Ur. 2SS
Marburg, Dienstag, den 4. November.
1878.
Oterhessische Leitung.
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Deutsches Keich.
## Berlin, 31. Oct. Die Gerüchte, welche nach dem Besuch unseres Kaisers in Wien über die bevorstehende Erledigung des Art. V des Prager Friedens in Umlauf gesetzt worden waren, sind von unS sofort alS verdächtig bezeichnet und in Zweifel gezogen worden und das mit vollem Recht, wie nunmehr versichert werden kann. Dcmenti's sind bereits von Kopenhagen, Wien und Berlin erfolgt. Die Urheber deS falschen Gerüchts habm auch nicht einmal dm Versuch gemacht, ihre Behauptung -aufrecht zu erhalten, und obgleich die Beziehungen zwischen Kopenhagen und Berlin neuerdings eine freundlichere Gestalt angenommen haben, ist damit eine Aenderung in Bezug aus den status oder die Ausführung des Art. V doch kaum zu erwarten. — Berliner Correspondenten haben gemeldet, daß die Reorganisation des Staatsministeriums in der bereits vielfach besprochenen Weise nunmehr zum Abschluß gekommen sei und die „D. Reichs-Corr." hat diese Behauptung mit derThatsache zu begründen gesucht, daß der Minister des Innern und der Finanzen gleichzeitig vom Kaiser empfangen worden seien. Sowohl diese thatsächliche Behauptung wie der daraus gezogene Schluß sind falsch. Seit dem bereits von unserer Seite gemeldeten Vortrag des Grafen Eulenburg beim Kaiser hat kein Empfang der Minister de» Innern und der Finanzen beim Kaiser stattgefunden, und die formelle Erledigung der Reorganisation des Staatsministeriums ist noch nicht erfolgt. Heute ist das Staatsministerium zur Erledigung der Landtagsangelegenheiten resp. Vorlagen zu einer Sitzung vereinigt gewesen, da selbstverständlich die gesüßten Beschlüsse noch der Genehmigung des Kaisers unterliegen, sind alle Berichte der Blätter über den Tag der Einberufung des Landtags, über die Thronrede und Eröffnung des Landtag« offenbar verfrüht. Man wird die Allerhöchsten Bestimmungen erst abwarten müffen. — Geh. Ober-Reg.-Rath Persius wird sich nach Schleswig-Holstein begeben, um mit dem Landtags-Ausschuß über den Provinzial- Fonds zu verhandeln. Daß bei dieser Gelegenheit auch die oder einige s. g. „Beschwerdepunkte" Gegenstand der Besprechung werden könnten, liegt nahe.
— 31. Okt. Der Kaiser hat die beabsichtigte Dresdener Reise wegen einer leichten Erkältung auf
gegeben und mit seiner Stellvertretung den Kronprinzen beauftragt, welcher sich Nachmittags 3% Uhr nach Dresden begeben wird.
Pofe», 1. Nov. Die „Posener Zeitung" veröffentlicht ein Schreiben Dulinski'S vom 30. Oktober, worin derselbe seine Behauptungen über die Unterschlagung von Collectengeldern beim Waisenhaus und über die Dorszewski'sche Angelegenheit aufrecht hält und erwähnt, daß wegen feines Protestes, die Wahl LedochowSki'S erst Ende 1865 vollzogen fei. Dulinöki bietet sich zum Beweise aller seiner Behauptungen vor einem competenten unparteiischen Gericht an.
BreSla«, 31. Okt. Bischof ReinkenS trifft heute zu einem mehrtägigen Aufenthalte hier ein.
Dresden, 31. Der Beisetzung der Leiche des Königs Johann in der Fürstengruft der katholischen Hofkirche wohnten außer dem König Albert und dem Prinzen Georg viele fürstliche Personen an, deren Reihe der deutsche Kronprinz, Prinz Alfred von England und Erzherzog Karl Ludwig von Oesterreich er öffneten. Sodann folgte der Großherzog von Baden, der Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar, der Erbprinz von Meiningen, die Prinzen Elimar von Oldenburg, August von Coburg, Günther von Rudolstadt, endlich beide regierende Fürsten von Reuß. Die prm- ßischen, bayerischen uud österreichischen Regimenter, deren Chef König Johann gewesen, waren durch Deputationen vertreten. Morgen wird Prinz Adalbert von Bayern erwartet.
Leipzig, 31. Okt. Bei der heustgen Rectorwahl sprach der neue Rector, Geh -Rath Schmidt, entschieden für die Rothwendigkeit eines einheitlichen deutschen bürgerlichen Gesetzbuches.
