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Mr« 283 Ularßurg, Dienstag, dm 2. December. 1873.

Wterhessische Leitung.

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DentscheS Strich.

Berlin, 29. Nov. DerReichsanzeiger" er- Art die Zeitungsnachricht, daß der Handcisminister eine allgemeine Erhöhung des Pcrsonen-Eismbahnfahr- geldes genehmigt habe, als jeder Begründung entbeh- tmb. Bei der gestrigen Nachwahl in 1. Berliner Wahlbezirk an Stelle Löwe'S wurde Stadtschulrath Pros. Hofmann mit 449 Stimmen gewählt. Stadt­verordneter Zimmermann erhielt 222 Stimmen. Re­dakteur Sachse hatte vorher abgelehnt. DieNord. Ag. Ztg." ergänzt die Mittheilungen über die Vor­fälle in Cartagena: Der in Cartagena wieder in Function getretene deutsche Consul Spottorno war »»gewiesen worden die Reclamationen der deutschen Sicichsangehörigen. wegen des fortgenommcnen Eigen chums genau zu prüfen und dieselben vor der Junta zu vertreten. Die eingegangmen Reklamationen re- präsentiren 100,000 Frcs. Auf die Meldung deS ConfulS von der Erfolglosigkeit der Vorstellungen bei der Junta sei die kaiserliche Gesandtschaft in Madrid ermächtigt worden, zur Unterstützung der Forderungen das deutsche Geschwader abermals nach Cartagena zu beordern und der Chef deS Geschwaders angewiesen morden, energische Maßregeln zur Durchführung der Aufgabe zu ergreifen und sei es anzunehmen, daß die kaiserliche Marine auch eine eventuelle Unterstützung, vorbereitete. DaS Geschwader traf am 25. November, nachdem eS durch einen heftigen Orkan gezwungen, nochmals in den Hafen von Malaga eingelausen war, vor Cartagena rin und begann der Geschwaderchef mimitrelbar nach der Ankunft die Reclamationen energisch zu unterstützen. Die weggenommenen deutschen Hüter feien größtenthrilS in natura schon 24 Stunden »ach dem Erscheinen des Geschwaders am Bord des «Friedrich Carl" gewesen. Die gemeldete Entschädi- gung in Goldmünze bedürfe aber noch der Bestätigung.

Für das landwirthschaftliche Ministerium soll jetzt der Wirkt. Geh. Ober-Finanzrath Schuhmann bestimmt sein, der als tüchtiger Beamter gerühmt wird. Dabei heißt eS in den Blättern, der Finanz-Minister Camphaujen habe sich geneigt erklärt, die Domainen

und Forsten von der Verwaltung der Finanzen ab­zuzweigen und sie mit dem landwirthschastlichen Ministerium zu vereinigen. Die Gesammt-Aus- Prägung in Reichs Goldmünzen stellt sich bis zum 15. November d. I. auf 989,222,920 Mark, wo­von 811,471,340 Mark in Zwanzigmarkstücken und 177,751,580 Mark in Zehnmarkstücken bestehen. An Reichs Silbermünzen, und zwar in Zwanzigpfennig­stücken, waren bis zum 8. November d. I. 127,175 Mark 20 Pf. ausgeprägt worden. In der Woche vom 9. bis 15. November sind ferner in solchen Stücken geprägt: in Berlin 80,317 Mark 60 Pf. und in München 18,600 Mark, wodurch sich die GesammtauSprägung in Reichs - Silbermünzen auf 226,092 Mark 80 Pf. stellt. Außerdem hat die großherzogliche Münzstätte in Karlsruhe in der ge­dachten Woche an Reichs Nickelmünzen 12,500 Mark ;n Zehnpfennigstücken ausgemünzt. Die Akademie der Wissenschaften hat die Herren Dr. Virchow und Dr. Siemens zu Mitgliedern gewählt.

Würzburg, 30. Nov. Heute wurde dahier in der Kapelle eines Privathauses von Pfarrer Haßler der erste altkatholische Gottesdienst gehalten; die Be­theiligung war eine zahlreiche.

AuSliuH.

Wien, 27. Nov. Wenn sonst die Landtage zusammentraten, gab cs immer Sturm und Blitz. Heute vollzieht sich dieses Ereigniß in aller geschäftsmäßigen Ruhe. Kaum daß sich die Aufmerksamkeit der poli­tischen Kreise der Versammlung in Prag zuwendet, in deren Mitte die Vertreter der czechischen Bevölkerung fehlen, während sie in Mähren nahezu vollzählig ihre Plätze einnehmen. Die Landtage sind eben nicht mehr Wahlkammcrn für den Reichsrath, und wie ausgedehnt auch sonst ihr Wirkungskreis ist, so erstreckt er sich doch nicht auf Gegenstände, welche ein mehr als pro­vinzielles Interesse betreffen. Die Feudalen knirlchen vor Ingrimm über diese Ruhe. Nach ihrem Plane mußten die Provinzialvertretnngen sich aufbäumen zu wilden Protesten wider das ihnen entzogene Recht, die Reichsboten zu wählen. Sonderbare Logik das, gegen

