1873
JUarßurg, Mittwoch, den 3. December.
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Deutsche- »eich.
», Berlin, 1. Dec. Der Bundesrath hielt heute eine Sitzung; auf deren Tagesordnung der Entwurf einer Verordnung betreffend die Verwaltung de« Reichs- KiegSschatzeS und deS neuen BetriebSreglementS für die deutschen Bahnen. Durch Beschluß vom 22. De- cewber 1871 war bekanntlich das ursprünglich für den süddeutschen Bund erlassene Betriebsreglement auch auf Würtemberg, Baden, Südheffen und Elsaß-Lothringen ausgedehnt wordm, nachdem in Baiern ein gleichlau tmdeS von der königlich baierischen Regierung erlassen warbt. Jetzt ist durch die Handelsverhältnisse, besonders aber hinsichtlich des Handels mit Oesterreich eine Revision dringend nothwendig geworden. Der neue Entwurf ist aus Berathungen deS Reichseisenbahnamtes mit Delegirten des deutschen Handelstages und des dmtschen Eisenbahn-VereineS entstanden; auch haben Lksprechungen mit Commiffaren der Ssterreichisch-unga- rischen Regierung stattgefunden, welche zu völliger Übereinstimmung führten, mit Ausnahme der Fest- jchungen betreffend den Viehtransport und den TranS- Port in Oesterreich-Ungarn mit bedingungsweise zugelassener Artikel. — Im Abgeordnetenhaus? circulirte heute daS Gerücht, Herr von Benda sei zum land- virthschaftlichen Minister auSersehen. Bis jetzt entbehrt dasselbe indeffen noch jeder sicheren Begründung. — Durchaus unwahr ist die durch den Telegraphen »erbreitete Nachricht, der BundcSrath habe bereits Beschluß über die ReichStagSwahlen gefaßt. — Graf Roon ist feines angegriffenen Gesundheitszustandes Halder noch immer nicht abgereist, hofft jedoch, sich in den nächsten Tagen von Sr. Majestät verabschieden zu können. — Die „Vofsische Zeitung" brachte gestern die Sensationsnachricht von einem Duell zwischen den (allerdings nur mit den Anfangsbuchstaben bezeichneten) Generale» von Manteuffel und von der Gröben. Ein solches hat indessen gottlob, nicht stattgesunden, die Differenzen der beiden Herren sind vielmehr, wie man Hirt, auf gütlichem Wege beigelegt worden. — Die »Schlesische Volkszeitung" reproducirt einen Artikel des „Preußischen Staatsanzeigers" aus dem Jahre 1866, welcher die in den großen Ereignissen hervorgetretcne konfessionelle Eintracht preist, und dieselbe eine Frucht der Freiheit und Toleranz nennt, welche die Regenten Preußen» stets gepflegt und geübt hätten. Das Blatt knüpft kurz daran die gegenwärtige Lage. Heute ist freilich, da» muß dem katholischen Blatte zugegeben werden, der konfessionelle Frieden neu auSgewichen, aber weshalb? Weil eine einzelne Confejston jene Freiheit und Toleranz Mm eigenen Nutzen allein unbekümmert um das Wohl de» Staates auSbeuten wollte. Erst seit 1866 sind
überhaupt die Bestrebungen der ultramontanten Partei al» solche zu Tage getreten, wie sie uns die letzte Rede des Herrn von Mallinckrodt mit staunencrregender Naivetät vorführt. Jene Reminiscenz an frühere Zeiten ist gerade die schärfste Anklage für die Ultramontanen selbst.
1. Dez. Der „Reichsanzeiger" publicut eine kaiserliche Verordnung vom 29. Novbr., durch welche die Auflösung des Reichstage» ausgesprochen und die Vornahme von Neuwahlen auf den 10. Jan. 1874 anberaumt wird.
