Mr. 261 Markurg, Donnerstag, den 6. November. 1873.
Oderhesfifche Ze!t»«g.
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Deutsches Keich.
** Berlin, 4. Nov. In dem Befinden Sr. Maj. des Kaisers ist eine Besierung eingetreten; der hohe Patient hat eine ruhige Nacht gehabt und in Folge dessen Erleichterung gefühlt; die Aerzte haben jedoch auf alle Fälle strenge Schonung und Vorsicht empfohlen; es ist daher wenig Aussicht vorhanden, daß die Eröffnung des Landtags durch den Kaiser persönlich werde erfolgen können. Wahrscheinlich dürfte der Finanzminister Camphausen, dessen Ernennung zum Stellvertreter des neuen Ministerpräsidenten man bis zu dieser Zeit entgegensieht, zur Eröffnung des Landtags berufen werden. — Gleichzeitig mit der definitiven Reorganisation des Staatsministeriums erwartet man auch die Entscheidung über die neue Besetzung des Landwirthschaftlichen Ministeriums, und in gut unterrichteten Kreisen zweifelt man nicht, daß Blankenburg designirt sei. — Aus Frankreich gehen die glaubwürdigsten Meldungen ziemlich übereinstimmend dahin, daß der „legitime König" seine weiße Fahne nunmehr ruhig wieder hin legen oder alle Zeit in die Ecke stellen könne; zwischen dem lilientreuen legitimistischen Schwärmer und der großen konservativ monarchischen Parthei hat sich eine allzu tiefe Kluft gebildet, als daß ein Ausfüllen derselben noch zu denken wäre, damit hat dagegen die einer dauerhaften monarchischen Regierung auf sicheren Grunglagen geneigte Stimmung keineswegs an Einfluß und Aussicht verloren. — Im nächsten Landtag wird die Regierung nach der jetzt sich darbietenden Ucbcrstcht auf eine compacte Majorität rechnen können, wenn auch die Clericalen einige Sitze in Westphalen und Schlesien gewonnen haben, die Altconfervativen «erden bedeutend reducirt auftreten Und dadurch um so mehr Deranlaffung haben, ihre Allianz mit den Eleriralen aufzugeben.
— 4. Nov. Eine königliche Verordnung vom heutigen Tage beruft dm Landtag der Monarchie auf den 12. November ein.
— Ueber die Umgestaltung des Ministeriums und die Art, wie dir Beschlüsse darüber zu Stande ge kommen sind, berichtet das „D. Wochenbl." weiter Folgendes: Obgleich aller Wahrscheinlichkeit nach die
Der Drichbaver.
Criminal-Novrlle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Lange war Claus mit sich selbst uneins gewesen. Aber mehr und mehr war es ihm ins Herz einge- wachsm, und je fester er die Liebe in seinem Herzen verschloß, um so höher loderte sie dort empor. Der Entschluß stand endlich in ihm fest, Alles aufzubieten, um Marie zum Weibe zu erlangen.
Auch jetzt übereilte er nichts, sondern besprach erst seinen Entschluß mit seinem Vater. Erst als dieser eingewilligt hatte, machte er sich auf, um mit dem Deichbauer über seine Absicht zu sprechen.
Auf das Freundlichste empfing ihn der Deichbauer. Konnte er doch keine Ahnung haben von dem, was ihn zu ihm führte.
„Was habt Ihr?" fragte er.
Jetzt theilte Claus ihm offen mit, daß er Marie liebe, und glaubte, nur mit ihr glücklich werden zu könne». Nun er einmal sein Geheimniß enthüllt, sprach er mit aller Beredtsamkeit.
Schweigend hörte ihn der Deichbauer an. Eine leichte Blässe hatte seine Wangen überzogen. Das hatte er nicht erwartet — von ihm am wenigsten.
„Ich bin nicht des Mädchens Vater", erwiderte er endlich zögernd. „Ihr wißt selbst, wie viel ich dvn dem Mädchen halte; aber das Eine bedenkt, Claus, ste ist eines gewöhnlichen Mannes Kind, sie hat nichts, was sie Euch ins HauS bringen kann, als fich selbst und ein paar fleißige Hände!"
