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fr< 276 JUarÖurg, Sonntag, den 23. November. ;; 1873.

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Oberhessische Zeit»»W

ieint täglich außer den Werdagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22| Set., durch die '■ Postämter^7 Set. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Set« — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — -I v güt jn Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Sh Sgr. berechnet. — Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an. w v -

bis zum 4 Dccember vertagt.

de« Parlament« eröffnet worden. Die Thronrede,

mit welcher Victor Emanuel die Lage der inneren und äußeren iialienischen Politik skizzirte, war gewiffermaßen das auf die Ergebnisse der Wiener und Berliner Begegnungen gedrückte Siegel, sie konnte nicht verfehlen, einen günstigen Eindruck im Lande zu machen. Be­sonders befriedigt zeigt sich die bisherige gemäßigte Opposition, während die alte Consorterie sich in einigen wesentlichen Punkten ihrer Politik ziemlich entschieden verläugnet sieht. -

Eine wichtige Entscheidung für Frankreich ist in Versailles gefallen, wenn auch schwerlich die Ent scheidung, welche dem Lande eine dauerhafte Befriedig gung und Beruhigung gewähren könnte. Mac Mahon und Broglie, welche den Löwenantheil vom Siege des 24 Mai an sich gezogen haben, zeigen nicht die ge­ringste Lust, durch Entsagung sich um das Vaterland verdient zu machen, tut Gegentheil betrachten sie den Kern der Frage, ob die Verlängerung der Vollmachten des Präsidenten der Republik vor oder in Verbindung mit den constitutionellen Gesetzen erfolgen soll, für eine Frage um die Macht, für eine Frage des persön­lichen Vertrauens. Der äußere Verlauf des Kampfes war folgender: Am 15. November erstattete Laboulaye in der National-Versammlung Bericht über den Ent wurf der Majorität des Fünfzehner-Ausschusses, -in welchem dem Präsidenten der Republik die Vollmachten auf fünf Jahre, von dem Tage des Zusammentrittes der nächsten gesetzgebenden Versammlung an gerechnet, bewilligt wurde, jedoch unter den gegenwärtigen Bedin gungen nur bis zum Votum der constitutionellen Ge­setze. — Am 17. November erfolgte, als die Debatte Über die Arbeiten des Fünfzchner Ausschusses anheben sollte, eine Botschaft des Marschall-Präsidenten, in welcher er sich in hochmüthigen Ausdrücken gegen die Übertragung eiuer Amtsgewalt verwahrte, deren Dauer und Charakter von vorn herein Vorbehalten und Auf­schubsbedingungen unterworfen wäre. Diese Stelle erregte im Hause einen unerhörten Sturm, zumal der Herzog v. Broglie, mit oder ohne Absicht, ist streitig, den mildernden Zusatz »suspensives« zu »les con- ditions« ausgelassen hatte, der sich später im gedruckten Texte der Botschaft fand. — Am 20. erfolgte die Entscheidung für den Gegenantrag Depeyres; Art. 1,

Pelitische W-chen-Urberficht.

Die Genesung des Kaiser» hat die letzten acht Tage stetige Fortschritte gemacht und eö war demselben gestattet, bereits wieder längere und regelmäßige Vor- ttäge cntgegenzunehmen und überhaupt der Erledigung „n StaatSgcschäften sich zu widmen. Doch beharren trä Aerzt« darauf, noch fortgesetzte Schonung zu empfehlen. — - Von der beneidenswerthen finanziellen Lage des Staate« gab die Uebrrsicht, welche Herr Camphausen am Montag über die Finanzresultate des Zähre« 1872 gab, ein Helles Bild. Dieses Jahr lieferte ein« Netto Mehreinnahme von fast 24 Millionen Maler und zugleich AuSgaben-Ersparniffe, so daß eS einen Ueberschuß von 27 Millionen zur Verfügung stellt, von welchen tteben verschiedenen Bauten und Verbesserungen der Verkehrsanstalten wieder zwölf Millionen zu weiterer Schuldenabtragung verwendet «erden sollen. Die Auflehnung des preußischen EpiS copatS geht noch immer unvermindert fort, aben eben jo der anschwellende Strom der Straferkenntnisse.