Meiningen, 31. Oct. Die Convertirung der 5procentigen Landesschuld hat die Zustimmung der meisten Gläubiger gefunden, so daß nur der geringste Theil die Rückzahlung des Kapitals begehrt. — Don der französischen Kriegsentschädigung, die für Meiningen etwa 800,000 Thlr. ergibt, sind 270,309 Thlr. bereits im vorigen Sommer eingezahlt und bet der „Mitteldeutschen Creditbank" zu 4 pC. deponirt wor« den. Die Regierung wird dem Landtag die Gründung von Kreisfonds Vorschlägen.
Stuttgart, 31. Okt. Auf die bereits gemeldete Interpellation wegen angeblicher Verhandlungen betreffend die Abtretung der württembergischen Post an das Reich erwiderte Justizminister Mittnacht als Jnterimsleiter des Auswärtigen und der Verkehrs
anstalten, daß die bezüglichen Zeitungsnachrichten voll« tändig erfunden seien.
AuSllUlll.
Wien, 31. Okt. Die „Neue freie Presse" meldet, Graf Chambord habe in Folge ungünstiger Nachrichten über die Restaurationsangelegenheit die Reise nach der französischen Grenze vertagt. Graf Chambord sei nicht zu bewegen gewesen, ein von dem fusio- nistischen Unterhändler Falloux aufgestelltes Manifest zu erlaffen.
— 1. Nov. Die amtliche „Wiener Ztg." veröffentlicht kaiserliche Handschreiben an die Erzherzöge Karl Ludwig, Rainer und Albrecht, worin der Kaiser denselben für die anläßlich der Weltausstellung ihm und dem Staate geleisteten vorzüglichsten Dienste feine vollste Anerkennung und seinen wärmsten Dank aus- spricht. Mil besonderen kaiserl. Handschreiben wurde dem Herzoge August zu Sachsen-Koburg, dem Fürsten Johann von Lichtenstein und dem Fürsten Adolf von Schwartzenberg anläßlich ihrer opferwilligen und teert« thätigen Förderung des Ausstellungs-Unternehmens die vollste Anerkennung und der wärmste Dank deö Kaisers ausgesprochen. Die amtliche Zeitung veröffentlicht ferner eine Reihe von Persönlichkeiten, Vereinen und Corporationen, welchen anläßlich ihrer Theilnahme an der Weltausstellung und Mitwirkung zu den Erfolgen derselben der Ausdruck der allerhöchsten Anerkennung bekannt gegeben oder allerhöchste Auszeichnungen verliehen wurden.
Pest, 31. Okt. Das amtliche Blatt veröffentlicht den Ausweis der Staatsausgaben und Einnahmen im Quartal Juli-September. Danach betragen die Ausgaben 49 Millionen, um 9 Millionen mehr als in der gleichen Periode des Vorjahrs mit 192,000 fl. weniger gegen den Voranschlag, die Einnahmen 31 Millionen, um 3 Millionen weniger, als in der gleichen Periode des Vorjahrs und 5 Millionen weniger gegen den Voranschlag.
Genf, 31. Oktober. Nach dem officiellen Bericht TurretinS an den Stadtrath über die Hinterlassenschaft deS verstorbenen Herzogs von Braunschweig beträgt das Aktiv Vermögen 20,510,000 FrS., di: Schulden 1,964,000 FrS. Zu ersterem kommt noch das „Hotel Beaujou" in Paris im Werthe von 520,000 Frs. und Aktien von Eisenbahnen in Amerika und Deutschland, worüber später berichtet wird.
Paris, 1. Nov. Die Royalisten, welche noch vor wenigen Tagen sich ihrem Ziele so nahe glaubten, sind durch den bereits mitgetheilten Brief ChambordS
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Der Deichbauer.
: i Criminal-Novell- aus dem Volksleben von
Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Ruhig?" wiederholte sie. „Ihrem Körper hat der Tod nicht viel zu schaffen gemacht; denn sie war schwach bis zum Sterben, und Schmerzen hat sie nicht erlitten. Aber leicht ist sie auch nicht gestorben. Der Franz hat ihrer Seele viel zu schaffen gemacht. Mehr als einmal schien sie mir etwas mittheilen zu wollen; aber sie brachte kein Wort über die Lippen".
„Sie hat Euch also nichts mitgetheilt?"
„Nicht ein Wort. Früher, ehe sie krank war, hat sie wohl gesagt, eö fei Alles unwahr, was über Franz gesprochen werde und der.Waldhüter ausgesagt habe".
