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Ur. 288. Nlarburg, Sonntag, den 7. December. 1878.

; Obkrhesjische Zeitung

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Politische Wochen-Ueberficht.

Die Genesung unseres Kaisers hat ihren stetigen, «enn auch etwas langsamen Fortgang. Zu dem fünf­undzwanzigjährigen Regierungs-Jubiläum des Kaisers Franz Joseph hat derselbe ein eigenhändiges sehr herz­liche« Glückwunschschreiben abgesandt. Im Landtage, dem bis jetzt außer dem Budget noch keine Regierunzs vorlagen von allgemeinerem politischen Interesse zu gegangen sind, stehen daher die Anträge des Centrums noch immer, so zu sagen in Ermangelung eines Besiern, unter den parlamentarischen Dingen im Vordergründe der Theilnahme, und es wurde der Antrag Bernards für Aushebung des Kalender- und Zeitungsstempels so gut wie einmüthig (mit 351 gegen 6 Stimmen) wiederum angenommen, ähnlich wie schon in der vorigen Session. Die Auflösung des gegenwärtigen Reichstags ist am 29. Nov. durch den Kaiser erfolgt und der Zeilpunct der Neuwahlen auf den 10. Jan. 1874 festgestcllt und verkündet. Auch die Reichslande Elsaß Lothringen werden zu wählen haben und im Reichstage vertreten sein.

Die Völker deS österreichischen Kaiferstaates hatten eine Festwoche, welche in Pest am 29. Nov. mit dem Austausche herzlicher und ermuthigender Reden zwischen dem Kaiser und den zahlreich erschie­nenen Deputationen begann, am 1. Dec. in Wien mit einer glänzenden Sladtbeleuchtung und dem Empfange von Deputationen des EpiscopatS, des RcichsralhcS u. s. w. fortgesetzt wurde und am 2. Dec. in An­sprachen an die Armee und das Gesammt-Ministerium einen würdigen Ausklang sand. An diesem denkwür tigen Tage trat Franz Joseph vor 25 Jahren seine Regierung an, eine UebergangS-Regierung auS der eitenmetternich'schen" Periode in eine neue Ordnung der Dinge, Anfangs schwankend und wechselvoll, doch seit 1866 nach erlangter klarerer Stellung zu Deutsch ltnd fester und trotz politischer und financieller Krisen zukunftsreicher.

Der schweizerische Nationalrath hat in seiner Lerathung der VerfasiungsrevisionS-Vorlage nun auch die schwierigen und streitigen Artikel 48 und 49 Über die kirchlichen Verhältnisse vereinbart und ist nun bereit« bis Artikel 103 (Bundesgericht) vorgeschritten. Der Große Rath von St. Gallen hat daS ihm vor- gelegte Strafgesetz gegen konfessionellen Unfrieden stiftende Seistliche und Lchrer mit 84 Stimmen gegen 51 an­genommen. >

Die italienische Kammer ist in die Berathnng de« provisorischen Budget- für das nächste Finanzjahr «»getreten. Die Etats der auswärtigen Angelegen­heiten und des Innern wurden mit nie gesehener Besthwindigkeit erledigt und darauf, am 27. v. M, dom Ministerpräsidenten Minghetti die große Dar­legung der Finanzlage entgegengenommen. Das Pro. gramm desselben hält sich in allen wesentlichen Dingen M der von Sella vorgezeichneten., Richtung. Das Deficit berechnet Minghetti auf 110 Millionen. Der Ausfall soll hauptsächlich durch Verbesserung der Etenergesetze gedeckt werden.

Nach vielen mühsamen Unterhandlungen kam in Versailles das zweite Cabinet Broglie der Republik Frankreich am 27. November zu Stande. Am 29. eröffnete Broglie seine neue Laufbahn mit Vorlage eines Gesetzentwurfs über die Gemeinde - Verfaffung, der von der Opposition alsfür die Türkei" etwa passend bezeichnet war, und dem ein ebenso türkisches Preßgesetz folgen soll. Die äußerste Rechte ist empört über die Rolle der Betrogenen, die ihr in der letzten Komödie auferlegt wurde und macht ihren Groll bei den Abstimmungen geltend. Um sie entbehren zu können, sucht Broglie Stimmen vom linken Centrum zu seiner Majorität herüberzuziehen, doch bis jetzt ohne sicht­baren Erfolg. Seit dem 27. November spielt sich in der Nationalversammlung ein Stück ab, das der alte Cremieux als gut genug für Schulbuben bezeichnete: die Wahl des Verfassungs-Ausschusses. Um der Ge fahr zu entgehen, in den Bureaux wieder, wie bei der Wahl des Fünfzehner-Ausschuffes, überflügelt zu wer­den, hatte Broglie eS durchgesetzt, daß die neue Com­mission durch Listenscrutinium in öffentlicher Sitzung gewählt werden solle; er hatte nicht geahnt, daß et drr Welt dadurch de» schlagendsten Beweis von der gänzlichen Ohnmacht einer Versammlung geben werde, welche sich constituirende Arbeiten zutraut. Mac Mahon, dessen Popularität nicht im Steigen ist, hat der Budget Commission durch den Kriegsminister erklären lassen, er-tadle ihre Absicht, die Einberufung der zweiten Ab- theilung des ContingentS hinausschieben zu wollen; das Gesetz sei bindend und es müsse ausgeführt wer­den. Also trotz aller finanziellen Bedenken kein Sparen in militärischen Dingen! '

