Mr« 293. Zllarburg, Sonnabend, den 13. December.
Oberhessische Leitung
1673.
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Deutsches Reich.
Berlin, 11. Dec. In der gestrigen Sitzung de- Abgeordnetenhauses bei der Discusston über den Rcichenjperger'schen Antrag auf Beseitigung der Mai gesetze legte der Herr Cultusminister in längerer Rede die Stellung der Regierung gegenüber diesem Anträge sowohl, als den Bischöfen überhaupt, klar. Derselbe sogte zunächst: Der Abgeordnete Reichensperger giebt als Motiv in seinem Anträge selbst die ernsten Er sührungen der Gegenwart an, und er hat nach seiner Weise Recht. Es kommt aber darauf an, dafür den richtigen GestchtSpunkt zu finden. Je nachdem dieser mschieden ist, wird auch der Ernst verschieden beur-- cheilt werden muffen; von meinem Standpunkte, von dem der Staatsregierung aus, finde ich zunächst, daß die Bischöfe Preußens sich unter einander verbündet haben, das Gesetz des Staate«, dem sie angehören, das Gesetz deS Landes, welche« den Meisten unter ihnen das Vaterland ist, geringer zu achten, als den Wink eines Mannes außerhalb deS Vaterlandes. Redner führt dann aus, daß auf der Fuldaer Conferenz die Bischöfe sich nicht einigen konnten über die Frage, ob künftig ein Katholik die preußische Verfassung nach Aendcrung durch die Maigesetze noch beschwören könne, und daß man um eine deShalbige Entscheidung nach Rom berichtet habe, und fährt dann fort: Die Bischöfe sind nicht stehen geblieben bei dem passiven Widerstand, sondern ich meine, sie haben bereit« wirklichen activen Widerstand geleistet Es ist ein acticer Widerstand mit Mißachtung de« Gesetzes, die Pfarrer hinauSzu- schicken in ihre Diöcese, oder die Pfarrer aufzufordern, dm gesetzlichen Bestimmungen nicht Folge zu leisten. Schritt vor Schritt und gradatim ist die Staats regierung zu ernsteren Maßregeln vorgegangen. Die Lischöse haben eS sich nicht nahe gehen lasten, daß die untergebene Geistlichkeit in Mitleidenschaft gezogen wurde, daß die bürgerlichen Verhältnisse ihrer Diöce ssnen arg in Verwirrung geriethen, und da das nicht dlvS ein vermögensrechtlicher, sondern ein schwerer sittlicher Nachtheil ist, so ist man genölhigt gewesen, zu dem Ernstesten zu schreiten, was möglich war, zu der Aufforderung an einen der Bischöfe, sein Amt uiederzulegen, und ihn demnächst vor den Gerichtshof zu stellen, der mit Hülse der LandeSvertrctung in's Leben gerufen wurde. Wir sehen dann einen Clerus, obhängig in jeder Beziehung von deit Bischöfen, ihrem Winke folgend, trotz der Rachtheile, einen Clerus, der den activen Widerstand bei der urtheilölosen Masse «it geschicktem Eifer in die weitesten Kreise hinaus leitet; und wir haben weiter die ttnste Erfahrung
Der Weiberfeind.
Novelle von Ludwig Ziemssen.
(Fortsetzung.)
.Aber immerhin!" so grollte er, noch immer das Bild unverwandt anstarrend, in selbftverblendender Bitterkeit, in eifersüchtigem Schmerz: „immerhin! Mag er, da « einmal sein Geschick in eigene Hände zenommen, Und mit unseren ehemaligen Grundsätzen gebrochen hat, mag er sein geträumtes Glück genießen, so lange e« vorhält! nur zu bald wird sich die traurige Hinfälligkeit desielben (eines Glückes aus W e i b e s Hand! pah!) ergeben, und der Rückzug zu dem Freunde ausgesucht werden, der ihm einst genützt! — Bis dahin mag sie ihn von mir, von seiner Wissenschaft, von allen seinen höheren Lebensaufgaben adzuziehen, Ce ihre Macht aufwenden, alle ihre Kräfte spielen lasten — es wird nicht allzu lange dauern!
Er hatte daS Bild, wie um seinem milden Zauber sich zu entziehen, umgekehrt und wollte es so wieder Unter die Papiere schieben, als sein Blick plötzlich auf einige Zeilen siel, die die Rückseite des Bilde« ein- nahmen. In schönen, schlank hinfließcnden Schriftzügen einer Frauenhand stand da Folgendes: „Dem Unbekannten und doch schon so theueren Freunde in der Ferne sendet dies Bild mit der Bitte um baldige - baldige Heimkehr seines geliebten Ferdinands glückliche Fran Josephine."
