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Der Deichbauer.
Criminal-Novelle aus dem Volksleben von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Alles!* rief sie endlich laut und ihr Auge glühte. AlleSI — Und auch Du weißt eS?"
„Ja".
„Es ist nicht wahr! Es ist erlogen! Dein Vater hat gelogen in der letzten Stunde feines Lebens!" fiel fi- heftig ein, und ihr Auge glühte, so daß das Mädchen scheu zurückwich.
„Marie — Mädchen I" fuhr sie ruhiger, fast deich fort; „Du hast ihn geliebt und er hat Dich geliebt — Franz liebt Dich noch — versprich mir, daß Du nie ein Wort davon sprechen willst, was Du gehört hast. ES ist erlogen! Schwöremir, daß, tetnn sie Dich vor Gericht fordern, Du sagen willst, Du wissest nicht« — Du habest nichts gehört, es fei nicht wahr! Es könne nicht wahr sein! Schwöre das I"
Weiter und ängstlicher wich das Mädchen vor ihr zurück. Das Auge der Frau blickte so unheimlich, düster.
Sie folgte ihm.
„Schwöre baß!“ rief sie, „oder —"
„Halt!" rief plötzlich eine Stimm», hinter ihr, und gleichzeitig legte sich eine feste Hand auf ihren 8tm, den sie drohend gegen das Mädchen erhoben hatte.
Sie wandte sich um und ihr glühender Blick be- Stgnetc dem festen Auge des WassermüllerS.
Einige Sekunden lang standen Beide regungslos einander gegenüber. Dann entzog sie heftig ihren klttn seiner Hand und fragte:
„Was wollt ihr?"
„Dies Mädchen schützen!" entgegnete der Müller ich. „Ich habe gehört, wie Ihr es einschüchtern Zolltet, damit es die Wahrheit verschweigen solle!"
Ihr Auge zuckte. Hätte sie eine Waffe zur Hand gehabt, sie hätte da« Aeußerste gethan. Ohnmächtig stand sie da. Von allen Seiten stürmte es auf sie ein, wie ein Fluch des Bösen überschüttete es sie und doch — doch wollte sie nicht nachgeben. Sie wollte sich halten!
Ohne ein Wort zu erwidern, wandte sie sich schnell ab und verließ das Zimmer und Haus.
Schluchzend suchte das Mädchen nun bei dem Müller Schutz, noch zitternd vor Schrecken, welchen die Frau ihm eingeflößt hatte. Ohne Weigern erzählte es ihm Alles.
Der Deichbauer war bei ihm vorgefahren und hatte ihn gebeten, sich des Mädchens anzunehmen und eS vorläufig in die Mühle zu bringen. Marie folgte ihm. Die Nacht allein mit dem Tobten in bem einsam gelegenen Hause, ber Schrecken burch bie Bäuerin — bies Alles hatte mächtig auf sie einge- wirkt!
Der Deichbauer fuhr währenb bem ber Stadt zu. Nur mit wenigen Worten hatte er bem Waffermüller mitgetheilt, was eS am Abenb zuvor von bem Waldhüter erfahren hatte. Kein Wort hatte er über seine Frau gesprochen, kein Wort über das, was er im Sinne hatte.
„Ich muß zur Stadt fahren", hatte er kurz auf des Müllers Frage, wohin er wolle und was er vorhabe, geantwortet; dann war er weiter gefahren.
Angclangt in der Stadt, ließ er Wagen und Pferde im WirthShause stehen und begab sich zum Richter. Ihm erzählte er Alles. Mit Aufmerksamkeit und Spannung hatte dieser ihm zugehört.
„Also habe ich mich doch in dem Burschen nicht getäuscht!" rief er. „Er fiel mir auf, und doch hielt ich eS für unmöglich, daß er sich so sehr werde verstellen können. Weshalb habt Ihr aber nicht sofort Anzeige gemacht, als er geflohen war?"
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Mr. 256
Marburg, Donnerstag, den 30. October.
1873.
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Deutsches Keich.