Die spanische Regierung ist besonnen genug gewesen, dem Drucke der aufgeregten Bevölkerung nicht nachzugeben und in der VirginiuS-Angelegenheit den mächtigen Vereinigten Staaten lieber Concessionen zu machen, als mit dünkelhaftem und in der jetzigen Lage des Landes jo zu sagen lebensgefährlichem Stolze eine ablehnende Stellung einzunehmen. DaS Schiff und die überlebende Mannschaft sollen den amerikanischen Behörden übergeben und die übrigen Streitfragen eine gütliche diplomatische, zum Theil vielleicht auch schieds­richterliche Erledigung finden. Seitdem das Protokoll zwischen Washington und Madrid unterzeichnet ist, hat sich nun auch die öffentliche Stimmung erheblich beruhigt und das Verhalten der Regierung findet immer weitere Billigung. Zu hoffen ist nur, daß auch die kubanischen Behörden und die Freiwilligen der Insel, ein höchst leidenschaftliches Corps, den An­ordnungen der madrider Regierung Folge leisten. Der Präsident Grant hat in seiner an den Congreß bei dessen Zusammentritt gerichteten Botschaft bestätigt, daß die Frage auf dem Wege zu einem befriedigenden und ehrenvollen Ausgleiche sei. -

Von der Goldküste hat die englische Regierung wieder einige Siegesberichte empfangen; bei Dunquah am 3. Nov. und zwei Tage spater bei Abracampra wurden die Aschantis geschlagen und traten danach in großer Unordnung den Rückzug nach dem Prahflnsse

an. Trotz der günstigen Nachrichten werden jedoch »och immer Verstärkungen auf den Kriegsschauplatz gesandt. London ist einige Tage lang durch die Er- gänzungSwahlen für daS hauptstädtische Schulamt in Spannung gehalten worden. Das Ergebniß war eine Stärkung derjenigen Partei, welche für den con- essionellen Schulunterricht eintritt, doch hat sie eS auch jetzt zur Mehrheit in dem Collegium wohl noch nicht gebracht.

In Dänemark ist am Donnerstag der Reichstag wieder zusammengetreten. Warum die Linke so heftig gegen daS derzeitige Ministerium Sturm läuft, hatte sie bisher nur mit allgemeinen Redensarten begründen können; jetzt rückt sie damit heraus, daß die Regierung ihr in der sogenannten Fästefrage, d. h. in der Ab­lösung des bäuerlichen ErbpachtverhältniffeS, zu zähe sei. Das betreffende Gesetz scheiterte aber nicht an dem Widerstande deS, Ministeriums, sondern des Landsthings. 1 "" J

Die schwedische Regierung läßt es sich ange­legen sein, eine Panzerkanonenboot-Flotille zu Stande zu bringen. Zwei Boote sind bereits fertig, zwe» stehen noch aus dem Stapel und zu einem fünften wird nächstens der Kiel gestreckt. Den weiblichen Studirenden ist durch königl. Beschluß das Recht zu- gesprochen worden, bei den schwedischen Universitäten in allen WiffenSfächern, mit Ausnahme der Theologie nnd Jurisprudenz, sich prüfen zu lasten.

Die russische Kaisersamilie ist von Livadia in Peersburg eingetroffen, um der Enthüllung des KatharincndenkmalS beiwohnen zu können. General Kaufmann ist von Taschkent in der russischen Haupt­stadt angekommen. Die Regierung hat eine neue Anleihe im Betrage von 15 Mill. Pfd. Sterl. in London gemacht; es ist dieses die vierte Emission. 5proc. Eisenbahn-Obligationen.

