1873
Marburg, Dienstag, den 25. November.
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gefaßt scheint, für motivirte Tagesordnung. Nur eine Minderzahl wirb für das directe Wahlrecht mit den Clericalen stimmen. Man darf nicht übersehen, daß eine nicht geringe Zahl von Mitgliedern der Fortschrittspartei einem WahlmoduS, ähnlich wie das Wahlgesetz vom 8. April 1848, für die preußische Nationalversammlung sich oft zugeneigt erwiesen hat, b. h. bem allgemeinen Stimmrecht ohne Dreiklassenwahl aber mit inbirecter Wahl unb mit geheimer Stimmabgabe wenigstens bei ben Urwahlen. Wo diese Ansichten noch obwalten, ist für ben Windthorst- schen Antrag ebenfalls keine Zustimmung zu erwarten. Es ist übrigens nicht ohne Rücksicht auf die herrschende Verschiedenheit der Ansichten, die eine motivirte Tagesordnung schwierig erscheinen ließ, daß die National- liberalen sich sür die einfache Tagesordnung entschieden haben, um so mehr, als dies eine Motivirung im Hause, wie bemerkt, keineswegs ausschließt. — Der Telegraph meldet von einer Aussage Jules Favre'S im Prozeß Bazaine über Aeußerungen des Fürsten Bismarck in Ferneres und fügt hinzu, diese Auslassung Jules Favre'S habe einen lebhaften Eindruck hervorgerufen. JuleS Favre hatte übrigens ganz dasselbe, was der Telegraph aus seiner Aussage jetzt meldet, schon in seiner Schrift über die „Regierung der National - Bercheidigung" (S. 180) ausführlich erzählt. Er fügte hier hinzu, er habe diese Ansicht des Kanzlers bestritten und bemerkt, er habe Gründe, das Gegentheil anzunehmen. Auch nannte er Bazaine noch den tapferen Feldherrn und sprach von ihm mit großer Achtung. Es war am 18. September 1870. Ob Jules Favre über Bazaine noch heute eben so denkt, wird man vielleicht durch den ausführlicheren Text seiner gegenwärtigen Aussage erfahren.
Karlsruhe, 22. Nov Die Abgeordnetenkammer hat heute die Wahl des Präsidiums vollzogen. Zum Präsidenten wurde Kirsner, zu Viceprästdenten wurden Bluntschli und Kiefer gewählt. — Heute Mittag um i/2l Uhr fand im Ministerium deS Innern der feier»
auch er ben Gegenstanb ber allgemeinen Aufmerksamkeit unb beschaute ebenfalls SchnorpS, so daß die große Arie recht unerquicklich zu Ende ging, zum Aerger des Baritonisten, der, den Schniepel des ahnungslosen Musikers verwünschend, von der Bühne abtrat. In der Zwischenpause erschien der Herzog in der Jnten- dantenlogc und unterhielt sich lebhaft lachend längere Zeit mit dem Bühnenchef, bei welcher Gelegenheit mehrmals die Blicke der beiden Herren den Contra- bafststcn in bedenklicher Weise streiften.
Am andern Morgen aber erhielt dieser ein großes Schreiben mit der bekannten grünen Siegelmarke aus der Intendantur, in welchem ihm, zwar in ben höf lichsten Wendungen, aber boch mit aller Entschieden heit bedeutet wurde, künftig in einem Leibrock zu er scheinen, welcher der Würde der königl. Bühne ent- sprechender und weniger geeignet wäre, die Lachlust des Auditoriums herauszuforbern.
Das war beutlich. Schnorps war zwar wüthmb — sprach von Tyrannei, Beschränkung ber persönlichen Freiheit, schimpfte mit seiner Frau unb prügelte bie jungen Schnörpse, allein das half alles nichts — das Facit blieb immer, die Anschaffung eines neuen SchniepelS.
Was nie geschehen war — geschah I Die Stadt sah einige Tage lang den Kontrabassisten Schnorps nebst seiner Gattin von einem Kleiberlaben zum an- bereu wandern. Daselbst führte er überall längere Verhandlungen, um nach einiger Zeit knurrend unb scheltenb über „unverschämte Preise" rc. weiter zu ziehen, bis enblich bie Firma I. M. Linbenfeld bas unerhörte Glück hatte, mit Herrn Schnorps unb Gattin einen Lieferungs Kontrakt über einen neuen Frack ab zuschließen. Die Letztere hatte bei dieser Veranlasiung alle Künste des Feilschens aufgeboten, denn während der Nachbar Regierungssekretir, der wenige Wochen vorher aus demselben Geschäft das gleiche Kleidungsstück erhalten hatte, 16 Thaler für dasselbe bezahlen mußte, hatte sie es glücklich für 12 Thaler erhandelt.
