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als wenn ich dabei gewesen wäre. Eine arme Ver wandte mit leidlich glattem Gesicht, ohne Aussichten auf Versorgung, Offizierstochter, die sich in der Haupt­stadt Jahr aus Jahr ein mit den Herren Lieutenants auf allen Bällen umhergeschwenkt hat, bis jeder reelle Bewerber, der etwa noch Lust gehabt, sein Glück mit ihr zu wagen, voll Widerwillens das Weite gesucht! — Und nun sitzt sie da, und die Aussichten werden immer schwächer und die Sorge um die Zukunft immer größer, bis denn die Verwandtschaft endlich in'S Mittel tritt und die Sache energisch in die Hand nimmt. „DaS müßte doch mit dem Teufel zugehen," ist da der alte Oberstlieutenant schließlich herausgefahren (ich höre ihn förmlich mit Ohren!) und hat mit der Faust auf den Tisch geschlagen, „mit dem Teufel müßt' es zugehen, sag' ich, wenn wir daS Mädel nicht noch unter die Haube brächten! — Laßt einmal sehen — — ja, zum Wetter, haben wir denn zu, Rehlingen nicht unseren braunäugigen, schwärmerischen Pastor, der mit seiner frommen Treuherzigkeit allen Weibern umher den Kopf verrückt, und sitzt in einer fetten Pfründt, das Männchen, und lebt wie ein Kloster­bruder in seiner Zelle! Warum soll der Mann nicht heirathen? He? — Steht's doch im Katechismus oder irgendwo da herum, daß eS nicht gut sei für den Menschen, allein zu bleiben; warum sollt'denn unsere Lilly (ober Polly oder Tony oder wie sie sonst heißen mag) nicht heirathen?

Ist gar kein Grund abzusehen! Die Sache muß nur richtig angefaßt werden, so geht ste, und damit holla! Das Mädchen kommt auf ein paar Wochen zu unS heraus aus's Land; wir laden den guten Pastor zu Mittag ein oder fahren auch wohl zu ihm hinüber, wmn sich daS besser macht; eS wird gelesen, «S wird

musicirt — der brave Pastor ist ja ein wahrer Musik- Narr, und unsere Polly singt wie die Lind — da mag sie ihm dann mit ihren Trillern und Rouladen einheizen, so gut ste'S irgend gelernt hat, bis er fo weich wird, wie wir ihn haben wollen. Ich sag's noch einmal, eS müßt' mit dem Bisen zugehen, wenn ste nicht Frau Pastorin ist, ehe der Winter in'S Land rückt!" — Und nach diesem Reccpt ist dann verfahren worden, und hat sich selbige» so trefflich^ewährt, daß man, wie in alter Frauen Kochbüchern rin „probatem est“ darunter setzen kann. — Fürwahr, es wäre zum Lachen, wenn eS nicht zum Rasendwerden wäre!" — Und er schlug eiu lautes, mißtönendes Gelächter auf und fuhr sich mit erneuter Wildheit durch die Haare, bis sie ihm vom Kopse abstanden, wie die Stachen eines Igels.

Aber man kann nicht „ewiglich Zorn halten", sagt schon daS Buch der Bücher, und auch die erregteste Stimmung behauptet sich nicht dauernd auf dem Siede­punkte; zudem lockte dann doch auch die Neugier, Weiteres zu erfahren, und die Theilnahme an dem Geschick des geliebten Freundes ließ die das Haar durchwühlend« Hand bald wieder nach dem Briefe greifen. „Armer Junge, armer Junge", murmelte er, während feine Augen halb ingrimmig, halb wehmüthig die Blätter durchirrten, „hält' ich bei Dir fein könnm, wäre Dir'S nicht pafstrtl Nun fürcht' ich, ist'S um Dich geschehen, und keine Eile meinerseits wird Dir mehr nützen können!" —

Er blätterte zurück, um nach dem Datum zu sehen, schüttelte rrsignirt mit dem Kopf und begann stirn­runzelnd seine aufregende Lectüre von Neuem.

(Fortsetzung folgt)

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jfr. 287. Marburg, Sonnabend, dm 6. December. 1873.

\ Obtthesfische Zeitung.

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Denlschland und Frankreich.

