Marburg, Mittwoch, den 19. November.
1873
Ur. 272
Oberhessische Zeitung
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bet AuSwanberung nach Brasilien, durch welche bie Auswanderer meistens in eine Kuli:artige Knechtschaft gerochen, gewarnt worben. Den gleichen Zweck verfolgt eine jüngst erschienene Broschüre eines Herrn Dr. H. Lohentke, welche bie bortigen Verhältnisse lebhaft unb in ihrer ganzen Gefährlichkeit barlegt. Der Minister beS Innern hat beßhalb eine große Anzahl von Exemplaren bieser Druckschrift erworben unb sie an bie Behörden zur weiteren Verbreitung vertheilt. — Dem Bunbesrathe ist ein Gesetzentwurf zugegangen, bemzufolge bie Apothekergehilfen fortan in jebem bcut- schen Staate serviren können unb ihnen biese Lehrzeit überall in Anrechnung gebracht werben muß.
— 17. Nov. Die „Norbb. Allg. Ztg." melbet bezüglich beS Hirtenbriefes bes Bischofs von Nancy, ber am 3. August von ben Kanzeln auch ber zu Deutsch« lanb gehörigen Kirchen ber Diöcesen Nancy unb To ul verkünbigt würbe unb worin zu Gebeten für bie Wiebervereiniguug von Metz unb Straßburg mit Frankreich aufgeforbert ist: baß bie kaiserlichen Gerichte gegen biejenigen Geistlichen in beutschen Bezirken, welche ben Hirtenbrief verlesen haben, eingeschritten ftnb, unb baß bie kaiserliche Regierung Schritte bei ber französischen Regierung betreffs beö unter beten Jurisdiction stehenden Bischofs gethau hat. Das Blatt fügt hinzu: Es bleibe abzuwarten, ob bie französische Regierung bem Bischof von Nancy bie gebühren»? Zurechtweisung ertheilen werbe. Jebenfalls biete sich eine Gelegenheit, unzweideutig barzuthun, baß bie französische Regierung solche Aufwiegelungen unb Be: brohunge» bes guten Einvernehmens mit anderen Staaten für unerlaubt halte und mißbillige. — Der „Reichs-Anzeiger- melbet, baß bie Besserung im Befinden bes Kaisers erfreulich fortschreite. — Die „Norbb. Allg. Ztg." erwähnt, baß ba« Staatsministerium mit ber Detailberathnng eines CivilehegesetzeS beschäftigt sei.
BreSla«, 17. Nov. Der Kronprinz beS beutschen Reichs unb von Preußen ist gestern Nachmittag aus hiesigem Bahnhofe der rechten Oderufer - Bahn eilige- troffen unb von ben Spitzen ber Militär- unb Civil- behörben empfangen worben. Derselbe setzte nach
'^sltaü^S^N^^ißer^n^erktägen^ch^önn-midFeiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22t Sgr., durch bie Postümter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 6gt. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende Auslunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. — Sümmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
nichts; ich weiß nicht, ob ich zu gut spielte, oder ob sie was Andres im Kopf hatte, daß sie nicht Acht rarauf gab. Sie war kalt, wie zuvor, sie ward weder durch meine Liebkosungen noch durch den Abschied berührt. Sie war ungeduldig — sie wollte mich los sein! Und der Zorn füllte meinen Kopf mit immer wilderet Glut, so daß ich eilen mußte, davonzukommen.
„So lebe wohl, Herz meines Herzens!" sagte ich nach dem letzten Kuß, „laß mich Dich in Deiner Lieblichkeit wiederfinden bei meiner Rückkehr! Unb nun — ä la mano de Dios! - Juno soll mir gleich bie Wäsche bringen." Unb bamit ging ich unter ben Palmen, hin bem Hafen zu, unb bie Dime folgte mir nach wenigen Secunden mit bem Pack frischet Wäsche, wie sie eö bei jebet Ausfahrt zu thun gewohnt war.
„Als ich an Bord kam unb mit bem Steuermann sprach, tarn sie bereits mir nach. „Ttag's in bie Kajüte, Juno", befahl ich. „Die Wache soll sie nicht wiebet herauslasien. Werft das Brett ab, Leute an bie Segel unb hinaus mit mis." Unb zu Lionel, ber am Lanbe meiner Befehle harrte, sagte, ich, inbem wir ablegten, er möge aufpaffen unb gute Ausschau halten lasten auf etwaige Signale, wenn ich wiebet zurückkomme. Der Sennora solle er sagen, Juno sei von ber Laufplanke gefallen unb von ben Haifischen zur Nachtloft verspeist worben.
Meine Leute waren verwundert, ober zu sagen wagten sie nichts; hatten auch zu viel zu thun, da bie Segel mittlerweile in bie Höhe gingen unb sich füllten und wir durch das Hafenbecken hinauöschosten. Da ging ich hinab unb nahm mit bas heulenbe WeibSbilb vor.