Der türkische Staalsrath ist umgestaltet worden und besteht jetzt aus vier Abtheilungen für Verwaltung, Gesetzgebung, Staatsbauten und Proceßsachen. Al« Präsident ist einstweilen für den aus Gesundheits­gründen nach Aegypten beurlaubten Kiamil Pascha Savfet Pascha eingetreten. '

Lettisches «eich. -

Berlin, 5. Dec. Nach dem Entwürfe des neuen ReichsmititärgesetzeS soll in jeder Compagnie, EScadron und Batterie des deutschen Heeres der Etat an Offi­zieren, der seit 1861 mit wenigen Ausnahmen außer dem Hauptmann und Premierlieutenant nur zu zwei SeeondelieutenantS festgestellt war, jetzt durchgehends wieder auf drei SeeondelieutenantS erhöht werden. Der dadurch bedingte Zuwachs des deutschen Offizier- CorpS stellt sich auf 1316 SeeondelieutenantS der Infanterie, 216 der Cavallerie und 169 der Artillerie, zusammen also auf 1701 SeeondelieutenantS. DaS deutsche active Osfizier-CorpS würde demnach die Ziffer von 16,000 Köpfen nahezu erreichen, dennoch findet sich dasselbe aber gegenüber dem mehr als 26,000 Köpfen starken französischen Offizier - CorpS in einem

Des SLttzerS Flttch.

Ballade von Uh land*).

8« stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr, Weit glänzt' es über die Lande bis an das blaue Meer, Unb rings von duftgen Gärten ein blütbeUreicher Kranz. Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.

Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich, Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich; _ - Tenn was er finnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wuth, Und was er spricht, ist Geisel, und was er schreibt, ist Blut. Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar, Der ein' in goldnen Locken, der andre grau von Haar; Der alte mit der Harfe der saß aus schmuckem Rotz, Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoß.

Der alte sprach zum jungen: »Nun sei bereit, mein Sohn! Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton! Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz! Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz".

*) Um Abdruck dieses trefflichen Gedichtes wurden wir mehrfach ersucht, da baffelbe nach der höchst effektvollen Eomposition von Esser in dem Concert am nächsten Montag von Herrn Hofopernsänger Bufß zum erftenmale hier in Marburg vorgetragen wird.

Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl, Der König furchtbar prächtig wie blutger Nordlichtschein, Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein. Da schlug der Greis die Sailen, er schlug sie wundervoll, Daß reicher, immer reicher der Klang zum Obre schwoll; Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor, Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor. Sie fingen von Lenz und Liebe, von feiger goldner Zeit, Von Freiheit, Männerwürde, von Treu' und Heiligkeit, Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt, Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt- Die Höfliugsschaar im Kreise verlernet jeden Spott, Des Königs trotzge Krieger sie beugen sich vor Gott; Die Königin, zerflossen in Wehmuth und in Lust, Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust. Ihr habt mein Volk verführet, verlockt ihr nun mein Weib?" Der König schreit es wüthend, er bebt am ganzen Leib; Er wirft (ein Schwert, das blitzend des Jünglings Brüst durchdringt.

Draus statt der goldnen Lieder em Blutstrahl hoch aufspringt. Und wie vom Sturm zerstoben ist all der Hörer Schwarm. Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm;

Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Roß, Gr bindt ihn aufrecht feste, verläßt mit ihm das Schloß.

Doch vor dem hohen Thore da hält der Sängergreis, 00 Da faßt er feine Harfe. sie, aller Harfen Preis, An einer Marmorsäule da hat er sie zerschellt;^, .. ü Dann ruft er, daß es schaurig durch Schloß und Gärten gellt; Weh euch, ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang, Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt, Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt! i t< Weh euch, ihr duftgen Gärten im holden Maienlicht 1 -Kl Euch zeig' ich dieses Tobten eiUstelltes Angesicht, . }y Daß ihr darob verdorret, daß jeder Quell versiegt. Daß ihr in künstgen Tagen versteint, verödet liegt. ' .

Weh dir, verruchter Mörder, du Fluch des Sängerthums! Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blutgen Ruhms! Dein Name sei vergeffen, in ewge Nacht getaucht, >'j< 16 ' Ser wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht 1". t.u Der Alte hats gerufen, der Himmel hats gehört, i , | Die Mauern liegen nieder, dte Hallen sind zerstört, Noch Ein« hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht; Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.

Und rings statt duftger Gärten ein ödes Heideland, Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den

Sand;

Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch ; , , Versunken und vergessen- Das ist des Sängers Fluch.