1873
ZUarkmrg, Mittwoch, den 12. November.
ffr. 266
Oierhessische Zeit»«g
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Hin Schrei.
Novelle von Edmund Hoeser.
(Fortsetzung.)
Wir waren seit einiger Zeit in einen Kursus über Schiffsbau und Schiffstakelung gekommen, und Vicent hatte mir vorhin zur bessern Anschaulichkeit und .Explikation" ein großes Schiff mit allem Stangen- und Tauwerk mit Kreide aus den Tisch „geschrieben", von der großen Raa bis zur Oberbramraa und vom Spanker bis zum Außenklüver, so daß eö theils wirklich hübsch, theils höchst instructiv war. Und nun saß er mir schweigend gegenüber, den Rock aus- gezogen wie gewöhnlich und die Manschetten seines seinen Hemdes zurückgeschlagen von dm braunen Händen. . . E
Und ich seh' ihn noch, wie er dasaß, dm Kopf auf die Hand gestützt, das kraftvoll-männliche und doch wieder gutmüthige Gesicht unbewegt, das blaue scharfe Auge bald zur Zeichnung gesenkt, bald mit einem gedankenvollen, man könnte sagen, abwesenden Blick zu mir, zu den Fenstern, dem Rauch nach erhoben. Der Zug um dm Mund, die leichten Furchen quer über die hohe Stirn, die frei gezogene graue Augenbraue — daS Alle« sprach wohl von dem Lebens crnft und dm reichen Erfahmngm des weit umhcr- getriebmen Mannes; aber man las kein Unglück, keine Härte, nichts Schweres und Sorgenvolles heraus, wie man es doch sonst an falten Schifferköpfen begreiflicherweise so ost findet. Man sah'«, der Mann war in gefaßter Ruhe, in vollem Frieden. Und das Licht unserer Lampe fiel im scharfen Strahl aus dm
Deutsches Reich.
— Berlin, 10. Nov. Wie man erwartet, wird der „Staatsanzeiger" heute Abend die Königlichen Verordnungen, die Veränderung im Staatsministerium betreffend bringen, welche, wie man hört, gestern unterzeichnet worden sind. Die Entlassung des Grafen Roon enthält, wie man hört, eine Anerkennung seiner treuen, auch als Ministerpräsident geleisteten Dienste. Als Kriegsminister tritt selbstverständlich nunmehr General von Kamecke an seine Stelle. Die Eröffnung des Landtags findet, wie hier bereits mitgetheilt worden, durch Herrn Camphausen in seiner nunmehrigen Eigen schäft als Viceprästdent des Staatsministeriums statt, doch sind die näheren Modalitäten der Feierlichkeit, vielleicht wegen des noch immer nicht ganz gehobenen Unwohlseins des Königs, noch nicht definitiv festgesetzt worden. Se. Majestät ist allerdings so weit wieder genesen, daß der Monarch fast alle wichtigeren Regierungsgeschäfte erledigen kann, doch finden die regelmäßigen Vorträge noch immer nicht wieder statt. — Ueber die Neubesetzung des landwirthschaftlichen Ministeriums ist die Entscheidung noch nicht erfolgt. Wie es scheint, hat Herr von Blankenburg noch keinen endlichen Beschluß gefaßt. — Bekanntlich hat der Cultus- minister die Oberpräsidmten aufgefordert, ihm diejenigen Schritte zu bezeichnen, die sie der fortwährenden Renitenz der Bischöfe gegenüber für angezeigt hielten. In Folge der eingegangenen Berichte ist jetzt die Frage wegen der Einführung der Civilehe wieder in den Vordergrund getreten und wird die Regierung schon in der nächsten Zeit dazu Stellung nehmen müssen. — Es ist rühmend anzuerkmnen, daß die liberale Partei — natürlich von den verible leuenfauts terribles abgesehen — ihren großen Wahl Sieg sehr gemäßigt und mit politischem Takte hinnimmt. In früheren Zeiten würde man verkündet haben, der Augenblick sei jetzt gekommen, den Staat nach irgend einem Princip umzugestalten. Die gewaltigen Aufgaben d»S neuen preußisch-deutschen Staatslebens zwingen, den Blick auf reale Dinge zu heften. Uebereinstimmend erklären die Organe der nationalliberalen Partei, daß die nativnalliberalen Abgeordneten nicht in Opposition zur Regierung stehen würden, das hätten die Wähler mit ihrer Wahl nicht beabsichtigt und Niemand werde auf eigene Hand Politik treiben. Sin nationalliberales Blatt meint sogar, seine Partei stehe der gemäßigten Rechten weit näher, als an Männern der äußersten Linken. Solche Symptome können im Interesse des Vaterlandes nicht freudig genug begrüßt werden.
grauen Kopf, auf das braune Gesicht. Ich weiß noch, daß ich in dem Augenblick ernstlich bedauerte, kein Maler zu sein. Es müßte ein prachtvoll Bild gegeben haben in diesem Licht, in diesem Schatten.