ES kostete nicht getabe befonbere Künste, sie zum Reben zu bringen. Das erste drohenbe Wort: „Nun, SDu'gelbe Hexe, Du willst mich also mit Deiner Herrin betrügen?" — stützte sie wie ein schlagenber Blitz heulenb zu meinen Füßen, und als ich nur erst ihr
wissen nichts Unrechtes webet von ihm noch von ber Sennora. Unb wir müßten's boch gespürt haben, Sir. Sinb wir benn allein blinb unb bumm? — Wenn Jemanb etwas weiß, so ist eS Juno" — so hieß eine Mulattin, bie Teresa zu ihrem Dienst um sich hatte — „sie folgt ber Sennora wie ihr Schatten. Weiber müssen sich ausreben, Sir", setzte er hinzu; „bie Sennora hat sicher zu bet Dirne gerebet".
„Da preßte ich bie Fäuste zusammen unb gab ihm nach; mein Plan war gemacht.
„Genug!" sprach ich unb schüttelte seine Hanb ab unb steckte ben Dolch in bie Scheibe. „Geht an Lotb unb laßt sie zur Ausfahrt parat sein; ich segle in einer halben Stunbe".
„Kapitän", jagte er „sie ist ein Weib!"
„Bin ich Euch als ein Bluthunb bekannt?" fragte ich bagegen. „Fort, unb wie ich besohlen. Ihr bleibt in ber Nähe, baß ich Euch bie Befehle für meine Abwesenheit geben kann". Unb bamit wandte ich mich ab und schritt meinem Hanse zu, um noch mit Teresa zusammen zu fein, wie ich es mir auSgesonnen. ES waren noch etwa zwei Stunden bis Sonnenuntergang, und wenn ich mich hastete, konnte ich am Abend noch mit der Ebbe und dem Landwinde durch den Hafen bis an die Klippen kommen, und in ber Frühe des folgenden Morgens in See gehen.
„Knabe, es war daS Erstemal, baß ich gegen sie Etwas heuchelte, was nicht in mir war. Ich war luftig unb kosete mit ihr, nachbem ich von meiner neuen Fahrt gesagt; ich neckte unb ich lachte, wie ein glückseliger Mensch — unb im Innern gab es boch nichts als Zorn unb auf Rache finnenben Grimm O, die Liebe unb ber Haß machen den.Menschen zu Allem fähig, selbst zu bem, was sonst weit ab liegt von seiner Natur. Das hab' ich ba gespurt, benn wie ich auch war unb bin, heucheln unb lügen hab' ich nie gekonnt, als dies eine, dies einzige Mal in meinem ganze» Leben. — Teresa verstand davon
hauseS wird von manchen Seiten als eine sogenannte Strike ber altconservativen Partei bezeichnet. Die liberale Partei kann biefen Kunststücken indessen um so leichter den Garaus machen, als gerade durch die Ultras der Rechten erst kürzlich die zur Beschlußfähigkeit des Hauses auf eine nöthige Anzahl von 60 anwesenden Mitgliedern rebucirt ist. UebrigenS wirb burch solche Ereignisse nut bie Reform des Herrenhauses von Neuem näher gelegt, welche keineswegs ganz von ber Tagesorbnung abgesetzt ist, wie vielleicht bie Herren von Kleist unb Gen. glauben.
** Berlin, 16. Nov. Die „Germania" fährt in ihren Kommentaren zu bem Buche Lammarmoras fort. Daß sie trotz aller Dementis habet bleibt, neben Herrn von Bismarck fei nur Herr von Roon im Ministeritzm für ben Krieg mit Oesterreich gewesen, versteht sich bei bem bekannten Charakter beS Blattes von selbst. Zum Ueberflusse mag es bann noch einmal gesagt sein, baß baS gejammte Ministerium mit alleiniger Ausnahme beS Herrn von Bodelschwingh die Bismarck'sche Politik mit aller Kraft unterstützte und dieselbe grabe in bieser Unterstützung ihre größte Kraft sand. Weiter erzählt bie „Germania", baß bie gejammte Armee bem Kriege wiberftrebt habe, trotzdem sie boch selber zugiebt, daß ihr Vertreter in ber Regierung, der Kriegsminister, denselben gewollt. Woher übrigens bie „Germania" ihre Kunbe hat, sagt sie nicht. Anberen Leuten ist bekannt, baß in der preußischen Armee seit den Ereignissen von 1850, feit dem Tage von Ollmütz, eine tiefe Erbitterung gegen Oesterreich herrschte und baß Niemanb zauberte, als eS galt, die Ehre bet preußischen Waffen von Neuem zu betätigen. — Das Befinben des Kaisers hat sich bedeutend gebessert, so daß der Monarch sich schon mehrfach wieder mit den Details der RegierungS- angelegenheiteu beschäftigen konnte. — Herr von Blanckenburg hat Berlin wieder verlafsen, so daß man wohl annehmen darf, daß bie mit ihm wegen lieber» nähme beS landwirthschajtlichen Ministeriums geführten Verhanblungen gescheitert sinb. Man wirb gut thun, den jetzt neu auftauchenden Kandidaten zuerst mit einiger Vorsicht zu begegnen. — Schon öfters ist vor
So stand er eine geraume Zeit regungslos, nur Meilen hörten wir ihn einmal tief Luft holen unb seine Zähne an einanbet knirschen, und ich erschrak in mir förmlich vor diesem Abgrund der Leidenschaft, der mir au« dem Innern des Mannes immer gewal- tiger entgegengähnte. Sprechen mochl' ich nicht, unb «nch der Wirth war still, nur baß er hie unb da höchst bedenklich ben Kopf schüttelte unb bie leeren Naschen zu überzählen schien, bie auf /inem Neben- tische standen, bis endlich ein neuer Windstoß noch heftiger al« die vorigen gegen die Laden fuhr und den Alten zu den Worten bewegte: „DaS ist ein bar- dnischcS Wetter D
Da ließ Vicent bie Hände vom Gesicht sinken, schüttelte sich, setzte fich wieder und fuhr, nachdem er Noch einige Augenblicke in'S Licht gestarrt, dennoch i’rt, und ich möchte sagen, Ton unb Weise waren »och kälter al« früher. Es mochte auch wohl ber tontraft gegen ben letzten AuSbruch fein, ber es mir ’’ erscheinen ließ.
