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Ur« 263 Nlarkurg, Sonnabend, den 8. November. 1873.
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UMeMsische Leitung.
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•• Berlin 1. Nov. Das Befind m des Kaisers ist in stetiger Besserung begriffen, so daß der Monarch bereits wieder die leichten Regierung« geschäfie erledigen kann. Vorträge nimmt er jedoch noch nicht entgegen, doch ist zu hoffen, daß das Unwohlsein in einigen Tagen ganz gehoben ist. — Die „Germania" ist über den Ausfall der Wahlen sehr zufrieden. Demnach scheint das ultramontanc Blatt nur noch sehr bescheidene Ansprüche zu stellen. Wenn eS auch wahr ist, daß die Ultramontanen, Dank den unablässigen Agitationen deS Klerus, mehrere Sitze gewonnen haben, so werden sie dafür diesmal ohne irgendwelche Bundesgenossen sein. Selten fft an einer Partei ein so vernichtendes Urtheil geübt, wie an jener conservativcn Fraction, die ihrem abstracten Princip zu Liebe den Interessen des Staates und Vaterlandes sich mit den Vertheidigern der römischen Hierarchie verbunden hatte. Von den Altconservativen der vorigen Legislaturperiode »erden nur drei wieder im Abgeordnetenhause erscheinen: die Herren von Wedell und Arnim-Heiu- richsdorf, sowie der eigentlich unqualificirtere Herr von Gerlach. Selbst die resignirte Erwartung der „Kreuzzeitung", dir alte Zahl von 11 altconservativen Mitgliedern würde wieder erreicht werden, ist nicht in Erfüllung gegangen. — Die „Germania" ist mit dem Leitartikel der „Provinzialkorrespondenz" über die Ereignisse in Frankreich sehr unzufrieden; sie weint, derselbe verhöhne daö monarchische Princip. AlS ob eS sich für die„Germania"in Frankreich um da« monarchische und nicht etwa das ultramontane, jesuitische Princip handle. Ihre Gesinnungsgenossen werden sich Jedem willig unterwerfen, der den Kreuzzug für das Papst- tijum gegen Italien und Deutschland unternehme, ob er nun der legitime Chambord, ein Sohn der Revolution ä la Napoleon oder die Republik selber wäre, wie fie dies [beweisen. Wenn die Jesuiten, welche den Königsmord gepriesen, je praktisch geübt haben, plötzlich von Ehrfurcht und Schwärmerei für da« monarchische Princip überfließen, muß man in der That lachm. Daß in Deutschland kein Patriot Ursache hatte, sich für die Candidatur des Grafen Cham-
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Gottfried Elwert f.
Nach überschrittenem 66. Lebensjahr hat der Tod nach langen und schweren Leiden die irdische Laufbahn unseres achtbaren Mitbürgers, deS Universitäts- Buchhändlers Elwert am 6. Novbr. d. I. beendet. Elwert war in Reutlingen am 27. September 1807
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geboren, im jugendlichen Alter, in Folge seines declamatorischen Talents, zum Studium der Theologie be stimmt, erlernte er doch in seiner Vaterstadt die Buch bruckerei im Hause seines Stiefvaters Heerbrand, und ging dann nach Cannstadt, um die Buchhandlung zu erlernen, conditionirte als Gehülfe in Ludwigsburg und Frankfurt a. M. bei Sauerländer, von wo er mit
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der Absicht die Krieger'sche Buchhandlung zu kaufen nach Marburg übersiedelte. Mit dem 1. Jan. 1830 kam dieses Geschäft — Buchhandlung und Buchdruckerei — in feinen Besitz. Konnte er in den ersten 40 Jahren seines Geschäftsbetriebs dem Geschäfte keinen besonderen Aufschwung geben, ja mißglückten ihm in dieser Zeit eigentlich alle seine zahlreichen Ver- lagSunternehmungen, so lag dieses weniger in seiner Thätigkeit als in den Verhältnissen der Zeit überhaupt Erft jm Anfang der vierziger Jahre nahm das Geschäft einen Aufschwung, der eS zu dem bedeutendsten Berlagsgeschäft in Heffen machte. VilmarS Literatur- gefchichte und VaugerowS Pandectcu würden Manchen Mr Vereinfachung seines Geschäfts getrieben und ihn deranlaßt haben, die eine oder die andere Branche ^bzugebm; anders war es aber bei Elwett, seinem com- plicirten Geschäft — Sortiments - und VerlagSbuch Handlung, Leihbibliothek, Papier- und Schreibmate- tialienhandlung und Buchdruckern — stand er mit unverdrossenem Fleiße vor und mit der größten Bereit- tbilligkeit nahm er auch fernerhin fast jedeVerlagsofferte an und hat dadurch manchem aufstrebenden Talent Bahn gebrochen, wenn er auch selbst oftmals nicht auf seine auSgelegteOKosten kam. Seine Gattin, Katharine, geb. Körner, ist ihm im Tode einige Jahre vorangegangen;