Eine jähe Röche übdrflog bei Lesung dieser Worte Friesen« Antl tz: et la« sie noch einmal, noch mehrere Male, still, ohne ein Wort zu sagen, und wendete
machen müssen, daß ein sehr großer Theil der katho lischen Bevölkerung, aber immer nur ein Theil, in Mißverstand eS über sich nimmt, alle derartigen Nachtheile, wie ich sie andeute, auf sich zu nehmen. Es ist uns vorgehalten worden die christliche Pflicht und daS Gewissen der katholischen Bischöfe, das ihnen verbietet, den Gesetzen Folge zu leisten. ES ist gewiß eine heilige Sache um die christliche Pflicht und ein zartes Ding um daö Gewissen. Aber wenn man als Einzelner nicht als Einzelner sich fühlt, sondern an die Spitze des Staates als Staatsregierung berufen ist, über die Ausführung der Staatsgesetze zu wachen, da scheint es mir selbstverständlich, vor Allem zu fragen, ob die Behauptung, das Gewissen werde bedrückt, wirklich gerechtfertigt ist. Da habe ich mir nun die Thatsache zu vergegenwärtigen, daß im Süden Deutsch lands, in Elsaß-Lothringen, einem Bischof genau dieselben Gesetzbestimmungen nicht gegen das Gewissen sind, gegen welche daS Gewiffen der preußischen Bischöfe sich sträubt, daß er in Oldenburg nach seinem Gewissen thun darf, waS er in Preußen nicht thun darf. Solche Betrachtungen darf man doch wohl an stellen, sie drängen sich ja genug schon von selbst auf. Kann man es recht mit einem bischöflichen Gewiffen vereinigen, wenn der von mit genannte Erzbischof auf die maßvolle durch daS Gesetz dem Präsidenten zur Pflicht gemachte Aufforderung, daS Amt niederzulegen, mit höhnender Selbstüberhebung sich selbst glonfizirt. Man macht die wunderbarstcnEriahrungen über dieseZeit: ein Bischof dem die größten gesetzlichen Androhungen be vorstehen, schließt schnell mit seinem Bruder einen Vertrag in welchem er ihm sein gesammteS Mobiliar mit Ausnahme der zum persönlichen Gebrauch nöthigen Gegenstände überträgt, und behält sich doch von dem ganzen Mo biliar für sein ganzes Leben den Nießbrauch vor, daS hat ber Bischof Martin von Paderborn gethan Auf der Kanzel fiel an mancher Stelle, wie mir amtlich mitgetheill wurde, das Wort: Wenn ihr nickt so wählt, wie ich Euch sage, so seid ihr überS Jahr protestantisch. Nehmen Sie dann noch dazu die Agitationen tm Beichtstuhl, so werden Sie e« wohl er klärlich finden, wenn in der katholischen Bevölkerung allgemein der Glaube verbreitet ist, daß wir den katholischen Glauben zerstören wollen. Es ist das eine Unwahrheit, und ich nehme nicht Anstand zu sagen, das objektive Wort Unwahrheit wird hier wohl um gewandelt werden können in das subjektive Wort und ich sage daher offen, eS ist das eine Lüge. Weiter muß ich sagen, wir haben es mit einer irregeleiteten Bevölkerung zu thun. Ich hab« freilich die Hoffnung.
dann das Blatt langsam um. ES war ein merkwür diger Blick, den er jetzt auf das junge Paar heftete, seltsam und merkwürdig; und hätte er, während er so im Anblick des Bildes versank, sich lelbft im Spiegel betrachten können, er würde sich recht gewundert haben!
Endlich legte er das Blatt mit einem Laut, der fast einem Seufzer glich, auf den Tisch und nahm seine Wanderungen wieder auf, die er dann mit so fürchterlicher Beharrlichkeit fortsetzte, daß eine unter ihm wohnende sehr nervöse Dame ihre Kammerjungfer hinaufschickte und ihn „um der Wunden des Heilandes willen" bitten ließ, Ruhe zu geben, da sie, wenn er auch nur noch fünf Minuten fortwandere, unfehlbar einen Reroenschlag zu befürchten habe.
Der gestörte Spaziergänger blickte die redegewandte Zofe einen Augenblick wie nicht verstehend an; bann, als er begriffen, worum sich's handele, erwiderte er hastig, „es sei gut, der grau Hofräthin Wille solle geschehen," und nahm nachdenklich in einem Fauteuil Platz, wo er geraume Zeit vor sich hinbrütenv sitzen blieb.
