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Ur« 2SO Nlarburg, Mittwoch, den 10. December. 1873.

- Oterhessische ;jtitung.

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als für sich verbindlich an: daß er den Eid geschworen hat, dem Könige und dem Landesgesetz Treue und Gehorsam zu leisten, kommt dabei gar nicht in Be tracht. Er hat allein darüber zu befinden, wie weit der Eid bindet; ist eine Vermcfienheit einer evan- gelischen Behörde, zu fordern, daß ein römischer Prälat sich ihr unterordne: der einzige Souverän in der Provinz Posen ist Graf Ledochowski.

Diese Erklärungen, welche die Sanction des Papstes haben, treiben den Conflict des Staates mit der Hierarchie zur Entscheidung; es erhellt, daß die Ab" setzung des Erzbischofs zur Aufrechterhaltung der Ordnung nothwendig ist und daher sehr bald erfolgen wird. Ob die anderen Prälaten Preußens dieses Exempel sich zu Herzen nehmen oder fortfahren werden, in den Bahnen des Grafen Ledochowski zu wandeln, bleibt abzuwarten; gewiß ist nur, daß der Staat Ge­horsam sich erzwingen wird, so sehr er die Unzulräg- lichkeiten bedauern mag, die seinen römisch-katholischen Angehörigen durch die Verblendung und die Hals- starrigkeit ihres Clerus erwachsen müssen.

Deutsches «eich.

» Berlin 8. Dec. Im kaiserlichen Palais fand am Sonnabend, was stets im Winter während der Anwesenheit der Kaiserin zu geschehen pflegt, eine kleine Soiree statt, an welcher der Kaiser jedoch nicht Theil genommen hat. Hebet die Rückkehr des Fürsten Bismarck nach Berlin coursiren die widersprechendsten Rachrichten. Wie man hört, dürfte dieselbe wahrschein lich ungefähr am 15. d. M., also beim Beginn der nächsten Woche erfolgen. Die jüngst vom Minister tische deö Abgeordnetenhauses aus geschehenen, das landwirthschaftliche Ministerium betreffenden Aeuße- rungen bestätigen die Ihnen bereits früher geäußerte Anschauung, daß nämlich die Regierung ebenso wenig daran denkt, das landwirthschaftliche Ministerium auf zuheben, als ihm die jetzt dem Finanzministerium zu­stehende Forst- und Domänenverwaltung zuzuweisen, baß indessen Erwägungen über die Erweiterung seiner Competenz noch in der Schwebe sind. Daß das Ab geordnetenhaus denselben Umstand einräumt, beweist der Umstand, daß es sowohl die bisherigen Posten des Etats, als auch die für eine neue Directorstelle aus­geworfene Summe genehmigt hat. Das Staats Ministerium hielt heule eine Sitzung ab, um sich über die Stellung der Regierung zu den vorliegenden parla mentarischen Anträgen zu berathen. Die Anträge des Centrums, die Maigesetze betreffend, werden wahr­scheinlich schon am Mittwoch aus die Tagesordnung kommen, so daß die von vielen Seiten vorgeschlagene Abänderung der Geschäftsordnung durch Einführung der sogenanntenVorfrage" (question priatable) zu

spät kommen und das Haus wohl oder übel die ultra­montanen Deklamationen sich gefallen lasten muß. Daß es hierauf allein abgesehen ist, beweist, daß man zwei Anträge gestellt hatte, während doch beide eigent­lich zu einander gehören. Für jeden werden zwei ultra- montane Redner mindestens anzuhören sein Einer zur Befürwortung derselben und ein zweiter gegen den Antrag auf Tagesordnung. Der Entwurf der Provinzialordnung schließt sich, wie man vernimmt, genau der Kreisordnung an. In demselben kommt auch die Frage zur Sprache, ob die einzelnen Provinzen in ihrem bisherigen territorialen Umfange fortbestehen sollen. Es handelt sich vornehmlich um die vielfach empfohlene Trennung von Ost- und Westpreußen; beide Landschaften, deren historische Vergangenheit so verschieden ist, sind auch jetzt durch die lange admi­nistrative Zusammengehörigkeit noch nicht einmal so weit verschmolzen, daß auch nur ein einziges gemein­sames Communal - Institut in's Leben getreten wäre. Der Angelegenheit wird jedenfalls eine besondere Denk­schrift gewidmet werden. Weiter kommt die Loslösung der Stadt Berlin vom Provinzialverbande der Provinz Brandenburg in Frage, und wird die Erörterung der­selben sicherlich das lebhafteste und allgemeinste Interesse erregen. Der JustizauSschuß des BundeSraihes hat heute die Berathung des Reichspreßgesetzes von Neuem ausgenommen. DieAugsb. Allg. Ztg" verlhei- digt in einem vortrefflichen Artikel die Reichsregierung gegen die Anklage, in der Verwaltung von Elsaß- Lolhringen nicht genug Landeskinder zu verwenden. Der Artikel führt aus, wie das bei der gegenwärtigen Stimmung der dortigen Bevölkerung zu den größten Unzuträglichkeiten geführt haben würde. Schließlich wird den deutschen Beamten das größte Lob gezollt; trotz einzelner Mißgriffe muffe man zugestehen, daß schwerlich eine andere Nation so viel tüchtige Kräfte gehabt haben würde, um einer so delikaten Lage so vollständig gewachsen zu fein.