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bord, mag er auch sicherlich ein Ehrenmann sein, zu begeistern, da die ganze Agitation, die an bet Existenz seines Thrones arbeitete, ihre Spitze gegen Deutschland gekehrt hatte, freilich mit dem Beifall ^'„Germania" und ähnlicher edlen Seelen. —
Löwenberg, 30. Oct. Das Löwenberger Kreis- blatt bringt folgende Bekanntmachung des hiesigen LandrathsamteS vom 29. October: „Nachdem der Herr Fürstbischof von Breslau am 25. October c. dem Herrn Ober - Präsidenten unter Bezugnahme auf den § 2 deS Gesetzes vom 11. Mai d. I. die Mittheilung .hat zugehen lassen, daß nach dem Tode deS Pfarrers Tilgner in Lähn Gefahr im Verzüge obwaltete und für die Verwaltung der Pfarrei gesorgt werden mußte, da ferner der Ober - Präsident kein Bedenken trägt, die Gefahr im Verzüge anzuerkennen, so ist die Uebertrogung der Pfarr-Administration auf den KreiS-Vicar Nickisch von nun an als gültig anzusehen." Die Berufung auf dir Maigesetze von Seiten des Herrn Fürstbischofs ist ein erfreuliches Zeichen.
Köln, 6. Nov. Der zweite Guß der großen, 500 Centner schweren, für den Kölner Dom bestimmten Kaiserglocke soll am 11. d. M. im Gießhause des Herrn Hamm zu Frankenthal vorgenommen werden. Der erste Guß ist deßhalb mißlungen, weil auf die große Kraft der durch eine gewaltige Hitze expandirten eingezwengten Luft nicht die erforderliche Rücksicht genommen war. Weil für die Ableitung deS in dem Kern der Glockenform befindllchen bedeutenderen Quan- tumS Luft, welches durch die ungeheuere Hitze des in die Mantelform sich ergießenden flüssigen Metalls bedeutend über fein gewöhnliches Volumen expandirte, nicht die erforderlichen Abzugsrohren angebracht waren, mußte die den Kern umschließende Wand der Mantelform gesprengt werden, und das fließende Metall mußte so einen andern als den für dasselbe bestimmten Weg suchen. So konnte die Form des Mantels nur von einem Theil des flüssigen Metalls gefüllt werden. Der Guß dieses Theiles war in jeder Beziehung ganz tadellos, der Bauch rein und ohne alle Blasen; eben so waren die Inschriften und sämmtliche Ornamente
getrübt war sein Familienglück durch eine kinderlose Ehe, was aber eine desto stärkere Liebe und Anhänglichkeit an Kinder überhaupt bei ihm hervorrief, so daß es seine größte Freude war, ba» Kleinen Freude zu bereiten, und sein reiches Bilderbücherlager, Bilderbogen u. dgl. m. bot ihm hierzu hinlängliche Gelegenheit. — Als Gesellschafter besaß Elwert einen köstlichen Humor, sein Anekdotenschatz war unerschöpflich; wie er hierin seinen Freunden ein schmerzlicher Verlust ist, steht er aber in noch weit höherem Andenken bei den Unterstützungsbedürftigen unserer Stadt, er gab viel und gern und wußte in der Stille manche Thräne zu trocknen, möge ihm des Himmels Segen hierfür erblühen. Treue Pflege ward ihm während seines fünfzehnwöchigen schweren Krankseins von seinen Hausgenossen zu Theil, bis ihn ein sanfter Tod erlöste. Leicht fei ihm die Erde! —H.
Ei» Schrei.
Novelle von Edmund Hoefer*).
ES gibt Geldsorten, die der Staat für werthlos erklärt, die der Einzelne als falsch erkennt und die deffenungeachtet fortwährend von Hand zu Hand gehen; man hat sich eben an sie gewöhnt, sie bequem gefunden, und nimmt sie ruhig an und gibt sie ebenso wieder aus. Da indessen der Gelbwerth ein mehr oder weniger imaginärer und konventioneller ist uiib die betreffenben Stücke auch grobe nicht in großer Anzahl vorhanben zu sein pflegen, so ist bie Sache einestheilS ziemlich gleichgültig, anbererseitS würbe der Verlust auch im schlimmsten Fall ein nur geringer sein. Anders ist es ober mit hunderterlei Meinungen, Vor urtheilen und — Axiomen, die ganz ähnlich kurstren, vor der Vernunft nicht bestehen können und von dec Erfahrung widerlegt werden, und dennoch mit einer wahrhaft lächerlichen Pietät kultivirt, dennoch von
•) Nachdruck untersagt.
