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Jfr« 262 Marburg, Freitag, den 7. November. - 1878.
Oberhessische Zeitig.
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ich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 324 Sgr., durch dir 27 Sgr. (erd. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland exd. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — der Expedition zu ertheilcnde Auskunft und Annahme von Adreffen werden 24 Sgr. berechnet. - Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Nov. Die heutige „Provinzial- Correspondenz" bringt einen längeren Artikel „Monarchische Versuche in Frankreich", und sagt darin: Die Folge des Rücktritts des Grafen von Chambord ist zunächst eine neue tiefe Verwirrung der Verhältnisse in Frankreich. Nach dem Scheitern deS monar chischen Versuchs bleibt nichts Anderes übrig, als die einstweilige Fortdauer der republikanischen Staatsform. Zm ersten Augenblick meinten die monarchischen Parteien trotz der Weicherung des Grafen Chambord die Monarchie aufrichten zu sollen, wenn auch vorläufig ohne König und nur mit einem Statthalter, wozu sie einen orleanö'schen Prinzen zu berufen vorhatten. Aber für diese Auskunft wäre kaum eine Mehrheit zu falben gewesen; sie scheiterte überdies an der Erklärung bet Prinzen von Orleans, daß sie eine solche Stellung gegen den Wunsch deS Grafen von Chambord nicht übernehmen würden. Die Parteien der Rechten haben nunmehr beschlosfen, Behufs möglichster Sicherung einer stetigen konservativen Politik die Präsidentschaft des MarschallsMacMahon aus eineReihe von Jahren zu verlängern. Obwohl die Linke, welche bisher im Gegensätze gegen die beabsichtigte Aufrichtung der Monarchie ihrerseits die Verlängerung der Regierungsgewalt Mac MahonS vorgeschlagen hatte,, so wird doch eine an» dere Lösung für den Augenblick kaum möglich sein. Gleichviel aber wer zunächst an der Spitze der Regierung steht, so werden die Fragen über die weitere Gestaltung der republikanischen Einrichtungen, über die Fortdauer oder Auflösung der Nationalversammlung jetzt nach dm lebhaften Aufregungen der letzten monar- chischm Campagne vermutlich noch heftigere Kämpfe Hervorrufen, als es sonst der Fall gewesm wäre. Dmtschland hat der merkwürdigen jüngsten Entwickelung in Frankreich, obwohl die leitenden Geister derselben auS ihren Absichten und Hoffnungen gegenüber dem deutschen Reiche vielfach kein Hehl machten, mit der zuversichtlichsten Ruhe folgen können. Im Bewußtsein unserer Kraft und im Hinblick auf die Lage der mropäischen Politik können wir mit vollster Unbefangenheit und Aufrichtigkeit den Wunsch im In teresse Frankreichs hegen, daß es dem Lande gelingen möge, wieder zu Einrichtungen zu gelangen, welche ihm eine ruhige innere Entwickelung möglich machen und es vor thörichteu Unternehmungen nach außen bewahrm.
— In der Staats - Druckerei ist man, nach der „Soff. Ztg.", gegenwärtig sehr eifrig mit dem Druck des Etats beschäftigt, damit derselbe so bald als möglich dem Landtage nach dessen Zusammentritt vorgelcgt werden kann. So weit die Specialetats von dem Staatsministerium durchberathen sind, sind sie auch bereits für den Druck in Arbeit genommen, einige sogar bereits vollendet. Der Hauptctat, welcher sich gegenwärtig noch bei dem Staatsministerium in Be- rathung befindet, dürfte vielleicht erst in nächster Woche festgeftellt werden können. Sobald dieser vollendet ist, wird er ebenfalls in den Satz gehen, und er dürfte zunächst ohne die Specialetats zur Ausgabe gelangen.
— Der militärische Berichterstatter der „Schl. Pr." schreibt am Schluffe eines längeren Berichts über die sehr günstig ausgefallenen Schießversuche mit den neuen Geschützen, welche am 20. v. M. vor dem Kaiser stattgefunden haben, daß seit etwa einem Monat die Umformung des Artillerie-Materials mit dem größtmöglichsten Eifer betrieben wird; man ist in maßgebenden Kreisen entschlossen, in diesem Winter die Neubeschaffungen so weit zu fördern, um nöthigenfalls im nächsten Frühjahr die gesammte Feldartillerie mit Geschützen neuer Construction ausrüsten zu können. — Auch ist anläßlich jenes SchießversuchS der Allerhöchste Befehl ergangen, sämmtliche reitende Batterie» mit den neuen Geschützen auszurüsten und in Folge dessen die Ordre nach Essen gelangt, die hierzu nöthige Zahl — 380 Geschütze (für 45 Batterien und 16 Ersatzbatterien) — schleunigst anzufertigen. WaS die übrige Feld-Artillerie betrifft, so ist man darüber jetzt schlüssig geworden, den gejammten Fuß-Batterien ein einziges schwereres Kaliber zu geben; ob daffelbe aber 8,8 oder 9,65 Cm. betragen wird, ist noch immer nicht definitiv entschieden, doch sollen die meisten Stimmen sich für das erstere aussprechen. Der Cor. respondent theilt dann noch mit, daß man von Ein- führung des Chafsepot Carabiners bei der Cavallerie gänzlich Abstand genommen hat, dagegen gilt die Einführung des Armee-Revolvers, wie ihn z. B. oie österreichischen Ulanen führen, bei unfern Kürassieren und Ulanen für wahrscheinlich.
