Umständlichkeiten sind durch eine neue Bulle abgeschafft morden.

In Frankreich hat der Prozeß Bazaine mit der Verurtheilung dcS Angeklagten in dieser Woche sein Ende erreicht, und geht man mit dem Gedanken um, noch weitere höhere Militärs vor Kriegsgerichte zu stellen. DieNational Versammlung in Versailles ist mit der Berathung der Budgets beschäftigt; am 9. Dec wurden die der Minister deS Innern und des Aus wärligen angenommen und an demselben Tage wählten die Abtheilungen ihre Präsidenten, von denen in sechs die Republikaner, in neun die Gegner derselben siegten, während bei der letzten Wahl jene acht, diese nur sieben Kandidaten durchgesetzt hatten. Der Vcrfaffungs Ausschuß wählte Batbie zum Vorsitzenden, Cezanne zum ersten Secretär. Dem Vernehmen nach wird die National Versammlung sich vom 20. Dec. bis 20. Jan vertagen, nachdem die Erhebung der Steuern für das erste Vierteljahr 1874 votirt ist.

Das von der englischen Regierung vor wenigen Jahren geschaffene Amt eines General - ControleurS im Kriegsamte ist durch den Rücktritt feines Inhabers, des Generals Sir Henry Storks, erledigt. Gesund heitsrücksichten werden als Grund dieses Schrittes an­gegeben. Der Kriegs-Minister wird sich also einen neuen Adlatus suchen müssen.

Der dänische Reichstag, der seit der Auflösung des FolkethingS nur als vertagt galt, ist am 4. d wieder in die Geschäfte gegangen. Im neuen Folkething

verlas der Conseilpräsidenl ein kurzes königliches Re- script, welches beu Wiederbeginn der Sitzungen be­scheinigte. Es waren 85 Mitglieder anwesend; die aus 51 Personen bestehende Linke wählte zu Präsi­denten Krabbe, I. A. Hansen und Högsbro. Die Mandate wurden alle bi« auf zwei für gültig erklärt.

Die norwegischen Storthingwahlen, die vor einem halben Jahre begannen, sind nahezu vollendet: 107 Mandate sind bereits in festen Händen, 4 sind noch nicht ertheilt.

In Petersburg ist am 6. daS Denkmal der Kaiserin Katharina IL feierlich eingeweiht und am 7. d. daS GeorgSordensfest begangen worden, wozu aus Berlin mehrere hohe Militärs, namentlich der Feld­marschall von Manteuffel, als eigens geladene Gäste des HofeS erschienen waren.

Das türkische Budget hateinen Ausfall von 53/4 Millionen L., wovon 41/i Millionen durch neue Steuern gedeckt werden sollen, so daß eine neue An leihe nicht nöthig sein wird. Die türkischen Truppen in Arabien habe auf wiederholten Befehl der Pforte Lahedsch geräumt. Der dortige Sultan hatte gegen seinen rebellischen Bruder englische Hülse erbeten, die ihm auch gewährt wurde. Der Empörer ist am 7. d. nach Aden eingebracht worden.

Deutsches Reich.

•• Berlin, 12. Dec. In den Besprechungen, mit welchen die liberalen Blätter ihrer Befriedigung über die Gesetzesvorlage zur Einführung der Civilehe Ausdruck geben, wird vielfach auch die Erwartung deigesügt, daß die Vorlage bis zur Erlangung der Gesetzeskraft keinen großen Schwierigkeiten begegnen werde; auf diese Voraussicht der Verständigung über den Inhalt zwischen der Regierung und der Majorität der Volksvertretung ist Gewicht zu legen und den Gegnern des Gesetzes wird durch Realisirung dieser Hoffnung die Schärfe ihrer Waffen um so mehr ab­gestumpft. Auch die „B. A. C", das Organ der Nationalliberalen, hebt hervor, daß das dringende Bedürfniß und StaatSiniereffe. welches den Entschluß der Regierung zu diesem Schritt herbeigeführt habe, auch bei der Berathung und Abstimmung manche et­waige Differenz der Meinungen und Wünsche leichter zur Ausgleichung bringen werde. — Einzelne Berliner Korrespondenzen können es sich nicht versagen, über das Zustandekommen deS BeschluffeS der Re­gierung in ihrer Weise den Schleier zu lüften und die neugierigen Leser hinter die Couliffen schauen zu

De, Weiterfeiutz.

Novelle von Ludwig Ziemssen.

. l;-/;, . (Fortsetzung.)

