Einzelbild herunterladen
 

Ufr. 28« *, Marburg, Freitag, den 5. December.

1878

Oberhessische Zeitu»-.

drint täalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Dostümter 27 6er. (erd. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für btt gespaltene Zeile 1 Sgr. -

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr. berechnet. - Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate jm.

Deutsches Strich.

®erlitt, 3. Dec. Die heutige „Prov. Corresp." bespricht das Verhalten deS Erzbischofs Ledvchowski, ziblt die einzelnen von diesem begangenen Acte des Ungehorsams auf, und zeigt sein und der von ihm abhängigen Geistlichkeit Bestreben, die katholische Be­völkerung der Provinz gegen die Staatsregierung auf-, amen. Es heißt in diesem Artikel: „Der Erzbischof Md die einzelnen Geistlichen handeln im vollen Be­wußtsein der Wirkungen ihre« gesetzwidrigen Vorgehens. Lus rin Schreiben deS Ober-Präsidenten, welches dem Erzbischof di« Schonung der Interessen der Bevölke­rung an'S Herz legt, hat derselbe erwiedtrt: es könne keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn die Staats behörden den Amtshandlungen jener Geistlichen die Anerkennung versagen, hierdurch die ärgste Verwirrung in die Familienverhältnisse hineingetragen und für di- katholischen Staatsangehörigen schwere Bedrängnisse und wahrhafte Nothstände hervorgerufen werden; — aber es se, keinem Bischof möglich, zum Vollzug bet Kirchengesetze mitzuwirken, da dieselben die katholischen Grundsätze in Bezug auf die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Kirche verletzen. — Es ist daher zu besorgen, daß, wenn jenem Treiben kein Ende ge macht wiro, die Achtung vor dem Gesetze und das Ansehen der Regierung völlig untergraben werden und die beklagenswerthesten Folgen für die Ruhe und den öffentlichen Frieden unausbleiblich seien." — Der Artikel schließt: „ES liegt klar zu Tage, daß durch alle diese Mittel nicht nur eine tiefe Aufregung her­vorgerufen, sondern auch der Gegensatz, welcher auf nationalem und kirchlichem Gebiet in der Provinz Posen besteht, geschärft wird. In dieser Beziehung ist auch die Haltung der polnischen Presie in hohem Maße bezeichnend. — Faßt man alle diese Thatsachen zusammen, so stellt stch in der Person deS Grafen Ledochowski da« Bild eine« Prälaten dar, der in offener Auflehnung gegen die Gesetze und Ordnungen des Staate« lebt, der gegen d< Anordnungen der Staatsregierung eine grundsätzliche Opposition betreibt und sich so vieler und schwerer Verletzungen der auf sein Amt bezüglichen Vorschriften schuldig gemacht hat und noch täglich schuldig macht, daß ein Zweifel darüber nicht mehr bestehen kann, wie ein längeres Verbleiben desselben im Amte mii der öffentlichen Ord nung schlechthin unverträglich ist. — Es sind hiernach alle Voraussetzungen vorhanden, um auf Grund deS Gesetze« über die kirchliche DiSciplinargewalt mit dem Verfahren auf Entfernung deS Erzbischofs aus seinem Amte vorzugehen.

— Das dem BundeSrathe gestern vorgelegte Be­triebsreglement für die Eisenbahnen Deutschlands um faßt 70 Paragraphen und unterscheidet sich schon äußerlich durch die Eintheiluug des StoffeS wesentlich von dem bisherigen Reglement. Die ersten sechs Paragraphen enthalten die allgemeinen Bestimmungen, Pflichten und Rechte des Dienstpersonals, Beschwerde führung, Betreten der Bahnhöfe und -ber Bahnen, Beschränkung der Verpflichtung zum Transporte, Zahlungsmittel. Ein zweiter Theil behandelt die Be­förderung von Personen, Reisegepäck, Leichen, Fahr­zeugen und lebenven Thieren (§§. 7—45). Dann folgt in einem dritten Theile (§§. 46—70) Beför­derung von Gütern; und endlich eine Schlußbestim­mung, wonach das Betriebsreglement durch daS Central­blatt für das Deutsche Reich" publicirt wird, von jeder Eisenbahn-Verwaltung in Exemplaren zu be­schaffen und dem Publicum gegen Erstattung der Kosten zu überlasten ist. Abänderungen des Reglements werden außer durch da« gedachte Centralblatt auch von den Eisenbahn-Verwaltungen in je einem am Sitze derselben erscheinenden öffentlichen Blatte gültig publicirt. In einer kurzen Einleitung zu der Vor­lage ist auSgeführt, daß bei der Entstehung deS bis­herige» Reglements besonders darauf Rücksicht genom­men wurde, sich nicht ohne Roth von den Bestim­mungen zu entfernen, welche damals für den deutschen Giscnbahn-Verein bestanden, und daß man eine thun- liche Uebereinstimmung mit dem Betriebsreglement in Dksterreich-Ungarn angestrebt habe. Dieser letztere Umstand und mannigfache Beschwerden deS Handels»