— Ueber die früher mehrfach erwähnte Wegnahme deutscher Schiffe durch ein spanisches Kriegsschiff theilt die „Augsb. Allg. Ztg." Folgendes mit: In Hongkong hat man mittelst des Schiffes „Laptek" — Capitän Thebant — folgende wichtige Nachrichten aus Manila erhalten. Die deutschen Schiffe „Marie Louise" und „Gazelle" find von einem spanischen Kriegsschiffe in der Nähe der Küste von Sulu weggenommen, nach Manila geschleppt und dort al» gute Prise erklärt worden — trotz der Einsprache der Consuln von Deutschland und England. Die Mannschaft wurde freigelassen mit Ausnahme des Capitäns und des Supercargo des ersteren, welche flch, als das Schiff in Cavite — dem Hafen von Manila — war, aus dem Staube machten. Der Capitain ist ein deutscher, und fand im dmtschen, der Supercargo ist ein Engländer, und fand im englischen Consulate Schutz. Die Spanier drohm sie — falls fie sich außerhalb der Consulate blicken kaffen würden, — als Spione zu behandeln. Den Zeitungen ist nicht gestattet, über die Sache etwas zu veröffentlichen. Die Schiffe wurden unter dem Vorwand in Beschlag ge nommen, daß fie den Bewohnem in Sulu Waffen verkauften. Die Deutschen weisen die Anklage zurück. Der Generalcapitän ist im höchsten Grade aufgebrachi darüber, daß der Capitän und der Supercargo ent sprungen sind, doch sagt er: er habe fie mit der Mannschaft frei ziehen lassen. Die Deutschen erklären: sie seien 16 Meilen von der Küste entfernt gewesen, und den internationalen Gesetzen gemäß dürfe keine Blokade über 9 Meilen ausgedehnt werden, auch hätten die Spanier keine Blokade erklärt. — Die „Nord. Allg. Ztg " bemerkt hierzu: „Nachdem bereits auf die ersten sehr unvollständigen Nachrichten von diesen Vorfällen die kaiserliche Gesandtschaft in Madrid und die Botschaft in London beauftragt waren, hinsichtlich des ThatbestandeS und der eventuellen Vertretung der Rechte der deutschen Rheder die geeigneten Schritte zu thun, hat dem Vernehmen nach auf Grund der jetzt eingegangenen vollständigen Consularberichte die
genannte Gesandtschaft angewiesen werden können, die diesseitigen Jntereffen und Recht« der spanischen Regierung gegenüber darzulegen und zu vertreten, und dürste, soweit sich die Verhältnisse hier überschm 'lassen, die Hoffnung gerechtferügt sein, daß diese Regierung das Urtheil des Prisengerichts in Manila nicht aufrecht halten werde". .
— Wiederholt ist erwähnt worden, daß von dem Ministerium des Innern zwei auf die Entwickelung) der Selbstverwaltung bezügliche Gesetzentwürfe zn. erwarten seien: 1) ein Entwurf über die Errichtung eines höchsten Verwaltungsgerichtshofes zur Entscheidung von Differenzen zwischen den einzelnen Ber- waltungsgerichtshöfen und 2) ein Entwurf über die Ordnung der Provinzialverwaltung. Weniger bekannt ist, daß 3) noch ein Pcovinzialfondö-Gesetzentwurf in Vorbereitung ist, welcher über diejenigen Verrval- tungSzweige, resp. über diejenigen Mittel entscheiden soll, die von der Staatsverwaltung auszuscheiden und auf die Provinzen zu übertragen find. Die Provinzial-^ ordnung wird nur die Vorschriften über die Wahl, Zusammensetzung und Organe der Provinzialvertretung enthalten, währmd der Kreis der Befugniffe, die der Selbstverwaltung der Provinzen zugewiesen werden' sollen, in dem Gesetzentwurf über die Provinzial- fondS festgestellt wird. Dieser letztere Entwurf wird aber schwerlich noch in dieser Seffion zur Vorlage gelangen.
Köln, 29. Nov. DaS königliche Zuchtpolizeigericht verhandelte heute abermals gegen den Erzbischof • Paulus Melchers wegen Vergehens gegen die Bestimmungen deS Gesetzes vom 11. Mai d. I. Das Urtheil gegen den Angeklagten, der nicht erschienen war, lautete auf 200 Thaler Geldbuße eventuell 2 Monate Gefängniß. Bi« jetzt hat der Erzbischof im Ganzen 2600 Thaler Geldstrafen zu zahlen oder 2 Jahre und 2 Monate Gefängnißstrafe abzusitzen.
Trier, 28. Nov. Der Bischof von Trier ist auf Dienstag den 2. Dezember wegen Anstellung von 18 Geistlichen vor das hiesige Zuchtpolizeigericht geladen.
Lüneburg, 29. Nov. Der Berttag zwischen dem Handelsminister und der hiesigen Stadt über den Ankauf des Silberschatzes ist nunmehr vollzogen. Vorbehaltlich der Genehmigung durch den Etat ist derselbe für 220,000 Thlr. dem Staate erworben, und wird demnächst dem Gewerbe-Museum in Berlin einverleibt werden; die Stadt Lüneburg erhält außerdem eine gute galvanoplastische Nachbildung deS Schatzes. ES mag bei dieser Gelegenheit erwähnt werden, daß die einzelnen Gegenstände des Schatzes theils von Patri-
Drr Weihe,fei«».
Novelle von Ludwig Ziemsse«.
(Fortsetzung.)