„Das weiß ich", unterbrach ihn der junge Dlann. »Mein Herz hat sich längst für ste entschieden, ich
jetzt in nächster Aussicht stehende Veränderung schon seit-dem Augenblicke, wo der Wunsch des Grafen v. Roon nach Entbindung von seinen Aemtern als un- besieglich erschien, in Erwägung gezogen wurde, so scheint doch die erste nähere Besprechung zwischen dem Fürsten BiSmarck und dem Grafen Eulenburg erst an dem Abende des 15. October, welchen der Fürst, von Varzin kommend, hier zubrachte, von wo er am 16. früh nach Wien weiterreiste, stattgefunden zu haben. Ob Fürst Bismarck Herrn Camphausen schon an diesem Abend gesprochen, darüber haben wir weder in den Zeitungen irgend eine Notiz gefunden, noch sonst etwas in Erfahrung gebracht und wenn man die Kürze der Zeit, welche der Kanzler hier zubrachte, in Erwägung zieht, so ist eine Unterredung mit Herrn Camphausen an jenem Tage sehr unwahrscheinlich, dagegen jedenfalls anzunehmen, daß der Herr Finanzminister durch den Grafen Eulenburg von den Verhandlungen in Kenntniß gesetzt worden ist. Der Herr Kanzler hat dann erst auf der Rückreise von Wien Gelegenheit gehabt, Sr. Majestät Vortrag zu halten und er hat nach seiner Rückkehr hierher sowohl mit dem Grafen Eulenburg, wie mit Herrn Camphausen Unterredungen gehabt. Wenn wir unterrichtet sind, so hat ferner am 26. October nicht, wie die Zeitungen berichteten, Graf Eulenburg und Herr Camphausen, sondern nur der erstere eine Audienz bei dem Kaiser gehabt. Der Verlauf der Angelegenheit hat nun aber jedenfalls dahin geführt, daß nach dem Rücktritt dcS Grafen v. Roon von seinem Posten als Minister Präsident und Kriegsminister der Kanzler wieder zum Präsidenten deS preußischen Staatsministeriums, Herr Camphausen dagegen zum stellvertretenden Präsidenten ernannt wird twb daß die Veröffentlichung der allerdings erst noch zu erwartenden Allerhöchsten Cabinets ordre unmittelbar nach den Abgcordnetenwahlen stattfinden wird. Was die Geschäftstheilung zwischen dem künftigen Ministerpräsidenten und dem Stellvertreter desselben betrifft, so wird der Erstere sich lediglich an denjenigen-Angelegenheiten betheiligen, wo preußische und Rcichsintcressen in unmittelbare Berührung treten und wo eö nöthig sein mag, prinzipielle Divergenzen zu verhüten, während im Uebrigcn die Leitung deS preußischen Ministeriums vollständig in die Hände des Herrn Camphauscn gelegt werden wird.
— Die Reichsregierung wird nunmehr in Ausführung des Art. 8. deS ReichömünzgesetzeS mit der
trachte nicht nach Geld. Meinem Vater habe ich schon Alles mitgetheilt".
„Und ist er damit zufrieden?" fragte Homann ungeduldig.
„Ja"-
Der Deichbauer kämpfte mit sich. Gönnte er irgend einem Manne das Mädchen, so war es Claus; allein er vermochte den Gedanken noch nicht zu fassen, sich von ihr zu trennen. Er war schwach in dieser Beziehung.
„Claus", sagte er, „Ihr rechnet vielleicht darauf, daß mich das Mädchen einst beerben wird, allein ..." — Der junge Mann legte, ihn unterbrechend, die Hand ihm auf den Arm.
„Nein, darauf rechne ich nicht, auf mein Wort nicht. Der Waldhof gehört mir, er ist schuldenfrei und so schlecht ist er nicht, daß ich nicht Frau und Familie von ihm ernähren könnte, ohne daß je Noth und Entbehren eintrete. Das wißt Ihr selbst, Homann. Geht es mir gut, so hoffe ich sogar noch zurückzulcgen, und auch von meinem Vater werde ich einst noch erbeir. Mir ist eS lieb, daß das Mädcheu nichts hat; weiß es doch nun, daß ich nur aus Liebe seine Hand begehre".
Der Deichbauer streckte ihm seine Rechte entgegen. Er fand nicht sogleich Worte, um auszudrücken, was ihn bewegte.