Das letzte Abonnements - Conzert der diesmaligen Saison gestaltete sich zu einem merkwürdigen Ereigniß
liche Act der Beeidigung deS katholischen Bischof» Dr. ReiukenS unter Zuziehung von sechs SolemnititS- zeugen, von denen die eine Hälfte von der großherzoglichen Staats Regierung, die andere von dem Herrn Bischof bestimmt worden war (unter letzteren Geh.» Rath Prof. v. Schulte unb zwei badische Altkatholiken), burch den Staats-Minister Dr. Jolly nebst ber Hebet» gäbe der Anerkennungs-Urkunde Statt. Um 2 Uhr folgte ein Diner beim Herrn Staats-Minister, an dem außer dem Bischof und den Zeugen auch die übrigen Minister Theil nahmen. Morgen wird der Bischof von dem Großherzog und der Frau Großherzogin empfangen werden.
München, 20. Nov. Beim Beginn der heutigen Sitzung der Kammer der Abgeordneten wurde vom königl. Kriegsminister, Freiherrn von Prankh, der Gesetzentwurf „einen Kredit für außerordentliche Bedürfnisse des Heeres betreffend" vorgelegt unb hierbei im Wesentlichen bemerkt, daß durch das Reichsgesetz vom Juli d. I. den Kontingenten deS ehemaligen norddeutschen Bundes, Baden« und SüdhesienS zur Wiederherstellung bet Kriegsbereitschaft unb zur Erhöhung bet Schlagfettigkeit beS Heeres, sowie für militärische Bauten 120,087,810 Thaler aus dem Antheile der betreffenben Raten von bet französischen KriegSentschäbigung zugewiesen worden sei. Für da» königl. baierische Heer bestehe aber daS gleiche Be- dütfniß eines außerordentlichen Kredits, auS welchem bie Kosten ber Beschaffung eine« vollstänbigen neuen Artillerie-Materials, ber Bebarf zur Ergänzung beS SollstanbeS an Hanb - Feuerwaffen u. f. w. gedeckt werben könne, benn bas baierische Heer bürfe in keiner Weise hinter ben anderen deutschen HeereStheilen zurückbleiben. .Nach Analogie ber für bie Staaten des früheren norbbeutschen BunbeS vetwenbete Summe, sei für Baiern ein außerordentlicher Kredit von 24 Millionen Gulben ersorbetlich, von welchen inbeffen in ben nächsten zwei Iahten vorerst nur 10,826,900 Fl. zu vetwcnben wären. ES sei jeboch ber verlangte
für bie Besucher beffelben sowohl, wie für bie Mit- wirkenden. Nicht etwa weil Beethoven'« gewaltige neunte Sinfonie zum ersten Male seit vielen Jahren wieber aufgeführt würbe — nein, fonbern SchuorpS, der Kontrabassist, trug einen neuen Frack! Einen wirklich unb wahrhastig neuen Frack.
Dies war so auffallenb, baß eS längere Zeit bauerte, ehe bie allgemeine Aufregung sich gelegt hatte unb ber selige Beethoven zu würbiger Geltung kommen konnte. Einer theilte eS bem Anberen mit, alle Gläser richteten sich auf ben Kontrabassisten, bie Kollegen beffelben kicherten unb flüsterten, unb bet Kapellmeister warf von Zeit zu Zeit einen Blick ber Befriedigung auf seinen Musiker, bem nun nicht« mehr zu seiner Vollendung schlte.
In ber Zwischenpause erschien ber Herr Jntenbant auf ber Bühne. Er ging zweimal an Schnorps vorüber unb konnte es nicht unterlaßen, ihn leicht auf bie Schulter zu klopfen — bas höchste Zeichen ber Zufriebeuheit Seitens des Bühnengewaltigen.
So schien benn mit Schnotpsen alles in schönster Ordnung unb ber gespenstische Urgtoßvater-Schniepel war anscheinend in bas Reich bes Vergessens gesunken.
Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück schreitet schnell.
2.
„Höre, Trine," sagte bet Kontrabassist eine« Tages zu feiner Gattin, „wenn mich auch höhere Tyrannei gezwungen hat, ba« Sünbengelb für ben neuen Schniepel auszugeben, umkommen soll ber Andere beshalb boch nicht. Laß boch 'mal ben alten Peter kommen, er soll eine Jacke für ben Michel daraus machen, bie kann ber Junge noch Jahre lang tragen."
Peter wat nämlich bet Leibflickschneiber beS Hauses, unb Michel ber älteste Sprößling unb mnthmaßliche Contrabaßerbe bet Schnörpse.
Der Schneider kam, untersuchte ben alten Schniepel unter Zuhilfenahme seiner großen Hornbrille mit Kennerblicken nach aßen Richtungen hin unb erklärte
"7m*»™! t »«lick allster den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen @8t^ durch bie •’Stoftftnt« W ent (exel Bchellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel » Sgt. - In-rtwnsgebühr Ur tue gespaltene Zecke 1 Sgr. -
” ui j)n Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annomen-BüreauS nehmen Inserate an.