Pofe», 2. Nov. In der gestern Abend stattgefundenen außerordentlichen Generalversammlung des BorschußvereinS wurde von der Revisions-Commission die Mittheilung gemacht, daß, wie Prokurist Feldmann jetzt nochmals reumüthig gestand, nicht 60,000 Thlr.,
Der Drichbauer.
Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Schluß.)
Er ging. Der Deichbauer hatte sich schon früher zur Ruhe begeben, und auch Marie legte sich jetzt schlafen. Gewaltsam wollte sie jede Besorgniß von sich scheuchen. Immer und immer kehrten ihre Gedanken darauf zurück. Selbst im Traume verfolgten sie dieselben. Ihr Schlaf war ein unruhiger.
Sie erwachte wieder. Wie lange sie geschlafen, wußte sie nicht. ES war still im Hause, aber Plötz lich hörte sie leise Tritte vor ihrer Thür. Sie glaubte sich getäuscht zu haben, sprang aus dem Bette und horchte. Deutlicher vernahm sie die Tritte. Eine Thür wurde geöffnet, wie eS schien, mit Gewalt.
Sie dachte nur an den Deichbauer. Sollte derselbe unwohl geworden sein? Hastig warf sie einige Kleidungsstücke über und verließ ihre Kammer.
AuS dem Zimmer, in welchem des Deichbauers Geldschrank stand, drang ihr ein Lichtstrahl entgegen Furchtlos schritt sie näher und trat in das Zimmer. Erschreckt fuhr sie zurück, als sie eine fremde Gestalt an dem Schranke beschäftigt sah.
Schon war sie indeß auch von der Gestalt, einem Manne, erkannt. Er sprang auf sie zu und hielt sie fest. In der Linken hielt er ein Licht. Auge in Auge trafen sie sich und mit einem lauten Aufschrei drohte sie umzusinken. ES war Franz, den sie, trotz seines verwilderten ZustandeS, sofort erkannte.
Mit glühendm Augen beugte er sich über das halb ohnmächtige Mädchen.
„Marie!" rief er, „Deinetwegen bin ich zurückgekehrt. Es hat mir drüben keine Ruhe gelassen. An Dich habe ich immer gedacht! Komm, fliehe mit mit l"
Er wollte sie umfassen; aber sie raffte alle Kräfte zusammen und stieß ihn zurück.
„Fliehe!" rief sie, mit Mühe das Wort hervorbringend.
„Nicht ohne Dich! — Wie schön Du geworden bist!" Um seinen Mund zuckte ein fast teuflisches Lächeln.
„Du bist ja meine Braut. Haha! Dein Vater war böse, weil er glaubte, ich liebe ein anderes Mädchen, als Dich; — ich liebe nur Dich allein, darum sollst Du auch allein mein sein!"
Gewaltsam wollte er sie umfaffen.
Sie besaß nicht mehr Kraft genug ihn zurückzustoßen. Ein lauter Hülferuf rang sich von ihren Lippen; dann sank sie bewußtlos nieder. — Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Bette.
Marie glaubte anfangs, nur einen wilden, düsteren Traum gehabt zu habm — aber der Deichbauer saß an ihrem Bette, und sein Auge ruhte besorgt auf ihr
Immer deutlicher trat das Erlebte wieder vor sie hin, und unwillkürlich schauderte sie zurück. — Ver- gebens drang der Deichbauer in sie, ihm Alles zu erzählen. Allein das Mädchen gab auf keine feiner Fragen Antwort und bat ihn flüsternd, er möge ihr jetzt Ruhe gönnen, später solle er Alles erfahren.