iandes, namentlich gegen die Ausnahmestellung der Eisenbahn-Verwaltungen, hätten zu einer eingehenden Revision des Reglements geführt, so daß die hervor- getretenen Uebelstände auf administrativem Wege ab­geändert werden können. Weitere Maßnahmen sind dem in der Vorbereitung befindlichen Reichs Eisenbahn- gesetz vorzubehalten, resp. mit diesem zur Durchführung zu bringen. DaS Ergebniß der Revision ist das neue Betriebsreglement, welches von dem Reichs- Eisenbahnamt mit Delegirten deS deutschen Handels­tages und des Eisenbahnvereins im September dieses Jahres berathen worden ist.

Gotha, 1. Dec. Am 27. Nov., Abends nach 9 Uhr, brach in dem freundlichen Städtchen Walters Hausen, welches am Fuße des Thüringer Waldes liegt, eine Feuersbrunst aus, die, gestärkt durch heftigen Westwind, stch mit rasender Schnelligkeit verbreitete, so daß die vorhandenen Kräfte zur Bekämpfung des entfesselten Elements viel zu schwach waren. Von allen Seiten eilten die Feuerwehren herbei, allein zum Stillstand kam die Feuersbrunst erst, als die durch Telegraph sofort gerufenen gothaer Feuerwehrmann­schaften, geführt durch ihren Brandmeister Aßmann, mit Energie, Umsicht und Muth halfen, die wüthenden Flammen zu bemeistern. Es war höchste Zeit ge wesen, denn schon waren gegen 39 Gehöfte mit etwa 160 Gebäuden ein Raub der Flammen. Da ereignete sich am Markt, wo eins der größten und besten Häuser Waltersh-iusen's dem Feuer Widerstand geleistet hatte, eine schreckenerregende Episode. Die nach dem Markt gekehrten Vorderseiten der Gebäude waren noch ziem­lich unversehrt und nur durch die Thorgänge und auf den Dächern sah man die Flammen. Einige Arbeitsleute begaben sich in das Nachbargebäude des vorhin erwähnten großen Hauses, wahrscheinlich um zu retten, als mit entsetzlichem Getöse das große Haus durch den Durchbruch einer gemauerten Kammer auf dem Boden zu wanken beginnt und mit furcht­barem Gekrache bis zum Souterrain zusammenstürzt, seine glühenden Trümmer auf das nebenstehende kleinere Haus schlendernd. Soeben waren noch zwei Menschen in dem Thorweg sichtbar gewesen, deren Untergang zweifellos schien, da taumelte der eine, halb geblendet, hervor und schon stürzen drei, vier Feuerwehrleute muthvoll in diesen glühenden Schreckensort, um den noch darin befindlichen Menschen zu retten, vergebens, kaum eingetreten, weichen sie halb erstickt zurück. DaS Hülfegeschrei deS armen Menschen erweicht die Menge auf dem Markt und banger Schrecken erfaßt Alle. Da stürzt der Brandmeister der Feuerwehr Gotha, Herr Baumeister Aßmann, mit Todesverachtung in diesen Glmhofen, den Verschütteten zu rette», er muß zurück, behindert von seinem Uebermantel; er com- manbirt, daß zwei Spritzen ihre Wasserstrahlen auf ihn richten und bringt nochmals hinein, erreicht den unglücklichen unter Trümmern halb vergrabenen Mann, ber schmerzlichst nach Hülfe schreit. Doch vergebens, bie brennenben Balken liegen so, daß Aßmann ihm nur die Hanb reichen, jedoch trotz aller Anstrengung nicht hervorziehen kann; er bemerkt aber in der noch theilweise stehen gebliebenen Wand weiter hinten im Rauch und Qualm ein Fenster, gibt dies durch Rusen nach außen zu verstehen, man bringt Hülfe und so gelang e«, den Unglückli ten zu retten. HSrr Aßmann kam mit verbrannten Stieseln, Beinkleidern und mit einer unerheblichen Brandwunde am Fuße davon. Der Verunglückte mußte ins Krankenhaus geschafft werden. Um 5 Uhr war man Herr des Feuers, welches eine große Anzahl Familien obdachlos gemacht hat. Auch sind ganze Fabriken eingeäschert und viele GeschäfiSleute gerade jetzt vor dem Weihnachtsfeste durch das Unglück empfindlich getroffen. Schnelle Hülfe thut hier doppelt noch, da die ärmere Bevöl­kerung am meisten gelitten.

