Wr. 2S2 Nlarkurg, Freitag, den 12. December. 1873.
Oterhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j 6gr., durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilcnde Auskunft und Annahme von Adressen werden 2| Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Deutsches Strich.
Berlin, 10. Dec. Zu den Bemerkungen des Abgeordneten Windhorst in Betreff der Einwirkung der Regierung auf die Presse führt die heutige „Prov.. Corresp." aus: „Es ist zunächst völlig unrichtig, daß cme Reihe von Zeitungen von der Regierung erhalten »erde. ES giebt in Preußen mit Ausnahme der an erkannt amtlichen Blätter keine einzige Zeitung, welche Mn der Regierung erhalten wird, keine einzige die sich im Besitze oder zur unmittelbaren Verfügung der Regierung befände. Die jetzige Regierung hat schon vor einer Reihe von Jahren in Folge ausdrücklichen Beschlusses jedes EigcnthumSverhältniß, jedes Vcr- hjltniß einer unmittelbaren Verantwortlichkeit in Bezug auf eigentliche Zeitungen grundsätzlich aufgegeben. Alle Organe, auf welche die Regierung sich vorübergehend oder dauernd, sei eS für ihre Gesammtpolitik, sei es für einzelne Theile derselben stützen konnte, sind Blätter von selbstständiger Existenz, deren Eigenthümer völlig frei über die Haltung und Richtung derselben zu bestimmen haben, und welche ihre Unterstützung der Regierung ebenso versagen und entziehen können, wie sie ihr dieselbe seither in mehr oder minder großer Ausdehnung freiwillig gewähren. Wenn die Regie- nmg sich genöthigt gesehen hat, in den im Jahre 1866 in den mit der Monarchie vereinigten Provinzen aus dringenden Gründen vorübergehend und in wenigen Fällen sich auf eigene Organe zu stützen, so hat sie inzwischen auch dort, sobald es die Verhällniffe gestatteten, jeden eigenen Besitz, jede unmittelbare Einwirkung auf die Presse ausgegeben. ES giebt, wie gesagt, in der ganzen Monarchie keine Zeitung, welche, wie der Abg. Windhorst behauptet, direkt von der Regierung erhalten wird. ES ist ebenso absolut irrthümlich, daß mit einer Anzahl von Zeitungen Abkommen bestehen, wonach gewisse Spalten der Zeitung für Mittheilungen aus dem Literarischen Bureau zur Verfügung gestellt seien. Die Wahrnehmung ist allerdings richtig, und eS bedarf keiner besonderen Aufmerksamkeit, um sich davon zu überzeugen, daß in' einer sehr großen Anzahl von Zeitungen, und zwar ebenso in den größten und gc- achtetstcn Organen der liberalen Partei, wie in con- servativen Provinzialzeitungen gewiffe Mittheilungen^ welche aus Regierungskreisen stammen, regelmäßig und unter bestimmten Zeichen Aufnahme finden; aber es beruht dies weder auf irgend einem Abkommen mit der Regierung, noch haben damit die RegierungSfondS, auf welche der Abgeordnete Windthorst hinweist, das Mindeste zu thun." Der betreffende Artikel schließt:
Der Weiberfeind.
Novelle von Ludwig Ziemssen.
(Fortsetzung.)
„Ich hatte, innerlichst bewegt, wie ich war, nicht gewagt, der holden Begleiterin, die schweigend meiner Erzählung gelauscht, während der letzten Worte ns Besicht zu schauen; jetzt, da ich geendet hatte, und dir Geliebte noch immer schwieg, erhob ich bangend mein Auge zu ihrem süßen Antlitz, sah tiefe Rührung «m den holden kleinen Mund zucken, lichte Thränen en ihren langen Wimpern hangen, und begegnete tincm so seelenvolle», glückverheißenden Blick, daß «rin Herz überquoll, "meine Besinnung schwand. Ohüe « recht zu wissen oder zu wollen, hatte ich ihre Hand ergriffen, waren Worte leidenschaftlicher Liebe über Meine Lippen geströmt, hatte ich ihr mein ganzes volles B erschlossen. Wie drunten auf dem Stein, so
te auch hier ein armer junger Mönch, deffen ein- s Herz nach Liebe darbte, dem schönen Ritter- Mulein die Hand hin, und — o Raimund! — ste Nrbe nicht zurückgestoßen I Der innige Druck der Hand, der liebesuchende Blick, sie fanden Erwiderung, vü> schon öffnete sich das süßeste Lippenpaar zu einer mein Herz sagt mir— beglückenden Antwort, els zu meiner Verzweiflung in demselben Momente helle Stimmen gayz nahe laut wurden und ein Theil btt suchenden Gesellschaft den Eingang zu unserem taen retiro forcirte. „Hierher, meine Herrschaften! Hier ist eine Thüröffnung", schrie der Regierungsrath d. Bkrcht triumphirenden ToneS (nie war mir zuvor eine Menschenstimme widriger ins Ohr geklungen!)