Da ließ er die Hand auf den Tisch sinken, nahm die Cigarre aus dem Munde, trank sein Glas leer, füllte eS wieder, und da die Flasche leer war, rief er: „Wirthshaus, he alter Schnarchbär, wird'S bald? Die Flasche ist leer, Bursch, bring' uns immer noch eine neue! Sollst heul' Verdienst.haben."
Und als der Alte mit einer neuen Flasche aus dem Nebenzimmer zurückkam und sie geöffnet hinftellle, nippte Vincent von seinem Glase, daß er noch einige Tropfen hinemgießen konnte — denn er war in dergleichen von besonderer Aufmerksamkeit — daraus hieß er mich auötrinken und füllte auch mein Glas — und dann war er wieder schweigend mit einer neuen Cigarre beschäftigt.
Das fiel mir auf. Er war stiller als je und trank nicht mehr, aber anders als sonst: er stürzte von Zeit zu Zeil die vollen Gläser hinunter. Genirt halte ich mich ihm gegenüber niemals, und so sagte ich: „Was gibi'S, Kapitän? Es jst nicht ganz recht mit Euch 1"
Er streifte mich flüchtig mit einem leise lächelnden Blick, richtete dann daS Auge auf die Lampe, und ohne es von dort wegzuwenden, sprach er erst nach einigen Augenblicken: „Ja seht, mein Junge, der Mensch ist eine recht seltsame Kreatur. Ich hält' wohl Grund, zufrieden zu stin und ruhig zu bleiben", fuhr er fort und legte sich mit den beiden Armen
— 10. Nov. Der „Staats-Anzeiger" publicirt ein königliches Decret vom gestrigen Tage, wonach Feldmarschall Graf Roon auf seinen Antrag vom Präsidium des Statsministeriums entbunden, Fürst Bismarck auf's neue zum Präsidenten und Minister Cawphausen zum Vice-Präsidenten deS Staatsministeriums ernannt werden.
Lüneburg, 8. Nov. In gestriger sehr erregter Sitzung der städtischen Collegien wurde der definitive Beschluß gefaßt, das vielbesprochene „Rathssilberzeug" zu verkaufen und wegen des Verkaufs mit dem Handelsminister in weitere Verhandlung zu treten, welcher die Kleinode für das Gemerbemuseum in Berlin erwerben will und bekanntlich bereits 200,000 Thlr. dafür geboten hat. Im Magistrate ist dieser Beschluß mit Stimmengleichheit, wobei die Stimme deö Oberbürgermeisters Fromm den Ausschlag gab, im Bürger- vorsteher-Collegium mit 9 gegen 3 Stimmen gefaßt worden. Nur eins von den 37 Gefäßen, und zwar ein schwerer silberner, mit hocherhabenen mythologischen Figuren gearbeiteter Krug, welcher dem geistlichen Ministerium der Stadt Lüneburg im Jahre 1720 vom Bürgermeister Stöterogge geschenkt wurde, soll nicht veräußert werden, wahrscheinlich deshalb, weil er unter seinen Inschriften die ausdrückliche Bestimmung trägt, „daß er niemals in fremde Hände gelangen oder ver kaust werden solle". Uebrigens ist dieser Krug das jüngste und am wenigsten werthvolle unter den Kleinodien.
Braunschweig 6. Nov. Der Landtag hat in einer vertraulichen Sitzung eine Adresse an den Kaiser auf Veranlassung des kaiserlichen Schreibens an den Papst berathen und angenommen. In der gestrigen Sitzung wurde eine von zehn Mitgliedern unterzeichnete Interpellation an die Negierung folgenden Inhalts verlesen: Ob es der Regierung bekannt sei, daß lutherische, mit Staatsfunctionen bekleidete, zum Theil auch dem Kirchenregimente angehörende Geistliche des Herzogthums durch eine in öffentlichen Blättern zur Unterstützung der der Staatsgewalt und dem Kirchen regimcnte ungehorsamen hessischen Geistlichen erlassene Aufforderung den Widerstand derselben bestärken, und welche Stellung die Regierung diesem Treiben gegen über einnehme? Der Landtag ist übrigens einstweilen bis zum 2. December vertagt worden. — Eine Gesetzvorlage über die Ordnung des bäuerlichen Grund besitzes, bezw. der Höfe- und Anerben-Rcchts liegt dem landtägigen Ausschuß vor und soll, wie eS heißt, den berechtigst» Anforderungen der Neuzeit möglichst
umfassend Raum geben. Die Landesversammlung hatte im Frühjahr, unvermögend, selbst ein Gesetz dieser Art zu Stande zu bringen, die Vorlage eines Gesetzes beantragt, welches freie Veräußerung, Thei- lung und Vereinigung alles bäuerlichen Grundbesitzes zulassen, zugleich aber, soweit damit vereinbar, die Geschlossenheit der Höfe als Grundlage des Bauernrechts, insbesondere für Erbschaftsfälle, aufrecht erhalten sollte.