Obgleich Frankreich hoffentlich für immer aufge- hört hat, die tonangebende Rolle in Europa zu spielen, |o wirken doch mannigfache Ursachen zusammen, welche darauf hinausgehen, den Ereignissen in diesem.Lande eine besondere Wichtigkeit zu geben und auf dieselben die ifsentliche Aufmerksamkeit immer von Neuem hinzu- lenkm. Bekanntlich hat Deutschland nicht nur Alles aufgeboten, um dem schwer geprüften Lande die Er­füllung der ihm durch den Krieg auferlegtcn Verbind­lichkeiten In jeder Weise zu erleichtern, sondern es blieb auch seinem Principe, die Entwickelung der inneren Angelegenheiten anderer Staaten mit dem Auge eines zwar theilnehmenden, aber gänzlich passiven Beob­achters zu begleiten, Frankreich gegenüber auf das Loyalste treu. Die öffentliche Meinung Deutschlands nahm die Mißerfolge des Herrn Thiers und seine» endlichen Sturz aus leicht ersichtlichen Gründen mit unverkennbarer Verstimmung auf; die deutsche Regie­rung trug kein Bedenken auch seinem Nachfolger im Amte daS gewünschte Vertrauen entgegenzubringcn. Selbst als ganz Europa durch die Versuche des Grafen Chambord, auf den Thron Frankreichs zu gelangen, und mehr noch durch die deutlich zu Tage tretenden ultramontanen Neigungen der Regierung des Mar- fchallS-Prästdenten alarmirt wurde, verharrte die deutsche Politik in ihrer Reserve und gab keinerlei Besorgnissen »der Empfindlichkeiten Ausdruck. Ersichtlich war die­selbe eifrig bemüht, jeder Störung in den Beziehungen zu Frankreich vorzubeugen, die öffentliche Meinung Deutschland» sah desgleichen die Verlängerung der Gewalten de» Marschalls Mac Mahon als ein der inneren Ruhe Frankreichs und der Erhaltung des Friedens günstiges Omen aN, falls man in Paris sich nicht der Einsicht verschließen würde, daß die guten Beziehungen zu den maßgebenden Mächten Europas, und vornehmlich zu Deutschland, von einer Bedingung, abhängig gemacht werden müßten, nämlich der Beding jung, daß die Regierung Frankreichs von den Be­strebungen des UlramostanismuS entschieden sich los sage und durch Handlungen zeige, daß sie auf das Einvernehmen mit Deutschland den gebührenden Werth legt

Wir bedauern sagen zu müffen, daß die Regierung des Marschall-Präsidenten bisher immer gerade das Gegentheil von dem gethan hat, was Deutschland zu

■r Der Weiberfeind.

... Novelle von Ludwig Ziemssen.

It;- ", (Fortsetzung.)

,<j;, Drittes Kapitel-

In steigender Bewegung, die Falte über Falte aus feine Stirn rief, hatte der Baumeister bis hierher ge­lesen ; jetzt ließ er die Hand mit dem Briefe sinken, lehnte sich in die Polster de» Sophas zurück unv pfiff ingrimmig durch die Zähne. „Ich sehe, wie Alles steht und liegt", murmelte er nach einer Weile, mit der Rechten wild durch die Haare fahrend. Sie haben ihn eingefangen, den guten, blöden, trefflichen Jungen, und blind ist er in die Falle gegangen, stock blind, Dein Jupiter! Kein Lasso hält fester als diese Schlinge von blonden Weiberhaaren! Er ist ge­liefert l ---" Zornig warf er den Bries auf den

Tisch, sprang vom Sopha auf und durchmaß das Zimmer mit starken Schritten, während seine Lippen unverständliche Worte der Leidenschast murmelten. — Endlich blieb er am Tische stehen, goß sich aus der gefüllten Karaffe ein große» Glas Waffer ein und wank, die Augen starr auf den verhängnißvollen Brief gerichtet, in langen Zügen. Das kühle Element schien einigermaßen beschwichtigend auf seine erregte Empfin­dung zu wirken; zwar begann er seine Wanderung in der Diagonale de« Zimmer» von Neuem, doch etwa« ruhiger, etwa» gemäßigteren Tempos, und weniger heftig mit dm Händen geftitulitenb als zu der: das Barometer seiner Gefühle war augmschein» iich um einige Linien gesunken und stand jetzt auf »Ironie". Denn bitter lachend warf der Erzürnte fich wieder in die Sopha-Ecke, und das unglückliche ®latt feindlich anstarrend, murmelte er halblaut: .Vortrefflich eingesädelt! Saun mir Alle» denkm —