die Entziehung eines Rechtes zu eifern, deffen man sich förmlich begab, so lange es galt, dasselbe auszu­üben I UebrigenS ist eS sehr fraglich, ob in den diversen Landstuben diese Verwahrung Wiederhall finden wird. In Böhmen,fst sie schon darum unmöglich, weil dort lauter Verfassungstreue fitzen, die Opposition sich aufs Schmollen verlegt. In Mähren ist sie unwahrschein­lich, weil die dortigen Declaranten eS viel eher auf einen anständigen Waffenstillstand, al« auf Fortdauer des Krieges abgesehen haben, und da glücklicherweise die Verfassungspartei in Brünn nicht demselben Corn- mando untersteht, wie jene in Prag, so hat diese« Streben Aussicht auf Erfolg. So bliebe denn nur Krain und Tirol, aber auch dort würde sich ein solcher Protest sehr sonderbar ausnehmen, nachdem dieRechts­partei" beider Länder ja vollzählig im Reichsrath «^ schien und das Gclöbniß ablegte. :

Pefi, 28. Nov. In Pest dreht sich augenblicklich Alles um die Frage, ob Szlavy bleiben wird.Pcstj Naplo", der versichert, daß die Combination Szlavy- Ghyczy in Abgeordnetenkreisen viele Sympathieen findtz berichtet, daß Szlavy durch zahlreiche Abgeordnete ge­beten wurde, auf seinem Posten auSzuharren; auch stellt das genannte Blatt eine entschiedene, von der gesammten Deak-Partei ausgehende Manifestation in Aussicht, um Szlavy zum Verbleiben zu bewegen. Die Haltung Szlavy's in der gestrigen Sitzung de« Ab­geordnetenhauses gilt al« gutes Zeichen. Szlavy wieg nämlich dcir'Versuch Koloman Tisza's, einen bevor­mundenden Einfluß auf die Regierung zu üben, mit ungewöhnlicher Energie zurück. Seine Erklärung, keine Weisung von der Minorität anzunehmen, gestattet viel eher die Voraussetzung, daß Szlavy die Zügel fester in die Hand nehmen, al« daß er diese nieder­legen wolle. DerUngarische Lloyd" berichtet, daß Kerkapolyi, der »och als Staats-Secretär im Handels­ministerium zum Professor der Staatswissenschaften an der Pcster Universität ernannt wurde, bereits im nächsten Semester seine Vorlesungen beginnen werde.

Parts, 29. Nov. Die Generale Lettellier und Saussier sind ihres CommandoS durch ministeriell«

Der Weiberfeind.

Novelle von Ludwig Ziemssen.

Erstes Kapitel-

Auf dem Bahnhofe zu W., einer ansehnlichen «itteldeutschen Stadt, hatte die Erwartung des Kölner fkourirzugeS um die Nachmittagszeit eines lieblichen Herbsttages eine ziemliche Menschenmenge versammelt. Die Spaziergänger wandelten, einzeln oder in Gruppen, ichaglich auf und nieder; die Passagiere saßen harrend 8»f und neben ihren Gepäckstücken ober drängten sich, die Reisetasche als Bahnbrecher gebrauchend, an den iußersten Rand des Perrons vor, um von hier ans u»ch der Richtung zu spähen, von wo der Zug lammen mußte; Bahnbeamte vom Dienst eilten ge- IWtig hin und her, gaben auf zehnmal gehörte fragen zum elften Male dieselbe kurze Antwort und scheuchten durch WarnungSrufe Allzucifrige in die ardnungsmäßigen Grenzen zurück. Schwerbelastete Gepäckkarren rumpelten über den Perron, ZeitungS- lungen schrieen die neuesten TageSblätter ans, Kellner Mahlen in eintönig wiederholten Rufen den eßbaren Malt ihres Tragebretts, und die Rangirmaschinen **kt;5nten, auf- und niederfahrend, mit gellendem Pfiff von Zeit zu Zeit daS vielstimmige Tongcwirr, d»S die weite Halle füllte.

