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Ur. 27S.

Marburg, Sonnabend, den 22. November.

1878.

Oterhessische Zeitung.,

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Lar. durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sar. — Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr. berechnet. - Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

DrutscheS Reich.

#• Berlin, 20. Nov. Die dem Gesetzentwürfe über die Gerichtsordnung des deutschen Reiches bei gegebene „Begründung" ist, wie man erfährt, nur eine aggemeine und wird eine specielle dem Bundesrathe noch zugchen. — Noch immer werden über die Civil- ehe Enthüllungen in der Presse colportirt, welche nur geeignet sind, die Sachlage zu verdunkeln. Man möge doch endlich den so oft wiederholten Versicherungen Glauben schenken, daß niemals beabsichtigt war, sie in der Thronrede zu erwähnen, und daß das Gesammt Ministerium einstimmig von der zu abweisbaren Noth- wendigkeit sie anzuführen, überMgt ist. WaS die bekannt gewordene Bestimmung des Entwurfes, daß auch Geistliche mit der Führung der Civilstandsregister sollen betraut werden können, betrifft, so hat dieselbe in der liberalen Presse große Mißbilligung gefunden, «ährend aus der anderen Seite gerade ein radikales Blatt, wie die „Volkszeitung" keinen Anstoß daran nimmt. — Die Anträge des Centrums, die Dreiklassen­wahl und den Zeitungsstempel betreffend, haben von liberaler Seite fast überall die gebührende Abfertigung erfahren. Dasselbe gilt von der Interpellation des Herrn Windthorst, betreffend dir oberste Leitung des Staatsministeriums. Die „National-Zeitung" schreibt, daß ihm die „Provinzial Correspondenz" bereits eine Antwort ertheilt habe. Sicherlich ist die Geschäfts- dertheilung innerhalb des Ministeriums durchaus eine bilerne Angelegenheit drffelben und außerhalb der parla- «entarischen Centren. — An verschiedenen Stellen, namentlich am'Rhein, hat man neuerdings ans BimS ßeinsand und Trierischem Kalk sogenannte Schwemm­steine fabricirt, die bei richtiger Mischung ein vorzüg­liches Baumaterial abgeben und aus betten u. A eine ganze Reihe neuerer rheinischer Kirchen hergestcllt ist. Zn der letzten Zeit aber ist es z. B. in Coblenz und Trollen vorgekommen, daß daraus aufgeführte Gebäude in Folge Zerbröckelns der nicht in richtiger Mischung

fabricirten Steine eingestürzt sind. Eine Anzahl An dernacher Fabrikanten baten deshalb den Handels Minister, eine auf diesen Gegenstand bezügliche Polizei­verordnung zu vcranlaffen, dieser aber hat auf Bericht der Regierungen nur Gelegenheit genommen, diese auf zufordern, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Sache hinzulenken. — Rach den hier eingegangenen Meldungen bestehen zur Zeit Unterbrechungen der telegraphischen Verbindung zwischen England und Spanien auf der Linie Lizard Pointa-Bilbao, zwischen den westiiidischen Inseln Dominica und Marttnique, zwischen Batarano und Santiago auf Cuba, zwischen Shangai und Amoy in China, zwischen Zante und dem Peloponnese, zwischen Corsica und Sardinien, zwischen Arcona und Malmoö. Die Depeschen wer den in diesen Fällen, wenn es möglich ist, auf anderen Linien, sonst durch andere Betriebsmittel befördert.

Pofen, 19. Nov. Die „Ostd. Ztg." publicirt den authentischen Brief eines Geistlichen, welcher die hülflose Verwirrung schildert, die schon jetzt durch den Widerstand des Erzbischofs LcdochowSki entstanden ist. Zum Schluß heißt eö, die niedrige Geistlichkeit sehe es ein, daß der Erzbischof unterliegen müsse. Die Kirchengesetze enthielten .nichts, waS dem Glauben schade, und wegen der leeren Form der Mittheilung der Anstellung werde die Geistlichkeit ruinirt, daS Volk geschädigt und seiner Hirten beraubt werden. Diese Ansicht sei bei dem CleruS in der Provinz sehr ver­breitet.

Bonn, 18. Nov. Die Zeitung für daS höhere Unterrichtswesen macht folgende, wie sie behauptet, aus ganz zuverlässiger Quelle geschöpfte, höchst wichtige Mittheilmig: „ES ist als sicher zu betrachten, daß die gegenwärtige Realschule I. Ordnung alS „Real­gymnasium" die volle Universttätsberechtigung durch das bevorstehende preußische Unterrichtsgesetz empfangen wird. Die Vorlage dieses Gesetzes kann freilich mög­licherweise erst in der übernächsten Sitzung Statt

finden. Daneben sollen lateinlose Anstalten mit Be­rechtigung für den einjährigen Dienst für ihre Abituri­enten eingerichtet werden."