„Hört nur weiter", sprach er. „Als ich baS also «rnommen und anfgefahren, wollte ich fort zu ihr, di» ich jo rajenb geliebt, die sich mir jelbjt an ben $>»14 geworfen, bie mich so rasend betrog — unb ich dar schon ein paar Schritte fort, bevor Lionel mir springen, mich zurückhalten konnte. „Laßt mich l«s!" schrie ich und riß meinen Dolch heraus, „ober Är seid beö TobeS!"
„Aber seine Faust lag wie ein Schraubstock um «einen Arm unb seine Antwort war: „Immerhin, Kapitän; jo kühlt Euch mein Blut vielleicht ab, baß 3hr vernünftig werbet. WaS Wollt Ihr? Sie er» «erben? Bebenkt, Wer sie anjchulbigt — ein rachsüchtiges altes Weib! Unb der Conde flieht ja die Leiber, wie wir wissen. Unb Ihr und ich — wir
Ein Schrei.
Novelle von Edmund Hoefer.
(Fortsetzung.)
## «Berlin, 17. Nov. Die Besserung des Kaisers schreitet in erfreulichster Weise vor, so baß berselbe eine gewohnte Thätigkeit nach unb nach wiebet auf- rimmt. Doch schreiben bie Aerste noch immer eine große Schonung vor. — Nach einer hies. Correspon- tau soll bie Rückkehr bes Fürsten Bismarck am 26. h M. erwartet werben. Es ist höchst unwahtschein lich, daß sich biese Nachricht bestätigen wirb. Eine andere aus einer bekannten rabkalen Feder stammende Korrespondenz erzählt ihren Lesern, die letzten Vet- inberungen im Staatsministerium seien ohne jedes Zuthun des Fürsten Bismarck erfolgt, auch für die Thronrede könne derselbe nicht im Geringsten verant- »ortlich gemacht werben. Es liegt auf ber Hanb, doß dies müssige Erfinbungen sinb. Die Thronrede hot auch dem Fürsten zur Genehmigung Vorgelegen, überhaupt besteht zwischen bem Staatsministerium unb seinem neuen Leiter ein sehr reger täglicher Verkehr. — Graf Roon wirb seine Wohnung im Kriegsministerium noch nicht heute, wie mitgetheilt wurde, sondern nach einer Verabredung mit Herrn v. Kamecke erst künftigen Dienstag räumen, um sich bann zuerst «ach Wien unb weiter zu einem längeren Aufenthalte
j ttch Italien zu begeben. Bei bieser Gelegenheit soll i »och einmal barauf hingewiesen werden, daß dem scheidenden Minister überall die wärmften Nachrufe jemibmet werben, unb baß sich selbst rabicale Blätter ■teil üttcon nicht ausschließeii. — Graf Eulenburg hatte <xli‘ heute anläßlich be« bet Vollendung entgegenreifenben Entwurfs einer Provinzialordnung eine Konferenz mit hervorragenden Abgeordneten, von denen uns die Herren von Bennigsen, Friedenthal, von Köller, Lasker unb Haebler genannt werben. Man wirb sich erinnern, baß ber Minister in ähnlicher Weise auch bei bet Aufstellung der Kreisorbnung verfuhr unb bamit Vieles erreichte. Somit wirb bas gleiche Verfahren wohl auch bei biefem neuen Falle feine Früchte tragen unb bars man die anscheinend dadurch bewirkte Verzögerung nicht beklagen, ba dieselbe nachher leicht wieder ein- gcholt werben kann. — Die gleich zum Beginn ber Session eingetretene Beschlußunfähigkeit des Herren
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