Darmstadt, 10. Nov. Die zweite Kammer be- hartte in ihrer heutigen Sitzung bei der Beratung des Schulgesetzes in allen principiellen Punkten auf ihren früheren Beschlüssen.
Heidelberg, 8. Nov. Au hiesiger Universität hat sich Dr. Hessel als Privatdocent der neueren Sprachen angmeldet. In Erinnerung der Leser ist wohl noch daß Dr. Hessel in London fälschlich deS Mordes angeklagt wurde. Nach seiner Freilassung wollte er sich in Brasilien eine neue Heimalh gründen, siedelte dann aber hierher über, da seine Frau das Klima von Rio de Janeiro nicht vertrug.
Ausland.
Wien, 9. Nov. Ueber die Weltausstellung wird demnächst ein officieller Bericht erscheinen. Derselbe zerfällt in drei Abtheilungen, von denen die erste eine Beschreibung der aus der Ausstellung zur Schau gebrachten 26 Gruppen, die zweite eine Schilderung der von den orientalischen und ostastatischen Völkern veranstaltete additionelle Ausstellung und die dritte ein Referat über die Thätigkeit der internationalen Con- gresse geben wird. Als Einleitung wird dem umfangreichen Werke die Geschichte der Wiener Weltausstellung, der Entwickelung ihrer Organisation und die Darstellung ihrer Gesetze und ihres Verwaltungskörpers vorausgeschickt werden. Ihrem Inhalte nach soll die amtliche Berichterstattung so geordnet werden, daß jeder Detailbericht in seinen kritischen und geschichtlichen Betrachtungen die letzte Pariser Weltausstellung zum Ausgangspunkte zu nehmen, das Referat auf die ausgestellten Gegenstände zu beschränken und nur dort, wo es der Stand der Wissenschaft und der industriellen Entwickelung gebieten sollte, die Lücken in der Ausstellung auszufüllen hat. In jedem Einzelbericht soll insbesondere auf die Handelsbewegung der einzelnen Artikel und auf die Fortschritte der Erzeugungs-Methoden Rücksicht genommen werden. Die Rcdaction der Special-Berichte soll geeigneten in der besonderen Branche besonders kundigen Gelehrten und Fachmännern übertragen werden. Die Gesammt - Redaction ist in
lässig auf den Tisch. „Ich hab' Unruh' genug im Leben gehabt und mich nach der Ruhe lang genug gesehnt. Und doch, wie ich Euch da das Schiff „hinschreibe", und wie es da draußen weht und tobt — Junge, Gott verdamme mich, aber ich sehn' mich nach meinem alten Leben draußen in Ser und Sturm, Gott verdamme mich!"
Er schlug mit der Faust auf den Tisch und sein Auge blitzte dunkel und heiß. Es war was Wildes in dem Blick, wie bei einem Thier, das längst gezähmt, plötzlich seiner früher» Natur sich erinnert. Ich hatte den Blick noch nie an ihm gesehen.
„Ja, Gott verdamme mich", fuhr er wieder fort, und stürzte fein Glas hinunter. „Das ist was! Ein flinkes Schiff, eine stramme Brise, ein offenes Lee, eine wackere Mannschaft — und ein Feind, der sich finden läßt! Seht, so hab' ich gelebt, und eS war beim Donner ein Leben, wie ich'S nicht bester möchte und wüßte mein Lebenlang I Und wenn ich nicht so ein alter halblahmer und einäugiger Hund wäre, und wenn ich wäre wie Ihr — kein Teufel brächte mich dazu, daß ich meine Knochen am Lande verfaulen ließ', wie jetzt. Aber es ist auS mit mir", brach er ab, indem er sich auch an die Stuhllehne zurücklegte und das Auge wieder ruhig ward, „weiß Gott, wo die Planken schwimmen, auf denen ich vordem stand I Die Kameradm sind auch davon — wo sind sie? Und ich habe mich zur Ruh' gesetzt."
Und ein Lächeln fuhr Über seine Züge, wie ich eS sonst weder an ihm, noch bei sonst Jemand gesehen, so verzerrte e« fein Gesicht in Bitterkeit, Hohn und