*• Berlin, 27. Oct. Fürst Bismarck ist gestern nach Varzin abgereist. Alle Mitlheilungen, welche die Wahrscheinlichkeit eines verlängerten Aufenthaltes des Reichskanzlers in Berlin ankündigten und damit die Erwartung verbanden, daß unter seiner Theil« nähme ein Ministerrath abgehalten werden würde, erwiesen sich als irrig. Sein Aufenthalt hat sich, wie ich schon im Voraus melden konnte, auf eine kurze Frist beschränkt und die Berathung bcS Staats- Ministeriums, welche heute stattgefunden, war mit der für dieselbe bestimmten Tagesordnung noch vor der Rückkehr des Fürsten angesetzt. Dieselbe soll sich übrigens nur auf Erledigung laufender Staats- ministerial-Geschäfte bezogen haben. Daß die kurze Anwesenheit des Reichskanzlers die Frage wegen der Oberleitung des Staatsministeriums bedeutend gefördert hat, unterliegt keinem Zweifel. Der Fürst hatte wiederholt mit dem Minister des Innern und dem Finanzminister Besprechungen, welche sich auf die Angelegenheit bezogen, und ebenfalls hielt Graf Eulenburg danach dem Kaiser einen längeren Vortrag. Eine formelle Erledigung ist jedoch noch nicht erfolgt und war auch für den kurzen Aufenthalt des Reichskanzler« nicht in Aussicht genommen. Dieselbe wird aber wohl vor dem Zusammentritt des Landtages erfolgen, und dürfte dann gleichzeitig auch die Personalfrage deS landwirthschaftlichen Ministeriums erledigt »erden. — Wenn es noch eines Zeugnisses bedurft hätte, um die Bedeutung der Wiener Zusammenkunft in ein Helles Licht zu setzen, so könnte man das in dem neuesten Leitartikel der „Vossischen Zeitung" finden, welche gegen ihre sonstigen Gepflogenheiten mit der gesunden öffentlichen Meinung in Bezug auf die Be urtheilung deS großen Ereignisses übereinstimmt. Auch die „Vossische Zeitung" erkennt in den Kundgebungen der Wiener Kreise eine Huldigung, welche der nationalen Politik unsere« Kaiser« und seiner Regierung dargebracht worden, einer „mit unvergleichlichem Er.
folge gekrönten Politik". Mit besonderer Lebhaftigkeit wird auch die günstige Aufnahme des Reichskanzlers in Wien hervorgehoben, der deS Urtheils der Nachwelt sicher sei, nachdem ihn die Mitwelt verstanden hat. — Nur die „Germania" sucht noch immer die Bedeutung der Zusammenkunft zu verkleinern, indem sie sagt, die Begegnung der beiden Kaiser sei ja nur ein Beweis des freundschaftlichen Verhältniffes zwischen beiden. Man braucht dagegen nur an den Trinkspruch deS Kaisers Wilhelm zu erinnern, der wohl eine so ernste und weittragende Bedeutung hatte, wie sie selten den bei festlichen Gelegenheiten gesprochenen Kundgebungen innewohnt.
— Nach §. 4 des Gesetzes über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen vom 11. Mai d. I. ist zur Bekleidung eines geistlichen Amts u. A. die Zurücklegung eines dreijährigen theologischen Studiums auf einer deutschen Staatsuniversität erforderlich. Unter einer solchen ist, wie der Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten in einem Spezialfall erklärt hat, die Universität eines zum Deutschen Reiche gehörigen Staates zu verstehen.