Karlsruhe, 20. Nov. Der Landtag wurde heute durch den Großherzog eröffnet. Die Thronrede betont bezüglich des deutschen Reiches, daß die badische Regierung auf die naturgemäße Entwickelung der ge­meinsamen deutschen Angelegenheiten unter Wahrung der berechtigten Sonderintereffen der Einzelstaaten hin­wirke und kündigt folgende Gesetz-Entwürfe an: Ueber Modification der Gemeinde-Ordnung, Einführung des obligatorischen Fortbildungs-Unterrichts, Gehalts-Er­höhung der VolkSschullehrer, Gewährung von Woh­nungs-Zuschüssen an alle Angestellten deS Staates und Aufbesserung der Ruhe- und Witwen - Gehalte. Die Finanzlage wird als eine erfreuliche bezeichnet. Das Budget pro 1874/75 schließe in vollkommenem Gleichgewicht ab, ohne daß eine Steuer - Erhöhung oder die Znhülfenahme außerordentlicher Mittel noth- wendig werde. AuS dem Antheil an der französischen Kriegs > Contribution habe an die Amortisationskaffe ein Ueberrest überwiesen werden können, der ihrer ge- sammten verzinslichen Schuld gleichkomme. Schließlich wird ein Gesetzentwurf über Einführung einer allge­meinen Einkommensteuer und über Umgestaltung des Capital-Steuergesetzes angekündigt.

Stuttgart, 20. Nov. Bei Berathung des Etats des Ministeriums des Auswärtigen motivirt Minister v. Mittnacht die Vereinigung des auswärtigen Ministeriums mit dem Vorsitz im Ministerrath. Die­selbe sei prakttsch und zweckmäßig und komme den Wünschen der Kammer entgegen. Abg. Hölder an­erkennt die reichsfreundliche Haltung der Regierung, er wolle, um dem Ministerium Angesichts der bevor­stehenden Entscheidung über den Lasker'schen Antrag keine Schwierigkeiten zu schaffen, für das provisorische Fortbestehen der Gesandtschaften stimmen, behalte sich aber eine künftige Ablehnung vor. Abg. Pfeiffer

i x Ei» Schrei.

| Novelle von Edmund Hoefer.

(Schluß statt Fortsetzung.)

„Und da kam ihre erste Kugel daher und fegte uns durch das Tauwerk, jedoch ohne Schaden zu thun, »ährmd unsere Antwort ihre Gaffel abschoß und ihren großen Mast noch tüchtig anstreifte. Hatten wir sie uvch nicht gehabt, so waren sie jetzt unser, und es bedurfte nur noch den Kampf um das sie oder wir. - Und wir kamen hinan," sprach er weiter, nicht »xhr erregt, sondern mit einer gewissen Starrheit und

finsterem Ernst in allen vorhin bald so verzerrten, bald so ruhig-gleichgültigen Zügen seines Gesichts. .Unb wir kamen hinan, und die Lagen folgten sich wsch, und die Enterhaken fielen, und wir waren an einander geschmiegt, wie ein Liebespaar in seiner zärt- ^hsten Stunde."

„Daß wir siegen würden, wußten wir, aber ebenso 8»t auch, daß uns der Sieg nicht leicht sein würde. Denn die Burschen dort am Bord waren so gut wie *« durch eine ernste, derbe, blutige Schule gegangen; « war Keiner darunter, der -nicht feine richtigen Proben bestanden, und daß der Conde sie zu führen bestand, hatten wir mehr als einmal erfahren. Und I» kam eS denn auch. Es war daS kein Kampf wie "w Bord eines armen KauffahrerS, der sich ein bischen Widerspenstig zeigte, das Fell sich von uns über die yren ziehen zu taffen. Hier stand Mann gegen ®iann, der Hieb traf auf einen Hieb, der Schuß aus

Schuß, und das Blut stoß aus gleichen Wunden."

„Und dennoch half es ihnen nicht. Wir fielen Mein in ihre Haufen wie ein Donnerkeil und trieben auseinander, vor uns her, hin über daS Verdeck, Mein in die Luken, über Bord, und ich gelangte an bot Conde, den heillosen Verräther. Sein Säbel Hlug aus mich nieder und schnitt durch den Hut wie

Mester in meinen Kopf, so daß ich taumelte."

-„DaS war der Anfang der Narbe, die Ihr da «er meinen Schädel seht, Knabe. — Aber das war 8ut ein Moment! Und dann fuhr ihm auch schon *tin Dolch in die Brust, und ich stieß den Stürzen-

mit dem Fuß zur Seite und schrie ihm nach:

„Geh' hin, verräthischer Hund I" — Und dann stürzte ich unter dem wilden Jubel meiner Gesellen fort, die Leiter hinab, in die Kajüte, wo ich sie suchte, die so lange das höchste Kleinod meiner Erdenschätze gewesen."