Inzwischen war der erwartete Zug feinem Ziele Dgeeilt; schon hörte man in der Ferne das bekannte fütternde Geräusch, welches sein Herannahen ankün *!e; jetzt ein gedämpftes lang anhaltendes Pfeifen, «tb wenige Sekunden später fuhr er in den Bahnhof «nein, zu großer Befriedigung der auf dem Perron jMammelten, die nun, jeder nach feinen Zwecken und ^sichten, sich die Ankunft deS lang erwarteten zu Pfütze zu machen suchten und in unhemmbarer Strö­mung an den Zug herandrängten. Fast wäre durch "in rücksichtslosen Eifer der vorwärtSschiebenden Menge ^en Reisenden noch im Augenblick des AnlandenS ein Unglück zugefügt worden. Aus einem Coupe erster *lajfe wollte ein junges Mädchen, ein zartes Kind

von fünfzehn bis sechszehn Jahren, den Perron be­schreiten, als es durch den Andrang der Menge ver- fchüchtert, einen Schritt zurücktrat, fiel und mit einem halblauten Schrei zwischen Waggon und Perron niederglitt. In diesem Augenblick rückte unvermnthet der Zug noch einige Fuß vorwärts, und es wäre möglicherweise um das arme Kind geschehen gewesen, hätte nicht in demselben Moment einer der mitgekom- menen Reisenden, ein junger kräftiger Mann, sich ohne Besinnen auf die Kniee geworfen, mit beiden Armen das zarte, angstvoll aufblickende Mädchen ergriffen und mit gewaltigem Ruck emporgerafft, der drohend­sten, der schrecklichsten Gefahr entrissen.

Bleich, halb ohnmächtig, lag die schlanke Gestalt in seinen Armen, während die umstehende Menge ihre Freude über die Geistesgegenwart des jungen Mannes in einem kräftigenHurrah!" Luft machte, die Eltern der Geretteten, vor Schreck fast nicht minder bleich al« die Tochter, ihrem Retter unter Thränen der Er­schütterung dankten. Ernst, fast zurückstoßend, lehnte dieser das Uebermaß des DankeS ab, übexgab das Mädchen den Armen der Mutter, wechselte mit dem Vater zu gegenseitiger Erinnerung die Karte und schritt dann, als sei nichts geschehen, den Perron hinab, nach seinen Gepäckstücken zu sehen, die eben in beträchtlicher Anzahl aus dem Packwagen befördert wurden. Wäh- renb er hier noch harrend an der Barisre stand, trat ein junger Offizier an ihn heran, ihre Blicke begeg­neten sich und auf beider Antlitz erschien ein Lächeln deS Wiedererkennens.

So sind Sie'S wirklich, liebster Friesen?" rief der jugendliche Krieger lebhaft aus, dem Angeredeten die Hand schüttelnd und ihn von oben bis unten mit den Blicken musternd.Auf Wort! hatte so eine Ahnung, obgleich ich ziemlich entfernt stand, als Sie daS hübsche Mädchen retteten und den rauhen Kehlen unserer biederen Spießbürger ein vielstimmiges Hurrah entlockten! Aber wo kommen Sie her? Wahrhaftig, Sie find wie eine Erscheinung au« der anderen Welt,

fast vergessen, bei meiner armen Seele! und nur noch im Gedächtniß einiger Guten lebend! Wo, um des Himmelswillen, haben Sie so lange gesteckt? __

Sie müssen ein halbes Jahrhundert lang fortgewesen sein, wie?" " '

Dividiren Sie mit fünfundzwanzig" lächelte der Reisende,so triffts gerade zu! Es sind genau zwei Jahre tierfloffen, seit ich dieser löblichen Stadt den Rücken wandte und mit den Störchen gen Süden zog. Meine Studienreise hat sich dem nach manchem Umherschweifen schließlich auf Frankreich und Spanien beschränkt, und jetzt eben komme ich birect von BurgoS, wo mich der Wunderbau der Kathedrale fast nicht aus seinem Zaubertraum ließ; ich mußte mich beinahe gewaltsam loSreisen, so hatte er mir's angethan!"

Wie? der alte Steinhaufen?" lächelte der Lieu­tenant ungläubig,merkwürdig, auf Ehre! Wenn Sie noch sagten, die schönen Äaftilianerinnen hätten sie nicht losgelassen, so läge darin Verstand für unsereins; denn es sollen fabelhaft reizende Erscheinungen fein, ganz Gluth und Leidenschaft!' He? Wie sagt doch Alfred de Muffet:

Ha, wenn durch ihres Netzes Fransen

Ihr Auge blitzt mit wildem Brand, Bei allen Heiligen im ganzen KastUien, man bräche Lanzen, Zu rühren nur an ihr Gewand!"

Nun, gestehen Sie nur, daß auch Sie ein Liedchen gu fingen wissen vonschlanken Frauengestalten mit dunklem Flammenhlick, halb zärtlich, halb zornig, halb Engel, halb Teufel, aber immer schön zum Rasend­werden !" Gestehen Sie, sag' ich; ich verspreche, Sie nicht allzusehr zu beneiden, Sie schauderhaft glück­licher Kerl! - Nun?

Sie werden ganz poettsch, lieber Haldenbruch," lächelte der Reisende ernsten AugeS,um so mehr bcbaucre ich, dieser Stimmung die weitere Nahrung entziehen zu müffen, indem ich versichere, daß ich die gepriesenen Spanierinnen, zumal in Kastilien, abscheu­lich unschön und-degoutant gefunden habe. ES find