— 28. Oct. Der „Staats-Anzeiger" meldet: Dem Kaiser sind sowohl in Baden-Baden als auch noch in Schönbrunn zahlreiche Zustimmungs-Telegramme aus dem deutschen Reiche zu dem Anwort- brife auf das Schreiben des Papstes zugegangen. Der Cultusminister hat in einem Specialfalle erklärt, daß unter einer deutschen Staats-Universität, deren Besuch nach dem Kirchengesetz zur Bekleidung eines geistlichen Amtes erforderlich ist, eine Universität eines zum deutschen Reiche gehörigen Staates zu verstehen sei
— Die „Post" bringt folgenden Artikel: Supple« mentar-Bestimmungen zu den Kirchengesetzen, von denen vielfach die Rede ist, hält man in Regierungskreisen im Allgemeinen für nicht nothwendig, da man mit den gegebenen Mitteln vollkommen auszureichen glaubt. Nur für den Fall, daß der Conflict sich durch einen Zwischenfall verschärfen sollte, wird dem Landtag eine entsprechende Vorlage gemacht werden. Dieselbe würde dann vor Allem ein Gesetz enthalten, welches die Landesverweisung eines durch gerichtliches Urtheil aus dem Amte entlassenen Bischofs anordnet, falls er sich
weigert, seine Würde niederzulegen. Der §. 24 deS Gesetzes vom 12. Mai ordnet bekanntlich die AmtS- entsetzung an, wenn Kirchendiener sich so schwer gegen die Staatsgesetze vergehen, daß ihr Verbleiben im Amte Mit der öffentlichen Ordnung unverträglich erscheint. Sollte in einem solchen Falle die Aufforderung zur Niederlegung des Amtes erfolglos bleiben, so wird man selbstverständlich dem Bischof nicht etwa durch Gefangennahme ein vielleicht erwünschtes Martyrium verleihen sondern man wird ihm durch Landesverweisung die Möglichkeit entziehen, ferner gegen die öffentliche Ordnung zu agitiren. Was eine weitere vielbesprochene Ergänzung und Consequenz der Kirchengesetze betrifft, nämlich die Civilehe, so ist das Votum, welches die Posener Behörden auf Veranlaffung des Cultusministeriums abgegeben haben und welches die Regelung dieser Frage als ein dringende« Bedürfniß bezeichnete, von gewichtigem Einfluß auf die Entschließungen des Staatsministerims gewesen. Zwar faßt man diese Angelegenheit hier noch nicht, wie in verschiedenen Zeitungen gemeldet wird, als so dringend auf, daß man auf Grund des Nothstands Paragraphen der preußischen Verfaffung vorzugehen für geboten erachtet, sondern man glaubt noch den gewöhnlichen Weg des Gesetzes gehen zu können und wird dem Landtag, wie jetzt mit Sicherheit angenommen werdm darf, schon in der nächsten Session diese Materie zur Ordnung vorlegen. Das früher herrschende Dilemma, ob dieser Gegenstand durch die Reichs- oder die Landesgesetzgebung am besten geregelt würde, ist jetzt definitiv zu Gunsten des letzteren Modus entschieden.
Oldenburg, 24. Oct. Die Landessynode ist auf den 3. November zusammenberufen wordm. Zu den wichtigeren Vorlagen gehört der Entwurf einer neuen Ordnung der Cultus Handlungen. Aus der Mitte der Versammlung selbst sind Anträge zu erwarten, welche eine bessere Besoldung verschiedener Pfarrstellen, und ferner die Einsetzung eines Synodal- Ausschusses neben dem Oberkirchenrathe bezwecken.
München, 28. Oct. In der gestrigen Sitzung deS Schwurgerichts wurde der frühere Redactenr des „Volksboten", Schimpf, wegen Beleidigung deö Königs von Baiern zu zwei Monaten Gefängniß, der Re-
„Jch hatte noch keine Ahnung, daß er ein Mörder war", erwiderte Homann.
, „Und Eure Frau, glaubt ihr, habe Antheil gehabt an dem Verbrechen?"
„Sie hat darum gewußt".
„Und hat Euch nichts gestanden?"
„Nichts! Sie leugnet Alles, seM das, was ich mit eigenen Ohren gehört habe".
Der Richter sann nach.
„Ihr lebtet nicht glücklich mit Eurer Frau?" fragte er dann.
„Nein! Wir liebten uns, als wir Beide noch jung waren. Ich habe sie auch aus Liebe geheirathet — sie hat eS mir schlecht gelohnt!"
„Habt Ihr sie in Ruhe und Güte zum Geständniß zu bringen gesucht?" '?
Der Bauer zögerte mit der Antwort.
„Nein!" erwiderte er dann offen. „Das kann ich nicht — ich liebe sie nicht mehr!"
„Und jetzt wollt Zhr, daß das Gericht gegen sie einschreitet?" ,
„Za!"
„Meine Pflicht gebietet eS mir nach Euren Mittheilungen, und doch möchte ich Euch und (Suren Namen gern schonen."
„Zch will keine Schonung!" erwiderte der Bauer düster. „An dem Grabe meines Sohnes habe ich geschworen, Alles aufzubieten, um seinen Mörder zu entdecken und ihn zu rächen."
„Und wenn Eure Frau dennoch unschuldig wäre?"
„Sie ist es nicht!"
„Ich will heute mit Euch fahren und will Eure Frau zuerst, in Eurem Hause verhören. Vielleicht gelingt eS mir, sie zum Geständniß zu bringen."
„Und sollte eS nicht mehr möglich sein, den Mö^ zu erreichen?" warf der Deichbauer ein. . /