Der Bundesrath hielt am Sonnabend im Reichskanzler-Amt eine Plenarsitzung, unter Vorsitz des Präsidenten Delbrück. Die Vorlage des Präsi­diums betreffend die Ausdehnung des Auslieferungs- Vertrags zwischen Elsaß-Lothringen und Luxemburg auf das übrige Deutsche Reich, dieVorlage des Reichskanzlers" betreffend die Gemeinschuldordnung, die Anträge Sachsen-Weimars betreffend die Ausle­gung der Bestimmung des §. 362 Aliena 2 des Strafgesetzbuchs (Verhängung der Arbeitshaus-Strafe) und Oldenburgs über Vermehrung der Arbeitskräfte bei dem Haupt-Zollamte in Bracke wurden an die Ausschüste verwiesen. Sodann gelangten zur An­nahme die bekannten Ausschußanträge über Außer­courssetzung der Landesgoldmünzen und über die Ent-

Die letzte Gncyclica de- Papstes«

Durch Mittheilungen verschiedener dem Vatican ergebener Blätter weiß man in Bezug auf das zweite Schweiben des Papstes an den deutschen Kaiser, daß dastclbe noch weniger als das erste den Gesetzen der Sitte und der Höflichkeit entspricht und besonders mit dem Militarismus, d. h. mit dem Wehrsystem Preußens Md Deutschland- sich beschäftigt. Von jeher war der römischen Curie und ihren Organen nichts in Preußen so verhaßt, als dessen Wehrfystem, als die militärischen Institutionen des Staates, nicht blos deshalb, weil diesen Institutionen der Staat seine heutige Weltstellung verdankt, sondern vornehmlich deshalb, weil sie wesentlich dazu beitragen, alle Staats angehörigen mit dem Geiste des Gehorsams und der Baterlandsliebe zu durchdringen. Institutionen, die derartige Gefühle in den Menschen nähren und för dein, sind mit den Zielen der römischen Hierarchie, welche keinen andern Gehorsam als' den ihr selber ge­zollten anerkennt, schlechthin unverträglich. Hierzu kommt, .daß der erste Würdenträger der römischen Kirche, der wegen seiner Insubordination aus seinem Amte entfernt werden mußte, der Feldprobst Nam- szanowski war. Diese Ursachen wirkten zusammen, um 6en Papst zu bestimmen, feinem Grolle über die Militärinstitutionen Preußens in der ihm geläufigen Schreibeweise Ausdruck zu geben. Da Deutschlands Kaiser keine Veranlassung habe» konnte, von dieser Kundgebung des Papstes Notiz zu nehmen, so war vorauSzusehen, daß eine erneuerte Auflage des Er gusseS nicht auf sich warten lassen würde. Dies ist jetzt geschehen: daS neueste Rundschreiben des Papstes überbietet in feinen Jnvectiven auf Preußen und Deutschland alles bisher Dagewesene. Da dasselbe aber nur die alten Jrrthümer und falschen Verdäch- ügungen wiederholt und bloß durch die Maßlosigkeit der Form sich auSzeichnet, so beschränkt sich das In­teresse ausschließlich auf die Wirkungen, welche es in der Aufstachelung deS Episkopats haben wirb. Pikant sind vielleicht nur die Stellen, welche sich mit der speciellen Verfluchung des altkatholifchen Bischofs ReinkenS beschäftigen.

Der von derGermania" veröffentlichte Brief­wechsel deS Ober Präsidenten der Provinz Posen mit dem Erzbischof Ledochowski beweist, daß der letztere den von dem Papste in dem Rundschreiben vertretenen Standpunkt innezuhalten entschlossen ist. Der Erz­bischof denkt nicht daran, dem Landesgesetz und der m seinem Namen handelnden Behörde Gehorsam zu leisten: er erklärt mit der größten Offenheit, daß er außerhalb des Gesetzes steht, daß er sich nicht dem Ausspruche irgend eines Gerichtshofes fügen wird. Der Erzbischof erkennt nur das Gebot des Papstes

Der Weiberfeind.

- Novelle von Ludwig Ziemssen.