„Schlag ein!" sagte er endlich. „Wahrlich, ich laste das Mädchen ungern von mir und mag nicht daran denken, daß sie von mir geht; aber Euch mag ich sie nicht vorenthalten, weil Ihr es ehrlich mit ihm meint und ich Euch zu gut kenne. Ihr werdet
Außercourssetzung der Landesgoldmünzen vorgehen, und zwar soll dieselbe mit dem ersten April 1874, eintreten, von welchem Tage Niemand mehr zur An» nähme von solchen Goldmünzen verpflichtet ist. BiS zum 1. Juni sollen diese Goldmünzen eingezogen sein; von da nehmen sie die Landeskassen auch nicht mehr zur UMwechSlung an. Preußische Friedrichsd'or und kurhessische Pistolen gelten hierbei 17 Mark, die süddeutschen 10- und 5-Guldenstücke, die Dukaten, würt- tembergische ä 23 Gulden und 500 Kreuzerstücke werden nach dem Nennwerthe umgerechnet. Der Entwurf zu der betreffenden Bekanntmachung ist dem BundeSrath vorgelegt.
Königsberg, 31. Oct. Die „K. V.-Z." bringt einen vom 11. Januar d. I. datirten interestanten Erlaß des CultuSministers Dr. Falk an die Mitglieder der altkatholischen Kirchen-Gemeinde in Königsberg zu Händen des Polizeiraths Jagielski daselbst. Die gedachte Gemeinde hatte bei dem Cultusminister den Antrag gestellt: zu bewirken, daß allen Gemeinde-Angehörigen, welche die vaticanischen Bcschlüste vom 18. Juli 1870 nicht als Dogma anerkennen, die Mitbenutzung der der katholischen Gemeinde zu Königsberg gehörigen Kirche, der Kirchen-Geräthschaften, deS Geläutes und des BegräbnißplatzeS zu gottesdienstlichen und seelsorgerlichen Zwecken unter Zuziehung eines die neue Glaubenslehre nicht anerkennenden katholischen Priesters eingeräumt werde. Diesem Antrag, erwidert der Minister, könne seinerseits nicht entsprochen werden. Insoweit der Antrag aus daS Eigcnthumsrccht der genannten Gemeinde und die den einzelnen Mitgliedern der letzteren wegen der Mitbenutzung der Kirche rc. zustehende Befugniß begründet sei, handle eS sich um eine privatrechtliche Frage, deren Entscheidung nicht im Aufsichts-, sondern nur im Rechtsweg erfolgen könne. Ebensowenig gebe daS PatronatS- recht den erforderlichen Anlaß, eine dem obigen Antrag entsprechende Regelung der Verhältniste herbei- zusühren. Denn die Befugnisse deS Patrons beschränkten sich, abgesehen von der im Gesetz speciell bestimmten Mitwirkung bei einzelnen Acten der kirchlichen Vermögens Verwaltung, auf eine allgemeine Kontrole der Kirchen Vorsteher. Ein selbstständiges Verfügungsrecht, insbesondere gegen den Willen der letzteren, stehe dem Minister nicht zu. Diese Angelegenheit läßt sich eben nur auf dem Wege der Gesetzgebung regeln.
Schwerin, 1. Nov. Nach einer heute erschie-
es nie bereuen; daher laßt ste auch "nie ihr Herkommen fühlen!"
Er stand auf und trat an das Fenster. Marie schritt so eben über den Hof und nickte ihm freundlich lächelnd zu. Er hätte sich umwenden und jedes Wort zurücknehmen mögen, daS er so eben gesprochen. Er blieb fest. Wußte er denn, ob sie eben so gern bei ihm blieb? Hatte sie ClauS nicht vielleicht schon ihr Wort gegeben? Nein — nein! dann konnte sie nicht so heiter lächeln.
„Habt Ihr schon mit ihr darüber gesprochen?" fragte er hastig.
„Nein — noch kein Wort. Sie kann eS nicht ahnen. Ihr vertretet die Stelle eines VaterS bei ihr — deshalb habe ich zuerst mit Euch darüber gesprochen".
So wartet!" sagte Homann, „ich will eS ihr selbst sagen und sie mag Euch antworten".
Der Gedanke, daß sie sich weigern möge, durchzuckte ihn. Er trat zur Thür, um sie zu rufen.
Claus sprang empor, um eS zu verhindern.
„Jetzt nicht — jetzt nickt!" rief er. Hierauf war er nicht vorbereitet. „Laßt mich selbst — allein zu ihr sprechen!"
ES war zu spät, der Deichbauer hatte sie schon gerufen.
DaS Blut war dem jungen Manne in'S Gesicht geschosten. Der nächste Augenblick sollte über sein Lebensglück entscheiden. Verwirrt, ängstsich blickte er auf die Thür.
Da trat Marie ein, unbefangen und heiter. Von der Arbeit waren ihre Wangen etwa« mehr geröthet, als gewöhnlich — sie fah noch schöner aus als je.