JTlarÖUtg, Dienstag, den 9. December.
Ur 289.
1873.
ObrrheUche Zeitimg.
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Deutsches Keich.
Berlin, 6. Dez. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt bezüglich der Frage, ob die Formeln für die Vereidigung der Bischöfe jetzt noch genügen könnten: Es sei erkannt worden, daß der bisherige Eid der katholischen Bischöfe nach dem vatikanischen Concil nicht mehr den Bedürfnissen deS Staates genüge, die Regierung sei über die zu ergreifenden Maßregeln j» Bcralhung getreten und und dürfte die Frage bei der Besetzung deS BisthumS Fulda zunächst praktisch werden. — Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht die amtliche Feststellung der Reichstags-Wahlkreise für El- saß-Lothringen, welches darnach in 15 Wahlkreise ein- getheilt wird. Ferner publicirt daS Blatt Regulative über dir Geschäftsordnung deS kirchlichen Gerichtshofes. — Der BundeSrath hat dem Vernehmen nach die Außercourssetzung der deutschen Landesgoldmünzen vom 1. April 1874 an beschlossen. Gleichzeitig verlieren die ausländischen Goldmünzen die Eigenschaft gesetzlicher Zahlungsmittel. — Der LaSker'sche Antrag wegen des CivilrechtS wird, wie verlautet, in nächster Zeit im BundeSrathe angenommen werden. Die Wieder- «ufnahme der Berathung des Preßgesetzentwurfs im JustizauSfchuh steht bevor.
•» 5. Dec. Die in den Beräthungen des Ab geordnetenhauseS eingetretcne Pause wird von der Presse benutzt, um in lebhafter Weise das Ergebniß deS BernardS'schen Antrages zu erörtern. ES ist bereits daraus hingewiesen worden, daß das statt- gchabte Resultat auf keiner Seite irgend welches Erstaunen hervvrgrrufen hätte, und daß die Abstimmung durchaus nichts Ungeherierliches gebracht, nur die „Bossische Ztg." findet in dieser Abstimmung ein so gewaltiges Ereigniß, daß sie meint, das Ministerium müsse dem Votum gegenüber seine Entlassung verlangen, und eS müsie ein neues Ministerium mit den gegen den Antrag BcrnardS' Stimmenden gebildet werden; das radikale Blatt glaubt also, die Frage der ZkitungSstempelsteuer sei eine so indirekt wichtige, daß da« Ministerium mit derselben eine CabinetSfrage hätte stellen müssen. Was nun zuerst die Wichtigkeit an. betrifft, fo wird doch jede politische ruhige Erörterung zu der Ueberzeuzung führen, daß die Bedeutung der Frage, ob Zeitungssteuer oder nicht, keine solche ist, welche die Principien oder die Existenz der Regierung in Mitleidenschaft zieht, was aber den Hinweis auf andere Länder betrifft, so wird auch hier die „Voss. Ztg." ihre Ansicht viel ändern muffen, wenn sie be denkt, daß auch in anderen Ländern nur eine Cabinets- ftage entstehe, wenn irgend ein von der Londesvertre
tung acceptirter Beschluß von indirekt politischer Bedeutung ist. Diese Tragweite hat die Zeitungssteuer keineswegs, und wird die „Voss. Ztg." ihren guten, dem Ministerium gegebenen Rath wohl noch einstweilen für sich allein behalten müssen. Bei dieser Gelegenheit sei dem Blatte nochmals gesagt, daß der WelfenfondS nicht von einem Minister verwaltet wird, sondern daß über die Verwaltung desselben dem Staats Ministerium die Befugniß zusteht; es wird an dieser Angabe auch heute nichts zu ändern sein, wenn die „Voss. Zig." auch derselben keinen Glauben schenkt, sondern welche „auS guter Quelle" versichert, daß Fürst Bismarck der Verwaltung deS WelfenfondS vor stehe und, da ihm ganz allein die Leitung der Central stelle der Preß Angelegenheiten obliege, auch über die dieser Stelle zukommende Summe verfüge. Wenn die „Voss. Ztg." den Staatskalender zur Hand genommen, so würde sie gesehen haben, daß solche Voraussetzung eine ganz falsche ist, daß nicht speciell dem Minister- Präsidenten die Leitung der Preß-Angelegenheiten zu- steht; aber auch thatsächlich falsch ist die Behauptung der „Voss. Ztg.", da weder ausschließlich noch wesent lich der Welfenfond für Preßzwecke zur Verwendung kommt. — Nachdem die „T. R -C." nun auch ihre mit großem Pomp gebrachte Nachricht über das Duell der Generale v. Manteuffel und Graf Groeben de- mentirt, wird diese Sache wohl hoffentlich zu Grabe getragen sein. — Im Zusammenhang mit dem Constict, welcher durch das Verfahren der römischen Bischöfe entstanden ist, dürste auch die Frage stehen, ob die 1843 eingeführte EidigungSformel der katholischen Bischöfe den gegenwärtigen Verhältnissen entspricht. Durch die vatikanischen Beschlüsse ist die Stellung dieser Kirche fast zu dem Staate in ein ganz anderes Stadium getreten, so daß auch die frühere Eidesformel eine Revision erheischt, deren schleunige Herbeiführung als nothwendig erachtet werden muß; die Bischofswahl in Fulda wird voraussichtlich eine solche veränderte Eidesformel zum ersten Male in die Praxis treten lassen. — Bekanntlich sind die beiden Landrälhe von Woedtke (Chlove) und von Gottberg (Stolpe) vor einiger Zeit zur Disposition gestellt worden; dem Vernehmen nach ist des Ersteren Wiederanstcllung als Rath beim RegiemngS-Collegium in Aussicht genommen. — Der durch seine statistischen Arbeiten vielseitig bekannte Regierungs - Assessor Boediker versieht seit einiger Zeit provisorisch die Verwaltung deS Land- rathSamtes zu Gladbach, derselbe ist nun zum Landrath dieses Kreises ernannt.