In CiS- und Transleithanien sind die Kammern in voller Thätigkeit, um die brennenden Fragen der inneren Politik zu lösen. In Wien sind e» zunächst die traurigen volkswirthschastlichen Ver­hältnisse, welche die beiden Häuser beschäftigen werden: zunächst find dieselben noch im Stadium der Adressen auf die Thronrede, die int Herrenhause Anton Auers­perg, iw Abgeordnetenhause Herbst verfaßte. Letztere gibt das Programm der Majorität: Forderung von Gesetzen zur Lösung der confessionellen Fragen, zur Hebung der wirchschaftlichen Krisen und zur Verhinde- ntng ähnlicher Verhältnisse. Der Finanzminister wird einen schweren Stand haben und vielleicht auf dem Tchlachtfelde bleiben. ' -

Der schweizerische« Nationalrath hat bei Be Handlung der Bundesrevision seine Berathungen mit Fleiß und leidlichem Erfolge fortgesetzt. Ueber den schwierigen Schulartikel (25) hat er eine Vereinbarung zu Wege gebracht — und dann weiter die Artikel über Zoll- und Steuerwesen und Gewerbewescn vor­läufig erledigt bis zu Artikel 38, der vom Bankwesen handelt. Der Ständerath hat fich am 14. November

Rom ist am 45 November die tteut Sesstoiü der die Vollmachten Mac Mahon'» aus sieben Jahre - - —-*.-f verlängert, wurde mit 383 gegen 317 Stimmen an­

genommen, Waddington'« Zusatzartikel, daß der an­genommene Artikel 1 einen constituirenden Charakter erst nach der Abstimmung über die constitutionellen Gesetze haben solle, mit 386 gegen 321 Stimmen verworfen, eben so das Amendement wegen Erneuerung eines Drittels der Kammer vor der Abstimmung über die constitutionellen Gesetze; sodann mit 370 gegen 330 Stimmen der Art. 2 des Depeyre'schen Ent­wurfs wegen Ernennung de» Verfasfungs Ausschusses in öffentlicher Sitzung der National-Versammlung. durch Listen-Scrutinium, und endlich mit 378 gegen 310 Stimmen das Ganze des Depeyre'schen Entwurfs angenommen und die National Versammlung bi« Montag vertagt-und auf,diesen Tag die Interpellation Say's angesetzt. Nach dieser denkwürdigen Sitzung, in der die Koalition der Monarchisten zu Gunsten des Minoritätsentwurfs der Commission so glänzende Siege gefeiert, begaben sich die Minister zu Mac Mahon und stellten ihre Portefeuilles zür Verfügung; der Marschall bat, dieselben bis zur Neubildung de« Cabinets zu behalte».

Die Verwicklung, in welche Spanien durch die in (Santiago de Cuba vollstreckten Massenhinrichtungen mit den Vereinigten Staaten gerathen ist, nimmt eine um so bedenklichere Gestalt an, als nun auch England wegen der ebenfalls erschossenen britischen Unterlhanen Genugthuung von der madrider Regierung verlangt. Der Besitz Cubas ist für Spanien schlimmer gefährdet als je; denn die öffentliche Meinung sowohl in Eng­land, als in den Vereinigten Staaten glaubt in der Losreißung der Antillen-Insel von dem spanischen Mutterland«, also in der Proclamirung der unabhän-. gigen Republik Cuba, dm einzigen AuSweg zur. Er­langung der geforderten SatiSfaction erblicken, zu- müssen, indem die spanische Regierung ohnmächtig er­scheint, ihren Willen in der Colonie durchzusetzeu. Castelar'S Stellung ist nichts wmiger als bmeivms- werth.

Dem oft in England laut gewordenen Rufe nach frischem Blute im Ministerium ist endlich in der Berufung deS Dr. Lyon Playsair, der an Monsell'S Stelle General-Postmeister wird, und Vemon Har- court's, der den durch James' Beförderung zum Attor­ney General erledigten Posten deS Solicitor GmeralS übernimmt, mtsprochen worden. Mit Ausnahme dieser ............ ........

Der Fra« tzeS Mnsikaatr«.

- -s- Humoreske von Fritz Brentano. 'N t!i : 1. :

Der Mann hieß Schnorp«.- —

Um de- Himmels willen, werden Sie mich fragen, »k kann ein Wesen, welche« auf zwei Beinen wandelt, denkt, fühlt und handelt, Schnorps heißen?

Aber mein Held hieß wirklich und wahrhaftig so, nnb so ost sein Bild vor mein geistiges Auge tritt, dringt fich mir mehr und mehr die Ueberzeugung auf, daß der Mann gar nicht anders heißen konnte und daß ihn die weife Mutter Natur absolut so und nicht anders geschaffen haben mußte, um ihn deS alten Ge schlechtes der Schnörpse würdig zu machen.

_ Er strich im Theater-Orchester den Contrabaß.

Der Contrabaß war bei den männlichen Gliedern der Familie Schnorp«, die unheilbar musikalisch war, pnn Erbinstrument geworden, und ich erinnere mich noch einer Anekdote au« dem Leben de« Aegidius Schnorp«, be« Großvater« meine« Helden, welche »vhl verdient, der Nachwelt erhalten zu werden.