„Hat sie Euch nichts an mich ausgetragen?"
„Nichts I Sie glaubte, Ihr würdet selbst kommen; aber der Tod trat früher ein, als sie erwartet hatte.
Der Bauer mochte Sicht weiter fragen. War die Todt« vielleicht doch weniger schuldig, als er glaubte? Hatte er unrecht gegen sie gehandelt? Wer vermochte darüber zu entscheiden?
Rasch trat er noch einmal an die Todte heran und schloß ihr die Augen. Einige Sekunden ließ er den Blick auf dem bleichen Gesichte ruhen, dann ver ließ er daS Zimmer.»
Zwei Tage später wurde die Todte, zwar vom Waldhofe auS, aber doch mit allen Ehren der Deichbäuerin , zum Friedhöfe getragen. Ihr Mann folgte ihr. Der Tod hatte einen verföhnenden Einfluß auf ihn geübt.
Jahre waren entfchwunden. Vieles hatte sich in ihnen verändert.
Der Waldhof war fast nicht wieder zu erkennen. Nach dem Tode der Deichbäuerin waren die Gläubiger auf den Verkauf des Hofes gedrungen, und ein reicher Bauer hatte ihn für seinen Sohn erstanden. Der hatte die Wirthschaft mit kräftigen Händen und Mitteln angegriffen und Alles wieder in den besten Stand zurückgesührt.
Anfangs hatte der Deichbauer die Absicht gehabt, den Hof zu kaufen um die halb verfallenen Gebäude ganz niederzureißen und die Aecker mit seinem Hofe zu vereinen. Seine Freunde hatten es ihm wider- rathen. Und es rcuete ihn nicht, daß er seine Absicht aufgegeben, als er sah, wie sein Besitzer, ein junger Mann von kaum einigen zwanzig Jahren, den Hof so schnell wieder zu Ehren brachte.
Er selbst ging jetzt öfter wieder nach dem Waldhofe und freute sich über die Ordnung und das Leben, welches auf ihm herrschte. Sein Herz krampfte sich zwar.noch immer schmerzlich zusammen, wenn er an seinen Sohn dachte, indeß hatte sein Leben wieder eine ruhige Zufriedenheit, selbst Glück gewonnen, auf welches er schon für immer verzichtet hatte.
Marie war bei ihm geblieben und hatte in seinem Herzen die Stelle einer Tochter eingenommen. Je liebevoller er gegen sie war, um so mehr schien sie ihre Lebensaufgabe darin zu finden, Alles aufzubieten, um ihn mit der Vergangenheit auszusöhnen und ihm noch ein glückliches Alter zu bereiten.
Mit einer Umsicht, die ihn oft in Erstaunen setzte,
da sie in den einfachsten und dürftigsten Verhältniffen aufgewachsen war, leitete sie die ganze Wirthschaft, und obschon er sie als Hausfrau walten ließ, blieb sie dennoch stets bescheiden und zurückhaltend.
Stundenlang konnte er oft neben ihr stehen und ihr zuschauen bei der Arbeit, und Abends, wenn die Arbeit vollendet war, saß sie bei ihm und wußte ihn oft so aufzuheitern, daß sein lautes Lachen durch das ganze Haus schallte.
Früher hatte sich keiner der Burschen um die Tochter des Waldhüters bekümmert. Jetzt schritten sie öfter, als ihr Weg es verlangte, an dem Deichhofe vorüber, um das schöne Mädchen zu scheu. Der Deichbauer hatte keine Erben, und da er Marie an Kindes statt angenommen, mußte ihr auch der größte Theil seines Vermögens zufallen.
Mancher Bauer suchte sich hierüber im Jntereffe seines Sohnes Gewißhett zu verschaffen und den Deichbauer auszuforschen. Dieser hatte indeß längst bemerkt, worum es sich handelte, und blieb sich in feinen Antworten gleich.
„Das Mädchen ist- gut", erwiderte er, „eine treffliche Wirthin. Die wird sich durchhelfen, und wenn ich morgen die Augen schließe. Geld hat sie freilich nicht und wird eS auch nicht bekommen."
Das machte doch manchen kopfscheu, und daS^war deS DeichbauerS Absicht. Er hatte nicht Lust, sich von dem Mädchen zu trennen. Blieb Marie durch feine Schuld wirklich ohne Mann, so war er reich genug, ihr das hundertfach zu vergüten. Ohnehin war sie noch jung. Hätte sich ein rechtschaffener Bursch