— Die Gcsammt - Ausprägung in Reichs Gold
münzen stellt sich bis zum 22. Nov. d. I auf 996,519,160 Mark, wovon 814,348,620 Mark in Zwanzigmarkstücken und 182,170,540 Mark in Zehnmarkstücken bestehen. An Reichs-Silbermünzen, und zwar in Zwanzigpfennigstücken, waren bis zum 15. Nov. d. I. 226,092 Mark 80 Pf. ausgeprägt worden. In der Woche vom 16. bis zum 22. November sind ferner in solchen Stücken geprägt: in Berlin 35,669 Mark, in Hannover 43,554 Mark, in München 15,500 Mark und in Karlsruhe 13,500 Mark, wodurch sich die Gesammt-Ausprägung in ReichS-Silber- münzen auf 334,315 Mark 80 Pf. stellt. An Reichs- Nickelmüuzen, und zwar in Zehnpfennigstücken, waren bis zum 15. Nov. d. I. 12,500 Mark ausgeprägt worden. In der Woche vom 16. bis 22. Nov. d. I. sind ferner in solchen Stücken geprägt: in Berlin 7439 Mark 90 Pf., in München 3448 Mark und in Dresden 12,500 Mark, mithin Gesammt-AuSprä- gung in Reichs Nickelmünzen 35,887 Mark 90 Pf. An Reichs-Kupfermünzen wurden in der gedachten Woche, und zwar in Zweipfennigstücken, in Berlin 4405 Mark 10 Pf. ausgemünzt.
Greifswald«, 6. Dec. In der heutigen Schwurgerichtssitzung wurde der 17jährige Hofgänger Fritz Schütt wegen Ermordung der Anna Böckler zu 15 Jahren Gefängnitz verurtheilt. .Der Verthei diger meldete gegen da« Erkenntniß Berufung an.
Schwerin, 6 Dec. Auf dem Landtage in Sternberg siud die landesherrlichen Vorlagen zur VerfaffungSangelrgenhrit mittels RefcriptS zurückgezogen worden; weitere Eröffnungen wurden Vorbehalten.
Meiningen, 5. Dec. Bor Krrrzem befand sich der Herzog von Meiningen in Berlin, und es gingen über den Zweck seiner Anwesenheit verschiedene einander widersprechende Mittheilungen durch die Zeitung. Jetzt dürfte vielleicht die Angelegenheit durch eine Notiz Aufklärung erhalten, welche „Saling's Börsen- Blatt" aus Meiningen zugeht und lautet: „Die am vergangenen Freitag, 28. Nov., vorgenommene Verhaftung deS General Majors, Frhrn v. Engel, Flügel- Adjutanten des Herzog» von Sachfen-Miningen, hat begreiflichennaßen hier in Meiningen großes und gerechtes Aufsehen erregt, zumal. da solche in eimr Privat Gesellschaft vorgmommen worden. Genannter Herr soll durch Fälschungen der Unterschrift des Herzogs Schulden im Betrage von etwa 280,000 bis 300,000 Thlr. contrahirt haben, und es werden als Gläubiger die Thüringische Bank in Sondershausen mit 54,000 Thlr., die Kieler Bank.mit 33,000 Thlr.,
Der Weiberfeind.
Novelle von Ludwig Ziemssen.
(Fortsetzung.)