„Wie eS keiner Beeinfluffung oder Bestechung Seitens der Regierung bedurft hat, um die Uebereinstimmung des VolksgeisteS mit der kirchlichen Politik der Regierung bei den Wahlen mächtig hervortreten zu lassen, so beruht auch die Unterstützung, welche die Regierung in dem größten Theile der Presse gefunden hat, nicht aus irgend welchen anderen Ursachen, als auf der freien Ueberzeugung der politischen Kreise und ihrer Organe. Ebenso wenig, wie es der ultramontanen Partei ge lingen wird, die Kraft der gemeinsamen öffentlichen Meinung in Preußen und Deutschland zu erschüttern, ebenso wenig wird sie die Welt darüber zu täuschen vermögen, daß die Quelle dieser großen Gemeinschaft und Uebereinstimmung einzig und allein in dem Geiste und in den Ueberzcugungen des deutschen Volkes zu finden ist."
— Die „Prov. Corresp." schreibt ferner: Der Erzbischof von Posen, Graf LedochowSki, hat das Schreiben deS Ober-Präsidenten der Provinz vom 24. November, durch welches er zur Niederlegung seines erzbischöflichen Amtes binnen einer Woche auf- gefordert wurde, durch ein Schreiben vom 25. Nov. beantwortet, in welchem er diese Aufforderung entschieden zurückweist. Die bischöfliche Gewalt sei ihm von Gott selbst verliehen und keine weltliche Macht sei daher im Stande, ihm dieselbe zu entziehen. Von einer Amtsentsetzung durch irgend welchen Staats aerichtShof könne nicht die Rede sein. Eine freiwillige Niederlegung würde unter Umständen mit Genehmigung des Papstes stattfinden können; aber er würde es für eine Schmach erachten, unter den gegenwärtigen Verhältnissen einen solchen Schritt zu thun. Der Aufzählung der ungesetzlichen Amtshandlungen in dem Erlasse des Ober-Prastdenten setzt der Erzbischof die Versicherung entgegen, daß diese Zusammenstellung von der gewissenhaften Verwaltung seines bischöflichen Amte« Zeugniß gebe, welche eine Frucht der Gnade Gotteö sei. Für dieses Anerkenntniß der Treue gegen Gott und die Vorschriften seines Gesetzes sei er dem Ober-Präsidenten zum Dank verpflichtet. Diese trotzige und herausfordernde Antwort ist die klarste Bestätigung der Thatsache, daß der Geist, von welchem der Erzbis l of sich bei seinem gesammten Verhalten leiten läßt, mit den Erfordernissen staatlicher Ordnung, mit der Würde und dem Ansehen der Staatsgewalt absolut unvereinbar ist. Die Wege, welche die Regierung zu gehen hat, um den geistlichen Trotz und Ueber- muth zu brechen oder unschädlich zu machen, find durch das Gesetz über die kirchliche Disziplinargewalt
„eine Thüröffnung und dahinter ein umschlossener Hof! Ist uns nicht schon jemand zuvorgekommen, wie ich nach diesen abgeschnittenen Zweigen besorgen muß, so dürfte uns hier die gewünschte Entdeckung »erden. Darum avanti indefesso!"
Josephinens liebe Hand zuckle aus der meinigen zurück, und die Farbe ihrer Wange erblich ein wenig; hastig trat ste einen Schritt vom Grabstein zurück, und lieblich bittend, wie um meinen sichtbaren Schmerz über die Störung. zu beschwichtigen, flüsterte ste, graziös zu mir herüber geneigt: „Still! bleiben Sie heiter! — auf morgen 1" — Dann eilte sie leichten Fußes — wie trunken folgte ihr mein Blick — den Ankommenden entgegen und rief ihnen lachend zu: „Zu spät! zu spät! — gesunden — längst gefunden!" Und sie zeigte auf den Stein, bei dem ich regungslos stehen geblieben war, als gedächte ich den Schatz vor unbefugter Besitzergreifung zu wahren.
• Der RegierungSrath eilte auf dies Wort wie wild seiner Schaar voraus und auf das Grab zu. Ein Blick auf den Stein genügte, und resignirt fuhr er sich mit seinem Tuch über die erhitzte Stirn: „In der Thal — zu spät!" seufzte er mit komischer Ergebung; „nur wer Glück hat und früh kommt, führt die Braut heim, sagt das Sprichwort".
i Der unbeabsichtigte Doppelsinn feiner Worte trieb Josephinen das Blut in die Wangen; mir aber klang — wunderbar! — seine eben noch so widrige Stimme wie holdeste Melodie in's Ohr!