Der Eintritt deS diensteifrigen Martin gab seinen Gedanken eine heilsame Diversion. Der Wackere kam, zu fragen, ob der Herr Baumeister noch auszugehen gedächten, und ob er, der Martin, zu dem Zweck noch Kleider reinigen solle Diese Frage ward bejaht; Friesen empfand den Wunsch, noch heute gleich dem Ober-Baurath Starke, seinem besonderen Gönner, einen Besuch zu machen, und eine Viertelstunde später war er änf dem Wege dahin.
daß die Einsicht doch noch kommen wird. Haben wir doch heute wieder von dem Antragsteller eine eigen-- thümliche Erklärung aus einer schwer zu verstehenden Rechtsphilosophie von Stahl vernommen, woraus aber das eine Wort „Empörung" recht sehr deutlich zu verstehen war. Die unbelehrte Menge draußen, die wird wenigstens nichts anderes daraus entnehmen und verstehen als dies eine Wort „Empörung." Sie sprechen von dem bisherigen Frieden in Preußen, aber wie ist denn der zu Stande gekommen, einfach durch die Unterwerfung des Staats, durch fortwäh rendes Nachgeben des Staats gegenüber der katholischen Kirche. Der Vorredner wies hin auf die kaiho« lische Abtheilung, ich habe mich jetzt aus den Aktenstücken über ihre Thätigkeit insormirt, ich führe an, daß fast bei keiner einzigen Frage von dieser Abthei- lung eine Entscheidung abgegeben wurde für den Staat, sondern immer für die Kirche, daß ferner, al« ein Minister (es war Herr von Bethmann-Hollweg) mit einer Entscheidung der Abtheilung nicht einverstanden war, gar keine Entscheidung erfolgte, sondern die Akten immer alle drei Monate hin und her geschickt wurden, bis Herr v. Mühler ins Amt kam. Durch diese Nachgiebigkeit sind wir eben dahin gekommen, diese Gesetzgebung zu machen. Die. Regie rung ist vollständig davon durchdrungen, daß nur eine nach allen Richtungen konsequente Vorwärisbewegung gegenüber den Einflüssen, die unS entgegenstehen, uns zum Ziele führen kann. Freilich wird von den ultra- montanen Organen fortwährend die Meinung verbreitet, die Regierung fei im Rückzüge. Glauben Sie doch, die Regierung ist nicht auf dem Rückmge, die jetzige Regierung wird eS sicher niemals {ein. Nun weiß ich sehr wohl, die Herren wären sehr zufrieden, wenn eine ändere Regierung käme. Aber ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, leide preußiscke Regierung kann auf diesem Wege auch nur inne halten, das heißt Frieden schließen um den Preis der Souveränität des preußischen Staates, und das thun wir in Preußen nicht. Unsere praktische Antwort auf diese hier gestellten Anträge wird sein müffen, die Befestigung, Erläuterung und Verschärfung der Matze- setze. Sie haben sich ja so über die Dunkelheit der Bestimmungen dieser Gesetze beklagt. Wir werden ihnen daher Erläuterungen und Klarlegungen derselben bringen müssen. Die Regierung ist auf« Ernsteste bemüht, die betreffenden Vorlagen vorzubereiten und sie wird Ihnen dato den thatsächlichen Beweis davon geben. Von der Majorität dieses und des anderen Hauses muß die Regierung volle Unterstützung ver-
Wie oft war er diesen Pfad zu der reizenden Villa des berühmien Meisters gegangen, — wie sehr oft! War Jener doch lange sein Lehrer, sein Leiter, sein Vorbild gewesen, nacheifrungswerth vor Allem in der Energie, mit der er, seit er sich der Kunst ergeben, dem Streben nach den höchsten Zielen derselben alles andere sonst Wünschenswerihe geopfert, namentlich auch auf Frauenliebe und eheliches Glück verzichtet hatte, um seinen Idealen unbeirrt und ungestört nachleben zu können.
An ihm wollte Friesen sich, wie so oft, auch jetzt wieder einmal stärken, an feinen Grundsätzen und Anschauungen die (einigen läutern und kräftigen, „Für wahr, er und alle die ihm gleichen," so flüsterte er, während er auf vereinsamten Parkwegen dem Hause deS Meisters zuschritt, halblaut vor sich hin, er, und die ihm gleichen, sie sind doch die einzig wahren „Ritter vom Geist" in unseren Tagen; alle anderen stöhnen entweder plumpem Sinnengenuß ober unterliegen einer Herzensschwäche, die der Tod jedes höchsten SirebenS in Kunst und Wissenschaft ist!"
In wiedergewonnener heiterer Stimmung zog er die Glocke am Gitter des Vorgarten«, und mit einem Freuoenruf öffnete ihm herbeieilend der wohlbekannte treue, alte Diener de« Hauses die Pforte.
„Ist der Herr Ober-Baurath zu Hanse?" fragte Friesen nach den ersten herzlichen BegrüßungSworten mit einem Blick nach den Fenstern der Villa.
„Wie immer zu dieser Stunde", bejahte der alte