' -5- (Fortsetzung.)

Endlich man wollte schon zur Tafel gehen sah ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich mich seit einer Stunde gehalten, die wohlbekannte Equipage deS Oberstlieutenants heranrollen, und einige Minuten später erschien hinter Tante und Onkel die liebe er­sehnte Gestalt an der Hand der Tochter vom Hause, die ihr zärtlich entgegen geeilt war (wie dankte ich ihr daS in meinem Herzen) im Gesellschaftssaal, grüßte mit halber Anmuth bie Versammelten unb glitt mit einem besonders freundlichen Gruß ja eS wollte mich bedünken, mit einem leichten Erröthen an mir vorüber. Ich Thor fühlte mein Herz bis zur Achemlosigkeit pochen I

Bei Tafel (die Wahl der Tischgenoffenschaft war Iriber nicht freigelaffen) saß ich ziemlich fern von ihr; doch gestattete mein scharfes Auge, jede ihrer Bewe­gungen, ja jeden Wimperwechsel ihres süßen Antlitzes zu betrachten; und die Nachbarschaft der wackeren Satonin Heidler, die ein wenig Gourmande ist und auf angeregte, wohl unterhaltene Conversalion keinen übertriebenen Werth legt, ließ mir Zeit, meine Ge­danken meinen Augen folgen zu lassen. O Raimund, ich versank ganz in ihrem holden Anblick, und mit kinem Gefühl von' wie nenne ich es nur

mit einer tiefaufregenden Empfindung verfolgte ich jede ihrer Geberden, wenn sie sich zu ihrem Nachbar (einem jungen Forstmann in sehr kleivsamer grünet Uniform) wandte, und ich hätte viel, sehr viel darum gegeben, wäre ich in der Möglichkeit gewesen, auch ihre Worte und die feinigen zu vernehmen k

Lachst Du über mich, Raimund; spottest Du über meine Schwäche? o, magst Du immeihin'l Ich spüre eS im tiefsten Innern, hier handelte es sich um Glück oder Unglück meines Lebens, und alle falsche Scham fällt von mir abl Warum sollte,ich Scbeu tragen, Dir, meinem zweiten Ich, zu gestehen, daß ich vas liebste Wesen mit allen Wünschen und Hoffnungen meiner Seele umfange, daß ich mir ihren Besitz als eine mein Leben befeligenoe Gnade von Gott, der die Herzen der Memchen wie W »fferbäche lenkt, inbrünstig unb bemüthig erflehe? Einst wird so Gott will bie Zeit kommen, Wo auch Dein Stahlherz von bieser schmerzlich süßen Empfinbunz durchzuckt, Dein ernstes Auge von weiblichem Liebreiz gerührt, Dein Ohr berauscht sein wird von dem Zauberklang einer geliebten Stimme; und bann, bann werbe ich nicht Deiner spotten!

Am Nachmittag bes festlichen Tages würbe auf mit Blumen geschmückten Leiterwagen eine Waldfahrt gemacht, um die schön erhaltene Ruine-des KtostirS Marimthron zu besuchen unb dort im Klostergarten

den Thee einzunehmen. DaS Glück, ein wenig auch meine Geschicklichkeit, brachte mich in denselben Wagen mit der Vielgeliebten, und zu meinem unbeschreiblichen Entzücken machte sie kein Hehl daraus, daß sie sich meiner Nähe freue. Sie brachte daS Gespräch auf den im Pfarrhause verlebten Nachmittag, schilderte, wie froh und innerlich ft angeregt sie Alle heimgekehrt wären, lobte HauS und Garten, den schönen Blick über den See, zufammt dem reichen LandschaftSbilde umher, die trauliche, tief anheimelnde Sage des Dorfes ach, jedes ihrer liebevollen Worte, jeder ihrer freundlichen Blicke fiel wie ein erquickender Thautropfen auf meine schmachtende Seele unb ließ mein Herz aufwollen in köstlicher Glücksempfindung.

Die Nähe ber Mitfahrenden ließ tiefere Gespräche, vollere Seelenlaute nicht zu; ich mußte Auge unb Lippe gleich kräftig beherrschen, sollten sie nicht zu Verräthern an meinen heiligsten Empfindungen werden; aber von verhohlenem Feuer brannte mein Herz um so heißer, sehnte ich mich um so mehr nach einem zeugenlosen Beisammensein, unb fei« nur auf wenige kurze Minuten! Wir langten am Waldrand an, unb bie schlechten Wege nöthigten zur Fußwanderung. Auch hier duldete Josephine meine Begleitung gern, Keß sich von mir, da bie Gesellschaft bei ber Ruine anlangte, die Ursprüngliche Bauanlage des Kloster- erklären unb würbe nicht müde zu fragen und AuS-