„Und doch--so schloß ich vor ein paar
Tagen meine Aufzeichnungen, — trotz aller Bedenken und abwägenden Verstandes, trotz oller Einreden der Klien Vernunft gegen das Anschwellen einer übereitigen, einer vielleicht lhörichten Glückeshvffnung — doch immer wieder dieselbe holde Empfindung, doch immer wieder die« stürmische Schlagen deS Herzens, dies ruhelose Nattern der Seele um den einen — einen Gedanken. Mein ganzer Gewüthszustanv, so anders, so himmelweit anders als ehemals, wie schildere ich ihn Dir? --Schlag Deinen CamoenS auf, Freund; inmitten des Landes, in dem er sang, wird Dir seine Dichtung, hoff' ich, sympathischer und verständlicher geworden sein, als ehemals, und wenn Dein Auge auf die Verse Wt: . .
„Se durmo, sonho comtigo Se v6to, sb em ti penso: .
Pazece nie o lempo immense Xa tua sepaza^ao.“*)
dann denke, ich sei es, der sie dem holden Mädchm, da« ein neues Leben in mir erweckt, über alle Fernen Und Weiten zurufe; dann lies sie noch einmal mit dem Bewußtsein, einen vollen, tiefen Blick in mein bewegtes Herz gethan zu haben.---
*) „Wenn ich schlafe träum' ich nm vor Dir, Wach ich, bist Du nur Gedanke mit;
Zahllos, endlos scheinen mir die Stunden, Seit Du meinem Thränenblick entschwunden!"
Ich habe sie seit jenem schönen Tage nicht wieder gesehen; die Familie des OberstliiMenantS ist durch nothwendige Besuche in der Nachbarschaft, er selbst überdies durch zahlreiche Geschäftsangelegenheiten die halbe Woche über in Anspruch genommen gewesen: ich habe mich nicht aufdrängen mögen, und so habe ich ihren Anblick bisher entbehren müssen. Mir ist, sehe ich auf diese Zeit zurück, als habe ich^matt und durstig eine Wüstengegend durchwandelt, nur umspielt von den tröstenden, vielleicht trügerisch tröstenden Bildern der Faia Morgana — Erinnerung und Hoffnung I
Doch nein! eine schöne Erquickung boten mir jene Tage schmachtender Entbehrung, und daß sie auch für Dich, mein theurcr Freund, eine rechte Freude sein wird, verdoppelt mir ihren Werth. Höre, was es ist! Als mir der Oberstlieutenant den Besuch seiner Familie ankündigte, stellte er mir, wie ich Dir schon schrieb, gleichzeitig eine angenehme Mittheilung in Aussicht, die er den ©einigen nicht überlassen wollte. Sie war eS in der Thal werth, mit besonderer Feierlichkeit gemacht zu werden. Der Familientag derer von Solz, dem mein wackerer Patron als Senior kurz zuvor beigewohnt, hatte in seiner Schlußsitzung beschlossen, auf dem ältesten Besttzthurn der Familie, meinem Rehlingen, wo die Familiengruft sich befindet, der alten Kirche aber der Einsturz droht, auf gemeinsame Kosten eine neue in reichem gothifchen Stile zu erbauen und mit dem Bau schon im Frühling zu beginnen, sofern ein tüchtiger Baumeister inzwischen für das Werk gewonnen und die nöthigen Baupläne
und Anschläge bis dahin aufgestellt werden könnten.— Stelle Dir meine Freude vor bei dieser Mittheilung: Ein heißer Wunsch, den ich ernstlich zu hegen kaum gewagt, geht mir damit in Erfüllung, und ich hin um so glücklicher darüber, als e« bet mir feststeht, daß fein Anderer als Du, diesen Bau auSführen darf! Der Zustimmung de« Oberstlieutenant«, dessen Wort entscheidend ist, bin ich bereits sicher; er kannte die schöne kleine Vorstadtkirche in der Hauptstadt, die Du vor Deiner Abreise nach Frankreich vollendet, und war entzückt über den reinen, edlen Geschmack, der im ganzen Bau sich offenbare, wie über die große Zweckmäßigkeit der Einzelheiten, denen er ein aufmerksames Auge zugewendit hatte. Auch wollte et meinen Angaben über die Gesammtkosten be« Baues kaum Glauben schenken — so gering erschienen sie ihm für ein so herrliches Kunstwerk. Eine gleich große Summe würde Dir der Familienrath bereitwilligst auch für den Neubau in Rehlingen zur Verfügung stellen. Und Du? — Könntest Shi mir durch Ablehnung diese« Auftrages die frohe Hoffnung durchkreuzen, durch Dich den Plan entworfen, die Ausführung geleitet, das Werk vollendet zu sehen? Gewiß nicht, denn Du weißt, wie tief mich das behüben würde! War es nicht in vergangenen schönen Zeiten freundschaftlichen MiteinanderlebenS ein nie versiegendes, bis ins Kleinste ausgefponneneS Lieblingsgespräch zwischen nnS, Du solltest mir einst, wenn ich zum geistlichen Amt, Du aber zu Ruf und Namen gelangt wärest, eine neue Kirche bauen ? — Steht mir nicht au«