erwarten und zu fordern berechtigt war, — eine Me­thode, die schwerlich dazu geeignet ist, obschwebende Streitfragen auszugleichen und die gegenseitigen Be­ziehungen der Cabinette zu vertrauensvolleren zu ge­stalten. ES ist ein notorisches Factum, daß die Presse Frankreichs, die sonst von der Regierung auf das Strengste überwacht wird und jedes Wort gegen die Regierung und gegen den UltramontaniSmuS durch die schwersten Strafen sühnen muß, in ihren Aus­fällen gegen Deutschland die zügellosefeste Ungebunden­heit genießt. Wenn man die Sprache einiger aner­kannt officieller Blätter erwägt, so kann man sich der Ueberzcugung nicht verschließen, daß die französischen Herren Minister eS für ersprießlich halten, die Hetze­reien gegen Deutschland zu schüren und Prvocationen in der Preffe und auch auf der Kanzel zu ermuntern. ES darf als schlechthin unerhört in dem internationalen Verkehr bezeichnet werden, wie die französische Regie- bei den Umtrieben der ultramontanen Propaganda in Bezug auf Deutschland das Auge zudrückt oder sie gar ermuthigt Ob man in Berlin von der Haltung der französischen Regierung besonder« erbaut ist, möch­ten wir bezweifeln.

DaS geradezu wahnwitzige, von dem Cmtralpunkte auS angeregte und gutgeheißene Gebahren der ultra- montanen Partei in Deutschland wird freilich die deutsche Politik von ihrer wohlerwogenen Bahn eben so wenig abbringen, als die Unterstützung, welche die französische Regierung wenigstens indirect den erwähn­ten staatsund gesetzesfeindlichen Bestrebungen ge­währt. Die französische Regierung sollte aber von diesem gefährlichen Wege um so schneller und um so entschiedener ablenken, als ihr selber die Erwägung nicht entgehen kann, daß ihre Haltung Deutschland gegenüber nur dazu beitragen muß, ihre Stellung unter dm Mächten Europa'« überhaupt zu einer immer unerfreulicheren zu machen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 4. Dec. Die Befferung de« Kaisers schreitet in erfreulicher und regelmäßiger Weife fort, doch wird man eS begreiflich finden, wenn derselbe manche wichtige und umfangreiche Regierungsgeschäfte noch immer nicht mit der Schnelligkeit erledigt, wie es besonders ein Theil der Presse in seiner Ungeduld zu wünschen scheint. So ist u. A. die Nachricht, daß

der Gesetzentwurf über die Civilehe bereits im König­lichen Kabinet unterzeichnet fei, als verfrüht zu be­zeichnend — Der Entwurf einer Provinzialordnung ist nunmehr dem Staatsministerium zur Berathung und definitiven Beschlußfassung zugestellt toorben. Irrig sind die vielfach colportirten Gerüchte von neuen diesbezüglichen Conserenzm mit Vertrauensmännern und über angeblich zwischen dem Minister des Innern und einzelnen Abgeordneten (u. A. wird Herr Gneist genannt) hervorgetretenen Divergenzen— es haben überhaupt keine weitere vertrauliche Besprechungm stattgefunden. — Wie die Hofnachrichtm melden, hat Graf Roon vorgestern vom König die erbetene Ab- schiedSaudienz erhalten und gedenkt heute Berlin zu verlaffen, um zunächst nach Wien und weiter nach Italien zu reisen. Bei der Verehrung, die der um das Vaterland so hochverdiente Mann überall genießt, ist sicherlich der Wunsch allgemein- daß da« milde Klima des Südens seiner angegriffenen Gesundheit diejenigen Erleichterungen bringen möge, welche es ihm bereit» in früheren Jahren gewährte. — Die Phantasie gewisser Scribenten kann über das angeb­liche Duell zwischen dem Feldmarschall von Manteuffel und dem Grafen von der Gröben noch immer nicht zur Ruhe tommen: Einer derselben läßt den letzteren sogar bereits an seinm Wunden erlegen fein. Selbst­verständlich stützt sich keiner dieser Herren auf authen­tische Mittheilungen, sondern Jeder hat seine Neuig­keiten nur vom Hörensagen. Allen diesen Meldungen gegenüber, die einzeln noch zu nehmen, zu wenig lohnend sein würde, kann auf« Neue versichert werden, daß in unterrichteten Kreisen nichts von einem Duell der genannten Militärs, weder in Berlin noch an irgend einem andern Orte bekannt ist. — Es ist zu ver­wundern, daß die Vorgänge bei der letzten Neuwahl dcS erften Berliner Wahlbezirks von der Preffe nicht mehr beachtet sind, obgleich dieselben eine interessante Signatur der gegenwärtigen politischen Strömung der Reichshauptstadt liefern. Der Gewählte, Herr Hoff­mann, gehört freilich der Fortschrittspartei an, allein einer so gemäßigten Richtung, daß die Matadore der äußersten Linken ihm einen der ihren als Candidaten entgegenstellten und Herr Richter in der „Rhein. Ztg." über seine und seiner Freunde Niederlage ein Lamento anstimmt. Freilich beweist die Wahl auch weiter, daß zwischen den gemäßigteren Nuancen der Fort-