Und der Wagen rollte davon, der nahen Stadt ja, die in dichtes Grün gebettet und von der warmen Herbstsonne reizvoll überglänzt, dem Heimkehrenden den freundlichsten Willkommen zu bieten schien. Sie wenigstens war offenbar nicht Schuld, daß sein Auge nicht heitrer blickte, daß eine Sorgmwolke auf seiner Stirn ruhte.
Zweites Kapitel.
Der „Schwan" hatte dm mit stattlichem Gepäck »«fahrenden Reisenden in beeiferter Weise unter seine gastlichen Fittige genommen. Hausknecht und Kellner, bat hochtoupirten, geschniegelten Oberkellner an ihrer Spitze, überboten sich in hingebender Dienstbeflissen- $eit, und selbst Herr Weimann, der stattliche Besitzer beS Hotels, hatte e» nicht unter seiner Würde ge funbert, den wohlbekannten und wohlbegüterten Gast in eigen« Person die Treppe hinaufzugeleiten, in den Salon der Bell-Etage, dem Stolz deS HauseS, einzu- tzuartierm und die Lobsprüche deS nfahrenen Reisen- den über die komfortable Einrichtung des Zimmers mit eigenen Ohren einzusaugen. Hin findm wir den Vielgereisten eine Stunde später durch eigene wie mit helfender Kräfte Bemühung behaglich eingerichtet, ihn selbst bei einer Tasse Thee nachdenklich in der Sopha-Ecke ruhend, während dn Hausknecht beschäf
tigt ist, den auSgeleerten Koffer zu verschließen und hinaus zu tranSportiren. Unter der Thür blieb er stehen. „Hätten der Herr Baumeistn sonst noch etwas zu befehlen?"
„Nichts, Martin", erwiederte bet Gefragte, sich aus träumendem Hinbrüten aufraffend, „ihr habt ja Alles vortrefflich gemacht und mir kaum etwas zu wünschen übrig gelassen. — Doch halt! geh' doch einmal auf das Haupt Postamt und frage an, ob für mich (hier, diese Karte magst Du dabei abgeben) nicht Briefe, Pakete oder dergleichen logren. Es dürfte einiges vorhanden sein".
„Ganz wohl!"
Der Diensteifrige verschwand, dm Besitzer deS Zimmers neuem Sinnen und Grübeln überlaffend. Endlich erhob sich derselbe aus bet Sopha Ecke und begann, die Hände auf dem Rücken, in dem geräumigen Zimmer auf und abzuschreiten, langsam, metho disch, unermüdlich, bis er, nachdem er den Teppich des Salons in der Diagonale etwa hundert Male mit seinen Schritten durchmessen, am Fenster stehen blieb und in die stiller werdenden Straßen hinaus - starrte. Die Glocke vorn Kirchthurm schlug in tiefen, summenden Tönen die Stunde; der Einsame stand, blickte hinauf und horchte kopfnickend bett alten 6er trauten Klängen. „Ihr sagt mir's auch, baß ich wieder daheim bin", murmelte er halblaut vor sich hin, „die Hafenglocke, die das viel umgetriebene Fahrzeug beim endlichen Anlanden in d« heimischen Bucht
begrüßt!--So sehr zog mich'S hierh« — so
sehr — und nun? — WaS weit«?" Noch will kein rechtes HeimathSgefühl bei mir durchdringen und eS ist doch die alte Stätte, um die eS mir weh war in der Fremde, wo ich allein meinte Ruhe und wahres Genügen finden zu können. — W« soll mir denn, wer wird sie mir geben?" — Sein sinnender Blick fiel, die Umgebung musternd, auf eine der großen Mappen, die bet ehrliche Martin ben Koffern entnommen unb auf einem der Seitentische aufgestapelt hatte; unb sein verbüslerte» Auge erhellte stch.
„Wie frag ich noch!" sprach er nicht ohne Bewegung unb legte, nach Art einsam lebender 'Menschen, feinen Empfindungen ohne Rückhalt nachgebend, die Rechte fast zu glücklich auf die inhaltsreiche Mappe. Ihr werdet mir Alle» geben, was mir noch mangelt in der Heimath, die Arbeit wird'S thun und in ihrem Genuß roctbe ich nach nichts "Weiterem begehren !"
Er hatte bei den letzten Wortm die Mappe auf- geschlagen und eine Fülle von architektonischen Zeichnungen, Auf- und Grundriffen, Profils und Details, die reiche Ausbmte sein« Studienreise, lachte seinem Künstlerauge entgegen. Der ernste Mund v«zog stch zu einem schönen glücklichen Lächeln. „Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!" zitirte er flüsternd und zog, die Zeichnung eines herrlichen Schmuckgiebels mit den Augen überfliegend, ein goldenes Bleistiftetui au» d« Tasche, um eine vergessene Kratte aus d«