Die Gesellschaft nahm, nachdem die Aufregung über den gemachten Fund sich einigermaßen gelegt
bestimmt vorgezeichnet, und die zunächst erforderlichen Schritte zur Einleitung deS gerichtlichen Verfahrens sind von dem Minister der geistlichen Angelegenheiten bereits geschehen. Die Anklageschrift gegen den Erzbischof ist abgefaßt und wird unverweilt an dm Gerichtshof gelangen.
DreSde«, 10. Dec. Folgendes Bulletin wird von hier gemeldet: „Im Befinden ihrer Majestät der Königin Elisabeth von Preußen, Allerhöchstwelche bereits vor vier Wochen an einem akuten Lungenkatarrh, der sich bis in die feinsten Luftröhrenverzweigungen erstreckt, erkrankt find, ist in vergangener Nacht plötzlich eine wesentliche Verschlimmerung aller KrankheitS- erscheinungen eingetreten, -r- Insbesondere haben die Athemnolh und der Husten beträchtlich zugenommen und find diese Symptome um so mehr Besorgniß erregend, als ihre Majestät die Königin schon seit Jahren an einem ausgesprochenen Herzfehler leiden. Dr. Grimm, Dr. Fiedler."
Stuttgart, 10. Dez. Das Gesammtministerium hat eine Note an das Abgeordnetenhaus gerichtet, worin letzteres aufgefordert wird, eine Commission zu ernennen, bie über eine Veränderung der finanziellen Stellung des Hoftheaters berathen solle. Die Note führt aus, daß die Civilliste jährlich 200,000 fl. zur Erhaltung des Theater» zuschieße und erscheine dieser Zuschuß im Verhältniß zu dem übrigen Aufwande der Civilliste zu hoch. Im äußersten Falle wäre eine Schließung deS Theaters der Fortdauer des jetzige» Zustandes vorzuziehen. — Die erste Kammer hat bezüglich der Erweiterung der ReichScompetenz auf die Civil Gesetzgebung, int Einverständniß mit der Er» klärung des Ministers v. Mittnacht, einstimmig eine Erklärung abgegeben, daß sie in die Regierung das Vertrauen setze, dieselbe werde ihrer Zusage gemäß nachdrücklich bestrebt sein, die sofortige Inangriffnahme einer allgemeinen Modification des Civilrecht« zu veranlassen und dabei der wüitschenswerthen Freiheit der eingenartige» Rechtsbildung thunlichst Berücksichtigung zu verschaffen, i ,4
Auöliutd.
Wie», 10. Dec. Im Abgevrdneteuhause verliest der Präsident eine Erklärung der tschechischen Abge- ordneten Böhmens wegen ihres Nichterscheinen« im ReichSrathe. DaS Haus erklärt diese Entschuldigung mit eminenter Majorität für ungerechtfertigt, worauf- der Präsident den Mandatsverlust jener Abgeordneten ausspricht, Ein Antrag HohenwartS, das Schriftstück einem eigenen Ausschüsse zuzuweisen, wird geschäftS-
hatte, den gewohnten weiteren Verlauf; doch hielt sich Josephine mir fern, und nur ihr süßer Blick strahlte zuweilen glückverheißend über die Menge hinweg zu mir herüber.
„Auf morgen!" flüsterte ste noch einmal, al« wir schieden, und ihre theuere Hand innig in der meinigen lag. „Aus morgen!" gab ich bewegt zurück, wiederholte ich in seliger Glücksempfindung, flüsterte ich hundertmal in die stille Nacht hinaus, als ich, da fie längst geschieden, einsam den Pfad zu meinem nahe» Dorfe hinabschritt, — „auf morgen!"
01 und nun, da ich dies schreibe, zieht schon eine lichte Helle am östlichen Horizont herauf, und die Nacht kämpft nur noch schwach gegen dm tagenden Morgen! Sei gegrüßt, du heilige Frühe, die mir dcS Lebens höchstes Gluck aus dem Schooß der ambrosischen Macht mit heraufsührt! Sei mir gegrüßt, du segnendes Licht, da« allen Kummer lindert, alle Freuden erhöhet; gegrüßt, du lebenspendendes, soeben kräftigendes! Unter Thränen des Danke« gegen die Vorsehung, bie milb mein Leben lenkt, wache ich Dich schlummerlosen Auges, wallenden Herzen« heran., €d mir gegrüßt zu taufend Malen!" . ... ,..
Viertes Kapitel.
Bis hierher »ar der Baumeister in feiner Seetüte gelangt, als er gerölheten Antlitzes den Brief auf den Tisch warf und jammt den übrigen, noch ungelesenen Bogen so hastig von sich schob, daß ein Theil der Papiere von der anderen Seite deS Tische« herab und auf den Fußteppich fiel. Dann warf er sich in die