Er ließ Marie Zeit zur Erholung, und da bereits der Morgen hereingebrochen war, mochte er sich nicht wieder niederlegen. In seinem Zimmer saß er und sann nach, wer die Verwegenheit gehabt haben könne, in sein Haus einzudringen.
sondern 80,000 Thlr. von Gerstel und ihm entwendet worden sind, von denen er nur etwas über 30,000 Thlr. verbraucht haben will. Die Bilanz, die hierauf verlesen wurdej, weist, da der Verein 42,000 Thlr. Vermögen besitzt, eine Unterbilanz von ca. 40,000 Thlrn. auf. Die Decharge wurde, da möglicherweise sich nachträglich noch Verluste Herausstellen können, auf Antrag eines Mitgliedes der Revisions-Commission nicht ertheilt. Hierauf wurde die Liquidation einstimmig angenommen und als Liquidatoren die Herren Kaufleute Paul Andersch und Leopold Goldenring, sowie Rechtsanwalt Mehring gewählt, welche mit der Abwickelung sämmtlicher Geschäfte betraut worden sind. Bei einer zur Deckung der Verbindlichkeiten vorgenommenen Zeichnung wurden 19,700 Thlr. zusammengebracht, theils in Baarem, theils in Sola-Wechseln acht Tage nach Sicht zahlbar. Es sind 40,000 Thlr. zur Absolvirung der Verpflichtungen erforderlich; die Commission sprach die Hoffnung auS, den Rest anderweitig aufzubringen. — Ein Telegramm vom gestrigen Tage meldet: „Die nölhigen Gelder für den hiesigen Vorschußverein sind jetzt beschafft. Die Zahlungen werden nunmehr wieder aufgenommen und mit der Liquidatton begonnen werden."
Hannover, 4. Nov. Mehrere der streng kirchlichen Richtung angehörende Geistliche der lutherischen Kirche in unserer Provinz veröffentlichen eine Erklärung, in der sie offen die Partei der renitenten hessischen Geistlichen ergreifen und ihnen Unterstützungen in Aussicht stellen. Die Erklärung lautet im Wesentlichen: „Ihre (der renitenten 40 Geistlichen) ganze Existenz steht auf dem Spiel, und schon haben sich an anderen Orten Vereine zur Unterstützung der Betroffenen und ihrer Familien gebildet. Scheint uns nun auch die Zeit noch nicht gekommen zu sein, wo eS Pflicht für uns wird, den Bedrängten mit unseren Gaben Handreichung zu thun, so glauben wir doch nach dem Wort des Apostels: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit", die Erklärung nicht länger zurückhalten zu dürfen, daß wir unS mit ihnen eins wissen in der Ueberzeugung von der Nothwendig- keit, der Kirche ihr eigenes RechtSgebiet zu schützen. Dabei hoffen wir noch immer, daß den hessischen Brüdern schwerere Trübsal erspart werden, erklären uns aber für den Fall, daß sie dennoch kommen, schon jetzt bereit, die unS alsdann zu ihrer Unterstützung etwa anvertrauten Gaben anzunehmen und zu verwalten."
Noch saß er sinnend da, als ein Knecht des jungen WaldbauerS bestürzt zu ihm in'S Zimmer stürzte und ihm mittheilte, daß sein Herr ihn bitten laste, sofort zu dem Waldhofe zu kommen. Erschrocken sprang er auf. Ein Unglück mußte geschehen sein, sonst würde ClauS nicht so früh zu ihm geschickt haben. „ Er drang in den Knecht und dieser erzählte ihm, daß fein Herr am Tage vorher einen verdächtig auSsehen- ben Burschen aus dem Waldhofe bemerkt habe. Da er befürchtete, derselbe könne etwas Böses gegen ihn im Sinne führen, so habe er mit ihm und noch einem Knechte die Nacht durchwacht. Nach Mitternacht hätten sie den Burschen sich dem Waldhofe nähern sehen. Er habe einige Bündel trockenes Holz mit sich getragen und dieselben in einem Schuppen des Waldhofes niedergelegt. Dann habe er sich Feuer angezündet, und cs sei ohne Zweifel gewesen, daß er den Waldhof habe in Brand stecken wollen.
Ehe er indeß dazu gekommen, seien sie aus ihrem Versteck hervorgcsprungen und hätten ihn ergriffen. Er habe sich vergebens mit der Kraft der Verzweiflung zur Wehre gesetzt. Sie hätten ihn in das Haus gebracht, allein er habe jede Auskunft über sich selbst und sein Vorhaben verweigert.
Um ihn in Sicherheit zu bringen — fuhr der Knecht fort — bis er heute Morgen dem Gericht hätte überliefert werden können, wurde er in das Erkerzimmer deS Hauses geschafft, und die Thür ver- schlosten und von Außen verriegelt, so daß ein Entweichen unmöglich gewesen sei. Plötzlich sei das dumpfe Geräusch eines schweren Falles zu ihnen gedrungen. Erschreckt seien sie aufgesprungen und vor die HauSthüre geeilt, woher das Geräusch gekommen.