„Sie war auch da. Mit dem Kopf in die Kissen gedrückt lag sie auf dem Divan und sah nicht auf bei meinem Eintritt. Aber als ich ihr ihren Namen zu­rief, fuhr sie empor, pfeilgerade, hoch und schlank, und starrte mich an mit brennenden Augen, als sei ich ein Gespenst, und strich sich langsam die losen, langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, die ihr wirr um die Schultern fielen, und dann stammelte fie Etwas, was da klang wie: „So will mir die heilige Jung­frau nicht verzeihen!" — Und dann schlug sie die Hände oot ihre Augen und stürzte rücklings wieder auf die Polster."

„Was ich mit ihr gethan hätte — ich weiß es nicht; vielleicht hätte ich sie ermordet, vielleicht auch liegen lasten. Denn neben allem Haß hatte ich auch eine rasende Verachtung in mir gegen das Weib, das so sich von mir zu einem Anderen gewendet. Aber da stürzt mein Steuermann herein und schreit: „Kapitän, die Dido steht uns auf sechs Meilen nahe!" —

„Unb dem Boten folgt ein zweiter und er ruft: „Salvirt Euch, Kapitän, daS Schiff brennt lichterloh vom Raum auf!" —

„Unb so vergeß ich Alles, bis auf meine alte un menschliche Liebe zu ihr; ich springe zu ihr, ich reiß sie in meine Arme; sie windet sich auf wie ein Wurm und ringt und ruft: „Laßt mich los, Sennor, laßt mich los, Don Jorge! — Ich will nichts von Euch, blutiger Mann! Barmherzigkeit!"

„Recht hatte fie", unterbrach er sich, und ein höhnisch Lächeln zuckte über sein Gesicht; „blutig war ich; cs lief mir das Blut über das ganze Gesicht von des Conde Hieb; und so vornehm sah ich sicher nicht aus, wie sein blondlockiger, blauäugiger, heuch­lerischer Figurenkopf, bevor ihm mein Dolchstoß das Blut aus den Wangen jagte. Ich mag anzuschauen gewesen sein wie der Teufel! Glaub's schon! Unb ein wenig fester hielt ich sie auch, als mit Liebes armen, benn sie sträubte und wand sich wie eine

Schlange, unb Zeit zum Zartthun hatte ich nicht. Denn ba ich bie Leiter hinaufeilte, erstickte ich beinah schon im Rauch unb die Flammen leckten mir an den Fersen.

„Ich stürze auf'S Verdeck, ich springe hinüber in den Feuerstrahl, ich rufe: „Räumt daS Schiff! Los mit den Enterhaken! Alle Mann an die Segel!" Und meine Leute drängen sich mir nach — ich sage Euch, Knabe, es ist kein Spaß mit einem lodernden Vulkan zur Seile, bet wer weiß wie viel Gentner Pulver im Leibe hat, unb wir hatten Itoch gar kein Verlangen nach solcher Himmelfahrt!

„Unb wie bie Enterhaken fallen unb wir uns langsam abdrehen, wie ich die noch immer ringende Teresa eben hinab unb in Sicherheit bringen will — ba hebt sich brüben am Steuerrabe, wo er gestürzt, plötzlich aus bem Dampf unb Rauch unb ben zün­gelnden Flammen lang und hoch die schwankende Gestalt des Conde unb starrt zu uns herüber mit gläsernen Augen unb streckt die Atme auS unb ruft mit hohlem, bebendem Ton: „Teresa!

„Und in demselben Augenblick reißt sich daS Weih unwiderstehlich aus meinen Armen — ich kann sie nicht halten! — Sie ist schon los, wie ich nach ihr' hasche — schon fort. Unb sie stößt einen Schrei aus, einen Schrei, daß eS unS wie ein Dolchstoß bis in'S Herz schneidet, baß eS wie Stahl durch Mark und Bein geht, baß wir leichenblaß stehen, benn eS war übermenschlich, wie baS klang unb schnitt! Unb mit einem einzigen Sprunge fährt sie über Bord unb in bie Wellen. —

»Als wir ihr nachstürzen, verschwindet ihr Gewand schon in der Tiefe. — Meine Leute hielten mich zurück, baß ich ihr nicht nachsprang, unb ich bin bann finnlos niebergeschlagen".

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, sein Kopf situk auf die Brust, unb er saß mehrere Minuten regungslos. Selbst fei» Athem schien still zu stehen.

Endlich erhob er wieder den Kopf unb schüttelte ihn leise, fuhr mit ber Hanb über Stirn unb Auge unb setzte bann plötzlich feine Erzählung fort „Zeit -um Ohnmächtigsein hatte ich aber nicht, 'S war auch