„Mein Herz, wie meine Hand sind frei, wie zu »er*, entgegnete Friesen ernst, und nur der Kunst verpflichtet, wie gehörig! Zwei Jahre Abwesenheit find nicht vermögend gewesen, die Grundsätze, die von Ihren Lippen, hochverehrter Herr Oberbaurath, einst sv überzeugend in unser Ohr und Herz erklangen, auSzulilgen ober auch nur zu verwischen! Frauen­hand hat keine Macht über mich!*

lieber des Meister« Antlitz goß sich bei diesen Worten Friesens die Röche peinlichster Verlegenheit stecht, recht!" stotterte er; Frau und Kinder und die ganze Fawilien-Misore — ich meine Alles, waS darum und daranhängt — es hemmt ganz erschrecklich> und man kommt zu nicht«! Nein, nein! frei mutz der wahre Künstler fein», völlig frei; und ich freue mich, daß auch Sie'« geblieben. Man ist doch — unter ttn« gesagt — ein ganz anderer Kerl ohne jenen kläglichen Anhang, der unserm Genius die Schwingen wie mit Bleigewichten niederzieht; und — man hat auch mehr vom Leben! — Wie? Einem Manne wie Ihnen steht ja die ganze Welt offen, lacht über­all der Himmel wolkenlos blau; zeigen die Menschen Uub Dinge überall ihr Festgesicht. Und wollen sich doch einmal Sorgen in'« Herz 'und Runzeln auf die Stirn drängen, nun — ich spreche mit Egmont (ob gleich ich kaum mehr jung genug dazu bin): „Diese Runzel« wegzubaden, giebt e« ja noch ein freund­lich Mittel!" ü .....

Er sprach die letzten Worte mit sehr bezüglichem Nachdruck und winkte, das eine Auge leicht zukneifend, mit dem Kopf nach der Thür, durch welche die Dame im Seidenkleide verschwunden war. Friesen fühlte sich im Innersten empört. Zu spröde, um auch nur mit einem Lächeln die Anspielung als verstanden zu quittircn, und andererseits zu pietätsvoll, um den einst verehrten Meister, der sich plötzlich in so hätzlichem Lichte zeigte,-zu entgegnen, wie ihm um's Herz war, erhob er sich von seinem Sitz und ergriff Hut und Handschuhe, ohne auf die abwehrenden Worte des Hausherrn Rücksicht zu nehmen. „sind von den alten Freunden und Kunstgenosten", fragte er ablenkend, „noch einige am Ort: Reinthal, Helldringen, Berner, Rank — ober hat der Strom der Zeit, der inzwischen so manches weggeschwemmt, auch sie hinweggeführt?"

„Bis auf Reinthal", erwiderte der Oberbaurath, sich gleichfalls nun von seinem Sitz erhebend, „sind noch alle hier ober doch in der Nahe beschäftigt. Helldringen baut die Kirche in Görtzthal, Rank das Landarmenhaus in Helborn u. s. w. Aber lasten Sie sehn — heute — wahrhaftig grade heute treffen Sie alle beisammen im Restaurant Bordoni an der Es­planade, wo sie allmonatlich an bestimmtem Tage ein­mal zusammen zu kommen und ein kleines freund­schaftliches Gelage abzuhalten pflegen. Lustiges, sorg­loses Völkchen das! Und tüchtig in ihrem Fach, einer wie der andere! Habe meine Freude an ihnen!"

„So will ich suchen, sie dort zu treffen und zu begrüßen", sprach Friesen sich verabschiedend. „Ich

sehne mich, sie nach so langer Trennung wieder zu sehn*.

„Sehr natürlich. WaS mich angeht, so hoffe ich, Sie ein andermal länger festhalten zu dürfen. Für heute ist Ihre Eile gerechtfertigt. Vergesten Sie auch nicht, daß der Donnerstag, wie ehemals, jour fixe in Villa Starke ist, und daß ein gereifter Mann, der etwas mitzutheilen hat, ein Segen für ben Wirth wie für ben ganzen Kirkel ist. — Daß übrigens im Keller ein Alicante liegt, wie Sie ihn in Valencia selbst nicht bester unb feuriger getrunken haben (denn von Behandlung und Pflege des Wein« wisten ja jene guten Leute leider blutwenig), soll mehr eine bloße Notiz al« eine Lockung für Sie sein. Und somit auf Wiedersehn!*

Nachdenklich, ja bekümmerten Herzen« f 1 ritt Friesen seines Weges dahin. Diese« erste Wiedersehen hatte ihm statt der gehofften Erbebung und Stärkung eine sehr niederdrückende Empfindung hinterlasten, und kaum konnte er sich in der eben gemachten Erfahrung zurechtfinden. Auf wie idealer Höhe hatte dieser Mann einst für seine Bewunderung gestanden, in sttt- licher wie in künstlerischer Hinsicht, uno nun? — Was hatten zwei kurze Jahre aus ihm gemacht!«— So entwürdigt war sein Bild, so alles GlanzeS be­raubt! Dieser cynisch frivole Zug um Äug' .unb Lippe, biefe würdelosen Worte, diese klägliche Verlegen­heit, in solcher Gemeinschaft betroffen zu sein — sie ließen sich gar nicht wieder vergesten. O! wo war da« gepriesene „Ritterthum vom Geist" geblieben! —

■ - (Fortsetzung folgt)