Aegidiu« strich selbstverständlich auch daS Erb- Instrument. Aber er strich es nicht itn königlichen Heater-Orchester, so weit hatte er eS noch nicht ge­bracht, sondern bei einer etwas obskuren Musikgesell schäft, die fich an Sonn- und Festtagen ihre Lorbeeren ans den Dorftanzplätzen in der Runde holte. Nun »ußtr der Ches dieser Gesellschaft den Contrabaß selbst stellen — allein die Schnörpse hatten stets ihr eigenes Instrument und bildeten fich nicht wenig auf diese« Familienmöbel ein. Obwohl es nun bei der Musik, welche den Bauern gemacht wurde, auf einige Schwebungen nicht gerade ankam, da ja bekanntlich dem, der gerne tanzt, leicht gepfiffen ist, so ließ doch eine» Tage« Vater Aegidiu« so unreine Töne hören,

daß ihm sein Chef, in der Woche seines Zeichens ein ehrlicher Schuster, ergrimmt zurief: „Aber zum Wetter, Aegidi, greif' doch richtig I" — „Halt'S Maul, Schuster!" antwortete ergrimmt der also beleidigte Schnorps, „ich kann greifen wie ich will, der Baß ist . ja mein!" —

Ja, sie zeigten immer ein großes Selbstgefühl, die Herren Schnörpse, und machten sich verdammt wenig aus der übrigen Welt, durch welche sie mit ihren dicken Köpfen schnurstracks hindurchschoben.

Auf Aegidius folgte Sebastian Schnorp«, der natürlich auch den Brummkasten bearbeitete und eines Tages in der Ausübung seines Berufes zu seinen Vätern versammelt wurde, indem er mit dem schweren Instrument eine hohe Leiter herabstürzte, auf welcher er in einer Tanzscheune diejenige Höhe erklettern wollte, von welcher herunter er feine seraphischen Töne in da« Bauerngewühl schleuderte. Er hatte sein Lebe« lang den Contrabaß gehätschelt und gepflegt — der undankbare Geselle schlug ihm dafür das Genick entzwei. «

Friede seiner Asche! — — — '■ <

Nach ihm kam Gottlieb Schnorp«, der Mann, mit welchem wir un« heute beschäftigen. Ich brauchte eigentlich nicht zu erwähnen, daß er ebenfalls das Erbinstrument spielte, wenn ich nicht zu seiner Ehre hinzufügen müßte, daß er ein Musiker von besserem Schrot und Korn war, al« seine Ahnen. Er hatte fich au« deren Treiben al« Kirchweihfiedler empor- gerasft, hatte tüchtig studirt, und wenn er auch in seiner sonstigen Art und Weise ein Schnorps geblieben war, so hatte er doch in Einem eine Ausnahme ge­macht — er hatte die Scheu vor dem Reisen über­wunden, bk seinen Vorfahren anklebte. Er war in die Welt gegangen, hatte erst bei kleineren bann bei

größeren Orchestern Engagement gef—'-’t und kehrte eines Tages mit einem Contract als ^ofmufikus in der Tasche und mit feiner Frau nach Hause, die dev liebe Gott eigen« für ihn geschaffen haben mußte., so gut paßten die Beiden zusammen. . -»

Um meinen Lesern dies begreiflich zu machen, muß ich hier die unvermeidliche Beschreibung von Held und Heldin einschalten, und gestatte ich . mir, Ihnen die­selben, wie folgt, vorzustellen. .

Herr Gottlieb Schnorps war ein untersetzter, dicker Mann, der nur mit einiger Anstrengung die hohe Lage seines Instrumentes greifen konnte. Er sah nur da­durch etwas größer au«, daß seine borstigen schwarzen Haare immer rebellisch von seinem viereckigen Kopf gerade in die Höhe standen. Sein dunkelbraune« Antlitz, aus welchem ein paar klotzige Augen kühn in die Welt schauten, zierte unter der Nase ein struppiger Borstwisch, den er mit dem schmeichelhaften Namen Bart belegte, den die bösen College« aber stets mit einer schwarzen Zahnbürste verglichen. Das Aeußere Gottliebs stand, wenn ich es ungeschminkt sagen soll, mit den Grundregeln der Reinlichkeit auf entschiedenstem Kriegssuße. . .. >

Was nun die Schnorpstn anbelangt, so gab sie ihm in Betreff des Liebreizes der äußeren Erscheinung nichts nach. Die Natur hatte sie etwas stiefmütterlich behandett und sie hatte nie den schwachen Versuch ge­macht, derselben etwa durch Toilettenkünste zu Hilfe zu kommen. Auch sie war unsauber und klein, dafür aber mager, und waS die Nase ihres Gatten an Länge zu wenig, daS halte die ihrige an Schärfe zu viel. An der Spitze verlief ste, etwas nach links hängend, in einen Haken, so daß sie ungefähr wie ein Löschhorp für Kirchenlichter aussah.

WaS ihren Charakter betrifft, so hatte er die grüßte