Oterhessische Zeitung.--
Deutscher Keich.
Oerli», 22. Nov. Die Interpellation Winbt- ! ijrfl über bie Neuordnung bes Ministeriums hat, wie ' m erwarten war, zu einem leeren Wortgefecht geführt, tdoch die dericale Behauptung, Fürst Bismarck mache j» Widerspruch mit der Verfassung allein in Preußen Regen unb Sonnenschein, beseitigen helfen. Herr Wcepräsident Camphausen wiberlegte bie Insinuationen in bünbiger Weise. Der Abgeorbnete Braun wies in glücklicher Wahl bes Ausdrucks auch namentlich darauf hin, daß der Kanzler allerdings, besonders in den Beziehungen zum Reich, einen nur thatsächlich vorwiegenden Einfluß ausübe, was aber Angesichts seiner großen Verdienste um Deutschlands Einheit »ohl begreiflich sei und die Verfassung nicht berühre. Dieser letztere Punct, was die Beziehungen Preußens mm Reich angeht, wurde auch in unterrichteten Leußerungen der Presse über bie Angelegenheit stets besonders betont. Hat Herr Windthorst mit seiner heutigen Interpellation kein Glück gehabt, so wirb es ihm nicht bester ergehen mit bem Anträge wegen beS allgemeinen Stimmrechts sür Preußen. Die Stellung der verschiebenen Parteien zu bem Anträge bürste folgenbe fein: die Nationalliberalen werben für einfache Tagesordnung stimmen, b. h. ohne eingehende Debatte. Ein Redner der Partei indessen wird vor der Abstimmung daS Votum der Partei in ausreichender Weise motiviren und die Beweggründe der Clericalen beleuchten; die Freiconservativen und Neu konservativen werden voraussichtlich ebenfalls für einfache Tagesordnung stimmen; in der Fortschritts- fraction war die Stimmung ber Majorität gestern Abend, wie man hört, ohne daß ein bindender Beschluß “nETT FrUk'dkS Musikanten.
Humoreske von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
Er mußte viel Spott erhüben, wenn er so erschien, ber biedere Schnorps. Aber er hatte ein dickes Fell unb alles ging spurlos an ihm vorüber. Wie oft hat-e ber Hofkapellmeister ihm unverkennbare Andeutungen gemacht, baß eS doch nun endlich einmal an - bet Zeit wäre, dem armen alten Schniepel die ver» bieme Ruhe zu gönnen — Schnorps hatte sich bei derlei Sticheleien immer furchtbar dumm gestellt — »ie oft halte ihn der hochwohlgeborene Herr Intendant der in Garderobe-Angelegenheiten äußerst Peinlich war, mit ben auffallendsten unb vielsagendsten Nicken gemustert — Schnorps war dafür blind, bis eines Tages ein außerordentliches Ereigniß ihm einen 13a« zuzog, welcher der Herrlichkeit de« alten Schme- Pels vorläufig ein gewaltsames Ende machte.
Und das ging so zu.
Herzog Wilhelm, ein Verwandter deS Königshauses, tear als Divisions-Kommandeur nach der ehemaligen Residenz versetzt worden. Er war ein äußerst jovialer Herr, der allabendlich daS Theater besuchte, und sich daselbst nach Kräften amüsirte. Gleich in ben ersten Tagen seiner Anwesenheit fanb ein Abonnements Conzert statt, welche« ber hohe Herr mit seiner Ge Aenwart beehrte. Der Baritonist der königl. Bühne sang gerade eine Arie, als de« Herzog« Opernglas sich Wvas auffallend auf den seiner Loge vis-a-vis posiirlen Schnorps richtete, der im Schweiße seines Angesichts feinen Kontrabaß bearbeitete. Die komische Erscheinung «ar nun allerdings dem übrigen Publikum längst bekannt, dem Herzog aber war fie neu und et zeigte bei btm Anblick derselben fo unzweideutige Spuren einer ungeheuren Heiterkeit und betrachtete den Urgroß- doter Schniepel so beharrlich, daß si ließlich da« ganze Publikum seinen Blicken folgte und in kurzer Zeit em ÄlgemeineS Gelächter im Zuschauetraum entstand. Der Sänger auf der Bühne gerieth in einige Verwirrung, ■ ihm wat zuerst, al« ob er die Ursache zu dieser Stö hing gegeben habe, allein- nach kurzer Weile entdeckte
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«men alte Postanstalten unb die Expedition Be- — Ä^nnaen auf die „Oberh. Settun«" entgegeu. Mit i'ü v« 1 Deeember beginnt im Seuilleton eine höchst j inende Original-Erzähluu«: Ter Weiberfeind I ion Ludwig Ziemssen.