auf das Schönste ausgeprägt. Die neue Form ist vollendet und Alles ist zum Guß bereit. Der Meister lebt der feften Zuversicht, dgß der Guß jetzt recht gut gelingen wird und daß noch vor Beginn des Winters die Glocke an ihren Bestimmungsort gebracht werden kann. . • i
Wiesbaden, 4 Nov. Zu der Aufstellung über die Schulbildung der im Jahre 1871/72 eingestellten Ersatzmannschaften im preußischen Heere und in der Marine, bringt der „Rh Kur." folgende Ergänzung: Der Procentsatz von 0,53 für die Provinz Hessen- Nassau ist gegenüber den alten Provinzen allerdings noch immer ein mäßiger zu nennen, aber doch auffallend hoch nach den im vormaligen Herzogthum Nassau gemachten Erfahrungen. Nasiau durfte sich rühmen, daß kein bildungsfähiges Kind in seinen Grenzen ohne das vorgeschriebene Maß der Elemen- tarschul-Bildung verblieb. Die 1871 eingestellten Mannschaften bringen aber noch eine im vormaligen Herzogthum erlangte Schulbildung mit. Der wahre Sachverhalt ist auch dem entsprechend. Ist der Procentsatz in der ganzen Provinz 0,53, so ist derselbe im Stadtbezirk Wiesbaden nur 0.12, dagegen im Regierungsbezirk Kassel 0,85, d. h. im letzteren Bezirk waren unter 2101 Eingestellten 18 ohne Schulbildung, im Regierungsbezirk Wiesbaden unter 1652 nur 2.
A«S Mecklenburg 3. Nov. Die hiesige Auswanderung ist in der letzten Woche ebenso flott gegangen, wie in den beiden vorhergehenden. Auf der „Hol- fatia" haben sich am Mittwoch ab Hamburg 532, auf bet „Hammonia" am Sonnabenb 657 Mecklenburger nach Amerika eingeschifft, unb weitere 400 haben am Freitag ben Weg über Englanb genommen. Im vorigen Jahre sind 9000 Personen au« hiesigem Lande ausgewandert, in diesem Jahre werden es über 8000 werden. Der Uebetschuß der Geborenen über die Gestorbenen wird sich für Mecklenburg in diesen beiden Jahren auf etwa 10,000 belaufen, so daß die Abminderung der Einwohnerzahl 7000 beträgt. Die Auswandernden gehören aber zu mindestens 19/zo der (Hoffe der Landarbeiter an, deren Gesammtzahl in Einem dem Andern auf« gedankenloseste nachgeschwatzt und nachgeglaubt werden. ES ist einmal so angenommen l — ES ist so bequem, wenn man nicht eigene oder gar neue, sondern nur die alten Gedanken zu denken braucht!
Nirgends hat sich dies begreiflichetweiser klarer und bestimmter gezeigt, als auf dem Felde, welches für den menschlichen Geist am schwersten zu erfassen und zu durchdringen ist auf Erden — ich meine bei der Beurtheilung des inner» Menschen, in der Psychologie und Physiognomik. Ich will von der Entwürdigung schweigen, bie man bem gottentftammten freien Menschengeiste, bet Menschenseele ungebeten läßt, wenn man biesen unenblichen, biesen mannigfaltigsten, diesen edelsten Stoff über die natürlichen Schranken deS menschlichen und ErdendaseinS hinauS- treibt, wie Thon und Letten in eine Form zu kneten, in Schemata, in von armseligen Köpfm auSgeheckte noch armseligere Regeln sich zu bannen erkühnt. Ich habe eS hier nur mit der charamanten Kunst zu thun, die dem Menschen an der Nase ansehen will, waS er im Innern nicht nut gewesen und noch ist, sondern sogar was er all' fein Lebtage fein und werden wird.
Wenn man schlöße: wer Tag ein und auS brummt, tobt und finster ist, bet wirb am Enbe auch überall nicht mit solchen Augen bich ansehen, wie Einet, der stets lächelt unb heiter breinschaut — so möchte bas Etwas für sich haben. Aber man schließt im (Segen- theil: wer finstere Augen hat, der ist auch finster, ber ist böse, bet ist gefährlich, der ist grausam, ein Ungeheuer und Gott weiß was noch. Und man gehe nur einmal in bie Welt unb beobachte felbftanbig und redlich! Wie Viele findet man äußerlich schlaff, kalt, glatt — und sie find dennoch der größten Erregung, der höchsten Energie fähig! Und wie Viele scheinen schon ein Dutzend Menschen verspeist zu haben und das zweite Dutzend verspeisen zu wollen — und find innerlich sanft wie Lämmer und traitobel