Karlsruhe, 1. Dec. Für die Candidaten des Lehramtes an Mittelschulen ist eine neue Prüfungs Ordnung erschienen, wonach dieselben in zwei Elasten cingetheilt werden, nämlich in eine solche für philo­logisch-historische und für naturwissenschaftlich-mathe malische Fächer. An Lehrkräften mangelt es noch immer, ohne daß die Werthschätzung der inländischen

im Zunehmen begriffen wäre. Nach der neuesten amt­lichen Mittheilung hat der Großherzog wieder zwei ausländische Professoren in seine unmittelbaren Dienste berufen. — Auf der Universität Heidelberg beläuft stch die Gesammtzahl der Studirenden in dem laufen»' den Winter-Semester einschließlich 55 Personen reiferen Alters auf 640, was (einen Ausfall von 248 gegen das Sommer-Semester ergibt. Nach den Facultäten vertheilen sich die Zuhörer folgender Maßen: Theo­logen (einschließlich deS Prediger-Seminars) 26, Ju­risten 273, Mediciner 82, Philosophen rc. 204. Badener studiren 134, außerbadische Deutsche 285, Oesterreichcr 22. 7 .

Ausland.

Wie«, 1. Dec. Das fünfundzwanzigjährige Regierungs-Jubiläum Kaiser sFranz Josephs beherrscht ausschließlich alle Gemüther. Finanznoth und Minister- krists in Ungarn verlieren eben so sehr daS öffentliche Interesse, wie dieffeitS der Leitha die Effecten-Beleh­nung und das Anleihegesetz im Herrenhause. Man hat schon oft darauf hingewiesen, daß für die öster­reichischen Länder die kaiserliche Dynastie eS ist, welche als vereinigender Mittelpunkt bie CohästonSkraft na­tionaler Einheit des Ursprungs ersetzt. Ist der „Kaiser" schon traditionell der verbindende Text zur Völker-Symphonie des österreichischen Scepter«, so ist Kaiser Franz Joseph insbesondere ein Fürst, der dem Volke näher trat als mancher frühere Souverain, gerade der ehernen Zeitläufte wegen, auf die beide heute, Volk und Monarch, gemeinsam zurückblicken. Bedeutet doch sein Name dem Bauer die endliche, wirkliche Befreiung, die Aufhebung des Robots Uttfr namentlich die damit so eng zusammenhängende Durch­führung der Grundentlastung; bedeutet doch sein Name dem Bürger daS VerfassungSleben mit allen seinen Freiheiten!, besten Oesterreich stch Heute erfreut und bas er noch eben, im letzten Jahre, durch die Ein­führung der directen Wahlen dem modernen Par­lamentarismus ebenbürtig zu machen bestrebt war. Wenn der österreichische Staat im Laufe der Jahre auch auf manche Überlieferung der auswärtigen Poli­tik zu verzichten lernte, so wuchs er in Folge dessen nach innen immer concentrirter, einheitlicher und macht­voller zusammen. Wer sehenden Blickes die Leistungen deS österreichischen Gewerbfleißes in den Räumen deS großen Wiener JndustriepalasteS gemustert, der konnte nicht anders als anerkennungsvoll die riesenhaften Fortschritte eines Volkes bewundern, welches Napo­leon III. noch vor wenig Jahren als einen „Cadaver" bezeichnet hatte, mit dem man sich nicht verbinben bürfe. Hatte Kaiser Franz Joseph im Laufe ber Jahre bie Ungunst ber Zeiten nur zu oft en sich er­fahren, so wußte er trotzdem, bei ber unverkennbaren Liebe zu seinem Volke, bie Hochachtung seiner Zeit- geneffen für sich zu erlangen. Nach manchem Irren unb manchem Schwanken hat ber allzeit wohlintenti- cnirte Fürst jetzt enblich jene Stetigkeit im politischen Fortschreiten zu finben vermocht, bie ein weiteres Gedeihen ber staatlichen Entwicklung verbürgt. Be­zeichnend unb sehr bemerkenSwerth ist es, wenn ber Kaiser als König von Ungarn, ba er vor zwei Tagen in Pesth bie Glückwünsche entgegennahm, bie ihm heut in Wien von Nah und Fern zugetragen werden, dem magyarischen Oberhause auf dessen Ansprache erwiederte: „Es muffe vor allen Dingen mit der Zeit und ihre» Forderungen im Einklänge bleiben"; wenn er dem Unterhause die ermunternden Worte zurief: „Wir dürfen nicht ermatten", eine Devise, die gerade heute in Ungarn heiliger in Ehren gehalten werben muß, wie je zuvor, und wenn et bie Deputation ber HonvebS zu treuem Anschluß an bie gemeinsame Arme ermahnte. In Wien haben sich heute nicht weniger als 68 De­putationen au« allen Theilen ber Monarchie zur Gratulation ongemelbet, unb schon trifft mon Vor­bereitungen zur glänzenbsten Illumination, bie Wien je gesehen.

Genf, 3. Dec. Das „Genfer Journal" melbet, baß bei bem Untergange des Dampfer« „Ville de Havre" auch zwei Delegirte ber evangelischen Alliance, die Pastoren Pronier aus Genf und Carrasco au« Madrid, den Tod gefunden 'hassen. Pastor CarroSco